SügenMck erwachend, sby sch, daß Trn Ofen bereits Feuer bfimnle, grätig mit einem Satz aus dem Bett, nahm den Rest von Wachs, der auf dem Gesims lag, und kauerte mich in den Feuerglanz, voll Glauben, daß mir als Wachendem gelingen müsse, was ich eben im Schlaf so vor- tresslich gekonnt hatte. Noch spürte ich die formenden Bewegungen des Traumes in den Fingerspitzen, aus dem Ofen drang starke Wärme, die den Stoff erweichen half, und was in wenigen Minuten zustande kam, war gerade kein schönes, aber doch ein deutliches und angenehmes Gesichtchen; ich brauchte nur den Kopf mit etwas brauner Wolle zu umgeben, Augen, Lippen und Nasenlöcher anzuzeichnen und die Wangen mit zwei Tröpfchen roten Weins zu färben, so konnte es für einen jugendlichen Hirten wohl hingehen.
Ich weckte Bater und Mutter und holte am Nachmittag auch Eva herbei, um ihr den ersten selbsterschaffenen Menschen zu zeigen, den ich als den meinen anerkannte. Sie sand ihn nicht übel; nur Kleid und Hut schienen ihr zu mißfallen, sie ordnete lang daran herum, nahm dann Faden und Nadel und hatte bald alles mit solchem Geschick zusammengelegt und geheftet, daß ich nicht anders konnte, als es loben. So war mein Borsatz, alles allein zu tun, lieblich durchbrochen, und künftig sträubte ich mich immer weniger, Hilfe von anderen anzunehmen.
Weihnachtsabend.
Bon Agnes Miegel.
In Dunkelheit und Wind verschwebt ein Glockenklingen.
Horch, lachte nicht ein Kind? O heimchenzartes Singen! Bon meines Nachbars Haus, wie strahlt der kerzenhelle Funkelnde Baum hinaus! Auf der vereisten Schwelle
Liegt noch ein Tannenzweig. Leis hebe ich ihn auf.
Wie steigt erinn'rungsreich sein Waldduft zu mir aus. O du, der uns bewacht, steh' in der dunklen, stillen. Der heil'gen Weihnachtsnacht mein Volk voll gutem Willen.
Geschwisterlich vereint in deinem Lichte stehend.
In ihm, das uns durchscheint, die Not des Nächsten sehend.
In Winterdunkelheit voll Krieg, Haß und Beschwerden,
Zu dienen ihm bereit, voll Glaube neuer Zeit, daß Friede wird auf (Erben!
Königsberger Weihnachtserinnerungen.
Von Agnes Miegel.
lieber den alten Obstgärten draußen liegt trübe, blaugraue Nebeldämmerung, als wollte die Sonne heute nicht mehr vorkommen — aber um so heller und wärmer strahlt vor mir die dunkelgelbe Wachskerze, «in süßer Duft von Sommer und Honig steigt zu mir empor und ein ersten Spürchen Tannenduft von dem Adventszweig, einem wirklichen Tannenzweig, nicht einem Fichtenzweiglein, wie es sonst der Weihnachtsbaum meiner Heimat ist. Es tut gut, ihn an die goldne Flamme zu halten, dieser blaue Qualm weckt alle frohen weihnachtlichen Kindheitserinnerungen in mir.
Jahrüber schlafen sie in einem gläsernen Schrein im grünen Wald, wie Schneewittchen — aber in der ersten Adventswoche erwachen sie, zugleich mit der Freude, die zu dieser Zeit gehört und die so groß ist — nein, mit jedem Jahr größer —, daß auch Abschied, Schmerz und Tod in ihrem Glühn das Schwere verliert — nichts bleibt als das Glück, Liebe besessen zu haben und Erinnerung, strahlend wie ein Weihnachts- baum.
Es gab in meinem Elternhaus — und in unserer ganzen, altmodischen Stadt — in meiner Kinderzeit noch nichts von jener Verniedlichung, die geschäftstüchtige Leute so gern dieser Zeit gaben, deren Innerlichkeit sie nicht mehr begriffen. Daß wir damit auch viel Schönes entbehrten, fühlten wir nicht, denn wir kannten hier oben weder Adventskranz noch Adventsbäumchen. Von dem ersteren hörte ich einmal durch Schulkameradinnen aus dem Fränkischen, die uns erzählten, wie sie darunter daheim ihre Adventslieder gesungen hatten. Und das erste Adventsbäumchen sah ich bei einer sehr geliebten Patentante, die es als schönstes Reiseandenken von einer Verwandtenfahrt nach Westdeutschland mitbrachte.
