Ausgabe 
24.12.1937
 
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rollen, das Ausstechen, das Kniffen und Bestreichen des Randes. Vater selbst fachte mit dem alten Blasebalg die Holzkohle auf dem schwarzen Blechöfchen zur richtigen Glut an, und wir andern liefen mit rotentzün­deten Augen und zuckertrockenen Kehlen herum, uni) er mußte uns die Tür öffnen, wenn wir einen neuen Satz zu den Pfefferkuchen ins Kalte trugen denn wie kann man mit solch klebrigen Händen eine sesttags- blanke Messingklinke öffnen?

. Ganz spät folgten wir dann alle der Mutter in den kalten Saal (immer hieß alles, was drei Fenster hotte,Saal" und war's auch hand­tuchschmal) und hielten die große Schüssel mit dem nach Rosen und Zitrone duftendenschlanken" Guß, wenn Mutter und nur sie ihn vorsichtig in die Herzen und Sterne füllte. Dann wurde die Tür ab­geschlossen,damit es recht kalt bleibt", und erst nach drei Tagen ging die Mutter wieder hinein, dick verpackt wie zur Schlittenfahrt, mit einer knatternd reinen, weißen Schürze, und ich kam mir schon beinah erwach­sen vor, als ich zum erstenmal mit ihr hineinging und ihr die Gläser mit den eingezuckerten Hagebutten und Berberitzen, die schwarzen Wal­nüsse und gelben Apfelsinenscheiben zureichen durfte alle selbstkan­diert", und die süßen, grünen Schabbelbohnen, die ich vom Konditor geholt hatte. Davon legte Mutter mit einer kleinen Bronzegabel und dem Randzängelchen die allerschönsten Muster auf den erstarrten Zuckerguß. Bei einem großen Herzen, das eine Rose aus gefärbtem Kürbis erhielt, lachte sie leise. Da wußte ich, das war für meinen bunten Teller und sah es schon vor mir auf der Apfelsine neben dem silberblank eingewickel- ten Kräuterkäschen, das nur ich erhielt! Und dahinter den Wachsstock und die kleine Flasche mit Kölnischem Wasser und bunte Fausthand­schuhe!

Wie ich bann weggeschickt wurde, um den Zuckerguß dicker zu rühren und mit Kirschsaft zu färben für die kleinen Pralinen (die Mutter in dem Kakaoguß rollte, der über den Feueraugen des Petroleumkocherchens duftete, und die bann wie kleine schwarze Zwergregimenter aus ben Pergamentbögen standen) da fand ich mich nicht aus dem Saal fort. Ich rückte das Fußkissen, auf dem ich Sonntags neben dem Klavier kauerte, dicht an Mutters Stuhl, sie legte die Zange fort, und wir begannen uns beide von Weihnachten zu erzählen: ob der Baum fo groß sein würde wie im vorigen Jahr, ob ich noch bunte Lichter wollte oder gelbe (gelbe!), ob die kleinen roten Aepfel auch reichen mürben und ob wir's abpassen könnten, ihn gerade anzustecken, wenn die Musik durch unsere Straße tarn und blies Und auf einmal fangen wir beide es, bas alte Lieb, ben Choral unserer Stadt, der nur an diesem Abend, nur wenn der Baum brennt, durch Königsberg klingt:Bom Himmel hoch, da komm ich her!"

Eisig war's, der Ostwind heulte, aber wir waren heiß vor Glück und Eifer und hörten es nicht, daß die Flurtür ging und die Tür zum ver­schneiten Balkon und schwere Stiefel trappsten und etwas facht rauschte. Aber dann kam vom Flur, ganz leise und süß, Vater Amselpfisf und nun Tannenduft frostkalt und herb und berauschend.Der Baum!" sagten wir beide zugleich. Aber Mutters Hand, duftend nach Rosenwafser und süß von Zucker, legte sich auf meinen Mund, und wir lachten uns an, als noch einmal und ganz leise nun Vaters Pfiff uns sagte, daß er dem Weihnachtsman begegnet wäre dem guten, guten Alten im schnee- funkelnden Pelz!

Es ist ein Ros entsprungen.

Volksweise.

