dem Tode zu begegnen, dann wirst du auf deinem Bette liegen und vieles hören und sehen und dich in Qualen dabei winden. Und auch dieses Scharren mit der Maurerkelle, diese Rufe der Rache wirst du hören. Wo sind sie dann, die heiligen Glocken, die die Marter der Seele übertönen? Wo sind sie, die weiten Metallrachen, deren Zungen zu Gott um Gnade für dich flehen? Wo ist die von Wohllaut erzitternde Lust, die die Seele hin zu Gottes Gefilden führt?
Oh hilf, Esrom, hilf, Sorö, und du, große Glocke in Lundl *
Welch düstre Geschichte erzählt nicht dieses Bild! Es war ein wunderliches, fremdes Gefühl, wieder in den Königsgarten zu treten, in den strahlenden Sonnenschein unter lebende Menschen.
Clausewitz.
Lehrer der Wissenschaft vom Kriege und Erzieher des Volkes.
Bon Dr. Ludwig Roth.
Wo man die Namen: Reichsfreiherr vom Stein, Scharnhorst unb Gneisenau nennt, da muß man allezeit auch ihrer treuen Mitarbeiter Grolmann, Doyen und Clausewitz gedenken. Karl von Clausewitz war der Jüngste von den Schülern Scharnhorsts, sein Lleblingssünger, sein „Johannes" — wie ihn Gneisenau bezeichnet hat — tief eingeweiht in die neuen kriegswissenschaftlichen Theorien seines großen Meisters.
Später hat er sie selbständig ausgestaltet und durch eine Reihe von Werken, deren klassische Form die Schriften Scharnhorsts übertraf, der Lehre vom Kriege ihren Platz in der Reihe der Staatswissenschaften gesichert. Heinrich von Treitschke sagt von chm: „Ein großer wissenschaftlicher Kopf, ein Meister des historischen Urteils, war er vielleicht zu kritisch und nachdenklich, um so beherzt wie Gneisenau das Glück der Schlachten an der Locke zu fassen, aber keineswegs bloß ein Mann der Bücher, sondern ein tapferer, praktischer Soldat, der mit offenen Augen in das Getümmel des Lebens schaute".
Clausewitz ist am I.Juni 1780 zu Burg bei Magdeburg geboren, wo sein Vater, ein im Siebenjährigen Kriege schwer verwundeter, preußischer Offizier, die bescheidene Stellung eines Königlichen Akzise-Einnehmers versah; sein Großvater war Theologie-Professor in Halle, sein Urgroßvater Pfarrer in einem Dorfe bei Leipzig. Mit zwölf Jahren trat Clausewitz als „Junker" in das Regiment „Prinz Ferdinand" in Potsdam ein. Bereits im Frühjahr 1793 nahm er an der Belagerung und Eroberung von Mainz teil.
Friedensjahre in der Garnison Neu-Ruppin folgten; im Jahre 1801 wurde er nach Ablegung einer Prüfung zum Besuche der Kriegsschule für Offiziere in Berlin einberufen. Die Leitung dieser Schule hatte der bisher in hannöverschen Diensten stehende Oberstleutnant Scharnhorst übernommen, der im gleichen Jahre in das preußische Heer übergetreten war. Scharnhorst erteilte an der von ihm geleiteten Schule den größten Teil des Unterrichts selbst: Strategie, Taktik, Generalstabsdienst und Artillerie.
Das Eingreifen Scharnhorsts in feine Laufbahn war Clausewitz die Schicksalswende. Er hat ihn zum hervorragenden Generalstabsoffizier erzogen, er hat [einerft Geiste Weg und Ziel gewiesen und ihm die entscheidende Richtung gegeben. Es ist ganz wörtlich zu nehmen, wenn Clausewitz seinen großen Lehrer als den „Vater und Freund seines Geistes" bezeichnet. (Vergl. Linnebach: Clausewitz' Persönlichkeit in „Wissen und Wehr", Jahrg. 1930, S. 304.) Am Schluß des zweijährigen Kursus hat Scharnhorst den jungen Offizier als den besten feiner Schüler bezeichnet und feine richtige Beurteilung der Dinge, feine bescheidene und gefällige Darstellung, sowie seine gründlichen Kenntnisse der Mathematik und der Kriegswissenschaften rühmend hervorgehoben.
