Ausgabe 
25.1.1937
 
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reden Nun, wir sprechen morgen früh weiter; heute wird es nichts mehr. Du wirst dich auch noch ein bißchen striegeln müssen, und ich will mir nen schwarzen Rock anziehn. Das bin ich der guten Frau von Gundermann doch schuldig; sie putzt sich übrigens noch wie vor Wien Schlittenpserd und hat immer noch den merkwürdigen Federbusch in ihrem Zopf das heißt, wenn's ihrer ift." . ,

0 3. Kapitel.

stets betonen?" . ... ...

,Za Rex, das tu ich. Heut wie immer. Aber eines schlckt stch nicht für alle Der eine dars's, der andere nicht. Wenn unser Freund Stechlin sich in diese seine alte Schlohkate zurückzicht, so darf er Mensch sein, soviel er will aber als Gardedragoner kommt er damit nicht aus. Vom alten Adam will ich nicht sprechen, das hat immer noch so ne Nebenbedeutung.

Während Rex und Czako Toilette machten und abwechselnd über den alten und den jungen Stechlin verhandelten, schritten die, die den Gegen­stand dieser Unterhaltung bildeten, Vater und Sohn, im Garten auf und ab und hatten auch ihrerseits ihr Gespräch.

Ich bin dir dankbar, daß du mir deine Freunde nutgebracht hast, hoffentlich kommen sie aus ihre Kosten. Mein Leben verlauft ein bißchen zu einsam, und es wird ohnehin gut sein, wenn ich mich wieder an Menschen gewöhne. Du wirst gelesen haben, daß unser guter alter Kort- fchädel gestorben ist, und in etwa vierzehn Tagen haben wir hier ne Neu­wahl. Da muß ich dann ran und mich populär Machen. Die Konservativen wollen mich haben und keinen andern. Eigentlich mag ich nicht, aber ich soll und da paßt es mir denn, daß du mir Leute bringst, an denen ich mich für die Welt sozusagen wieder wie einüben kann. Sind sie denn ausgiebig und plauderhaft?" , .

O sehr, Papa, vielleicht zu sehr. Wenigstens der eine.

Das ist gewiß der Czako. Sonderbar, die von Alexander reden alle gern. Aber ich bin sehr dafür; Schweigen kleid't nicht jeden. Und dann sollen wir uns ja auch durch die Sprache vom Tier unterscheiden. Also, wer am meisten red't, ist der reinste Mensch. Und diesem Czako, dem hab ich es gleich angesehn. Aber der Rex. Du sagst Ministerialasiessor. Ist er denn von der frommen Familie?" ,

Nein Papa, du machst dieselbe Verwechslung, die beinah alle machen. Die" fromme Familie, das sind die Reckes, gräflich und sehr vornehm. Die Rex natürlich auch, aber doch nicht so hoch hinaus und auch nicht so fromm. Allerdings nimmt mein Freund, der Ministerialassessor, einen Anlauf dazu, die Reckes womöglich einzuholen."

Dann hab ich also doch recht gesehn. Er hat so die Figur, die so was vermuten läßt, ein bißchen wenig Fleisch und so glatt rastert. Habt ihr denn beim Rasieren in Kremmen gleich einen gefunden?"

Er hat alles immer bei sich; lauter englische. Von Soltngen oder Suhl will" er nichts wissen." . ,

Und muß man ihn denn vorsichtig anfassen, wenn das Gespräch aus kirchliche Dinge kommt? Ich bin ja, wie du weißt, eigentlich kirchlich, wenigstens kirchlicher als mein guter Pastor (es wird immer schlimmer mit ihm), aber ich bin so im Ausdruck mitunter ungenierter, als man vielleicht jein soll, und bei ,niedergefahren zur Hölle' kann mir's passieren, daß ich nolens volens ein bißchen tolles Zeug rede. Wie steht es denn da mit ihm? Muh ich mich in acht nehmen? Oder macht er bloß so mit?

Das will ich nicht geradezu behaupten. Ich denke mir, er steht fo wie die meisten stehn; das heißt, er weiß es nicht recht."

Ja, ja, den Zustand kenn ich."

Und weil er es nicht recht weiß, hat er sozusagen die Auswahl und wählt das, was gerade gilt und nach oben hin empfiehlt. Ich kann das auch so schlimm nicht finden. Einige nennen ihn einen ,Streber. Aber wemi er es ist, ist er jedenfalls keiner von den schlimmsten. Er hat eigentlich einen guten Charakter, und im cercle intime kann er reizend sein. Er verändert sich dann nicht in dem, was er sagt, oder doch nur ganz wenig, aber ick) möchte sagen, er verändert sich in der Art, wie er zuhört. Czako meint, unser Freund Rex halte sich mit dem Ohr für das schadlos, was er mit dem Munde versäumt. Czako wird überhaupt am besten mit ihm fertig; er schraubt ihn beständig, und Rex, was ich reizend finde, läßt sich diese Schraudereien gefallen. Daran stehst du schon, daß sich mit ihm leben läßt. Seine Frömmigkeit ist keine Lüge, bloß Erziehung, An- gewohnheit, und so schließlich seine zweite Natur geworden."