Dafür hatten wir eine kleine Kerze, die vom ersten Adventstag an ganz leise und still brannte, so wie dies Weihnachtslichtchen jetzt neben mir, und bei feinem Schein lasen wir uns früh den Adventsspruch des Tages vor, der auf einem kleinen goldumränderten Stern in schöner Schrift gedruckt war und besinnlich und feierlich uns durch den Tag geleitete. Am ersten Adventssonntag sagten wir unsere Wünsche, groß und klein. Das Schreiben eines Wunschzettels war nur eine Sache ganz kleiner Leute, die noch nicht recht wußten, was man dem Weihnachtsmann alles zumuten kann. Denn es war und blieb der Weihnachtsmann, auch als man schon längst wußte, „daß es sowas gar nicht gab", wie die lieblose Ausgeklörtheit altkluger Schulgenossen es uns zuschrie, was uns ermunterte, und sozusagen nun nochmal gegen uns selbst an ihn zu glauben. Es war sehr schwer, ihm zu sagen, was man wollte, man wand sich in einem Gewissenskarnps zwischen Begier nach dem großen Gas- gummibalt ober einem neuen Kochherd oder den Puppen für den „Frei- chiitz" (samt Blitz und Donners und dem Bangen, allzu unverschämt vor hm dazustehn — da er sowieso eine Neigung hatte, bloß Nützliches und ich Bewährendes zu bringen! Man mußte sich doch seiner Gaben wert erweisen, und denen, die sie anvertraut bekamen, auch unsererseits was schenken. Da sah man denn und stöhnte vor Anstrengung und Eifer, fertig zu werden und stickte an den Dingen, die man selbst — ganz
äflelnT — km Fröbel-Vazär für das Geld In dem perlmutternen, rol« gefütterten Portemonnaiechen („Andenken an Cranz") erstanden hatte. Es war so anstrengend, und besonders das Einfädeln der immer bauen« laufenden bunten Wollsäden war sehr schwierig, aber dafür malte man sich die ganze Zeit aus, wie!!! sich die Mutter freuen würbe, wenn sie diesen Pantoffel aus Silberpapier mit dem hellblauen „Helene" übertn Bett haben würde und ihre kleine runde Uhr darin sicher für die Nacht geborgen wüßte! Der Vater bekam einen Kalender, den man selbst noch mit Goldbronze — in einer Muschel mar sie und man durste ja nicht dran lecken, sonst starb man gleich auf der Stelle und würde nicht mehr zum Backen da sein —, also den man selbst damit so prächtig verzieren konnte, was noch viel schöner war als die Nüsse „ausfrischen". Hier lieh man den Pinsel so recht in der Muschel hin und her fahren! Es waren zu schöne Geschenke und entsetzlich schwer, daß man davon nichts erzählen durste. Aber so abends, beim Gutenachtsagen nach dem Beten, da zog man die Mutter noch mal rasch zu sich — wirklich, es lag ein ganz roter Weihnachtsbaumapfel unterm Kopfkissen und sie nahm auch einen Bissen davon, einen ganz kleinen, bann sagte man: „Du bekommst so was Schönes zu Weihnachten — rate doch, womit es anfängt!" und gleich platzte man noch heraus: „mit P!I" Dann erschrak man und sagte: „Du muht das aber bis Heilig Abend vergessen", und sie mußte es ganz gewiß versprechen. Dann kam immer die große Frage: „War ich artig?“ Denn wenn ich das war, bann kam die Erlaubnis, „helfen" zu bürfenl
„Helfen" war immer bas Schönste, aber biefes war eine ganz große jahrüber erfebnte Belohnung! Denn es meinte, daß ich bei dem Pfefferkuchen- und Marzipanbacken dabei sein durste.