Schon vor Beendigung des Kriegsschul-Kommandos wurde C l a u f e- w i tz dem ihm gleichaltrigen Prinzen August von Preußen als persönlicher Adjutant zugeteilt An seiner Seite hat er auch den unglücklichen Feldzug des Jahres 1806 mitgemacht, in dem sich der Prinz August als ein ebenso tapferer Soldat bewährte wie fein Bruder Louis Ferdinand, der am 10. Oktober 1806 bei Saalfeld den Heldentod starb. Bei dem Versuche, sich mit einem Grenadier-Bataillon, nachdem die letzte Patrone verschossen war, mit blanker Waffe durchzuschlagen, fiel Prinz August und mit ihm Clausewitz in französische Kriegsgefangenschaft, die zunächst in Nancy, später in Soissons verbracht wurde. Erst tm Oktober 1807 — am 9. Juli war der Tilsiter Friede abgeschlossen worden — kehrten Prinz August und Clausewitz in ihre Heimat zurück.
Scharnhorst berief feinen Lieblingsfchüler zu feinem Gehilfen, lieber die Ursache der preußischen Niederlage legte Clausewitz seine Gedanken nieder in den „Nachrichten über Preußen in seiner großen Katastrophe". An die Spitze stellte er die Sätze: „Alle vorurteilslosen Männer, welche Preußen vor und im Jahre 1806 beobachtet haben, sind in dem Urteil einig, es fei in seinen Formen untergegangen. Ein unmäßiges, mit Eitelkeit gemischtes Vertrauen auf diese Formen ließ es ganz übersehen, daß der Geist daraus entwichen war. Man hörte, die Maschine noch klappern, und so fragte niemand, ob sie ihren Dienst auch noch leiste".
Wie hatte doch die edle, kluge Frau auf Preußens Thron, die Königin Luise, über die Ursachen der Niederlage geurteilt? Ihre Ansicht ergänzt die des gelehrten Clausewitz: „Es wird mir immer klarer, daß alles so kommen mußte, wie es gekommen ist! Die göttliche Vorsehung leitet unverkennbar neue Weltzustände ein, und es soll eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte sich überlebt hat und in sich selbst als abgestorben zusammenstürzt. Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrich des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns. Das sieht niemand klarer ein als der König."
Aus dem Kreise der Frauen, die der Königin Luise freundschaftlich verbunden waren, hat sich Clausewitz seine Lebensgefährtin erkoren: die jugendschöne Gräfin Maria von Brühl; sie gehörte als Hofdame der Königin-Mutter zu den Auserwählten, über die Königin Luise ihren Zauber breitete. Die tapfere Hessen-Homburger Prinzessin Marianne, die Gemahlin des Prinzen Wilhelm des Weiteren von Preußen, be^ Bruders des Königs Friedrich Wilhelm III., war die beste Freundin der Braut, neben ihr die Prinzessin Luise, die spätere Fürstin Radziwill, die Schwester der Prinzen Ludwig Ferdinand und August von Preußen. Auch der Freiherr vom Stein erfreute die junge Gräfin mit seiner Freundschaft, auf die sie immer besonders stolz war. Die Kriegszeiten und die traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse nötigten die beiden Liebenden, noch fünf Jahre zu warten, ehe sie heiraten konnten. Clausewitz hat in seiner Ehe immer das vornehmste Glück seines Lebens gesehen.
Bis zum Jahr« 1912 arbeitete Clausewitz als Major im Generalftab und Gehilfe Scharnhorsts; außerdem gab er dem Kronprinzen, dem späteren König Friedrich Wilhelm IV. und dem Prinzen Friedrich der Niederlande- Unterricht in den Kriegswissenschaften. Wie viele andere, verzweifelte auch er an der Erhebung Preußens und trat im Jahr 1812 in russische Dienftel
Schon während der Fremdherrschaft hatte er seinen Landsleuten zugerufen: „Nie hat es eine Nation gegeben, welche den Druck, den eine andere gegen sie ausübt, anders erwidert, als mit Haß und Feindschaft! Nur wir haben diese Afterweisheit, die sich einbildet, eine Krone zu tragen, während sie eine Sklavenkette schleppt."
Nun aber schrieb er im Geiste der Stein, Ernst Moritz Arndt seine flammenden „Drei Bekenntnisse": „Man kann es bei aller Anhänglichkeit an die Regierung sich nicht verhehlen, daß vorzüglich der Mangel an Vertrauen zu ihr die Quelle der allgemeinen Mutlosigkeit ist ... Ich sage mich los von der leichtsinnigen Hoffnung einer Errettung durch die Hand des Zufalles! Ich glaube und bekenne, daß ein Volk nichts höher zu achten hat als die Freiheit und die Würde feines Daseins, daß es diese mit dem letzten Blutstropsen verteidigen soll, daß es keine heiligeren Pflichten zu erfüllen, keinem höheren Gesetze zu folgen hat! Ich erkläre und beteuere der Welt und Nachwelt, daß ich die falsche Klugheit, die sich der Gefahr entziehen will, für das Verderblichste halte, was Furcht und Angst einflößen kann, daß ich mich glücklich fühlen würde, einst in dem herrlichen Kampfe um Freiheit und Würde des Vaterlandes einen glorreichen Untergang zu finden."
