GjehenerZainilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1957
Hreitag, -en 24. September
Nummer 7<
Eugenik Hmndei
ROMAN von Honore de Balzac
3. Fortsetzung.
» „Fräulein Gugenie", sagte Adolph zu seiner Nachbarin, „das wird sicherlich Ihr Vetter Grandet sein, ein sehr hübscher junger Mann, den ich auf einem Ball bei Herrn von Nucingen gesehen habe."
Adolph fuhr nicht fort, denn seine Mutter trat ihm auf den Fuß; dann forderte sie laut zwei Sous für seinen Einsatz von ihm, während Sie ihm leise zuflüsterte:
„Wirst du still sein, großes Kamel."
In diesem Augenblick kam Grandet ohne die lange Nanon zurück, während deren und des Gepäckträgers Schritte im Treppenhaus widerhallten; ihm folgte der Reisende, der während der paar Minuten so sehr die Neugierde aufgestachelt und so lebhaft die Einbildungskraft beschäftigt hatte, daß man sein Ankommen in diesem Haus und sein Hereinplatzen in diese Gesellschaft vielleicht mit dem einer Weinbergschnecke in ein Raupennest vergleichen könnte oder mit dem Auftreten eines Pfauen in einem gewöhnlichen dörflichen Hühnerhof.
„Setzen Sie sich ans Feuer", sagte Grandet zu ihm.
Ehe er Platz nahm, grüßte der junge Mann mit großem Anstand die Versammelten. Die Männer erhoben sich, um ihm mit einer höflichen Verbeugung zu danken, die Damen verneigten sich zeremoniell.
„Sicher ist Ihnen kalt, mein Herr", sagte Frau Grandet. „Sie kommen vielleicht von . . ."
„So sind die Frauen immer!" sagte der alte Winzer und unterbrach die Lektüre eines Briefes, den er in der Hand hielt. „Laßt doch den Herrn sich ausruhen."
„Aber Vater, er braucht vielleicht irgend etwas", sagte Gugente.
„Er hat einen Mund", antwortete streng der Winzer.
Der Unbekannte allein war von dieser Szene überrascht. Die andern alle waren an die despotischen Manieren des Alten gewöhnt. Jedenfalls erhob sich der Unbekannte, als diese beiden Fragen und Antworten sich kreuzten, stellte sich mit dem Rücken gegen das Feuer, hob den einen Fuß aus, um seine Schuhsohlen zu erwärmen und sagte zu Gugenie:
„Ich danke Ihnen, Cousine, ich habe in Tours gespeist. Und", fügte er mit einem Blick auf Grandet hinzu, „ich brauche nichts, ich bin nicht einmal müde."
„Sie kommen aus der Hauptstadt?" fragte Frau des Grassins.
Als Herr Charles, so hieß der Sohn des Pariser Herrn Grandet, sich angeredet fand, nahm er ein kleines Lorgnon, das an einer Kette um seinen Hais hing, führte es an sein rechtes Auge, um zu mustern, sowohl was auf dem Tisch war, wie die Personen, die rundherum saßen, lorgnettierte höchst keck Fran des Grassins, und nachdem er alles betrachtet hatte, sagte ey: „Ja, gnädige Frau." — „Sie spielen Lotto, Tante", fügte er hinzu; »ich bitte Sie, spielen Sie weiter, das ist zu amüsant, um unterbrochen zu werden."
Ich war sicher, daß es der Cousin sein würde, dachte Frau des Grassins und sah ihn kokett an.
„Siebenundvierzig", rief der alte Abbe. „Melden Sie sich doch, Frau des Grassins, ist das nicht Ihre Nummer?"
Herr des Grassins setzte eine Spielmarke auf das Blatt feiner Frau, die, von düsteren Vorgefühlen ergriffen, abwechselnd den Vetter ans Paris und Gugenie beobachtete, ohne ans Lotto zu denken.
Bon Zeit zu Zeit warf die junge Erbin verstohlene Blicke auf ihren Beiter, und die Fran des Bankiers konnte in ihnen leicht ein crescendo be§ Staunens und der Neugierde erkennen.
