Ausgabe 
25.6.1937
 
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Und nicht genug an dem? Muß man denn gleich zum Messer greifen? Dieser Martincho ist noch gefährlicher und tückischer als em ©Her." r

Die Pest über all die Klatschbasen! Verdammt daß sie ihre Mäuler nicht halten konnten. Und doch war ich glücklich darüber, er­tappt worden zu sein und gescholten zu werden, wirklich wie ein Junge, der Unsinn gemacht hat. Der Unterschied der Jahre war wie weggeloscht. Martina dachte nicht daran, um wie vieles älter ich war. Sie liebte mich Ich war Goya, der große Meister sie machte mir Vorwurfe, weil ich mich in Gefahr begeben hatte. Ich hörte ein wenig schwer. Was weiter? Sie liebte mich. Glücklicher Tag, der mich gerade zu Avila geführt hatte, vor mehr als zehn Jahren, um mit ihm wegen der Veröffentlichung meiner Caprichos zu verhandeln! Glücklichste Frucht der fieberheißen Stunden zwischen Gelächter und Grauen, die ich in meiner Mansarde in der Calle de San Bernardino an diese Arbeit gesetzt hatte, daß ich Martinas Blick so bewundernd und erregt an meinen Blättern haften sah, daß sie es gewesen war, die meine letzten

Bedenken überwand.

Ich legte meine Hände an Martinas Wangen und preßte sie zu­sammen, bis der rosige Mund aufsprang wie eine überreife, köstliche Frucht. Ich küßte diese halboffenen, feuchten Lippen:Schluß! Schluß! Ich will schon vernünftig fein."

Halb erstickt befreite sich Martina.Ist es denn nicht genug, daß ich immer in Angst sein muh? Ja, ich bin immer in Angst, Francesco. Ich weiß nicht, was es ist. Manchmal glaube ich, daß mein Mann Verdacht geschöpft hat."

Hast du etwas bemerkt?"

, Nein ..zöaerte Martina,und doch ich kann es nicht anders sagen: ich habe Ängst. Wir müssen noch vorsichtiger sein."

Es siel mir ein, daß ich ein Geständnis zu machen hatte und daß nun der richtige Augenblick dafür sein könnte.Vielleicht ist es da ganz gut, daß ich eben jetzt auf einige Tage fort muß!"

Martina stemmte die Hände gegen meine Brust und fah mich ent­setzt an. Ihre Lippen zitterten, sie war blaß geworden, und ihre Augen füllten sich sofort mit Tränen.Du mußt fort? Wohin?

Ich muh nach Bayonne zum König. Ich soll ihn uyd die anderen dort malen. Vielleicht auch sogar Napoleon."

Wie hätte ich ihr etwas anderes sagen sollen? Alles Dunkle, Un­sichere, Bedenkliche mußte ihrem zärtlichen Gemüt ferngehallen werden.

Und es war ja wahrhaftig genug für sie, daß ich überhaupt fort mußte. Das wußte sie schon, daß sie mit Bitten und Beschwörungen nichts ausrichtete, wenn ich einmal einen Entschluß ausgesprochen hatte. Sie mußte sich beherrschen und ihre Tränen Niederkämpfen.Wann?"

fragte sie tapfer.

Morgen." #

Vielleicht ist es das, was mir solche Angst gemacht hat", murmelte sie.Warte!" Sie öffnete ihr Leibchen und zog an silberner Kette einen länglichrunden blauen Stein hervor.Nimm das mit!"

Es war Martinas Amulett, das sie mir mitgeben wollte. Ein blauer Stein, dessen Namen niemand wußte. Er war entzweigeschnitten und barg in seiner Höhlung ein Stück vom Hemd Christi, das er auf seinem Gang zur Kreuzigung getragen hatte. Ein hochheiliges Stück, das geheimnisvolle Geschenk eines Mönches an Martinas Großmutter, noch geheimnisvoller dadurch, daß es nur so lange seine schützende Kraft behielt, als ein gewisses Licht in einem gewissen Kloster Spaniens brannte. In welchem? Das wußte niemand. Es gab Hunderte von Klöstern in Spanien, in denen ewige Lichter brannten.

Vor diesem Amulett verstummte mein Spott, wenn er sich manch­mal regen wollte. Ich mußte ihren Aberglauben gelten lassen und lächelte bloß.Nein, nein", sagte ich,es soll bei dir bleiben und dich mir

behüten."

Nimm es zu dir!" drängte Martina.

Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und zog sie an mich. Bist du mir nicht wichtiger als alles andere? Wichtiger als mein Leben, als meine Kunst? Was sollte ich beginnen, wenn du mir genommen würdest?"