Es ist ein Ros' entsprungen. Aus einer Wurzel zart. Wie uns die Alten fungen, Von Jesse tarn die Art, Und hat ein Blümlein bracht. Mitten im kalten Winter, Wohl zu der halben Nacht.

Das Blümlein, das ich meine, Davon Jesaja sagt, Hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd: Aus Gottes erogem Rat Hat sie ein Kind geboren Wohl zu der halben Nacht.

Das Blümelein so kleine, Das duftet uns so süß, Mit seinem hellen Scheine Vertreibt's die Finsternis. Wahr'r Mensch und wahrer Gott Hilst uns aus allem Leide, Rettet von Sünd und Not.

O Jesu, bis zum Scheiden Aus diesem Jammertal Laß dein' Hilf' uns geleiten Hin in ben Freubensaal In beines Vaters Reich, Da wirb bich ewig loben; O Gott, uns bas verleih!

Christrose.

Von Friebrich Schnack.

Die Christrose ist ein Kinb ber Berge, bas in bie Gärten der (Ebene hinunterstieg. Die weiße Blume zur weißen Zeit, blühend in ben Mo­naten November bis April, streckt ihre edlen Blatthände aus dem Schnee, an einen Pflanzengeist gemahnend, der aus der Unterwelt in den Erden­tag herauslangt. Der griechische Märchenerzähler sagt: sie sei der Seelen­bote des vom Herrn des Totenreichs geraubten griechischen Mädchens Persephone. Durch die Blume grüße die Entschwundene die oberirdische Heimat. Blumenlos und traurig sitze sie im Schattenland, das ohne Farbe und Duft ist, wo keine Biene summt, kein Schmetterling gaukelt, uni) gedenke der sremden Wälder und Felder, des Vergißmeinnichts an den Bächen, hes Knabenkrauts auf den Wiesen und der hochlodernden Königskerze am Hang, die im Frühling und Sommer ihre Augen im Tau und Licht baden.

Die christliche Legende hat der schneeweißen Blume Heiligkeit zu­gesprochen, weil sie zur heiligen Zeit blüht, in den Weihnachtswochen. Die feierliche Blume aus dem Geschlecht der Hahnensußgewächse schmückt den Weihnachtstisch des Aelplers. Die nickende Blüte, keusch und rein wie Schnee, heißt deshalb auch Weihnachtsrose oder Christwurz. Der Aelpler pflückt sie auf feinen Bergen am Saum der Tannenwälder, wo sie zum Winterbeginn ihren weißen Stern entfaltet. Ihr Strahl wirkt kühl, die Gestalt vornehm und herb. Ihre Nerven sind gehärtet. Die Pflanzenseels scheint unnahbar. Das Feuer des Sommers flutet nicht in ihrem Geäder, In der reinen und einsamen Höhe erträumt sie sich einen Winterfrühling.

Versinnbildlicht sie nicht das Geheimnis der Geburt mitten im Win­ter, wenn die Sonne der Erde am fernsten steht?

Erfüllt ihr Anblick nicht das Herz mit zag keimender, allerfrühester Hoffnung?

Umfangen von Tod und Kälte, fröstelnd im Hauch der eisigen Gipfel, vor denen der Himmel erschauert, schimmert ihr Blumenlicht. Die Wälder stöhnen, Eishaar hängt von den Aesten, Kristalle und gläserne Zapfen funkeln im Gezweig, schneeverwunschen liegen bie Pfade, auf seiner Eisorgel spielt der Bevgbach. Flöten von Eis scheinen den Wunderklang der Weihnachtsmette anzustimmen, während die Christrose den silbernen, Bergaltar ziert.