Den russischen Feldzug 1812 gegen den Einmarsch der „Großen Armee" des Korsen, machte er als Oberst und Quartiermeifter des russischen Kavallerie-Generals Pah len, dann beim Heere des Fürsten Wittgenstein mit. Er verfocht den Plan, daß Napoleon an den „großen Dimensionen" des russischen Reiches zugrunde gehen müsse. Mit der Konvention von Tauroggen (30. Dezember xl812) ist sein Name auf immer verknüpft. Für das befreite Ostpreußen arbeitete Clausewitz im Sinne Scharnhorsts das Gesetz zur Bildung der ostpreußischen Landwehr aus. Mit allen Fasern zog ihn sein Herz zur preußischen Armee zurück. Es ist die Tragik seines Lebens, daß ihm dieser Wunsch nicht erfüllt wurde, so daß dieser treue Preuße, der feine Vaterlandsliebe in der schweren und entscheidungsvollen Stunde zu Taurvggen so glänzend bewährt hatte, nur als kommandierter russischer Offizier an dem Frühjahrsfeldzug 1813 im Stabe Blüchers teilnehmen konnte. Auch später lehnte der König ein Gesuch ©neifenaus, der sich Clausewitz als Gehilfen erbeten hatte, ab. Clausewitz mußte sogar das Preußische Hauptquartier verlassen.
Abseits vom Schauplätze der großen Entscheidungen machte er den Herbstfeldzug 1813 und den Feldzug 1814 als @eneral=Quartiermeifter des Korps Wallmoden mit, das nur die Rolle eines Beobachtungskorps spielte. Endlich — nach dem ersten Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 — wurde Clausewitz wieder in preußische Dienste übernommen. Im Feldzug 1815 war er Generalstabschef des preußischen Korps Thielemann. Nach dem zweiten Pariser Frieden wurde er Chef des Stabes beim Rheinischen Armee-Korps in Koblenz, dessen Kommandierender General damals Gneisenau war.
1818 wurde Clausewitz als Direktor der „Allgemeinen Kriegsschule" nach Berlin kommandiert; in dieser Stellung blieb er zwölf Jahre, bis zum Frühjahr 1830, wo er Inspekteur der 2. Artillerie-Inspektion in Breslau wurde. Nur ein Jahr war er in dieser Stellung tätig, bann wurde er zum Generalstabschef seines um zwanzig Jahre älteren' Freundes, des Feldmarschalls Gneisenau ernannt. Ein tragisches Geschick hat es gefügt, daß beide Männer rasch nacheinander der gleichen Krankheit, der aus Rußland bzw. Polen eingeschleppten Cholera, erliegen sollten.
Die militärischen Schriften von Clausewitz umfassen zehn Bände mit dem Titel „Hinterlassene Werke über Krieg und Kriegsführung"; hervorzuheben sind darunter die Bücher „Vom Krieg e", „Der Feldzug von 1796 in Italien", „Der Feldzug 1815", die biographische Skizze „lieber das Leben und den Charakter von Scharnhorst" sowie „Nachrichten über Preußen in seiner großen Katastrophe".
Man kann diese kriegsgeschichtlichen Arbeiten selbstverständlich heute nicht mehr allein benutzen, wenn man sich die dargestellten Ereignisse klarmachen will; die rastlos fortschreitende Forschung hat überall neue Tatsachen zutage gefordert, durch die sich das Bild verändern und verschieben muß. Nie aber dürfen wir vergessen, daß unser großer Moltke sich an den Werken von Clausewitz gebildet hat.
lieber die Zeit des Kampfes um Preußen, um Deutschlands Erneuerung, schrieb Clausewitz das Wort: „Groß, unbeschreiblich groß ist diese Zeit, von wenigen Menschen wird sie begriffen; mit dem Gemüt will diese Zeit ausgefaht fein, ohne Vorurteile soll man sie anschauen und betrachten. Nur in einem Gemüte voll Tatkraft kann sich die tatenreiche Zukunft verkündigen; in steter Berührung muß es sein mit Gegenwart und Vergangenheit und unverloren in philosophischen Träumen."
In Karl von Clausewitz verehren wir den größten militärischen Denker vor Moltke.
Verantwortlich Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univerfitäts-Vuch» und Steindruckerei, 21. Lange, Gießen,


