Ausgabe 
25.10.1937
 
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Grandet von Saumur wird bezahlen."

Sechs Monate verflossen. Die Pariser steckten die im Umlauf befindlichen Wechsel wieder ein und hoben sie in der Tiefe ihrer Brieftaschen aus. Das erste Resultat, das der Böttcher erreichen wollte. Neun Monate nach der ersten Versammlung verteilten die beiden Liquidatoren ftebenundvrerzig Prozent an jeden Gläubiger. Diese Summe kam durch den Berkaus der Werte, Besitztümer und aller irgendwie dem verstorbenen Gurllaume Gründet gehörigen Sachen heraus, der mit der pemlrchsten Genauigkeit durchgeführt worden war. Die allerstrengste Rechtlichkeit herrschte bei dieser Liquidation. Die Gläubiger erkannten gern das bewundernswerte un­bestreitbare Ehrgefühl der Grandets an. Ms diese Lobeserhebungen eine angemessene Zeitlang gedauert hatten, verlangten d,e Gläubiger den Rest ihres Geldes. Sie mußten einen gemeinsamen Bries an Gründet schreiben

Da wären wir auf dem Punkt", sagte der ftühere Böttcher und warf

nimm meins." , . , .,_ .,

Dein aus ewig", klang es zweimal von beiden Seiten. ,

Kein Versprechen von der Welt war reiner; Eugenrens Herzensreinheit I hatte sür den Augenblick Charles Liebe geheiligt. Am nächsten Morgen war das Frühstück traurig. Trotz dem goldgestickten Schlafrock und dem Jeanetten-Kreuze, Geschenken von Charles, hatte Nanon, die ihre Gesühle I frei ausdrücken durste, Tränen im Auge.

Der arme liebe, junge Herr, der aufs Meer geht . . . möge Gott ihn I 0ekSaIb elf Uhr machte sich die Familie auf den Weg, Charles zur Post­kutsche nach Nantes zu begleiten. Nanon hatte den Hund losgemacht, d,e Haustür verschlossen und trug die Handtasche von Charles. Alle Kaufleute I der alten Straße standen unter ihren Ladentüren, um dieses Geleit vorbei- kommen zu sehen, dem sich aus dem Marktplatz der Notar Cruchot anschloß. I

Weine nur ja nicht, Eugenie", sagte ihre Mutter.

Lieber Nesse", sagte Grandet unter der Tür des Postgasthofes und küßte Charles aus beide Wangen,reise arm ab, komm reich zurück, dann wirst du die Ehre deines Vaters gerettet sinken. Ich verbürge mich dasur, ich, Grandet, denn alsdann hängt es nur von dir ab, daß . . .

Ach, lieber Onkel, Sie mildern die Bitterkeit meiner Abreise. Das ist das schönste Geschenk, das Sie mir machen konnten."

Da er die Worte des alten Böttchers, den er unterbrochen batte, nicht verstanden hatte, benetzte Charles das lohfarbene Gesicht seines Onkels mit I Tränen der Dankbarkeit, während Eugenie mit aller Kraft die Hand ihres I Vetters und die ihres Vaters drückte. Nur der Notar lächelte und bewunderte die Schlauheit Grandets, denn nur er hatte den Alten wohl verstanden. Die vier Saumuraner blieben, umgeben von einer Anzahl von Leuten, [ bei der Postkutsche, bis sie abfuhr; dann, als sie auf der Brücke verschwunden war und nur noch in der Ferne rollte, sagte der Winzer:

Gute Reise." . . m . I

«um Glück war Notar Cruchot der einzige, der diesen Ausruf hörte. Eugenie und die Mutter waren an eine Stelle des Kai gegangen, von wo aus sie noch die Kutsche sehen konnten; sie winkten mit ihren weißen Taschen­tüchern und Charles ließ als Antwort auf dies Zeichen fernes flattern.

Mutter, ich möchte für einen Augenblick die Allmacht Gottes haben", sagte Eugenie im Augenblick, wo sie Charles Taschentuch nicht mehr sah. I

Um den Lauf der Ereignisse, die im Schoß der Familie Grandets vor sich gingen, nicht zu unterbrechen, müssen wir im voraus einen Blick auf bte Operationen wersen, die der Alte in Paris durch Vermittlung von des Graisins ausführte. Einen Monat nach der Abreise des Banners besaß Grandet hunderttausend Franken Staatsrenten, .die zu achtzig Franken netto getauft waren. Die AufschlÜsfe, die nach feinem Tod durch sein Jnven- tarium gegeben wurden, haben nie das geringste Licht aus die Mittel wersen können, die ihm sein Mißtrauen eingab, um die Stücke gegen die Eintragung ins Staatsschuldbuch selbst einzutauschen. Notar Cruchot dachte, daß Nanon, ohne es zu wissen, das treue Werkzeug beim Transport der Renten gewesen ist. Etwa in dieser.Zeit war die Magd süns Tage abwesend, unter dem Vor­wand, in Froidsond etwas in Ordnung zu bringen, als wenn es dem Alten ähnlich sähe, irgend etwas in Unordnung geraten zu lassen. Was d,e Ge­schäfte des Hauses Guillaume Grandet anging, so wurde alles, was der Böttcher vorausgesehen hatte, Wirklichkeit. .... ,

