SicheimZainilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1957 Montag, den 25. Januar Nummer 7
Der Stechlin
Roman von Theodor Fontane
1. Fortsetzung.
So machte er dann einen Bogen und hatte das Kloster etwa eine Viertelstunde hinter sich, als er sich wieder der Hauptstraße zuwandte. Diese, durch Moor- und Wissengründe führend, war ein vorzüglicher Reitweg, der an vielen Stellen noch eine Grasnarbe trug, weshalb es anderthalb Meilen lang in einem scharfen Trabe vorwärts ging, bis an eine Avenue heran, die geradlinig auf Schloß Stechlin zuführte. Hier liehen alle drei die Zügel fallen und ritten im Schrit weiter. Heber ihnen wölbten sich die schönen, alten Kastanienbäume, was ihrem Anritt etwas Anheimelndes und zugleich etwas beinah Feierliches gab.
„Das ist wie ein Kirchenschiff", sagte Rex, der am linken Flügel ritt. „Finden Sie nicht auch, Czako?"
„Wenn Sie wollen, ja. Aber Pardon, Rex, ich finde die Wendung etwas trivial für einen Ministerialassessor."
„Nun gut, dann sagen Sie etwas Besseres."
,Lch werde mich hüten. Wer unter solchen Umständen was Besseres sagen will, sagt immer was Schlechteres."
Unter diesem sich noch eine Weile fortsetzenden Gespräche waren sie bis an einen Punkt gekommen, von dem aus man das am Ende der Avenue sich aufbauende Bild in aller Klarheit überblicken konnte. Dabei war das Bild nicht bloß klar, sondern auch so frappierend, dah Rex und Czako unwillkürlich anhielten.
„Alle Wetter, Stechlin, das ist ja reizend", wandte sich Czako zu dem am andern Flügel reitenden Waldemar. „Ich find es geradezu märchenhaft, Fata Morgana — das heißt, ich habe noch keine gesehn. Die gelbe Wand, die da noch das letzte Tageslicht auffängt, das ist wohl Ihr Zauberschloß? Und das Stückchen Grau da links, das taxier ich auf eine Kirchenecke. Bleibt nur noch der Staketzaun an der andern Seite: — da wohnt natürlich der Schulmeister. Ich verbürge mich, daß ich s damit getroffen. Aber die zwei schwarzen Riesen, die da grad in der Mitte stehn und sich von der gelben Wand abheben („abheben ist übrigens auch trivial; entschuldigen Sie, Rex), die stehen ja da rote die Cherubim. Allerdings etwa zu schwarz. Was sind das für Leute?"
„Das find Findlinge?"
„Findlinge." .
„Ja, Findlinge", wiederholte Waldemar. „Aber wenn Ihnen das Wort anstößig ist, so können Sie sie auch Monolithe nennen. Es ist merkwürdig, Czako, wie hochgradig verwöhnt tm Ausdruck Sie sind, wenn Sie nicht gerade selber das Wort haben ... Aber nun, meine Herren, müssen wir uns wieder in Trab setzen. Ich bin überzeugt, mein Papa steht schon ungeduldig auf feiner Rampe, und wenn er uns so im Schritt ankommen sieht, denkt er, wir bringen eine Trauer- nachricht oder einen Verwundeten." .
Wenige Minuten später, und alle drei trabten denn auch wirklich, von Fritz gefolgt, über die Bohlenbrücke fort, erst in den Vorhof hinein und dann an der blanken Glaskugel vorüber. Der Alte stand bereits auf der Rampe, Engelke hinter ihm und hinter diesem Martin, der alte Kutscher. Im Nu waren alle drei Reiter aus dem Sattel, und Martin und Fritz nahmen die Pferde. So trat man in den Flur. „Erlaube, lieber Papa, dir zwei liebe Freunde von mir vorzustellen: Assessor von Rex, Hauptmann von Czako." ,
Der alte Stechlin schüttelte jedem die Hand und sprach ihnen aus, wie glücklich er über ihren Besuch sei. „Seieh Sie mir herzlich willkommen, meine Herren. Sie haben keine Ahnung, welche Freude Sie mir machen, mir, einem vergrätzten, alten Einfiedler. Man sieht nichts mehr, man hört nichts mehr. Ich hoffe auf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten.
„Ach, Sjerr Major", sagte Czako, „wir sind ja schon vierundzwanzig Stunden fort. Und, ganz abgesehen davon, wer kann heutzutage nod? mit den Zeitungen konkurrieren! Ein Glück, daß manche pnnzuuell einen Posttag zu spät kommen. Ich meine mit den neuesten Nachrichten. Vielleicht auch sonst noch." . , ,, ... .
„Sehr wahr", lachte Dubslav. „Der Konservatismus soll übrigens, feinem Wesen nach, eine Bremse sein; damit muß man vieles entschuldigen. Aber da kommen Ihre Mantelsäcke, meine Herren. Engelke, führe die Herren auf ihr Zimmer. Wir haben jetzt sechsemviertel. Um sieben, wenn ich bitten darf." _ , .
