Ausgabe 
25.1.1937
 
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nicht um so tie'

^«rantwortlich.- Dr. HanS Thhriot. - Druck und Derlag: Brühl'sche UniversitätS.-Luch. und Eteindruckeret. R. Lange, Gieße».

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Das Pferd wendete seinen Kopf nach mir um, zerrte noch, wollte auf! konnte nicht. Diesen Getreuen hatte es zum Letzten, Unerbittlichen gepackt, und es hielt ihn fest.

Da sah er mich mit seinem Auge so tief, so traurig an, daß es mich glühend heiß anhauchte, das Entsetzen, die Verzweiflung der grauen Scheidenot, im Abgrunde des Leides schmerzlich, als muhte es mir zer­springen, mein aufgewühltes Herz, es war zu plötzlich gekommen, das Unheil, es war zuviel schreien mußte es in mir Tranen stürzten aus meinen Augen: Du! Du mein starker, guter Kerl! Du mein Freund!

Nun zahlen mit Fleisch und Gebeine Die sorglosen, frähigen Schweine Für Pflege, für Stallung und Kost. Nun füllt man den Schornstein mit Würsten, Mit Schinken, dem Essen der Fürsten, Mit Specke, der Hauswirte Trost!

Glaubt Kinder! Ein fröhlich Gemüte, Ein Zimmer, das warm ist, sechs Hüte Von Zucker, ein Zentner Kaffee, Ein Fäßchen mit Domherrngetränke, Das stärkt die erfrornen Gelenke, Das hilft für das kältende Weh.

das ^Rechte tun und äanzHbei stln, damit das Große, Selbstverständliche geschieht und sich auch in unserem Opfer erfülle das Wunder der Ewigkeit.

Oer Winter.

Von Magnus Gottfried Lichtwer.

Jetzt schickt uns der rauchende Brocken Die weißen und schimmernden Flocken, Die fliegenden Felder von Eis.

Die Felder, die Büsche, die Hügel, Die Gärten, die Gassen, die Ziegel, Die kleiden sich völlig in Weiß.

Der Grünitz beginnt sich zu paaren. Es fliegen die Gänse bei Scharen, Es ruft die prophetische Kräh'.

Die Ammerling sucht jetzt die Scheune, Der hüpfende König der Zäune Singt fröhlich im glänzenden Schnee.

Himmel! Wie rasseln die Speichen, führen uns Wälder von Eichen, Gerippe des Harzes, herzu! Wie rauchen die Spitzen der Häuser! Wie knistern die brennenden Reiser! O Ofen! Wie tröstlich bist du!

Das Wasser, das Schiffe durchschnitten, Trägt Menschen und Wagen und Schlitten, " ' ist ein gehärtetes Glas.

Frost macht die Flüsse zu Brücken kehrt in versteinerte Stücken flüchtig und weichendes Naß.

Platz in einem Berliner Wagen frei war, gleich zur Hand wäre. Be­sonders bitter war, daß plötzlich der Bahnhof meldete, eben sei doch em Zug nach Berlin abgegangen, doppelt bitter, daß berichtet wurde, soeben sei ein vollbesetzter Wagen nach Berlin gefahren. Einern Bekannten des Hauses war der Kühler zugestoren, ein anderer hatte seinen Wagen m Frankfurt, ein dritter war selber unterwegs.

Ich ging wieder zum Gasthof. Der Schnee stiebte m Wolken, an eine Reinigung der Straßen war nicht zu denken. Auf dem Domplatz und dem Breiten Weg standen überall Gruppen von Männern, die gleich mir auf ein Fortkommen warteten. Ein Geschäftstüchtiger sammelte Namen, um einen Wagen nach Berlin zusammenzubekommen. Er stand >m Hausflur eines Geschäftes und schrieb die Namen auf einen flatternden Papierbogen, 2000 Mark sollte der Platz bis Berlin kosten. Ich sah über die Pelze der Vordermänner, wie er aufzeichnete:Müller, bitte Vorname! Ger» lach _ gut, bitte weiter! Feldheim, gut!" Da ich keine Veranlassung hatte, mich der Volksmenge vorzustellen, gab ich meinen alten Decknamen an, H. Albrecht, derhalbrecht" ist, da ich mit einem Vornamen Heinrich und mit einem Albrecht heiße. . ...

