die Punkte, mit denen die Fliegen fte bedruckt hatten, und deren Zahl genügt hätte, die Encyclopedie methodique oder den Moniteur zu inter- pungieren, io hoben die Lottospieler augcnbücks die Nase und betrachteten ibn mit der Neugierde, die sie sür eine Girasse an den Tag gelegt hatten. Herr des Grassins und sein Sohn, denen das Aussehen eines Jüngers der Mode nicht unbekannt war, machten nichtsdestoweniger das Staunen der andern mit, weil entweder durch seinen Einfluß das allgemeine GesuP sie bestimmte oder sie ihm beistimmten, indem sie ihren Landsleuten durch ironisches Augenzwinkern zu verstehen gaben: „Ja, jo sind die in Paris. Alle konnten übrigens Charles in Muße betrachten, ohne Furcht, dem^Hausherrn zu mißfallen. Gründet war tn einen langen Brief vertieft, den er in der Hand hielt, und hatte, um ihn zu lesen, dre einzige Kerze vom Tisch genommen, ohne sich um seine Gäste oder ihr Vergnügen zu kümmern. Eugenie, der das Bild einer solchen Vollkommenheit der Kleidung sowohl wie der Person gänzlich unbekannt war, glaubte tn ihrem Vetter ein aus seraphischen Sphären herabgestiegenes Wesen zu schauen.^Sie atmete: mit Entzücken den Duft feiner Haare em, dieso glanzten und so schon gelockt waren. Sie hätte das seidige Leder dieser hübschen feinen Hand chuhe anfassen mögen. Sie wünschte sich die schmalen Hande von Charles, seinen Teint, die Frische und die Feinheit seiner Züge. Kurzum, wenn allenfalls dies Bild den Eindruck zusammenfassen kann, den der junge Stutzer auf em weltfremdes Mädchen ausübte, das immerfort damit beschäftigt wurde, Strümpfe zu stopfen und die Garderobe ihres Vaters zu flicken, dessen Leben zwischen diesen verschmutzten Paneelen verflossen war, tn der stillen Straße, wo sie nie mehr als einen Passanten in der Stunde sah, so durchrieselte der Anblick des Vetters ihre Adern nut dem feinen Wonnegefühl, das bei einem jungen Mann die phantastischen Frauengestalten von Westall tn den englischen Sammlungen verursachen, die von den Finden mit so zarter Nadel radiert sind, daß man Furcht hat, durch einen Hauch aus das Papier diese himmlischen Erscheinungen zu verscheuchen. Charles zog em Taschentuch heraus, das von der großen Dame, die m Schottland reiste, gestickt war Als Eugenie diese hübsche Arbeit sah, die von der Liebe m müßigen Stunden sür die Liebe gemacht worden war, blickte sie ihren Vetter gespannt an ob er es wohl wirklich benutzen würde. Die Manieren von Charles, seine Bewegungen, die Art, wie er sein Lorgnon hob, seine gesuchte Keckheit, seine Verachtung sür das Kästchen, das soeben noch der reichen Erbin soviel Vergnügen gemacht hatte, und das er augenscheinlich wertlos oder lächerlich fand, kurz, alles das, was die Cruchots und Grafsins ärgerte, gefiel ihr so sehr, daß sie vor dem Einschlafen noch lange in Gedanken diesem Phömx von'Vetter nachhängen mußte.
Die Nummern wurden sehr langsam gezogen, und bald hörte man mit dem Lotto auf. Die lange Nanon trat ein und sagte laut: „Madame muß mir Wäsche rausgeben, um für den Herrn das Bett zu machen."
Frau Gründet folgte Nanon. Da fügte Frau des Graffins leise: „Sparen wir unsere Pfennige, und laffen wir das Lotto fein." Jeder nahm feine zwei Sous wieder aus der alten bestoßenen Untertasse, in die sie gelegt waren, dann setzte sich die ganze Gesellschaft in Bewegung und machte eine Viertelschwenkung zum Feuer.
„Sind Sie fertig?" fragte Grandet, ohne mit seinem Brief auszuhören. „Ja", sagte Frau des Grassins und setzte sich neben Charles.