Herr Charles Grandet, der ein schöner junger Mann von zweiundzwanzig Jahren war, bildete in diesem Augenblick einen seltsamen Kontrast zu diesen guten Provinzlern, die feine aristokratischen Manieren ziemlich aufbrachten, und die ihn alle genau beobachteten, um sich über ihn luftig zu machen. Dies verlangt eine Erklärung. Mit zweiundzwanzig Jahren stehen die Wagen Leute dem Kindesalter noch so nahe, daß sie sich Kindereien hm- geben. Daher wird man vielleicht unter hundert von ihnen gut neunundneunzig treffen, die sich so aufgeführt hätten, wie sich Charles Gründet aufführte. Einige Tage vor diesem Abend hatte ihm fein Vater gesagt, daß er für einige Monate feinen Bruder in Saumur besuchen solle. Vielleicht dachte Herr Grandet aus Paris an Eugenie. Charles, der zum erstenmal 1n die Provinz schneite, hatte die Absicht, dort mit der Ueberlegenheit eines Modernen jungen Mannes aufzutreten, den ganzen Umkreis durch seinen
Luxus totzuärgern, Epoche zu machen und die Errungenschaften des Pariser Lebens einzuführen. Kurz, um alles mit einem Wort zu sagen, er wollte in Saumur noch mehr Zeit damit zubringen, seine Nägel zu polieren, als in Paris, und gerade da die äußerste Gesuchtheit in seinem Anzug herauskehren, die ein eleganter junger Mann zuzeiten mit einer reizvollen Nachlässigkeit vertauscht. Charles brachte daher fein hübschestes Jagdkostüm mit, das hübscheste Gewehr, das hübscheste Messer, die hübscheste Messerscheibe von Paris. Er brachte eine Anzahl seiner fabelhaftesten Westen mit: er hatte graue, weiße, schwarze, skarabäusfarbene, goldglänzende, mit Füttern besetzte, buntgewebte, gefütterte, mit Schal- oder geradem Kragen, bis oben zugeknöpfte, welche mit goldenen Knöpfen. Gr brachte alle die verschiedenen Sorten von Kragen und Krawatten mit, die zu dieser Zeit beliebt waren. Gr brachte seinen hübschen goldenen Toilettekasten mit, ein Geschenk seiner Mutter. Er brachte all seine Kinkerlitzchen eines Dandys mit, nicht zu vergessen ein entzückendes kleines Schreibzeug, das ihm von der liebenswürdigsten Fran — wenigstens für ihn — geschenkt worden war, von einer großen Dame, die er Annette nannte, die mit ihrem Ehemann höchst langweilig in Schottland herumreiste, als Opfer irgendeines Argwohns, dem man im Augenblick fein Glück drangeben mußte; ferner viel hübsches Briefpapier, um ihr alle vierzehn Tage einen Brief zu schreiben. Kurzum, diese Ausrüstung von Pariser Kleinigkeiten war fo vollständig, wie sie nur irgend gemacht werden konnte, und, von der Reitpeitsche, die dazu dient, ein Duell anzufangen, bis zu den schönen ziselierten Pistolen, die es beenden, besanchsich in ihr sämtliches Handwerkszeug, dessen ein junger Müßiggänger sich bedient, um das Leben zu meistern. Da fein Vater ihm gesagt hatte, er Solle allein und bescheiden reifen, war er in einer für ihn allein belegten Kutsche der Post gekommen, und es war ihm ganz recht, daß er nicht den köstlichen Neisewagen zu verderben brauchte, der bestellt war, um vor feiner Annette herzufahren, der großen Dame, die . . . usw. und die er im nächsten Juni in Baden-Baden wieder treffen wollte. Charles rechnete darauf, hundert Personen bei seinem Onkel vorzufinden, an Parforcejagden in den Wäldern seines Oheims tellzunehmen, kurzum, das Leben auf einem Schloß bei ihm zu leben; er hatte nicht gedacht, ihn in Sanmnr