Ausgabe 
24.9.1937
 
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Krammeisvögl.

Von Dr. Ludwig Gebhards

Wer weiß etwas von den Krammetsvögeln und ihrem Schicksal? Leider und Gott sei Dank heute eigentlich nur noch der Vogelkundige! Leider, weil die meisten unter uns aus unserer Vogelwelt kaum mehr kennen als Spatz, Amsel, Star und Buchfink. Gott sei Dank, weil die Krammetsoögel in unseren Tagen nicht mehr die recht beklagenswerte Rolle auf der Speisekarte der Feinschmecker spielen wie in früheren Zeiten. Richt allzu lange ist es her (die Aelteren unter uns wissen es noch), da sah man die kleinen Vogelleichen in den Wildbret- und Fein­kosthandlungen reihenweise an Schnüren aufgehängt oder in Kästchen zusammengepreßt. Tausende und aber Tausende wurden alljährlich ihres zarten Fleisches wegen auch in Deutschland verzehrt, so wie man Reb­huhn, Schnepfe oder Fasan sich heute noch gutschmecken läßt. Der Name Krammetsvogel war nur ein Sammelbegriff. Der von der Wissenfchaft so genannte Vogel ist eigentlich nur die Wacholderdrossel (Turdus pilaris). Für die Bratpfanne waren aber auch ihre Verwandten, die Sing-, M i st e l - und Schwarzdrosseln die begehrten Krammets- vögel. In den Kreisen der Jäger, Fänger, Händler und Käufer rechneten dazu ferner noch unser farbenprächtiger Dompfaff, unser liebliches Rotkehlchen und der zart rötlich-graue Seidenschwanz, der als nordischer Wintergast nicht jedes Jahr bei uns weilt. Alle die eben genannten Vertreter unseres gefiederten Völkchens sollen im Herbst durch den Genuß von Beeren ein besonders schmackhaftes Fleisch haben. Deshalb wurden sie, durch Lockvögel oder Ebereschenbeeren geködert, gerade zu dieser Jahreszeit das Opfer menschlicher List und Jagdgelüste. Die Netze der Vogelherde, die Bügel der Dohnenstiege und die Tücke der Leimruten beendeten das leichtbeschwingte Vogelleben der Ahnungslosen, die ein mächtiger Trieb nach der Sonne südlicher Breiten zog, und die größten­teils bei uns nur Durchzugsgäste aus nördlichen Brutgebieten waren.

Den Hauptbestandteil des für die Ruten benutzten Vogelleims lieferten einstmals die Beeren der Mistel. Diese Früchte frißt besonders gern die Misteldrossel, die mit einem Gewicht von 120 bis 160 Gramm die größte unserer Drosselarten ist. Durch ihren Kot trägt sie die noch keimfähigen Samen weiter. Sie liefert so einen ungewollten Beitrag zür Verbreitung der Schmarotzerpflanze und damit zum eigenen Unheil. Als bekannte Feinschmecker schätzten die Römer natürlich auch das Fleisch der Drosseln. Doch war es nicht nur der Drosselbraten, der die Gaumen der Alten kitzelte. Zu den begehrtesten Leckerbissen zählte die zarte Garten­ammer oder der Ortolan. In besonderen, nachts durch Lampenschein erhellten Vogelhäusern wurden die Tierchen mit Reis und Hirse gemästet. Dasselbe Verfahren soll noch um die Jahrhundertwende in fast allen Mittelmeerländern angewendet worden sein. In Massen wurden die Ammern eingefangen, feist gefüttert und dann in Fäßchen zu 200 bis 400 Stück mit Essig und Gewürz eingelegt. Aus Cypern sollen jährlich 100 000 derartige Fäßchen mit marinierten oder in Fett eingebetteten Ammerleichen versandt worden sein. Besonders berüchtigte Vogelfänger waren die Bewohner der Insel Capri. A. E. B r e h m berichtet in seinem Tierleben", daß man dort zür Zugzeit den Wachteln mit Schlinge, Netz und Falle nachstellte:Frühere Bischöfe, zu deren Sprengel das Eiland gehörte, hatten einen bedutenden Teil ihres Einkommens dem Wachtelfang zu danken. In Rom sollen zuweilen an einem Tage 17 000 Stück unserer Vögel verzollt w.erden!" Wie mag es heute in dieser Be­ziehung in den Ländern des Mittelmeeres aussehen? Wir müssen leider fürchten, daß es nicht viel besser geworden ist, trotz gesetzgeberischer Ver­suche. Das wird so bleiben, solange die Einstellung des Südländers zum Tier überhaupt sich nicht grundlegend geändert hat.