Diese weihe Blume und Wunderrose wie gerne hätte sie Sibylle, meine junge Blumenfreundin, in unseren Wäldern gefunden! Aber ber, Engel ber Winternächte, bie den Christwuvz auf den Bergen ausfäten, haben die Wälder unserer Gegend nicht so reich und heilig beschenkt. Bei uns kommt sie im Freien nicht vor. Wollten wir sie besuchen, müßten wir in ihre Wildnis reifen, zum hohen Untersberg, zur Benediktenwand, zur Eiskapelle bei Sankt Bartholomä am Königssee. Dort ist sie daheim, auf steinigen, bebuschten Steilhängen, an den Waldrändern in Tannen- unb Fichtenwaldungen. Sie ist kalkliebend. Bei uns blüht sie nur in den Gärten. Unser Nachbar, der alte Schuldirektor, hat sie in seinen kleinen Hausgarten gesetzt, zur (Erinnerung an seine einstigen Berg­fahrten und an die Landschaft des Salzkammevgutes.

Wir blicken durch den Zaun und betrachten die Blume im Schnee» Ihre fpaltigen Blätter sind überftodt. Ihr Bildnis rührt uns. Wie ruhig und zufrieden sie blüht! Sie hat sich schön gemacht, nun ist Weihnachten. Aber ihre weihen Blumenblätter sind keine echten, es sind Kelchblätter« Schaublüten, Fassungen für die echten Blüten, die kleinen gelblichgrünen, röhrenförmigen Blumenblätter im Innern der Schneerose. Manche dec weißen Kelchblätter sind auf ihrer Außenseite mit einem rosaroten An­flug überzogen, wie wenn die Kälte ihnen die Blattwänglein gerötet hätte. Die Runde der Jnnenblüten sondert aus ihren am Grunde der Röhren liegenden Nektardrüsen einen süßen, doch giftigen Honigseim ab. Zahlreiche Staubgefäße entspringen den kleinen Blüten und schwingen gleich Ministranten den Weihrauch chres Blütenstaubs, anbetend die sieben Wunden der Narben. Wenn sich die leberartige Samenkapsel bilbet, fallen die weißen Blumenblätter nicht ab. Sie wiegen bie Frucht in ihrer Blattwiege, entsagen dem jungfräulichen, schneeigen Schein und werden grün. Sie haben nicht länger die Aufgabe, nach außen zu wirken, son­dern müssen jetzt nach innen tätig sein, in das Pflanzenblut' sie arbeiten fortan an ber Bereitung bes Chlorophylls mit, des Blattgrüns.

Der Christwurz ist von Dauer. Mit jedem Winter treibt der dünne, ästige Wurzelstock neu aus. Er hat die Farben der Schwarzwurzel und wird beim Trocknen noch dunkler schwarzer Nieswurz, Helleborus niger, heißt er auch. Sein Kern aber ist schneeweiß. Das Wurzelsleisch ist giftig, von brennendem Geschmack. Die Gebirgsbauern pulvern die getrockneten Wurzeln und schnupfen bei Katarrh das Mehl, das heftiges, angeblich befreiendes Niesen verursacht. Daher der Name Nieswurz. In dem bekannten Schneeberger Schnupftabak aus der Stabt Schneeberg im Erzgebirge soll es enthalten fein. Wichtiger ist die Anwendung ber heil­kräftigen Wurzel in der Homöopathie. In Form von feinen Tinkturen und flüssigen Gaben empfiehlt diese Heilweife die Wurzel bei Gehirn­erkrankungen, geschwächter Herrschaft des Geistes über den Körper und bei schweren Gemütsverstimmungen auch bei melancholischen Zustän­den junger Mädchen in der Entwicklungszeit. Die Heilgewalt der dem Lichten und Weißen zugetanen Pflanze klärt das über Geist und Seele lagernde Gewölk und zerstreut die Schatten des Gemüts, so wie sie selbst durch ihre helle Blüte und Lebensoffenbarung in der Winterzeit den Gram der Welt und den Tod des Lichtes überwindet.

Saftreich and voll Süße find ihre Nektargefäße. Wenn an erften warmen Vorfrühlingstagen die Bienen und Hummeln hungrig erwachen und zu frühen Flügen umherftreichen, finden sie auf den besonnten Berg- Hängen der Alpenlandfchast die anlockende Blume und ihre gefüUten Krüge.

Wie fei es nur möglich, meint Sibylle, daß sie am Gift der Pflanzs nicht den Tod fänden?

Ich antwortete ihr mit einem alten Satz:Der Arzt und die Biene ziehen aus ber Pflanze das Gesunde und Heilsame!"