Eugenie, von Gedankengängen bewegt, wie sie int Herzen von jungen Mädchen entstehen, wenn sich da zum erstenmal ein Gefühl emnistet, verließ den Saal, um ihrer Mutter und Nanon zu helfen. Wenn sie von einem geschickten Beichtvater ausgefragt worden wäre, hätte sie ihm ohne Zweifel gestanden, daß sie weder an ihre Mutter noch an Nanon dachte, sondern von dem unwiderstehlichen Wunsch getrieben wurde, das Zimmer ihres Vetters zu besichtigen, um sich dort mit ihrem Vetter zu beschäftigen, irgend etwas hinzustellen, einem Vergessen vorzubeugen, sür alles Vorkehrungen zu treffen, um es so elegant und nett wie möglich herzurichten. Eugeme glaubte bereits, daß nur sie imstande fei, den Geschmack und die Anschauungen ihres Vetters zu begreifen. Und wirklich kam sie gerade im richtigen Augenblick, um ihrer Mutter und Nanon zu beweisen — die schon in dem Glauben weggingen, alles getan zu haben — daß noch alles zu tun sei. Sie brachte die lange Nanon auf den Gedanken, die Bettwäsche an der Kohlenglut zu wärmen; sie legte selbst auf den alten Tisch eine Decke und band Nanon aus die Seele, jeden Morgen eine frische hinzutun. Sie überzeugte ihre Mutter von der Notwendigkeit, ein tüchtiges Feuer int Kamin zu machen, und bewog Nanon, einen großen Stapel Holz, ohne dem Vater etwas davon zu sagen, in den Korridor heraufzubringen. Sie holte schnell aus einem der Eckschränke im Saal ein altes Lacktablett, das aus der Erbschaft des verstorbenen alten Herrn de la Bertelliöre stammte, nahm ebenfalls von dort ein sechskantig geschlissenes Kristallglas, einen kleinen Löffel mit verblichener Vergoldung, eine altmodische Karaffe, auf der Amoretten eingraviert waren, und stellte das alles triumphierend auf eine Ecke des Kamins. Es tauchten mehr Gedanken in einer Viertelstunde in ihr auf, als sie gehabt hatte, so lange sie aus der Welt war.
„Mama", sagte sie, „mein Vetter kann unmöglich den Geruch eines Talglichtes aushalten. Wenn wir eine Wachskerze kauften? ..."
Sie hüpfte fort, leicht wie ein Vogel, um aus ihrer Börse das Fünf- srankenstück zu holen, das sie für ihre monatlichen Ausgaben bekommen hatte.
„Hier, Nanon", sagte sie, „lauf schnell."
„Aber was wird dein Vater sagen?"
Dieser schreckliche Einwand wurde von Frau Gründet erhoben, als sie ihre Tochter mit einer Zuckerdose aus altem Sövresporzellan bewaffnet sah, die Grandet aus dem Schloß von Froidfond mitgebracht hatte.
„Und wo willst du den Zucker hernehmen? Bist du toll?" „Mama, Nanon soll den Zucker zusammen mit der Kerze kaufen." „Aber dein Vater?"
„Würde es sich gehören, daß sein Neffe nicht einmal ein Glas Zuckerwasser trinken kann? Uebrigens wird er es nicht merken."
„Dein Vater merkt alles", sagte Frau Grandet kopfschüttelnd.
Nanon stand zögernd, sie kannte ihren Herrn.
„Aber so lauf doch, Nanon, weil mein Geburtstag ist."
Nanon lachte schallend auf, als sie den ersten Scherz hörte, den ihre junge Herrin je gemacht hatte, und gehorchte ihr.
Während Eugenie und ihre Mutter sich bemühten, das von Herrn Grandet für feinen Neffen bestimmte Zimmer zu schmücken, war Charles das Ziel von Frau des Graffins Aufmerksamkeiten, d,e sich durch scherzhafte Herausforderungen liebenswürdig zu machen suchte: „Sie find sehr mutig , sagte sie zu ihm, „daß Sie die Vergnügungen der Hauptstadt mitten int Winter verlassen, um in Saumur Ihr Zelt aufzuschlagen. Aber roenn wir Ihnen nicht einen allzu großen Schrecken einjagen, werden Sw sehen, daß man es auch hier fertig bringt, fich zu amüsieren."