Martina warf ihre Arme auffchluchzend um meinen Hals:Liebster!" Sie war unglücklich, sie war troftbebürfHg, welchen Trost konnte ich ihr geben, als indem ich sie von meiner Liebe überströmen ließ?

Ich umschlang sie und hob sie hoch, die Erschütterung ihres Wei­nens floß in meine Brust, rührte mich zu verlangender Zärtlichkeit. Lachend trug ich sie ins Nebenzimmer.

Wir wußten es nicht, wir beide, daß ich sie zum letztenmal so auf meinen Armen davontrug.

Nach meinem früheren Sturz von einem einspännigen Karren fuhr ich jetzt meist in einer mit zwei Maultieren bespannten Berline.

Diesmal aber wollte ich zu Pferd reifen und allein, um weniger Aufsehen zu machen. Cid stand vor der Tür, das Felleisen war auf- gepackt, der Abschied von Josepha nahm nicht viel Zeit in Anspruch und erregte mich nicht weiter. Schwerer war es mir, mich von dem kranken Kind zu Hennen. Rosalba war wach, sie lag mit großen Augen im Bett, es schien, das Fieber war gesunken.

Daß du mir gesund bist, wenn ich heimkomm", scherzte ich,sonst bin ich böse."

Rosalba versuchte zu lächeln, ihre Augen, zu wissend und ergeben für ihr Alter, trübten sich; es war mir wirklich nicht leicht, das Haus zu verlassen, mit dieser Sorge um das Kind. Siebold würde ja nach­sehen kommen, aber auch er, dem sonst manche verwunderliche Kranken­heilung gelang, schüttelte den Kopf über das seltsame Fieber, dem meine Kinder zu verfallen pflegten.

Er erging sich oft in Andeutungen, daß hier ein unheilvoller Ein­fluß im Spiel fein müsse, eine geheimnisvolle Macht böser Wünsche, der er nicht beizukommen vermöge.

Nun, ich setzte mein Vertrauen auf Gott, Gott würde helfen, feine

mächtige Hand würde mir dieses Kind während meiner Abwesenheit behüten. Mit allem Nachdruck sagte ich mir im tiefsten Seelengrund wohl ein Dutzendmai vor: Auf Wiedersehen! Aus Wiedersehen! Und diese Wünsche ließ ich wie eine Schar guter Engel zurück, die um das Bett des Kindes Wache halten sollten.

Vor meiner Abreise wollte ich noch einem Freund Lebewohl sagen. Er sollte wissen, wohin ich zu reisen im Begriff stand.

Nur zwei Menschen gab es in Madrid, die ich wirklich meine Freunde nennen konnte. Außer Siebold nur noch den Grasen Miguel de Fuentes. Ihm verband mich eine Freundschaft, die bis in meine Jugendtage zurückging. Sein Vater, der Gutsherr meines Geburts­ortes Fuentetodos, war es gewesen, der mich, wenn ich so sagen darf, als Maler entdeckt hatte. Eines Tages fand er hinter dem Altar un­serer Pfarrkirche einen zwölfjährigen Bauernjungen, der sich an einem Vorhang zu schaffen machte.Was tust du hier?" fragte er und wollte den Vorhang wegziehen. Aber als er in die Falten greifen wollte, da merkte er, daß er keinen wirklichen Vorhang vor sich hatte, sondern einen gemalten. Ja, der Vorhang war auf die Wand gemalt, und der Maler war ich gewesen. Der Pfarrer, der lächelnd dabeistand, jagte, er habe mich mit dieser Arbeit beauftragt, um ein paar feuchte Flecke verschwinden zu lassen, die sich auf der Wand gezeigt hätten. Einmal habe er mich dabei erwischt, wie ich auf feine Hausmauer ein Schwein gezeichnet hätte, und da habe er gemeint, ich könnte meine Gabe doch auch auf Gott wohlgefälligere Weise ausüben.

Steht es so", hatte der Graf gesagt,bann könnte Spanien wohl an ihm einen neuen großen Maler gewinnen."

Und dann hatte er meine, Eltern dazu überredet, mich auf feine Kosten nach Zaragossa gehen zu lassen und bei Luzan y Martinez Unter­richt zu nehmen.

Ich wäre wohl auch ohne den Grasen Fuentes der große Maler geworden, der ich bin, aber ich muß ihm dafür dankbar sein, daß er mich so rasch auf den richtigen Weg gebracht hat. Noch dankbarer aber bin ich ihm dafür, daß er feinem Sohn, der mit mir im gleichen Alter stand, gestattet hat, mein Freund zu werden. Er hat mit mir tausend tolle Streiche ausgeheckt und bann später hat er mir über so manche Klippen hinweggeholfen, an benen mein Schifflein vielleicht zerschellt wäre, er hat mir ein Leben lang die Treue gehalten, zufrieden damit, mein Freund zu heißen und mein Vertrauen zu haben.

