Achtes Kapitel.
(Eine verhängnisvolle Wette. — .Zunge vertrinkt . Syaiie auf der 3agd. Die Fischfalle.
Eine Wette schlügt ein Junge vom Kap niemals aus. Mag >hr Gegenstand noch so hosfnungslos sein, er wird dennoch unmöglich der Aus,icht widerstehen können, eine Kupfermünze oder gar zwei zu verdienen, ohne das; er dafür zu arbeiten braucht.
Ich nahm mir einen Kapjungen nach der Insel als Diener mit. Er war ein braver Bursche und nicht ohne eine gewisse Lebenserfahrung. Wir unterhielten uns öfters des langen und breiten miteinander über Afrika. Aus einer gelegentlichen Aeuherung von ihm gewann ich den Eindruck, er muffe das Gefängnis von innen kennen (denn wenn ich ihn einen „braven Burschen" nenne, meine ich damit nicht seine Führung, sondern sein Wesen). Also fragte ich ihn eines Abends geradezu:
Uromiwortlich: vr. tzanö Thyriot." - Druck und B-rlag: DrÜhlsch« Universitätsdruckerei Lange, Gießen.
Bist du eigentlich mal Im Gefängnis gewesen, Jakob?"
Er schien vor Empörung keine Worte zu finden. Dann versicherte er mir, so etwas sei ihm nie — nie im Leben zugestoßen.
Ich ging nicht weiter daraus ein. Ein paar Minuten danach sagte ich Pl0^,3atob, weißt du vielleicht, wo ungefähr im Kapstadter Gefängnis die Hinrichtungshalle liegt?" ., , . . o „
Ganz unschuldig gab er zurück: „0 >a, Herr. Dicht bet den Zellen. Man kann von dort aus gut hören wie..."
Plötzlich hielt er inne, warf mir einen raschen Blick zu (doch ich putzte natürlich gerade eifrig meine Pfeife) und begann dann einigermaßen beruhigt eine unwahrscheinliche Beschreibung des Gefängnisses von außen.
Allmählich schien Jakob eine Art Kameraden bet Abenteuerzugen in mir zu sehen. Es gefiel ihm, daß ich mich für alles Außergewöhnliche interessierte, und er machte sich sehr nützlich, indem er mich herbeines, wenn irgendwo kämpfende Pinguine oder schnaubende Walfische zu
So kam er auch eines Nachmittags auf mein Zelt zugestürzt und verlangte mich zu sprechen. Meine Frau fragte, was es gäbe.
„Junge vertrinkt", schrie Jakob. „Möchte Herr nicht gern zusehen. ^^Mcche^Frau^ durch diese Gefühllosigkeit ziemlich entsetzt, fragte ihn. ob er im Ernst rede. Es schien tatsächlich so. Ich mußte mich ober eilen, drängte er, sonst wäre „Junge sicher schon vertrunken , ehe wir hinkämen, was er offenbar sehr schade gesunden hatte.
Jcb brauche nicht zu sagen, daß ich mich sputete, so sehr ich konnte, um ihn rooinöglid; 3U retten. Während wir zum Strand hinunterrannten, stieß Jakob die Einzelheiten hervor. Anscheinend roaren tags zuvor zwei andere Kapjungens mit Lebensmitteln für die Leuchtturmwärter ange kommen. Einer davon kannte die Insel schon, und stolz auf seine Wisseii- schasi nahm er Jakob und den andern Burschen mit nach den Felsen und erklärte ihnen die Gefahren der Brandung. Dann wies er auf eine Wasserstrecke zwischen zwei kleinen Landzungen und sagte, das sei eine lebrerflieb gefährliche Stelle, weil dort die Haie auf ihrer Nahrtmgssuche bis an die Insel herankämen. Der andere Junge glaubte die bW« vermutlich nicht, was er aber auch denken mochte, jebenfatls wettete er plötzlich ein Päckchen Zigaretten, daß sein Freund nicht von einer Land- junge zur andern schwimmen würde.
Es war natürlich Wahnsinn, es zu versuchen und der Junge, der die Insel ja kannte, mußte das wissen. Allein ein Päckchen Zigaretten ist nicht zu verachten, wenn es auch nur ein paar Pfennige wert .st und em Kapjunge lehnt, wie ich schon eingangs sagte, metnals -me Wette ab- Also wurde auch diese ohne Besinnen angenommen und der Junge sprang m5^“bieiem Augenblick fiel Jakob ein, wie sehr ich mich für ungewöhnliche Vorkommnisse interessierte.