Ich werde ihn bei Tisch neben Lorenzen setzen; die mögen dann beide sehn, wie sie miteinander fertig werden. Vielleicht erleben wir ne Vekehrung Das heißt Rex den Pastor. Aber da höre ich eine Kutsche die Dorfstrahe rauskommen. Das sind natürlich Gundermanns; die kommen immer zu früh. Der arme Kerl hat mal was von der Höflichkeit der Könige gehört und macht jetzt einen zu weitgehenden Gebrauch davon. Autodidakten übertreiben immer. Ich bin selber einer und kann also mit«

nQ ws Ht es eben.' Und diese Worte kann ich Ihnen nur wiederholen. Die' Prinzen - ja, damit hängt es zusammen und noch mehr damit daß die seinen Regimenter immer feiner werden. Gucken Sie sich mal die alten Ranglisten an, das heißt wirklich alte, voriges Jahrhundert und dann jo bis anno sechs. Da finden Sie bei Regiment Garde du Corps ober bei Regiment Gensdarmes unsere guten alten Namen: Marwitz, Wa­kenitz Kracht, Löschebrand, Bredow, Rochow, höchstens daß sich mal ein höher betitelter Schlesischer mit hinein verirrt. Natürlich gab es auch Prinzen damals, aber der Adel gab den Ton an, und die paar Prinzen mußten noch froh jein, wenn sie nicht störten. Damit ist es nun aber, (eit mir Kaiser und Reich sind, total vorbei. Natürlich sprech ichi nicht von der Provinz, nicht von Litauen und Masuren, sondern von der Garde, von den Regimentern unter den Augen Seiner Majestät. Und nun gar erst diese Gardedragonerl Die waren immer pik, aber seit sie, pour combler le bonheur, auch noch .Königin von Großbritannien und Irland' sind, wird es immer mehr davon, und je plker sie werden, desto mehr Prinzen kommen hinein, von denen übrigens auch jetzt schon mehr da sind als es so obenhin aussieht, denn manche sind eigentlich welche und dürfen es bloß nicht sagen. Und wenn man dann gar noch die alten mitrechnet, die bloß ä la suite stehen, aber doch immer noch mit dabei sind wenn irgend was los ist, so haben wir, wenn der Kreis geschlossen wird, zwar kein Parkett von Königen, aber doch einen Z^kus von Prinzen. Und da hinein ist nun unser guter Stechlin gestellt. Natürlich tut er, was er kann, und macht fo gewisse Luxusse mit Gefuhlsluxusie, Gesinnungsluxusse, und, wenn es fein muß, auch Freiheitsluxusse. So nen Schimmer von Sozialdemokratie. Das ist aber auf die Dauer.schwierig. Richtige Prinzen können sich das leisten, die verbebesti nicht leicht. Aber Stechlin! Stechlin ist ein reizender Kerl, aber er ist doch bloß «m Mensch.

Und das sagen Sie, Czako, gerade Sie, der Sie das Menschliche

Engelke schlug unten im Flur zweimal an einen alten, als Tamtam fungierenden Schild, der an einem der zwei vorspringenden und zugleich die ganze Treppe tragenden Pfeiler hing. Eben diese zwei Pfeiler bildeten denn auch mit dem Podest und der in Front desselben angeb^chten Rokokouhr einen zum Gartensalon, diesem Hauptzimmer des Erdgeschosses, führenden, ziemlich pittoresken Portikus, von dem ein auf Besuch an­wesender hauptstädtischer Architekt mal gesagt hatte: sämtliche Bausunden von Schloß Stechlin würden durch diesen verdrehten, aber malerischen Einfall wieder gutgemacht.

Die Uhr mit dem Hippenmann schlug gerade sieben, als Rex uno Czako die Treppe herunterkamen und, eine Biegung machend, auf den von berufener Seite so glimpflich beurteilten sonderbaren Vorbau zu­steuerten. Als die Freunde diesen passierten, sahen sie die Türflügel waren schon geöffnet, in aller Bequemlichkeit in den Salem hinein und nahmen hier wahr, daß etliche, ihnen zu Ehren geladene Gaste bereits erschienen waren. Dubslav, tn dunklem Ueberrorf und die Band- chenrosette sowohl des preußischen wi« des wendischen Kronenordens tm Knopfloch, ging den Eintretenden entgegen, begrüßte sie nochmals mit der ihm eigenen Herzlichkeit, und beide Herren gleich danach in Den Kreis der jchon Versammelten einsührend, sagte er:Bitte die Herrschaften mit­einander bekannt machen zu Dürfen: Herr und Frau von Gundermann auf Siebenmühlen, Pastor Lorenzen, Oberförster Kahler , und Dann, nach links sich wendend,Ministerialasiessor von Rex, Hauptmann von Czako vom Regiment Alexander." Man verneigte sich gegenseitig worauf Dubslov zwischen Rer und Pastor Lorenzen, Woldemar aber, als Adla-

Dubslov zwischen Rex und Pastor Lorenzen, Woldemar aber, als Adla­tus seines Vaters, zwischen Czako und Katzler eine Verbindung herzu- stellen suchte, was auch ohne weiteres gelang, weil es hüben und Drüben weder an gesellschaftlicher Gewandtheit, noch an gutem Willen gebrach. Nur konnte Rex nicht umhin, di« Siebenmühlener etwas eindringlich zu mustern, trotzdem Herr von Gundermann in Frack und weißer Binde, Frau von Gundermann aber in geblümtem Atlas mit Marabufächer erschienen war, er augenscheinlich Parvenü, sie Berlinerin aus einem nordöstlichen Vorstadtgebiet.