Der Wagen kam, und wir quetschten uns, viel zu viel Menschen für die Plätze, mit unserem Gepäck viel zu viel Gepäck für den Raum hinein Der Wagen schwankte langsam los. In der Stadt ging es noch, aber draußen auf der Landstraße, wo wir im Schneesturm nicht den nächsten Straßenbaum sahen, wurde es schlimm. Immer wieder mußten wir aussteigen und das schwere Gefährt durch die meterhohen Schnee­wehen schieben. Wo die Straße glatt war vom Sturm, lagen gestürzte Pferde, an den Schneewänden rechts und links lehnten stehengebliebene Wagen. Schließlich versagte der Motor, und wir saßen hoffnungslos fest!

Glücklicherweise überholte uns ein anderer Wagen, dem der Herr Feldheim und ich auf feinen sehr zweckmäßigen Rat hin eine Viertelstunde entgegengegangen waren, und, o Glück!, er hatte noch zwei freie Sitzplatze! Nicht ohne leise Schadenfreude fuhren wir an unseren Reisegefährten vorbei, nachdem wir dort unsere Koffer übergeladen hatten. Wir mußten sie auf den Schultern tragen, denn der Schnee ging uns bis über die Knie. Aber unsere Schadenfreude wurde bald bestraft. Nach wenigen Kilometern versagte auch dies Ungetüm, und wir saßen wieder fest. Der Wagenführer kroch unter die Haube und arbeitete an seiner Maschine, wir Reisenden standen umher und gaben unseren Rat, der um so freigebiger gespendet wurde, je weniger der Sprecher von Explosionsmotoren verstand. Feldheim und ich gingen, um uns zu erwärmen, auf der Straße auf und ab. Und hier war es, wo folgendes Gespräch, zerschnitten von der grimmigen Kälte und zerrissen vom Sturm, ftattfanb.

Ja, Herr Albrecht, was machen wir nun?"

Ach bitte, Herr Feldheim, nennen Sie mich nicht Albrecht, ich habe den Namen in Magdeburg nur so angegeben" und ich stellte mich vor.

Er lachte schallend:Ja, ich heiße zwar Feldheim, aber der Herr Unternehmer hat mich falsch geschrieben, ich bin ein Veltheim aus dem Hause Harbke, Josias heiße ich."

Famos, also lieber Herr von Veltheim, was machen wir nun? Der Wagen sitzt offenbar rettungslos fest, denn wenn ich auch nichts von Maschinen verstehe, so kann ich doch sehen, daß der Fahrer keine Ahnung von der seinen hat." Veltheim, der neben ihm gesessen und mit ihm geplaudert hatte, bestätigte das.Er hat mir erzählt, daß er noch gar keinen Führerschein habe, aber bei diesem Wetter und in dieser Notlage gedacht hätte, den hohen Verdienst mitnehmen zu sollen."

Wir beschlossen also, unser Gepäck gemeinsam aufzuschultern und, ehe die ganze Gesellschaft nachkam, im nächsten Dorf ein Unterkommen zu suchen. Eine schlechte Sache, wenn der Weg auch vielleicht nur wenige Kilometer weit war. Wir beide nicht gewöhnt, schwer zu tragen, und die Straße vom Sturm gefegt wie eine Tenne und vom Eis glatt wie eine Spiegelscheibe. Wir glitten und stolperten, wir fielen und standen wieder auf, wir wechselten das Gepäck, wir versuchten immer andere Möglich­keiten, auf der ebenen Mitte der Straße und im Schneesaurn des Randes zu gehen. Als es dunkelte, kamen wir in das Dorf Parchem bei Genthin. Gottlob, ein Gasthaus, eine heiße Stube, ein Ruhebett! Todmüde fielen wir jeder in eine andere Ecke dieses Stücks Hausrat und bestellten Grog und Essen.

Aber auch die bescheidene Freude dieser Ruhe wurde uns nicht lange gegönnt. Mit unendlichem Lärm sand sich unsere Reisegesellschaft ein und füllte, vielleicht zwanzig Mann stark, mit übelster Laune und durchaus nicht verhohlener Wut auf uns beide den kleinen Raum. Verübeln konnten wir den Herren ihren Merger nicht, denn wir hatten für die Nacht das Ruhebett und sie nur sehr unbequeme Stühle, auch zeigte es sich, daß unser Abendessen das einzige war, welches das kleine Gasthaus zu geben hatte.

