Ausgabe 
25.1.1937
 
Einzelbild herunterladen

Lob -er KSlie.

Von Georg Britting.

Der braune Bretterzaun

Ist weih von Reif,

Könnt gestern kaum mehr stehn, war greisenhaft und wacklig anzuschaun.

Und ist nun jung und steif.

Das Biereck Wiese gestern war ein Moor, Sumpsbraun und pfützenüberstreut: Da sie die kalte Nacht steinsest gefror, Wie tanzplatzlustig ist sie Heuti

Wie war der Himmel gestern sad

Und stumpf und grau

Heut tropft das Licht vom Sonnenrad

Wie Gold durchs weiße Blau!

Alles was trüb« war

Und feucht verflossen, Ist hart und klar Und zum Kristall zusammengeschossen.

Die Kälte trabt einher, die lange, lange Schar, Silbern der Huf, das Mühnenhaar, Je Hengst und Stute, Paar nach Paar Von weihen Zauberrossen.

Wodan, mein Kamerad.

Von Otto Wohlgemuth.

Wodan hieß ein Grubenpserd auf der großen SteinkohlenzecheHoss- nungsbank", die lag mitten im Ruhrgebiet. Keinen ersten Arbeitstag des Jahres habe ich je erlebt, ohne daß mir in meiner Seele ausstieg das starke Leben in Arbeit, das harte Sterben meines treuen Grubengaulkameraden. Wir Bergleute wissen es wohl: Das Unerbittliche packt uns, zwingt uns in seinen Bann, wie alles sich so vollendet und geschieht. Ganz hat es uns, wir aber treiben vor, schürfen und schaffen es, und gerade deswegen ist es auch schön.

Voll raunender Seltsamkeiten sind unsere abgründigen Schächte, Stimmen und Geister und Kräfte der Urzeit verbergen sich in unzugäng­lichen Höhlen und unaufgeschlossenen Teufen, und immer wieder offenbart sich unserem schweigenden Staunen ein Urwissen, ein unerklärliches Wirken und Wegweisen in die Nachtgeheimnisse hinein, wir ahnen es, daß mit der Welt des Versunkenen, des gewaltig Gewesenen, in der wir in den Flözen und Spalten unser Leben lang hausen, etwas Drohendes, Unfaß­bares unser Blut, unser Sinnen und Denken um die ewigen Dinge über­dunkelt und erfüllt.

Mit vierzehn Jahren kommen wir jungen Bengel über Tage an die Lesebank, stehen dort im Winter dick eingemummelt, wenn die Kälte im Eisengestänge der Trumme singt und knackt, und im Sommer, wenn die Sonne bratet, und der Staub von der Kreiskippe her dick und warm herüberwalmt, und klauben Berge, das ist: Steine auslesen am laufenden Band, damit die Kohle frei und rein sei von unnützem Beifchutt und Geschiefer. Wir Bergmannsjungens unter sechzehn dort, zusammen mit älteren Kumpels, die in den Flözen drunten nicht mehr schaffen können, und mit den bergfertigen alten Invaliden, die nichts lieber tun, als Ge­schichten erzählen: Vom Freigänger Wittkopp mit der Wünschelrute, vom Zauberseile in den Erdmännekeslöchern, vom blauen Nebenjänkel unter der Teufe und von schimmernden Drusen und verborgenen Schatzklüften im Felsengestein.

Ach, diese alten Männer. Wenn der Korb im Schachte hochkommt, schauen sie hin, ob sie keine Lampe sehen. Wetten miteinander, ob sie wohl mit ihren zittrigen Augen die Kreidenummer auf den Kohlenhunden lesen werden. Freuen sich, wenn Sie sich unter der Seilfahrt ein wenig weg­stehlen können, um aus der Hängebank mit den Hauern ein wenig zu plaudern von den Dingen drunten vor Ort, im Querschlag, im Aufbruch oder im Gesenk. Reden so gern vorn Bergbau in der Erde, von der Arbeit, wie vorn lieben Lande ihres Lebens, so wie der Bauer von feinem Acker, der Forstmann von seinem Walde, ober der Seefahrer vom unend­lichen Ozean. ,