anzutreffen, wo er sich nach ihm erkundigt hatte, um den Weg nach Froidfond zu erfragen, aber als er erfuhr, er sei in der Stadt, stellte er ihn sich in einem vornehmen Hause vor. Um sich geziemend bei seinem Onkel einzuführen, gleichviel ob in Saumur oder in Froidfond, hatte er die koketteste Reisetoilette von der allergesuchtesten Einfachheit gemacht, die allerliebenswürdigste, um das Wort zu gebrauchen, das zu dieser Zeit die besonderen Vollkommenheiten einer Person ober einer Sache zusammenfaßte. In Tours hatte ihm ein Haarkünstler noch einmal seine schönen kastanienbraunen Haare frisiert, er hatte die Wäsche gewechselt und eine Krawatte aus schwarzer Seide umgelegt, die mit einem runden Kragen kombiniert war, um gefällig fein weißes und fröhliches Gesicht einzurahmen. Sein Reiseüberrock, der ihm wie angegossen saß, ließ, halb zugeknöpft, eine Kaschmirweste sehen, unter der sich eine zweite weiße Weste befand. Seine Uhr, die sich nachlässig in irgendeiner Tasche verlor, war an einer kurzen Goldkette in einem der Knopflöcher befestigt. Seine grauen Beinkleider wurden an den Seiten geknöpft, wo Stickereien in schwarzer Seide die Nähte verzierten. Er hantierte gewandt mit einem Stock, dessen getriebener Goldknopf seine neuen grauen Handschuhe nicht verdarb. Schließlich war auch seine Mütze von außerordentlichem Geschmack. Ein Pariser, nur ein Pariser aus den höchsten Kreisen, konnte sich so herausputzen, ohne lächerlich zu wirken, und alle diese Albernheiten in eine Harmonie von Stutzer- haftigkeit bringen, die sich im übrigen mit einer kühnen Miene vertrug, der Miene eines jungen Mannes, der gute Pistolen hat, eine sichere Hand und Annette. Um die wechselseitige Ueberraschung der ©aumutaner und des jungen Parisers recht zu verstehen, um Sich den Glanz vorzustellen, den die Eleganz des Reisenden mitten zwischen die grauen Schatten des Saales warf und auf die Gesichter, die das Familienbild zusammensetzten, versuche man, sich die Cruchots vorzustellen. Alle drei schnupften und dachten längst nicht mehr daran, schwarze Nasenlöcher und die kleinen schwarzen Flecken zu vermeiden, die das Jabot ihrer groben Hemden zierten, mit den zerknitterten Kragen und vergilbten Falten. Ihre weichen Krawatten rollten Sich zum Strick auf, sobald sie um den Hals gelegt wurden. Da ihr riesiger Vorrat an Wäsche sie instand setzte, nur alle sechs Monate waschen zu lassen und die Wäsche in der Tiefe ihrer Schränke zu verwahren, prägte ihr die Zeit ihre alte graue Farbe ein. So begegneten sich bei den Cruchots in vollkommenem Einvernehmen unschönes Aussehen und Greisenhastig- teit. Ihre Gesichter, die fo verwelkt waren, wie ihre Röcke fadenscheinig, ebenso faltig, wie ihre Hosen, erschienen abgenutzt, verknöchert und verzerrt. Die durchgehende Vernachlässigung bei den übrigen Kleidern, denen allen etwas fehlte, und die verlegen aussahen, wie es die Toiletten der Provinz sind, wo man unvermerkt dahin kommt, sich nicht für die andern anzuziehen, und den Preis von einem Paar Handschuh ängstlich berechnet, paßte zu der Ungepflegtheit der Cruchots. Der Abscheu vor der Mode war der einzige Punkt, in dem die Grassinisten und die Cruchotisten sich vollkommen verstanden. Nahm der Pariser fein Lorgnon auf, um die sonderbaren Requisiten des Saals zu mustern, die Balken der Decke, die Farbe der Täfelung oder