Sie schickte ihm einen koketten Seitenblick zu, der echt Kleinstadt war, wo die Frauen gewöhnt find, mit soviel Zurückhaltung und Vorsicht ihre Augen zu bewegen, daß ihre Blicke dadurch dieselbe begehrliche Lüsteniheit bekommen, wie die der Geistlichen, denen jedes Vergnügen em Raub scheint oder eine Schuld. Charles sand sich dermaßen verloren in diesem Saal, so himmelweit entfernt von dem großen Schloß und der pompösen Lebensführung, die er bei seinem Onkel erwartet chatte, daß er, als er Frau des Grassins aufmerksam betrachtete, schließlich ein halb verwischtes Bild von Pariser Zügen in ihr entdeckte. Er antwortete verbindlich auf die Art Einladung, die er bekommen hatte, und es entspann sich zwanglos eme Unterhaltung, bei der Frau des Grassins nach und nach die Stimme senkte, um sie dem Charakter ihrer vertraulichen Mitteilungen anzupassen. Sw und Charles fühlten gleich stark das Bedürfnis, zueinander Vertrauen zu haben. Daher konnte nach einigen Minuten koketter Plauderei und bedeutsamer Scherze die geschickte Kleinstädterin int Glauben, von den andern nicht ver- standen zu werden, die vom Weinverkauf sprachen, der zurzeit ganz Saumur beschäftigte, zu ihm sagen:
Wenn Sie uns die Ehre antun wollen, uns zu besuchen, werden Si» ganz bestimmt meinem Mann und mir das größte Vergnügen machen. Unser Salon ist der einzige in Saumur, wo Sie die Spitzen der Kauf- Mannschaft und den Adel vereinigt finden: wir gehören beiden Gesellfchasts- kreisen an, die sich nur bei uns treffen, weil man sich da amüsiert. Mem Mann, kann ich mit Stolz sagen, ist in beiden in gleicher Weise geschätzt. So können wir versuchen, die Langeweile Ihres hiesigen Aufenthalts zu beheben. Denn wenn Sie bei Herrn Grandet blieben, was sollte aus Ihnen werden, lieber Himmel! Ihr Onkel ist ein Filz, der an nichts denkt, als an die Ableger seiner Weinstöcke. Ihre Tante ist bigott und kann sich nicht zwei Begriffe zufammenreimen; Ihre Cousine ist em Dummchen, ohne Erziehung, gewöhnlich, ohne Mitgift, die ihr Leben damit zubrmgt, Betttücher zu flicken."
„Diese Frau ist doch sehr nett", dachte Charles Gründet bei sich, während er auf die Redensarten von Frau des Grassins antwortete.
„Mir scheint, Hebe Frau, du willst Herrn Grandet mit Beschlag belegen", sagte lachend der Bankier. An diese Bemerkung knüpften der Notar und der Präsident mehr oder weniger boshafte Reden; ober der Abb« sandte ihnen einen listigen Blick zu und faßte ihre Gedanken zusammen, während er eine Prise Tabak nahm und seine Dose herumgehen ließ:
„Wer könnte besser", sagte er, „als die gnädige Frau dem Herrn die Honneurs von Saumur machen?"
„Na, wie meinen Sie das, Herr Abk>6?" fragte Herr des Grafsins.
„Ich meine es, Herr des Grassins, in dem schmeichelhaftesten Sinn für Sie, für die gnädige Frau, für die Stadt Saumur und für den jungen Herrn", fügte der durchtriebene Greis hinzu und wandte sich an Charles. Ohne ihr dem Anschein nach die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, hatte der Abbe Cruchot die Unterhaltung zwischen Charles und Frau des Grassins zu erraten gewußt.
„Mein Herr", sagte jetzt Adolph zu Charles mit einem Ton, der recht leicht klingen sollte, „ich weiß nicht, ob Sie noch irgendeine Erinnerung an mich haben; ich hatte das Vergnügen, Ihr Visavis auf einem Ball des Herrn Baron von Nucingen zu fein und ...“
„Aber ganz gewiß", antwortete Charles und sah sich zu seiner Verwunderung als Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeiten.
„Das ist Ihr Sohn?" fragte er Frau des Grassins.
Der Abt>6 sah die Mutter boshaft an.
„Jawohl", sagte sie.
„Dann müssen Sie sehr jung nach Paris gekommen fein", versetzt« Charles und wandte sich an Adolph.
„Was wollen Sie", sagte der Abb6, „wir schicken sie nach Babylon, sobald sie entwöhnt sind."
Frau des GrassinS warf dem 81666 einen merkwürdig forschenden
'„Man muß in die Provinz kommen", fuhr er fort, „um Frauen von einigen Dreißig zu finden, die so frisch sind wie die gnädige Frau, und dabe, einen Sohn Haden, der schon 6alb (ein juristisches Examen macht. Mw ist, als wäre heute noch der Tag, an dem die jungen Leute und die Damen auf die Stühle stiegen, um Sie auf dem Ball tanzen zu fehen, gnädige Frau", wandte sich der A666 an seinen weiblichen Widersacher. „Für mich sind Ihre Erfolge immer noch wie von gestern . . ."
„Oh, der alte Bösewicht", dachte Frau des Grassins bei sich, „hat er mich wirklich durchschaut?" m ...
„Mir scheint, ich werde viel Erfolg in Saumur haben", dachte Charles, er knöpfte feinen Rock auf, steckte die Hand in die Weste und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen, um die Pose nachzuahmen, in der Chantrey Lord Byron dargestellt hat.
Die Unaufmerksamkeit des alten Grandet oder, besser gesagt, feine völlige Versenkung in die Lektüre seines Briefs entging dem Notar uno dem Präsidenten nicht, die auf den Inhalt aus den unmerklichen Zuckungen in dem von der Kerze hell beleuchteten Gesicht des Alten Schlüsse zu zieh versuchten. Der Winzer bewahrte mühsam die gewöhnliche Ruhe seine Ausdrucks.
(Fortsetzung folgt.)