Engelke hatte mittlerweile die beiden von Dubslav etwas altmodisch als „Mantelsäcke" bezeichneten Plaidrollen in die Hand genommen und ging damit, den beiden Herren voran, auf die doppelarmige Treppe zu, die gerade da, wo die beiden Arme derselben sich geuzten, einen ziemlich geräumigen Podest mit Säulchengalerie bildete. Zwischen den
Säulen aber, und zwar mit Blick auf den Flur, war eine Rokokouhr angebracht, mit einem Zeitgott darüber, der eine Hippe führte. Czako wies darauf hin und sagte leise zu Rex: „Ein bißchen graulich", — ein Gefühl, drin er sich bestärkt sah, als man bis auf den mit ungeheurer Raumverschwendung angelegten Oberflur gekommen war. Heber einer nach hinten zu gelegenen Saaltür hing eine Holztafel mit der Inschrift: „Museum", während hüben und drüben, an den Flurwänden links und rechts, mächtige Birkenmaser- und Ebenholzschränke standen, wahre Prachtstücke, mit zwei großen Bildern dazwischen, eines eine Burg mit dicken Backsteintürmen, das andere ein überlebensgroßer Ritter, augenscheinlich aus der Frundsbergzeit, wo das bunt Landsknechtliche schon die Rüstung zu drapieren begann.
„Js wohl ein Ahn?" fragte Czako.
„Ja, Herr Hauptmann. Und er ist auch unten in der Kirche." „Auch so wie hier?"
„Nein, bloß Grabstein und schon etwas abgetreten. Aber man sieht doch noch, daß es derselbe ist."
Czako nickte. Dabei waren sie bis an ein Eckzimmer gekommen, das mit der einen Seite nach dem Flur, mit der andern Seite nach einem schmalen Gang hin lag. Hier war auch die Tür. Engelke, vorangehend, öffnete und hing die beiden Plaidrollen an die Haken eines hier gleich an der Tür stehenden Kleiderständers. Unmittelbar daneben war ein Klingelzug mit einer grünen, etwas ausgefransten Puschel daran. Engelke wies darauf hin und sagte: „Wenn die Herren noch was wünschen ... und um sieben ... Zweimal wird angeschlagen."
Und damit ging er, die beiden ihrer Bequemlichkeit überlassend.
Es waren zwei nebeneinander gelegene Zimmer, in denen man Rex und Czako untergebracht hatte, das vordere größer und mit etwas mehr Aufwand eingerichtet, mit Stehspiegel und Toilette, der Spiegel sogar zum Kippen. Das Bett in diesem vorderen Zimmer hatte einen kleinen Himmel und daneben eine Etagere, auf deren oberem Brettchen eine Meißner Figur stand, ihr ohnehin kurzes Röckchen lüpfend, während auf dem unteren Brett ein Neues Testament lag, mit Kelch und Kreuz und einem Palmenzweig auf dem Deckel.
Czako nahm das Meißner Püppchen und sagte: „Wenn nicht unser Freund Waldemar bei diesem Arrangement seine Hand mit im Spiele gehabt hat, so haben wir hier in bezug auf Requisiten ein Ahnungsvermogen, roie’s nicht größer gedacht werden kann Das Püppchen pour moi, das Testament pour vous."
„Czako, wenn Sie doch bloß das Necken lassen tonnten!"
„Ach, sagen Sie doch so was nicht, Rex; Sie lieben mich Ja bloß um meiner Neckereien willen."
Und nun traten sie, von dem Vorderzimmer her, in den etwas kleineren Wohnraum, in dem Spiegel und Toilette fehlten. Dafür aber war ein Rokokosofa da, mit hellblauem Atlas und weißen Blumen
darauf.
„3a, Rex", sagte Czako, „wie teilen wir nun? Ich denke Sie nehmen nebenan den Himmel, und ich nehme das Rokokosofa, noch dazu mit weißen Blumen, vielleicht Lilien. Ich wette, das kleine Ding von Sofa hat eine Geschichte."
„Rokoko hat immer eine Geschichte", bestätigte Rex. „Aber hundert Jahr zurück. Was jetzt hier haust, sieht mir, Gott sei Dank, nicht danach aus. Ein bißchen Spuk trau ich diesem alten Kasten allerdings schon zu; abee keine Rokokogeschichte. Rokoko ist doch immer unsittlich. Wie gefällt Ihnen übrigens der Alte?"
„Vorzüglich. Ich hätte nicht gedacht, daß unser Freund Wowemar solchen famosen Alten haben könnte."
„Das klingt ja beinah", sagte Rex, „wie wenn Sie gegen unfern Stechlin etwas hätten."
„Was durchaus nicht der Fall ist. Unfer Stechlin ist der beste Kerl von der Welt, und wenn Ich das verdammte Wort nicht haßte, mürb ich ihn sogar einen „perfekten Gentleman" nennen müssen. Aber ..."
„Nun ..."
„Aber er paßt doch nicht recht an seine Stelle."
„An welche?"
„3n fein Regiment."
„Aber, Czako, ich verstehe Sie nicht. Er ist ja brillant angeschrieben. Liebling bei jedem. Der Oberst hält große Stücke von ihm, und die Prinzen machen ihm beinah den Hof ..."
„3a. das ist es ja eben. Die Prinzen, die Prinzen.
„Was denn, wie denn?"
Ach, das ist eine lange Geschichte, viel zu lang, um sie hier vor Tisch noch auszukrarnen. Denn es ist bereits halb, und wir müssen uns eilen. Uebrigens trifft es viele, nicht bloß unfern Stechlin."
„3mmer dunkler, immer rätselvoller", sagte Rex.
„Nun, vielleicht daß ich 3hnen das Rätsel löse. Schließlich kann man ja Toilette machen und noch feinen Diskurs daneben haben. .Die Prinzen machen ihm den Host, so geruhten Sie zu bemerken, und ich antwortete:


