Ausgabe 
24.12.1937
 
Einzelbild herunterladen

GiehenerKmilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |95Z Freitag, -en 24. Dezember Nummer 100

Deutsche Weihnacht.

Dom Robert Hohlbaum.

Nicht Palmen fächeln deiner Mutter Weh, in Tannenwipfeln rauscht der Winterwind, nicht Engelchöre tönen: Kyriel nur deutsche Hirten singen: Schlaf, mein Kind!

An deiner Wiege wachen Roh und Rind, vertrauten Sinnes äugen Hirsch und Reh, allen, die reinen Sucherherzens sind, weist treu ein Licht den Weg durch hohen Schnee.

In fremden Lande warst du uns verloren, in deutscher Weihnacht wirst du neu geboren, die stillen Friedens unser Herz berührt.

Und über unsres Leids verschneiten Wegen strahlt klar und hoch des alten Sternes Segen, der uns in deine tiefe Reinheit führt.

Oie Krippe.

Erzählung von HansCarosja.

Warum haben wir Freude an dem Knaben, der eigenwillig Werk auf Werk unternimmt, bald ein Haus, bald ein Schiff, bald eine Brücke baut, aber dem Fertigen keine Treue hält, sondern es gleich wieder zerschlägt und Neues unternimmt? Wir freuen uns, weil wir den treuen Sinn dieser Untreue ahnen. Wir glauben an den immer werdenden, immer sich erbauenden, immer erscheinenden Geist. Er schlüpft in manches Gespinst und belebt es nach seiner eigenen Figur, um unbeirrt eine Strecke zu wachsen. Ist dies geschehen, ist der neue Stonb erreicht, so zieht er sich aus dem Sinnbilde seiner letzten Entwicklung zurück, zerstört es wohl auch und verwandelt sich in das nächste. Das Krippchen wuchs langsam. Ein breites Fenstergesims war mir überlassen; aber eine Woche verging, und immer lagen dort erst ein paar Hölzer und Stäbe, etwas Moos und jenes flimmernde Granitstllck, das ich im Glauben an seinen uner- mehlichen Wert beim Umzug aus Königsdorf mitgenommen hatte.

Nach langem Brüten fiel mir ein, dah vor allem Himmel und Gebirg entstehen mühten. In einem Schrein der Mütter befanden sich arohe Bogen feinen Papiers von einem durchscheinend lichten und fernen Blau, damit schlug ich den oberen Teil des Fensters aus und schuf eine heilige Düsternis, welche tief unten durch blaugraues Pappegebirg zu hinter­gründiger Nacht verdichtet wurde. Körperhafter waren die Vorberge: verhärtete Baumschwämme, auf denen schon Häuschen und Bäumchen an­gebracht werden konnten. Mitten unter den Schwämmen stand der Gra­nit- in diesem sah ich Len Schwerpunkt und magnetisches Geheimnis der Landschaft, was ich aber niemand verriet. Schmater Wald aus kleinen Föhrenzweigen bedeutete den Uebergang vom Höhenlande zur Ebene. Um einen würdigen Boden zu bereiten, löste ich vom feuchten Holze, das die Magd zum Öfen schleppte, die Rinden ab, machte sie flach und legte sie nebeneinander. , m . .

Roh gefügt standen auch Stall und Krippchen bald im Vordergründe; nun aber stockte die Ausführung, es fehlte viel, was nicht so leicht zu beschaffen war. Und nun begann ich mit behaglicher Wut elsternhaft alles heimzusammeln, was ungefähr nach meinen Zwecken aussah: Scherben, Kiesel und bunte Stoffe, ja, ein Bauernjunge, der in der Schule vor mir saß, mußte sichs gefallen lassen, daß ich seiner dicken, schwarz und rot gestreiften Winterjoppe entzupfte, was an farbiger Wolle nur heraus­zubringen war. Da er sich verwundert umdrehte, flüsterte ich ihm zu, daß das Tröglein des Christkinds damit ausgepolstert werden solle; gut­mütig lieh er sich weiterzausen, ja brachte mir am nächsten Tag einen bläulichen Häherfittich, damit, meinte er, sollte ich die heiligen Könige ausputzen. Woher ich Könige, woher ich überhaupt Figuren nehmen sollte, wußte ich nicht, vertraute aber, daß sie zur rechten Zeit schon kommen würden. Abbildungen auszuschneiden und an Brettchen geklebt aufzu­stellen, hatte die Köchin geraten und mich damit sehr beleidigt. Denn nach leibhaftigen Gestalten verlangte mich, nicht nach bemalten papierenen, die mich in Verlegenheit brachten, wenn jemand sie von der Seite oder von hinten betrachten wollte. Von nun an wurde ich mißtrauisch gegen fremde Hilfe, und wenn mir jemand seinen Rat aufdrängen wollte, zog ich einfach die großen gelben Fenstervorhänge hinter mir zusammen und machte Werk und Werker unsichtbar. . ,

Sobald aber der Geist auf ein Ziel gerichtet ist, kommt ihm vieles entgegen; ferne Gedanken und Sachen entlausen ihren Gefügen und eilen

ihm zu. Plötzlich fielen mir die Pflanzen ein, die namenlos in der Gartenecke standen; ich lief hinab und sah, daß sie noch grünten; hatte ich ihnen doch gleich etwas Winter-Ueberdauerndes abgewittert. Die Schäfte waren stärker, die Blätter gestreckter, die Kerzen zu augenartigen Wülstchen geworden, die Palmenform unverkennbar. Es hielt nicht leicht, sie samt ihren Wurzelstöcken aus dem gefrorenen Boden zu graben, aber wie heilig fremd machten sie mir dafür meine Landschaft!

Am andern Morgen kam jener verunglückte Bauer, um dem Vater die Rechnung zu bezahlen, zeigte den gesundeten Arm, rief mich herbei und stellte ein Leiterwägelchen mit Plachendach auf den Tisch, dazu die schönsten holzgeschnitzten Schäfchen, Pferdchen und andere Tiere.Es ist für die heilsame Haut", lachte er und klopfte mir die Schulter; ich aber nahm die ganze mit eigenem Fleisch und Blut erkaufte Pracht und stellte sie guten Gewissens im Krippchen auf.

In einer Legende war vorgekommen, daß bei der Geburt Jesu der böse Feind aus Wut und Schrecken über das nahe Ende seiner Herr­schaft sich winselnd und heulend in den hintersten Höllenwinkel ver­krochen habe. Dies war bildhaft einleuchtend. Ich besaß einen hölzernen Kasperl; nichts war leichter, als einen Teufel aus ihm zu machen, und dabei kam Freundin Fledermaus, die nun schon so lange nutzlos im Spiritus schwamm, zu hohen Ehren. Stracks wurden ihr die Flügel ab­geschnitten, die guttaperchadünnen Flughäute so weit wie möglich aus­gespannt und an Satans rotes, aus Zaubermantelsresten zusammen­geflicktes Kleid genäht, das übrige Tier aber, das jetzt nur noch eine gemeine Maus war, verbrannt. Unter dem Fensterbrettchen war zum Auffangen des Regenwassers ein Blechkästlein in die Mauer eingelassen, das man an einem Porzellanknopf herausziehen konnte, wodurch ein unheimlicher dunkler Schacht entstand. Hierher wurde der Erzfeind ver­wiesen; hier krümmte er sich vom Glanz des Heils zur Finsternis hin­weg und grinste mit geröteten Augen und spitzer Scharlachzunge nach oben.

So lebte denn der Böse; die Guten aber und das göttliche Kind, wo war ein Stoff zu diesen? Daß die lieblichen und ernsten Gesichtchen in der Kirche aus Wachs bestanden, wußte ich und ließ mir nun von der Mutter das reine Bienenwachs, das Geschenk der Nachbarkinder, aus- händigen; und es schien mir für Jesuskind, Maria, Joseph und die Könige gerade hinzureichen. Eines Tages wagte ichs und versuchte das Antlitz Marias zu formen, das mir unsagbar heilig vorschwebte. Nun aber brachen schreckliche Stunden herein. Zwar war ich nicht ungeschickter, als ein Neunjähriger fein darf, und was unter meinen Fingern wurde, gemahnte wohl ungefähr an menschliches Gesicht; von der Holdseligkeit jedoch, die mich an den Vorbildern entzückt und erbaut hatte, gewannen meine Geschöpfe keinen Hauch. Zuerst bemerkte ich mit Krimmer, daß das Wachs nicht lange sein zartes Weiß behielt, sondern mehr und mehr zu bleichem Grau verkam. Was mich aber wie Gegenwirkung einer feindlichen Gewalt entsetzte, das waren die niederträchtig häßlichen Ge­sichtszüge, mit welchen meine Püppchen mich anschielten, ich mochte mich stellen, wie ich wollte. Je mehr ich eiferte, ihnen ein frommes, anmutiges Wesen zu verleihen, desto mehr entarteten sie mir unter der Hand zu Hexen und Galgenvögeln. Auf einmal warf ich die sämtlichen begonne­nen Köpfe zu Boden und Hub ein solches Toben und Weinen an, daß erschrocken die Mutter hereinlief. Sie sah, daß mir Blut von der Schläfe herabrann und fragte, was das bedeute. Nun merkte ich selber erst, daß ich mich in meiner Wut mit den Nageln aufgekratzt hatte. Ich antwortete nicht, stand auf und überließ mich aufs neue meinen Tränen. Sie fragte nicht weiter. Die mihgeformten Larven, die sie Herumliegen sah, gaben der Kundigen Auskunft genug. Sie nahm einige der unseligen kleinen Häupter zur Hand, betrachtete sie lächelnd, legte sie wieder fort und wusch mir das Blut vom Gesicht. Hierauf fragte sie, wie ich mit meinen Schulausgaben stände. Als sie merkte, daß ich an diese trotz der späten Stunde noch gar nicht gedacht hatte, rief sie mir zu:

Es ist eine heilige Zeit! Sei fleißig in der Woche, so wirst du am Sonntag Freude haben!" und verließ das Zimmer.

Wie eine Verheißung hatte das geklungen; ich fühlte jäh die innigste Gewißheit, daß etwas für mich geschehen werde, und wandte mich ge­tröstet meinen Büchern zu, spielte von nun ab auch wieder öfter auf der Straße und begnügte mich, meine Landschaft noch mit manchem auszustatten.

Aber die Woche war lang, und in der Nacht vor Mittwoch sah ich im Traum den Onkel Georg durch meine Schlafkammer gehen. Er hatte den Zaubermantel an, aus dem aber große Stücke herausgeschnitten waren. In der Hand hielt er eine der Porzellanschalen, worin mein Va­ter Salben zu reiben pflegte, kam damit auf mich zu und sagte:Bist du da, Figurenmeister?", nahm sodann zwei, drei Klümpchen eines rötlichweißen Gemenges aus der Schale, gab sie mir und befahl mir, ein schönes Kind daraus zu machen, worauf er sich durch die Türe hinausbegab. Ich drückte und knetete ein Weilchen an dem Zeug herum und hatte plötzlich ein wunderhübsches Männchen in der Hand. Im selben