Die Nacht verging, wie jede Nacht einmal vergeht, auch die längste und unbebaglichste. Immer wieder weckte uns der wilde Schneesturm, der fast die Fenster eindrückte, das Zanken der Herren, das lärmende Nachlegen in den kleinen eisernen Ofen. Dann ging mit viel Gestank die Erdöllampe aus. Und wir lagen in wirrem Halbschlaf...

Gegen Morgen wuschen mir uns in der kleinen Küche und gingen wie­der wie gestern auf der oben Landstraße hin und her. An diesem Morgen war es auch, daß Veltheim auf einmal sagte:Sagen Sie mal, sind Sie verwandt mit dem Dichter Ihres Namens?" ...

Nun sollte ich am drittnächsten Tag eine Vortragsreise durch Dänemark und Schweden antreten, und so stellten wir fest, daß ich der eiligere von uns beiden sei und das Recht auf die nächste Beförderungsmöglichkeit haben sollte. Wir schleppten also zunächst mein Gepäck in den Flur des Gast­hauses, ich bezahlte den schlaftrunkenen Wirt und dann warteten wir, schräg gegen den Schneesturm gelehnt, auf der eisigen Straße. Ich dachte recht wie im MärchenWenn doch was käme und mich mitnähme!"

Und es tarn etwas auf der morgengrauen märkischen Landstraße an­gebraust, und es saß nur ein einzelner Herr darin! Mitten auf die Straße sprang ich, hob die Arme, daß der Mantel wie ein Segel um mich schwoll und schrie ein Halt! Und der Wagen hielt wirklich!

Winterfahrt mit Hindernissen.

Bon Börries, Freiherrn von Münchhausen.

In vierzig Boriragsjahren, die mich durch Deutschland und bann auch durch bas deutschsprechende Europa kreuz unb quer jagten, habe ich boch nur viermal einen abgeschlossenen unb angesetzten Vortrag absagen müssen, währenb mir gewiß Dutzende abgesagt würden. Das hat seinen guten Grund: Auf der anderen Seite des Vertrages stehen jedesmal mehrere hundert Menschen und hier nur einer, drüben find die Nöte um den Saal ober anbere. Ich hatte beispielsweise nur einen Blinbbarrn, unb so konnte mir ber nur einmal der Quere kommen, nur einmal paßte ein königlicher Besuch bei uns so schlecht, daß ich ausgerechnet den einzigen Vortrag meines Lebens in meiner Geburtsstadt dieserhalb absagen mußte, nur einmal hat mich das Flugzeug zwischen Danzig unb Berlin im Stich gelassen.

Unb nur einmal habe ich einen Eisenbahnerstreik im Winter unb gleichzeitig einen so grimmigen Schneesturm erlebt, wie 1922 in Magde­burg. Diesen drei Naturereignissen war selbst mein Glück nicht gewachsen, so daß ich einen Vortrag bei dem Botschafter v. H. absagen mußte.

Früh im Finstern kletterte ich in Magdeburg aus dem Bett und fuhr zur Bahn, um dort zu erfahren, daß wegen des Streiks keine Züge mehr gingen! Nun ist die Fahrt nach Berlin ja nicht weit, wenn ich mir einen Kraftwagen nahm, war es leicht zu schaffen. Man verlangte mir zwar 4700 Inflations-Mark ab, aber ich war bereit, zu bluten, um meinen verehrten Freund nicht fitzen zu lassen. Aber es gab keinen Kraftwagen in Magdeburg, der bei den teils spiegelblank gefrorenen, teils mit Meter- bohem Schnee bedeckten Straßen die Fahrt wagen mochte, wenigstens aelang es mir nicht, einen zu mieten.

Das Gepäck hatte ich in ein Gasthaus geschafft, damit es, falls ein

20 Dies war die erste schwere Opferschicht in meiner Jugendzeit. Du dunkler Strom des Blutes in den leise hämmernden Herzen bei Mensch und bei Tier. Auch du gehörst mit dazu, du immer bereite, tapfere, stumme Kreatur Wie sollte uns denkenden, verantwortungsbewußten Menschen - >fer, eindringlicher die Wahrheit, die Notwendigkeit, die Lebens packen: Laßt es uns restlos wahr leben und ernst