Der Psefserkuchenteig für die großen Kuchen stand schon feit dem September-Neumond in einer großen, gelben, irdenen Schüssel, mit schneeweißem Tuch zugedeckt, auf dem Schrank in dem dunklen Durchgangszimmer. Er „verrußte" sich, und erst wurde an dem Adventssamstag, wo man ihn weckte, feierlich das weiße Leintuch abgehoben und dann die dicke Schicht Mehl, die wie Schnee über der lehmgelben, zähen, honigduftenden Teigmasse lag. Die wurde dann gewalkt und gebreitet und gerollt und geschnitten. Wir hatten alle (ich auch!) hoch aufgekrempelte Aermel und große Schürzen um — es war ein Glück, daß die Großmutter so viele auf dem Hof gewebte Schürzen mitbekommen hatte, daß sie immer und unverwüstlich für uns alle reichten. Der Schnitt von 1855 war so gut, daß er immer aß. Alten und Jungen. Also da standen wir, und erst guckten wir bloß andächtig zu, wie Linas feste Arme den schweren Teig kneten, und rochen selig Honigdust und den Geruch von Kien und Torf. Aber dann bekam jeder sein Amt: Zuckersieben und Mandelschluppen, Zitronatschneiden und Blechformen bereit legen: die Kataschinchenform, den Stern, den Halbmond, die drei Herzen. Und wenn dann die ersten drei großen Pfefferkuchen auf den Blechen lagen und wie alle von dem Pottaschegeruch niesten — dann tarnen die „seinen“ Kuchen dran, und da wurde Zucker mit Honig und Honig mit Sirup geläutert, da duftete es nach Rosenwasser, nach Mandeln, nach siedender Butter und kleingehackter Pommeranzenschale für die aus langen dünnen Rollen zierlich geschnippelten Pfeffernüsse —, in die immer noch wirklicher Pfeffer kam, zur Aufmunterung der überirdisch duftenden, von dem Vater selbst („Frauen wissen nie, was ein Gramm ist!") auf der kleinen Hornwaage abgewognen Gewürze, die ich! in dem alten glänzenden Messingmörser stampfen und in den heißen Teig schütten durfte. Es kribbelte in der Nase, es roch verlockend, aber man hatte nicht mal Zeit zum Schlecken, so eilig ging es nun zu: der Ofen glühte, es glühte die Küche, der Schneesturm stieß in den Rauchsang, wir traten uns die Hacken ab vor Eifer, wir rollten aus, wir pinselten mit Rosenwasser, wir legten die uralten Sternchenmuster auf den glänzend braunen Teig, wir mischten Gänseschmalz mit Korinthen und Kakao für bas letzt« Meisterstück, die „Bombe" (viel schöner als die Liegnitzer!), und die Tanten gingen herum (in der kühleren Nebenstube oder dem Flur) und rührten den Guß. Denn keiner konnte den Schokoladenguß so abpassen wie Tante Ufche, und Tante Lusche verstand es, den rosawasserduftenden Zuckerguß für die kleinen, rechteckigen „Holländer" (die nach unserem wunderhübschen Städtchen Preußisch-Holland heißen) so zu rühren, daß er fest und glatt war wie der befrorene Schloßteich. Dabei fangen beide leise, glockenrein und heimchensüß „Ihr Kinderlein kommet —" das Weihnachtslied, das sie gelungen hatten, wenn sich einst die tannenumflochtene Pyramide stammend gedreht hatte —, und wie die beiden lieblichen, alten Stimmen fangen, fielen wir alle ein, und bann kam „Stille Nacht" und bann „O bu fröhliche" unb „Kommet ihr Hirten" unb „Es ist ein Rost entsprungen" — bi-efe beiben waren neu, ich hatte sie aus bem Kinber- gottesbienft mitgebracht. Sie sind immer noch für mich mit der Winter- abcnbbämmerung draußen und dem blassen Schneelicht, mit dem dunklen Orgelchor und dem geheimnisvoll unter den Säulen herauffunkelnden golbnen Altar unseres Doms verbunden. — Ach, es war zu schön, alle Weihnachtsfreude in diese Lieder zu legen, wir fangen, heiser von Hitze und Zuckerdunst, bis tief in die Nacht. Das Abendbrot war sehr eilig und bestand aus einem rasch gegessenen Schmalzbrot und gewärmtem Kaffee (der sehr wenig Bohnen, aber sehr viel Zichorie gesehn hatte!). Aber wie froh ging man zu Bett, wenn dann in der eisig kalten guten Stube alles ausgebreitet lag und durchs ganze Haus duftete unb jeder von uns einen Schmeckhappen bekam, den Lina und Mutter erst sorgfältig krümelten und mit allen vorigen Weihnachtsbäckereien verglichen, ehe sie ihn stolz und genießerisch aßen!
Es war eine recht kurze Nacht, denn erst wurde alles noch weg- geräumt — der Sonntag stand ja schon ganz im Zeichen der Vorbereitung fürs Marzipanbacken. Dazu traten alle Tanten und Basen an zum Helsen — so wie ich später dazu ging. Am ersten Advent hatte Vater (er war dem Weihnachtsmann begegnet, wir hörten es an seinem amsel- hellen Pfeifen) uns eine kleine Schachtel „Teekonsekt" vom besten Konditor mitgebracht, und jeder bekam ein Stückchen davon „zur gefälligen Richtschnur" für unsere Marzipanbäckerei. Was die bedeutet, weiß nur ein Königsberger Kind! Wir waren ganz aufgelöst vor (Eifer unb Eile, rasch, rasch! mußte es gehn, bas bretfadje Reiben der zarten Manbeln, bas Sieben des Puderzuckers, das Tropfen des Rofenwaffers, das Aus-