In Deutschland ist der Massenvogelfang zu Speisezwecken schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts immer mehr zurückgegangen. Der große Johann Friedrich Naumann, der Begründer unserer deutschen Orni­thologie, schreibt 1820, sein Vater habe schon in seiner Kindheit von alten Vogelstellern Klagen darüber gehört, daß diekleinen Waldvögel" immer mehr abnehmen. Er, der für seine wissenschaftlichen Zwecke alle Vogel­arten fangen und schießen mußte, findet diese Klage auf Grund seiner eigenen Beobachtungen berechtigt und fügt hinzu:Vor fünfzig und mehr Jahren gab es in einem kleinen Bezirke um meinen Wohnort (gemeint ist Ziebigk im ehemaligen Herzogtum Anhalt-Köthen) noch viele Vogel­steller, denen ihr Vogelherd den Herbst hindurch recht gemächlichen Unter­halt verschaffte; aber alle diese Herde gingen, da alle Jahr weniger Vögel gefangen wurden, nach und nach ein, so daß jetzt nur der meinige, in einem Umkreis von sieben Meilen, noch der einzige ist, welcher auch das Schicksal jener in kurzem erleben wird, da er durchaus nicht mehr die Mühe lohnt. Also scheint es doch, als wenn die Anzahl mancher Gattungen und Arten, wie z. B. die der Herdvögel, nämlich der Drossel­arten, Finken, Ammern u. a. m von Jahr zu Jahr geringer würde." Wir hören denn auch bald von Versuchen der Vogel- und Tierfreunde, dem althergebrachten Fang der kleinen Sänger ein Ende zu bereiten. Trotz allmählich einsetzender bundesstaatlicher Einschränkungen und Verbote gab es aber noch in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts Gegenden, in denen Singvögel massenweise in den Netzen der Fänger endeten. Man glaubte dort, ein altes geschichtliches Recht der Jägerei nicht willkürlich aufheben zu dürfen. Daher wendet sich z. B. der Ornithologe Karl Ruß in den sechziger Jahren mit Feuereifer dagegen, daß in der weiteren Umgebung von Leipzig immer noch während der Monate Sep­tember, Oktober und November schätzungsweise 1 200 000 bis 1500 000 Lerchen gefangen und alsLeipziger Lerchen" überall hin versandt wurden. Heinrich Seidel, der ein großer Vogelfreund war, in der Frage des Vogelfanges aber eine wenig'gefühlsbetonte Stellung einnahm, erzählt 1888 von den im Herbst in den Feinkostläden zu sehenden kleinen Kistchen,aus welchen die sauber gerupften Hinterteile fetter Lerchen hervorragen". Angesichts solch verführerischer Auslagen und Angebote

hält er den Kampf gegen den Vogelfang für ziemlich aussichtslos. Schließ­lich meint er, man müsse auch der Wahrheil die Ehre geben und emge- stehen daß die Lerchendelikat" schmecken. Wir dürfen uns indessen freuen, daß der Dichter sich hier geirrt hat: Seit 1908 darf in Deutschland kein Vogel mehr zu Speisezwecken gefangen werden. Der Vogelfang war aber nicht nur eine Angelegenheit gewerbsmäßiger Vogelsteller. Er war auch eine von Arm und Reich, Groh und Klein gern geübte Liebhaberei. Der Thüringer Vogelpastor Ehr. L. B r e h m gab daher noch 1855 em besonderes Buch über die verschiedenen Methoden des Fanges heraus. Sein großer Zeitgenosse Johann Friedrich Naumann rühmte 1820 das Anziehende dieser Ergötzlichkeit", tadelte aber scharf, daßviele Jagdliebhaber bloß zum Zeitvertreib und zum Vergnügen die unschul- digsten Vögel kaltblütig morden, ohne im mindesten einen Gebrauch davon machen zu können". Wer also für die Vogelleiber Verwendung hatte, wer sie verspeiste, hatte nach der Anschauung jener Tage durchaus das Recht zu Fang und Jagd. Johann Friedrichs Bruder, der herzogliche Förster Karl Andreas Naumann, wußte z. B. die von ihm geschossenen und gefangenen Vögel in seiner Küche mit vollendeter Kunst zu verwerten. Er war nach dem Urteil des Theologen und Ornithologen B a l d a m u s (des Biographen der Familie Naumann) vielleicht der größte aller Vogel­beobachter. Daneben aber besaß Ka l Andreas einen so verwöhnter Gaumen, daß er für seine gefiederte Beute eine besondere Systematik erdachte. Er teilte sie, wie er einmal seinem Jagdgenossen erzählte, ein in Herren-, Grafen-, Fürsten-, Königs- und Kaiserbraten. Die Krone der Kochkunst, in der zudem seine Frau Meisterin war, aber waren für ihn die Jägerbraten. Das waren nicht etwa Bekassinen, Schnepfen, Lerchen, Krammetsoögel oder Wachteln, sondern die Dlltchen, d. h. die Gold­regenpfeifer.

Im deutschen Schrifttum finden wir mannigfache Belege, die uns ahnen lassen, wie verbreitet die Neigung zur Vogelstellerei gewesen war. Bekannt ist die schöne Sage, daßHerr Heinrich", der König des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, in der entscheidendsten Stunde seines Lebens am Vogelherde saß. Von Goethe wissen wir, daß er dem Knaben August Kotzebue erlaubte, im Garten am Stern den Vogelfang in Sprenkeln auszuüben. Als der Dichter wenige Tage vor der Schlacht von Jena und Auerstedt beim Höchstkommandierenden des preußischen Heeres in Jena zu Gast war, wurden zur Mittagstafel gebratene Lerchen aufgetragen. M ö r i k e teilt uns imAlten Turmhahn" mit, daß der Pfarrer zu Cleversulzbach im Unterland einmal einen ganzen Samstag­nachmittag hindurch seinem Fritz einen Meisenschlag zimmerte. Gerade der Fang der munteren Meisen einige Arten dieses lebendigen Völkchens find eigentlich nur Federbällchen galt alsder angenehmste für den Vogelsteller". Das betont ausdrücklich Johann Matthäus Bech- ft e i n , der 1784 Lehrer an der Salzmannfchen Erziehungsanstalt in Schnepfental wurde, und den Chr. L. Brehm in seinen Briefen stets den Vater der Naturgeschichte nannte. Und K. Th. Liebe in Gera, der große Vorkämpfer für den Vogelschutz, schreibt 1877, daß etwa bis zum Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts in Thüringen die Jagd auf Meisen für ein harmloses Vergnügen gehalten wurde, dem zur Zug­zeit Tausende der Vögelchen in denMeisenhütten" zum Opfer fielen. Von sich selbst sagte er, daß er sich in seiner Jugend an der Seite seines Oheims, eines hochgebildeten Arztes und Naturfreundes, der Aufregung des Fanges hingegeben habe, ohne von der Verderblichkeit dieser Be­schäftigung eine Ahnung zu haben. Eine Verringerung des Meisen« bestandes war nach Liebes Bericht in jenen Jahrzehnten kaum wahrzu­nehmen. Der Mensch gestattete damals ja auch den Geschöpfen in Gottes schöner Natur, sich noch wesentlich ungestörter der Erhaltung der Arten zu widmen, als in unseren von der Technik beherrschten Tagen. So erklärt sich auch, daß der Meisenfang nicht früher von den Einsichtigen verworfen und durch Gesetze unterdrückt wurde. Der bereits erwähnte Heinrich Seidel ging, wenn er als Kind bei seinem Onkel auf Gut Kneese bei Gadebusch zu Besuch war, besonders gern mit dem Förster nach den Dohnenstiegen im herbstlichen Wald. Regungen des Mitleids ober bet Empörung kannte er nicht angesichts der kleinen Krammetsvogelleichen, die in den dreieckigen Dohnen wie am Galgen hingen. Er meinte,wer in seiner Kindheit mit Jägern und Landleuten umgeht, der wird nicht zur Sentimentalität erzogen, und so dachte ich mir dabei weiter nichts, als: das wäre nun einmal so". Die trefflichste Schilderung der urwüchsigen, an Grausamkeit grenzenden Jagdlust, die auch den Vogelfreund zum Dohnenstieg führte, hak uns Ernst W i e ch e r t inWälder und Menschen" gegeben. Durch Menschen und menschliche Schmerzen in der tiefsten Seele erschüttert, kehrt der Försterssohn in der Ferienzeit des letzten Schuljahres nach dem einsamen masurischen Elternhaus zurück. Dort wird er ganz wieder zum Jäger und Waldläufer. Schon die Vorbereitungen zum Dohnenstieg lehren ihndie Tugend der Geduld, die die Welt nicht lehrt, aber die der Wald zu jeder Stunde dem geöffneten Auge zeigt". Das Biegen der Hunderte von Wacholderzweigen, das Flechten der Schlingen aus Pferdehaar bedeckt die Hände mit Blasen. Aber die Arbeit läßt keine törichten Gedanken aufkommen, weil sie die letzte Aufmerksamkeit erfor­dert. Und welch besonderer Glanz erfüllt in der Erinnerung des Dichters noch heute die frühen Morgenstunden jener Tage, als er hinauszog, um die Ernte aus den Bügeln an den dunkeln Stämmen einzuholen:An den Waldrändern brennt der wilde Birnbaum in glühendem Rot, und die Ahornbäume leuchten in ihrem herrlichen Gold. Niemals ist der Wald wunderbarer als im Herbst, in seinen Farben, seinem Geruch, seiner fast atemlosen Stille ... Der Dohnenstieg läuft am Waldrand entlang, so daß der Blick sich ab und zu öffnet auf das still beglänzte Feld, den See und ferne blauende Wälder. Es ist nicht so wichtig, ob ich zwei Dutzend Drosseln heimbringe oder nur ein paar ... Das Große ist die Freiheit des Tuns, des Schreitens, des Raumes. Die herrliche Freiheit dessen, der m Einklang mit seiner Erde lebt. Von dem die Wände fortgerückt sind, die Menschen und die Schmerzen, die sie bereiten."

Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. Druck und Verlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.