Bei der Bank von Frankreich gibt es bekanntlich die genauesten Auf­zeichnungen über die großen Vermögen in Paris und in den Provinzen. Die Namen von des Grassins und Felix Grandet in Saumur waren da bekannt und genoffen die Achtung, die Finanzgrößen gezollt wird, die sich auf ungeheuren hypothekenfreien Landbesitz stützen. Die Ankunft des Bankiers von Saumur, der, wie man sagte, beauftragt war, ehrenhalber das Haus Grandet in Paris zu liquidieren, genügte daher, um der abgeschie denen Seele des Kaufmanns die Schande der Wechfelproteste zu ersparen Die Abnahme der gerichtlichen Siegel ging in Gegenwart der Gläubiger vor sich, und der Notar der Familie schritt zu einer regelrechten Ausnahme des Nachlasses. Bald daraus versammelte des Grassins die Gläubiger, die einstimmig zum Liquidator den Bankier von Saumur erwählten, zusammen mit Francois Keller, dem Ches eines reichen Hauses, einen der Haupt- interefsenten, und sie mit allen nötigen Vollmachten ausstatteten, um die Ehre der Familie zugleich mit den Schuldsorderungen zu retten. Der Kredit Grandets von Saumur, die Hossnung, die er im Herzen der Gläubiger durch des Grassins wecken ließ, erleichterten die Verträge; es 'and sich nicht ein Störriger unter den Giläubigetn. Niemand dachte daran, -einen Wechsel aus Gewinn- und Verlustkonto zu buchen und jeder sagte sich:

mU"®e°t9ate", sagte man zu des Grassins,sührt Sie und uns an bet ^Dreiundzwanzig Monate nach dem Tode Guillaume Grandets hatte" viele Kaufleute im Drang des Pariser Geschäftslebens ihre Ausstände Grandet vergeffen oder, wenn sie daran dachten, sagten sie sich:

Ich fange an zu glauben, daß die siebenundvierzig Prozent alles bleiben werden, was ich da herauskriege." ..

Der Böttcher hatte auf die Macht der Zeit gerechnet, die, wie er sagte, eine verteufelt gute Helferin ist. Am Ende des dritten Jahres schrieb«des Grassins an Grandet, daß er die Gläubiger so wert habe, ihm fürzehn> Pro­zent der restlichen Schuld des Hauses Grandet, im Betrag von zwei Millionen vierhunderttausend Franken, die Wechsel auszuliefern. Grandet antwortete, daß ja der Notar und der Wechselmakler, deren schreckliche Bankrotte den Tod seines Bruders verschuldet hätten, noch lebten, he für ihre Person konnten ja gut geworden fein, und man müßte sie in Bewegung setzen, um noch etwas herauszuschlagen und den Betrag des Defizits zu verniin- dern. Am Ende des vierten Jahres war das Defizit recht und schlecht aus die Summe von zwölfhunderttausend Franken festgesetzt worden. Es haue Besprechungen gegeben, die sich sechs Monate lang hinzogen, zwischen b Liquidatoren und den Gläubigern, zwischen Grandet und den Liquidatoren. Endlich, lebhast gedrängt, sich zu entschließen, antwortete Grandet den beiden Liquidatoren, ungesähr im neunten Monat dieses Jahres, daß len, Nesse, der in Indien reich geworden war, ihm seine Absicht angezeigt haue, die Schiilden seines Vaters vollständig zu bezahlen, daß er es mcht aus M nehmen könne, sie zu saldieren, ohne ihn befragt zu haben; er warten auf eine Antwort. Um die Mitte des fünften Jahres wurden die Gläubige immer noch durch das Wortvollständig" in Schach gehalten, das von Zen zu Zeit von dem großartigen Böttcher hingeworfen wurde, der st» n- Fäustchen lachte und nie ohne ein schlaues Lächeln und einen Liebling, pur? sagte: Die Pariser!...

(Fortsetzung folgt.)

Packer verschaffen, fand aber, daß dieser Mann zu viel sür seine Kisten verlangte; darauf wollte er iie durchaus selbst anfettigen und verwendete dabei seine alten Bretter; er stand in bet Frühe auf, um bie dünnen Bretter abzuhobeln, zufammenzupasfen, zu glätten, zu nageln, und wachte sehr schöne Kisten daraus, in die er alle Habseligkeiten von Charles verpackte, er übernahm es, sie per Schiss die Loire herunterzuschicken, zu versichern und zu rechter Zeit nach Nantes zu expedieren. f..

