Ausgabe 
25.6.1937
 
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Gießener Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang i»Lr Sreitag, den 25. Juni tiummtr 48

GOYA

UND DAS LÖWENGESICHT

ROMAN VON KARL HANS STROBL

2. Fortsetzung.

"Ach was, Spanien!" unterbrach mich Siebold.Da steckt etwas anderes dahinter. Ich kann es nur nicht sehen hinter dem gelblichen Nebel. Du denkst, es mir nicht sagen zu dürfen. Gut." Er nahm den Brief und hielt ihn einen Augenblick gegen die Stirne:Nun wenigstens das soll dir nicht schaden", sagte er, indem er mir das Schreiben zurück- reichte.

Ich konnte sein Lächeln sehen, im Schein der Oellampe über dem Tor meines Hauses, wo wir eben angelangt waren.

Auf gutes Wiederkommen, Francesco!" sagte Siebold.

Ich reichte ihm die Hand:Und Dank für deine Sorge um mich."

Im Erdgeschoß des geräumigen Hauses lag meine Werkstatt. Ich riß die Tur auf und warf einen Blick hinein. Ich liebte es, so plötzlich ein­zutreten, es war eine alte Gewohnheit, geboren aus einem dunkeln Wunsch, einmal meine Bilder dabei zu überraschen, wie sie ohne Ueber- wachung durch mich ihr Eigenleben führten. Vielleicht hatten sich die Ge­stalten von der Leinwand gelöst und standen nun da im Raum. Manch­mal dankte ich so plötzlichem Blick in die Werkstatt einen Einfall, eine Eingebung, die Vision einer neuen Schöpfung. Aber der weite Raum war finster und stumm, meine Seele war heute nicht empfangsbereit.

Ich stieg die Treppe zur Wohnung hinan.

Wie geht es Rosalba?" fragte ich gleich in der Tür.

Mein Schwager Bayeu war bei Josepha. Sie saßen am Tisch über ausgebreitetcn Papieren und Rechnungsbüchern und hoben kaum den Kopf. Sie gaben mir keine Antwort.

Im Zimmer nebenan lag die vierzehnjährige Rosalba. Sie schlief m ihrem Bett, das Nachtlicht bewachte ihren unruhigen Fieberschlaf, die kleine Hand war heiß.

Da lag sie nun, von demselben geheimnisvollen Fieber gequält, dem schon alle meine Kinder zum Opfer gefallen waren bis auf einen Sohn. Der hatte das Fieber überstanden, nun war er verheiratet, ich würde bald Großvater werden; ein würdiger Großvater, der Stierkämpfertunst- stücke zeigt und gegen einen Raufbold zum Messer greift. Von allen meinen zwanzig Kindern war mir nur Francesco Javier geblieben und dieses fiebernde Kind. Ja, und dann vielleicht noch dieses andere Kind, dieser Sohn, der vor einer Kirchentür ausgesetzt worden war, von einer verzweifelten Mutter, die mich gesucht hatte, ihre geschändete Liebe und vielleicht gewiß! ihren glühenden Haß im Herzen.

Ich muß morgen verreisen", sagte ich, als ich wieder in das Wohn­zimmer kam. Mein Schwager Bayeu schüttelte den viereckigen Schädel ^snd stemmte die gespreizten Finger der Rechten auf di« Papiere, die ub-r den Tisch gebreitet waren.Du solltest in deine Angelegenheiten Ordnung bringen", sagte er laut. Er brauchte nicht so zu schreien. Sierra­lust wehte in die Stadt. Aber ich wußte schon, wenn man im Haus fv mit mir schrie, so wollte man mir meine Schwerhörigkeit vorhalten, man wollte mich darauf aufmerksam machen, daß einer meiner Sinne fm Begriff war, zu schwinden. Dieser eigensinnige Greis, der zwölf Jahre älter war als ich, stand mit mir nicht zum besten, seit wir uns damals wegen der Fresken in Zaragossa in die Haare geraten waren; ->e Versöhnung war oberflächlich geblieben, im Grund trug es mir Bayeu immer nach, daß alle Welt darin einig war, mich als den größeren Meister anzuerkennen.Einnahmen und Ausgaben sollten im Einklang stehen", sagte Bayeu und sah mich mißbilligend an.

Das hat er nie verstanden", setzte Josepha hinzu,wenn er hundert­tausend Piaster verdient, so wird er zweihunderttausend ausgeben."

: Bruder und Schwester standen immer gegen mich zusammen. Feind- klig, fremd und kalt war mein Haus. Josepha, deren zarte Gestalt und vornehme Haltung einst nicht ohne Reiz gewesen waren nun war i£e verbraucht von den vielen Kindern, ihr einst so prächtiges goldrotes Oaar war nun von weißen Fäden um seinen Glanz gebracht, ihr Nund war streng und gekniffen, das Kinn stieß spitz nach vorn. Sie wnnte mir meine vielen Weibergeschichten nicht verzeihen, sie verstand J.cht, daß man solche Geschichten eben manchmal mitmachen muß aus !>oflichkeit oder um Beleidigungen zu vermeiden. Sie vergab mir den -ob der Kinder nicht, den sie hartnäckig und gehässig mit jenen Aben-

es war

Ja nun geht er wieder zu ihr", zischte Bayeu und sah mir grimmig nach.