Rex sah das alles. Er tarn aber nicht in die Lage, sich lange damit zu beschäftigen, weil Dubslav eben jetzt den Arm Der Frau von Gunder- mann nahm und Dadurch das Zeichen zum Aufbruch zu der im Neben­zimmer gedeckten Tafel gab. Alle folgten paarweise, wie sie sich vorher zujammengefunDen, tarnen aber durch die von selten Dubslavs schon vorher festgesetzten Tafelordnung wieder auseinander. Sie beiden Stech- (ins Vater und Sohn, placierten sich an Den beiden Schmalseiten ein­ander gegenüber, während zur Rechten und Linken von Dubslav Herr und Frau von Gundermann, rechts und links von Woldemar aber Rex und Lorenzen faßen. Die Mittelplätze hatten Katzler und (E$ato inne.

Der alte Dubslav war in bester Laune, stieß gleich nach den ersten Löffeln Suppe mit Frau von Gundermann vertraulich an, dankte für ihr Erscheinen und entfdjulMate sich wegen der späten Einladung:Aber erst um zwölf tarn Woldemars Telegramm. Es ist das mit dem Tele­graphieren solche Sache, manches wird besser, aber manches wird auch schlechter und die feinere Sitte leidet nun schon ganz gewiß. Schon Die Form die Abfassung. Kürze soll eine Tugend sein, aber sich kurz fassen, heißt meistens auch, sich grob fassen. Jede Spur von Verbindlichkeit sällt fort, und das Wort .Herr' ist beispielsweise gar nicht mehr anzu- treffen. Ich hatte mal einen Freund, der ganz ernsthaft versicherte: .Der häßlichste Mops fei der schönste'; so läßt es sich jetzt beinahe sagen: .Das gröbste Telegramm ist das feinste'. Wenigstens das in seiner Art voll­endetste. Jeder, der wieder eine neue günfpfennigerfparnts herausdoktert, ist ein Genie." , .

Diese Worte Dubslavs hatten sich anfänglich an die Frau von Gunder­mann fehr bald aber mehr an Gundermann selbst gerichtet, weshalb dieser letztere denn auch antwortete:Ja, Herr von Stechlin, alles Zeichen Der Zeit. Und ganz bezeichnend, daß gerade das Wort .Herr', wie Sie schon hervorzuheben die Güte hatten, so gut wie abgeschafft ist. .Herr' ist Un­sinn geworden, .Herr' paßt den Herren nicht mehr, ich meine natürlich die, die jetzt die Welt regieren wollen. Aber es ist auch danach. All diese I Neuerungen, an denen sich leider auch der Staat beteiligt, was sind sie? I Begünstigungen der Unbotmäßigkeit, also Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie. Weiter nichts. Und niemand da, der Lust und Kräfte hätte, dies Wajser abzustellen. Aber trotzdem, Herr von Stechlin ich würde nicht widersprechen, wenn mich das Tatsächliche nicht dazu zwänge, trotzdem geht es nicht ohne Telegraphie, gerade hier in unserer Ein­samkeit Und dabei dos beständige Schwanken Der Kurse. Namentlich auch In Der Mühlen- und Brettschneidebranche..."

.Versteht sich, lieber Gundermann. Was ich da gesagt habe ... Wenn ich das Gegenteil gesagt hätte, wäre es ebenso richtig. Der Teufel is nid) so schwarz, wie er gemalt wird, und die Telegraphie auch nicht, und wir auch nicht. Schließlich ist es doch was Großes, diese Natur- Wissenschaften, dieser elektrische Strom, tipp, tipp, tipp, und wenn uns daran läge (aber uns liegt nichts daran), fo könnten wir den Kaiser von China wisien lassen, daß wir hier versammelt sind und seiner gedacht haben Und dabei diese merkwürdigen Verschiebungen in Zeit und Stunde. Beinahe komisch. Als Anno siebzig die Pariser Septemberrevolution aus» brach wußte mans in Amerika Drüben um ein paar StunDen früher, als die Revolution überhaupt da war. Ich sagte: Septemberrevolution. Es kann aber auch ne andre gewesen sein; sie haben da so viele, daß man sie leicht verwechselt. Eine war im Juni, ne andre war im Juli, wer nid) ein Bombengedächtnis hat, muh da notwendig reinfallen ... Engejke, präsentiere der gnädigen Frau den Fisch noch mal. UnD vielleicht nimmt auch Herr von Czako ..."

1 (Fortsetzung folgt;