Seit dem im Hausgang geraubten Kuß entflohen die Stunden für Eugenie mit erschreckender Schnelligkeit. Manchmal wollte sie ihrem Vetter folgen. Wer die uns am meisten ieffelnde von allen Leidenfchafwn kennt, die täglich an Dauer einbüßt durch das Alter, die Zeit, eine tödliche Krank- beit, durch irgendeines der menschlichen Verhängnisse, der wird die Qualen Eugeniens verstehen. Sie weinte oft, wenn sie in dem Garten auf und ab ging, bet ihr jetzt zu eng war, wie der Hof, wie das Hauch wie die Stadt, sie schwang sich schon im voraus hin, über die weite Unendlichkeit der Meere. Und dann wat der Abend der Abreise da. Am Morgen war, als Grandet und Nanon abwesend waten, das kostbare Kästchen mit den beiden Porträts feierlich in dem einzigen verschließbaren Fach der alten Truhe^untergebracht worden, in dem auch die jetzt leere Börse lag. Die Einbettung dieses Schatzes ging nicht ohne eine große Zahl von Küssen und Tränen vor sich. Ms^ugeme den Schlüssel an ihrer Brust verwahrte, hatte sie nicht den Mut, Charles zu verwehren, diese Stelle zu tüifen.

Et wird nie, nie diesen Platz verlassen, mem Freund.

Gut, bann ist auch mein Herz stets da mit ihm vereint.

Ach, Charles, es ist nicht recht", sagte sie mit sanftem Vorwurf.

Sinb wir benn nicht verheiratet?" antwortete er,ich habe bem Wort,

den Brief ins Feuer.

Gebulb, mein Freunbchen."

Als Antwort auf bie Vorschläge in diesem Br,es verlangte Grandet, daß bei einem Notar sämtliche vorhandenen Schuldforderungen aus den Nachlaß seines Bruders hinterlegt würden, zusammen mit einer Quittung über bie schon geleisteten Zahlungen, unter bem Vorwand, daß dadurch die Abrechnungen ins Reine gebracht und der Stand des Nachlasses genau bargelegt werben könne. Diese Hinterlegung stieß aus tausenb Schwierig­keiten. Im allgemeinen ist ber Gläubiger eine Art Besesiener. Heute ist er bereit, abzuschließen, morgen will er mit Feuer unb Schwert losgehen; noch später ist er übergutmütig. Heute ist seine Frau guter Laune, sein läng­ster Sprößling hat Zähne gekriegt, alles geht gut zu Hause, da will er nicht einen Sous verlieren; morgen regnet es, er kann nicht ausgehen, er ist melancholisch, er sagt ja zu allen Vorschlägen, bte em Geschäft zum Abschluß bringen können; übermorgen will er Garantien, am Ende des Monats droht er mit bem Gerichtsvollzieher, mit bem Henker. Grandet hatte die atmosphärischen Verschiedenheiten von Gläubigern beobachtet, und bte seines Bruders entsprachen samt und sonders feinen Berechnungen. Die einen wurden wütend und widersetzten sich schlechtweg der Hinterlegung.

, Schön, das geht ja tresslich", sagte Grandet und rieb sich die Hände, wenn er die Briese las, die ihm hierüber des Grassins schrieb.

Ein paar andere gaben die Zustimmung zu der besagten Hinterlegung nur unter der Bedingung, daß ihre Rechte ausdrücklich anerkannt wurden, daß sie aus keins verzichten würden und sich sogar das vorbehtelten, den Bankrott erklären zu lassen. Neuer Brieswechsel, der damit endete, daß Grandet von Saumur auf alle gemachten Vorbehalte entging. Infolge dieser Nachgiebigkeit bestimmten die langmütigen Gläubiger die hartnäckigen, Vernunft anzunehmen. Die Hinterlegung fand unter einiger Mißstim«

Herbstliches Ufer.

Don Wilhelm Luetjens.

Im Nebel rückt bie Stadt in sich zusammen. Die Wasserslut ist wie ein graues Meer, das wogt unb atmet. Aus bem Dämmern her zucken der ersten Lichter sohle Flammen.

Ruhende Boote schaukeln nah am Steg mit Masten, bie sich zueinander neigen und schwankend in den grauen Himmel steigen. Die gelben Blätter wehn aus meinen Weg.

Nun sinkt das Dunkel. Dichte Tropfen fallen durch Lindenkronen wie ein langes Lied, das in den dunstverhängten Abend mündet.

Und während rings, wohin das Auge sieht, die Stadt mit grellen Lichtern sich entzündet, hört man den Wellenschlag ans Ufer prallen.