Wir spitzen dann die Ohren, tun so, als ob wir schon Kerle wären in der Welt, und können es nicht erwarten, bis wir sechzehn sind. Sechzehn Jahre, Mensch, dann bekommst du deine eigene Lampe, dann stehst du schon mit den Hauern in einer Reihe, kannst mitreden, spucken wie die Alten, kannst dein Licht anzünden im Dunkeln, damit es hell wird. Junge, Junge, Junge, man darf sich nicht bange machen lassen. Muß rangehen, die Kraft und der Sieg in der Welt, die wollen von den Mutigen erobert fein. . ,, ,

Als ich das Alter hatte, kam ich dann endlich in den Schacht hinein: Pferdeführer wirst du", sagte mein Steiger Brandegge zu mir, und es schwoll mir die Brust,treibst also bei mir in der östlichen Richtstrecke, siebte Sohle, fährst mit dem Wodan. Nimm dich in Acht, das ist ein alter, ruppiger Satan, haut schwer nach hinten aus. Schaff dir beizeiten eine zünftige Wuchte an." .

So lernte ich ihn also kennen. Ein starker, struppiger Berghengst, auf einem Auge blind. Das hatte er sich, so hieß es, an einer scharfen Fels­zacke ausgestoßen. Die anderen Gäule, die Duckmäuser, zahlten, wenn sie

anzogen. Wenn es mehr als zehnmal in den Bindehaken knackte, schüttelten sie mit dem Kopf, fingen an zu tanzen, wollten nicht. Wodan aber, mein Kamerad, der fragte nichts danach, ich durfte ihm ruhig zwölf dahinter­knebeln, fünfzehn, da machte er sich gar nichts daraus und haute ab, als wäre das alles für ihn eine Kleinigkeit.

Er stamme vom alten Wilmingsbäuernhof im Thun, sagte Voßhenrlch, der greife Stallknecht, wo sie immer diese schweren ostfriesischen Landpferde gezogen hätten, diese ruhigen, sicheren Gänger. Aus der Koppelweide an der Donnerbecke, wo es runter zu nach Rauendal hingeht, da sei er groß geworden. Achtzehn Jahre lang hauste er nun schon bei den Bergleuten in der Tiefe, als ich mit ihm durch die langen, einsamen Strecken fuhr. Du, zwei Jahre war er also schon in der Erde, bevor meine Mutter mich geboren. Und wie ich ihn gern hatte, diesen knurrigen, trotzigen, treuen Halunken. Achtzehn Jahre lang, hin in die Abbaue, her zum Schacht, schwere Lasten ziehend durch enge Löcher, Monat für Monat, Jahr für Jahr, und niemals Sonne, Blumen, Gras auf der Wiese, Winterwind, Mondenschein, das ist schon etwas, Wodan, und ich bin stolz darauf, du schweigsames Tier, daß ich dein Kumpel geworden bin.

Ost brachte ich ihm von Hause her ein paar Stück Zucker mit, sonuner- tags in meinem Brotsack ein Hümpel duftendes ©ras, ein paar Falläpsel, Pferdemöhren klaute ich der Mutter daheim, oder am liebsten einen derben Knapp hausbackenes, schwarzes Brot.

Wenn ich mit ihm allein durch die stundenweiten, einspurigen Stollen fuhr, geheimnisvolles Pochen und Sausen, auf der Querftange des ersten Wagens faß ich, hatte die Lampe in mein feftgetnotetes Halstuch ein­gehängt, und der dampfende Pferbeleib und die Wagen strichen bann bicht so an ben morschen Hölzern vorbei, über benen bie Berge sich lagerten, bie burdjgefprengten Felsenbänke. Wenn uns bie Finsternis seltsam ent­gegen munkelte, wenn es im Scheine meines Lichtes von ben kristallenen Kanten unb grauen Steinbärten glitzernb niebertroff, o bu tiefe Ein­samkeit, bu heiliges Bewußtsein der inneren Stimme bei Mensch und bei Tier.

Und ganz weit hinten in den Abbaugründen die aufgestörten Berge, wie sie sich zum Kampfe zusammenziehn, die lauernden Schweigsamkeiten.

Wir beide trabten oder gingen schrittweise. Wenn manchmal meine Lampe vom dicken Atem der Bergnacht ausgebrückt war, lag ich bäuch­lings im Kohlengrus bes ersten Wagens, klammerte meine Hände an den eisernen Kastenecken fest, grub mich hinein in bie Kohle, bamit ich nicht abstürze, tief brückte bie Angst meinen Nacken nieber, beim bas Schwarze lastete so unendlich schwer.