Josepha erwiderte nichts, sie nahm mit verbissenem Gesicht wieder die Rechnungen und Bücher vor, wohl um sich weiter darin zu be. starken, was für ein leichtsinniger Hausvater ihr Gatte war.

*

_Ach, meine wilde Zeit war längst vorbei. Die Zeit der Herzoginnen, Schauspielerinnen, der Eroberung jedes meiner Modelle, der nackten Ma>as, die ich vor dem Einbruch wütender Ehemänner rasch mit keuschen Hullen übermalt hatte. Darin tat mir Josepha unrecht, ebenso wie mit dem Vorwurf des Leichtsinns und der Verschwendung. Ich bin aus Bauernblut hervorgegangen. Bauernart ist es, das Seine klug und sparsam zusammenzuhalten und ein strenger Rechner zu sein. 53er- [«"9 mir fern, so gerne ich auch mein Leben aus dem Vollen

Summen, die Josepha für vergeudet hielt, hatte ich stillschweigend beiseite gebracht, um sie vor Josephas Zugriff zu retten, die sie sonst wohl ihrer eigenen Familie zugewendet hätte.

Und längst schon war an Stelle der tausend Liebeleien die eine Liebe getreten, die spät erblühte Leidenschaft.

In enger Gasse, vor dem schmalen Haus ließ ich dreimal den meckern- den Jagdruf des Ziegenmelkers ertönen. Der Bauernjunge von einst hatte die Stimmen der Tiere erlernt, der große Meister hatte seine Jungenkunste nicht vergessen. Das Licht im Haus wanderte als Zeichen aus oem einen Fenster in ein anderes, gut, ich konnte den Schlüssel in das Schloß des Tores stecken.

9ben' m der erhellten Türöffnung stand Martina.Komm Liebsterl" flüsterte sie. Ich nahm sie in die Arme. Alles war vergeßen, Isabel die Franzosen, Martincho, Josepha, das kranke Kind, sogar Schwester Blandina, alles war gut, ausgeglichen und von Seligkeit erfüllt. Du siehst, ich habe deine Nachricht erhalten", sagte ich.

, , "^a' 'st sort. Er hat einen Auftrag bekommen, die Franzosen haben Nachtarbeit von ihm verlangt, morgen soll ihr Aufruf oder ihre Kundmachung an allen Straßenecken kleben."

Was für eine Kundmachung?"

»Ich weiß es nicht. Eine Aufforderung oder Warnung, vielleicht handelt es sich um Ablieferung der Waffen oder dergleichen. Politik! Was geht's uns an?"

Ach, Martina ahnte nicht, daß es sie doch etwas anging, und wie sehr sie das anging, was sie so verächtlich als Politik abtat. Aber die Freude, Martina zu sehen, war so groß, daß ich meine Gedanken jetzt im Glück meines Auges untergehen ließ.

Der Bildeindruck, zu dem mein Auge die Geliebte zusammenfaßte, war eine Helle Heiterkeit. Die Gattin des Buchhändlers und Buch­druckers Avila stand immer vor mir, als strahle sie in einem eigenen Licht. Durch welches Wunder verwandelte sich die Dunkelheit ihres Haares in diese klare Helligkeit? Kam all dies Licht aus dem kleinen spielenden Goldfunken auf dem Grund ihrer schwarzfamtenen Augen? Oder sandte die leicht-bräunliche Haut, die von zartem Rosa durch- schimmert war, dieses sanfte Feuer aus? Sie trug das Blut eingewan­derter deutscher Vorfahren in sich; vielleicht war all dies ein letztes Erinnern an Lichtgebilde des klaren, von Schneeluft erfüllten, von blassem Himmel überbauten Nordens. Aber dennoch: diese meine letzte Liebe war von all meinen braunen und schwarzen, feuerdurchbebten und aufwühlenden Abenteuern das aufwühlendste. Nicht durch Wildheit son­dern durch nie zuvor erlebte verzückte Innigkeit einer Hingabe ohne Grenzen.

Die Fensterläden waren sorgsam herabgelassen. Wir saßen Hand in Hand wie Kinder.Tollkopf!" sagte Martina vorwurfsvoll.

Was denn?"

Und wenn dir der Sprung mißlungen wäre? Wenn dich der Stier gespießt hätte? Glaubst du, es hätte dir einer geholfen? Die hätten dich im Stich gelassen!"

Die Geschichte war also schon bis zu Martina gedrungen! Die Nach, darin hatte es erzählt, sie hatte es von einem blinden Straßensänger, der hatte es von ach, mein Gott, was die Leute für Aufhebens von dem Dummenjungenftteich machten. Ich senkte den Kopf und schämte mich ein wenig.

»Ern in einen geheimnisvollen Zusammenhang von Schuld und Sühne brachte.Aber anstatt Ordnung zu machen, zieht er es vor zu verreisen", sagte sie. Immer vermutete sie hinter solchen Reisen, hinter jedem Rort- bleiben vom Haus eines der Weiberabenteuer, in die sie mich noch immer verstrickt hielt. w

Ganz weich und gütig war ich heimgekommen, besorgt um das krank« Kind, nun verhärtete ich mich. Sie trieben mich hinaus, gut nur nicht unlieb, einen Vorwand zu haben, mich zu entfernen.' 3Jlante( vöm^Haken einmaI f°^9ehen", sagte ich und nahm meinen