Als mir am Strand anlangten, blickte ich über die schimmernde Waiserfläche, aber nichts war zu sehen. Ich wandte mich an den dritten Jungen, der ganz gelassen auf die Bucht hlnausschaute.
„Wo ist er?" fragte ich.
Die Antwort, die in gleichmütig ruhigem Tonfall kam, war schauerlich Der Schwimmer war zur Hälfte hinübergelangt. Dann war er am scheinend ganz plötzlich in rechtem Winkel abgeidjroentt und sehr schnell geschwommen. Und gleich darauf hatte er den einen Arm hochgeworfen 1 und war dann im Walser verschwunden.
„Haifisch ihn fressen", schloß der Junge.
Haifische sind mir zuwider. Für mich gehören sie in eme Klasse mü Krokodilen, Hyänen und Schlangen. Sie erfüllen mich nut Ekel und ich bekenne, daß ich sie fürchte.
3um Teil ist natürlich ihr abscheuliches Aeuheres daran schuld: das schembar formlose häßliche Maul, die bedrohlichen Kiefer mit ben starken breieckigen Zähnen, bas schimmernbe Gelb ihrer Augen und dic^unheimliche Art und Weise, wie sie plötzlich aus dem Nichts ?ufzutauchen scheinen mit einer einzigen dunklen Bewegung ihr räuberisches und mörderisches Handwerk verrichten und wieder verschwinden.
Bei allem herrscht aber eine furchtbare Ungewißheit über die Hme. Manche davon sind ganz harmlos. Em amerikanischer Zolooge erzählt wie er in Badeanzug und Taucherhelm auf dem Meeresgrund fast und friedlich von Haien umschwommen wurde, die so nahe kamen, daß sie säst seine Schultern streiften. Und doch mußte in Durban eine Hufeisen förmige Barrikade aus schweren Eisenpfahlen errichtet werden um das Leben der Badenden zu schützen, nachdem viele davon diesen Raubfischen zum Opfer gefallen waren.
Man kann eben hier natürlich (o wenig verallgemeinern wie in andern Dingen. Manche Haifische sind nur neunzig Zentimeter lang, andere nicht weniger als neun Meter. Sie kommen sowohl im tpoptzchen wie im subarktischen Gebiet vor. Einige sind grau, andere grün und weiß. Die meisten Arten haben scharfe dreieckige Zahne, andere stumpfe. Es gibt Haie die unzweifelhaft von verhältnismäßig kleinen Fischen leben oder von Äas — andere aber sind so raubgierig, daß man ihnen den Namen „Tigerhaie" gegeben hat*".
(Fortsetzung folgt.)
* William Beebe in „The Arcturus Adventure“.
* * Sogar der vorgenannte Zoologe, der nichts von der landläufigen • Ansicht über den Haifisch wissen will und ihn ats .erV.t?^er!! ’'' ,n°olc"’
i ten linkischen kinnlosen Feigling" bezeichnet, suhlt sich bewogen zu
, erklären, bah biefe Art „von unsicherem Charakter ist, „für gewöhnlich zwar recht ungefährlich, aber doch besser hinter einem eisernen Gitter zu | interviewen".
Die Insel
Üec fünf Millionen Pinguine
Von Lheccg Keaclon
Deutsche Rechte durch I. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten
5. Fortsetzung.
Ein kläglicher Anblick waren auf der Insel immer bie Vögel, die vom f>ai ersaßt wurden und sich retten konnten — auf Kosten eines Beines. Man stelle sich nur vor, was ein solches Gebrechen bei dem “"jlrengenben Geben der Pinguine besagen willl Diese Krüppel lebten oft gleich den andern einen Kilometer weit von der See entfernt und wußten tagtäglich, wollten sie nicht verhungern, die lange Strecke hm urD her hovsend zurücklegen. Ab und zu benutzte einer eine der Flossen sosusagen alsP Krücke, trotzdem aber war das Vorwärtskommen offensichtlich eine mähre Mühsal, die viele Ruhepausen unterwegs erforderte.