Dann klirrten die Ketten, polterten die Stfjienenuerbinbungen in der fappigen, abschüssigen Gleisbahn, bann war alle Welt, alles Erbenlicht in Dreck unb Dunkelheit. Woban wußte ja im Finstern ben Weg, ber lief, zog, stemmte sich burch die Kurven, der ging streng vorwärts, durch, Kerl, Kerl, sei vernünftig und lauf, stolpere nicht, du kannst ja doch auch wohl im Dunkeln sehn, damit uns der Nachtbleiche nicht packt!

Und jetzt erzähl ich. Sieben Monate war ich schon mit ihm zusammen. In ber Morgenschicht, am Tage nach Neujahr, geschah es. Mit zwölf Leeren kam ich vom Schachte her ben langen Streckenweg in bas Revier gezogen. Nach einer halben Stunbe Fahrt war ich hinten angelangt, ba ging alles runb wie sonst, alles war in Ordnung, das Hämmern, Schallen unb Rollen in feinem gewohnten, sicheren Trott.

Du Himmelsgewitterhunb", krakeelte Branbegge,Junge, halt bich boch besser habet! Los, angekoppelt, umgebreht ben Satan, fahr ab!"

Unb roieber mit zwölf vollen Wagen trabte ich ab. Dem Schacht zu liefen bie Wagen gut, meinem Gaul sprang ich voran, pfiff mir eins, warf bei ber Gironbelle schnell bie Gleisweiche um, ruckruckruck, mit Schall unb Schwung sauste und knatterte die Flucht der schwerbeladenen Hunde das abschüssige Gefälle die Strecke hindurch, ich mutzte laufen, was ich konnte, der Gaul in den klirrenden Ketten und ber bumpf grodenbe Kohlenzug hinter mir her.

Grubenlampen scheinen nicht weit, verdammt, was war das? Die Strosse staute sich, das schwarze Grubenwasser klatschte um meine Füße, das war doch soeben bei der Hinfahrt hier nicht gewesen.

Plötzlich, dort hinter einer Biege, fünf bis sechs Meter voraus, ich meinte, ich sollte erstarren, ber Gang war zufammengebrochen, bie übertjängenben Felsen waren durch bie Hölzer hereingestürzt, viele, meterbicfe, scharfkantige Blöcke lagen bort wirr, sperrten mit einem Schlage bie Welt ab, bas erfaßte ich in einer Zehntelsekunbe wahnwitzig schnell im Gespensterschein bes Entsetzens.

Ich sprang in ben Wassergraben, hielt mein Licht hoch, bamit es von der Wasserwucht nicht ausgeschlagen werde, duckte mich in ber Enge bergenb an den Stoß, bann sauste es heran, ber jagende, vorstürzende Zug, mein Pferd!

Es konnte ja nicht wenden noch weichen, bie Klüfte brängten sich dicht und eng, jetzt, jetzt aber war es vorbei, jetzt mußte es kommen.

Unb im nächsten Augenblick brüllte bas Schauerliche an, packte mich an! Ich ftanb bort, ohnmächtig in meinem Innern bebend, wie zum Sprunge bereit, geduckt unter einem zerknickten Holz. Das Gebirge dröhnte, es brach, barst unb umpraffelte mich, Scherben rissen mir Kopf unb Schulter blutig, meine Hänbe klammerten sich in bie Stempelsvlitter, in die Steine hinein, jetzt krachten und donnerten die Wagen aufeinander, erbarmungslos.

Meinen Kameraden, ben es in einem Hui rettungslos in bie Falle hineintrieb, hörte ich springen, scharren, hörte ich mit ben Hufen stoßen, um sich schlagen, baß bie Flinken stoben. Gewaltig im Riemen- unb Ketten- spannzeug reißen, hörte sein Schnauben, bas sich zum Tobeswiehern steigerte, einen grauenhaften, gellenben Pserbeschrei!baß es mich durch alle Fibern meines Seins jagte, aufpeitschte, ich stürzte hinzu, Herr­gott, ba tag mein Kumpel, in ber Räumung verklammert, mit dem Vorderleib hoch in den Bruch hineingedrängt, ba! zwischen ber Kante bes ersten Wagens unb einem schrägliegenden, gewaltigen F-llenbarren, es starrte mich an: bas eine Hinterbein satz dazwischen, war nfatt ab­gehauen, dunkles, rotes Blut lief, ein dampfender, lebendiger Bach, in die schwarze Grubenwasserslut.