Ich rechnete darauf, mit Miguel über Ziel und Zweck meiner Reise sprechen zu können und vielleicht einen guten Rat zu empfangen, ich hätte gern erkunden mögen, ob er wußte, in wessen Auftrag die Calderana gehandelt hatte. Wenn es in Madrid jemand gab, mit dem ich die politische Seite meines Unternehmens hätte erörtern können, jo war es der Graf, in dessen Händen viele Fäden zusammenliefen und der einer der Führer des Widerstandes gegen die Franzosen war. In den weichenden Schlaf der Morgenstunden war es zu mir wie ein An­ruf gedrungen, daß ich etwas versäume, wenn ich diesen klaren und kühlen Kops nicht ins Vertrauen zog, ja daß ich die Uebernahme bet Botschaft überhaupt von feiner Zustimmung hätte abhängig machen sollen.

Ich stieg also vor bem Palast ber Fuentes vom Pferd, und der Haushofmeister buckelte mir schon auf ber Treppe entgegen.

Seinen Gebärden war zu entnehmen, baß der Graf nicht daheim war. Wo er war? Des Haushofmeisters Mund bildete bas Wort: Oviedo." Ach, also in Oviedo war er, wo die Generaljunta zusammen­getreten war, um die Schritte zu beraten, die nun weiter zu tun seien. Der Haushofmeister legte den Finger quer über den Mund. Ich sollte darüber schweigen, wo Fuentes war. Gewiß, es war gefährlich, sich dem Willen Napoleons zu widersetzen! Ich mußte mir darüber klar sein, daß ich mich in die gleiche Gefahr begab.

Aber nun blieb mir wohl nichts anderes übrig als meinen Weg fortzusetzen, ohne vorher meinen Freund gesehen zu haben.

Als ich wieder zu Pferd stieg, erblickte ich Martincho, ber gegenüber an der Ecke lehnte. Er saugte eine Drange aus und spuckte die Schale auf die Erde. Meine erste Eingebung war, zu ihm hinzureiten und ihm zu sagen:Alter Esel, wie steht's? Wollen wir die geftrige Dummheit nicht vergessen?" Ader Martincho schien mich nicht zu sehen, und es war auch vielleicht besser, mich nicht seinen unnötigen Fragen auszusetzen.

Mein Cid war ein braves Tier und nahm den Weg zwischen die Beine. In Burgos erfuhr ich, daß König Ferdinand, dann Godoy und dann Karl mit Maria Luise nacheinander hier durchgekommen waren. Nie­mand wußte etwas von dem, was in Bayonne vorging, ich sollte erzählen, was es in Madrid Neues gab. Die Leute waren erregt, sie hatten einen Späherdienst eingerichtet, um über die Truppenbewegungen der Franzosen Bescheid zu wissen. Kleine Abteilungen Bewaffneter trieben sich in den Wäldern herum und lauerten an den Straßen nach Madrid.

In Vittoria traf ich den alten Urquijo, den gewesenen Minister, den Godoy gestürzt hatte. Aber er hielt dem Thron auch im Dunkel der Un­gnade die Treue. Er lebte hier nahebei in der Verbannung und war herbeigeeilt, um Ferdinand zu warnen. Wie konnte der König so ver­blendet fein, sich selbst Napoleon auszuliefern, der ohne Zweifel damit umging, Ferdinand und seine Familie ber Krone zu berauben?

Ich Halle alles vorbereitet", sagte Urquijo, unb fein weißer Bart zitterte vor Erregung,um den König zu retten. Hier war die letzte Ge­legenheit dazu. Ferdinand sollte als Eseltreiber verkleidet entfliehen, der Kommandant der Zollbeamten war im Einverständnis, feine Leute sollten bei der Flucht behilflich fein. Ferdinand war schon bereit dazu. Aber int letzten Augenblick haben ihn seine Freunde umgestimmt. Der Herzog von Jnfantado hat mich angeschrien: .Schweigen Sie, Sie beleidigen einen Helden!' Nun nichts ist wirksamer, als wenn man jemand einen Helden nennt, der es sonst ... vielleicht ... nicht gerade ist. Der König ist nach Bayonne weitergereist. Und was wollen Sie in Bayonne?" fragte er.

Malen", antwortete ich,was soll ich dort anderes wollen als malen."

(Fortsetzung folgt.)