Manche hatten nur einen Fuß eingebüßt, andere ein ganzes Bem, einer, der beide Füße ober Beine verloren hatte, ist mir nie zu Gesicht gekommen. Sicherlich kommen auch solche traurigen Falle vor — leden- falls führen sie aber rasch zum Hungertod oder machen es dem Vogel unmöglich, je wieder an Land zu gehen. . , , <
Wenn ich derartigen Krüppeln zuschaute, konnte ich^ bemerken, daß ich nicht der einzige teilnahmsvolle Beobachter war. Oft geschah es, daß andere Pinguine, die jene Aermsten mit Leichtigkeit auf dem Weg über holten, einen Augenblick innehielten, ehe sie roeitergmgen --genau roie Menschen, die von Mitleid für einen Krüppel erfaßt werden. Und obwohl ich sicher bin, daß bei solcher Gelegenheit feine hörbare Verständigung zwischen Pinguinen stattfindet, habe ich doch die Ueberzeugung, daß sie ihre Gefühle - in diesem Fall also Anteilnahme - dem andern irgend- wie deutlich zu machen verstehen. . ., . ai
Hier bin ich bei einem Gegenstand angelangt, vor dem «si aus meinen Reisen stets ratlos dastehe und der darum vielleicht eine Abschweifung rechtfertigt. Was ist das Geheimnis der Verständigung der Tiere untereinander ? Die Pinguine schreien einander zu, wie ich bereits gesagt habe, besonders nachts: im übrigen sind sie stumme Geschöpfe. Dennoch scheinen sie einander ihre Gedanken zu übertragen. Vollkommen stumme Tiere sind die Giraffen; niemand hat sie le den teifeften Laut Am sich | geben hören. Und doch merkt eine einzelne Giraffe, felbft roenn sie durch eine Anhöhe von ihrer Herde getrennt ist, es augenblicklich, wenn diese durch irgendetwas aufgeschreckt wird, und galoppiert zu chr hm. Ich glaube nicht, daß bas durch eine möglicherweise vorhandene Tonvibration zu erklären ist, aus die unsere Ohren nicht abgeftmimt sind. Wir müssen hier vielmehr anscheinend auf die Theorie irgendeiner Gedankenwelle zurückgreifen, deren sich gewisse „niedrigere" Tiere bedienen, obzwar sie
solche ^Annahme, die bas Geheimnis bei der ®iraffe ertlären könnte, mag natürlich in dem angeführten yalle unter den Pinguinen Überflüssig sein; es ist möglich, daß diese Vogel einander Empfindungen der Sympathie, und Liebe lediglich durch ihren Busdruck zu vermitteln verstehen. Ich weih es nicht. Tatsächlich, je mehr Jahre hingehen und je länger ich das Tierleben studiere, desto mehr staune ich über die Zahl der Dinge, deren Ursachen mir wie jedem anderen unbekannt sind, wenn wir auch die Tatsachen als solche wohl kennen Die ®°he'wmsse der Natur bleiben Geheimnisse. Wir mögen eine noch so große Reihe von Tatsachen studieren und untersuchen und wissen; fragen mir aber nach dem Wie und Warum, bann stellt sich alsbald heraus, daß nur geringe Kenntnis und viel Staunen unser Teil ist und bleibt.
Um aber zu den Pinguinen und ihren Feinden zuruckzukehren, so habe ich mir als letzten den ausgespart, dessen Wirken aus diesem Ge- biet ich am tiefsten verabscheue: den Menschen. Der Pingmn dient nicht zur menschlichen Ernährung; dennoch sind beträchtliche Mengen dieses schönen und interessanten Vogels in Netzen gefangen worden zu.demi — sicherlich unwürdigen — Zweck, bas Pinguinfleisch als Koder für Fluß-
Jch^ muß "sagem^ daß mich Empörung ergreift bet dem Gedanken, daß aus einem so unzureichenden Grunde ein besonders reizvoller Vogel bingemorbet worden ist. Zu meiner großen Freude aber kann ich zugleich berichten, daß die menschlich empfindende Regierung von Südafrika jetzt dieser Tätigkeit ein Ende bereitet hat Ich wünschte, alle Regierungen zeigten ebensoviel Interesse an der Erhaltung wildlebender Geschöpft!


