Ausgabe 
24.5.1937
 
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Inzwischen führe ich die Unterhaltung weite« Das Fräulein sehe die Dinge vielleicht ein wenig zu schwarz, erkläre ich, dergleichen Leute seien gar nicht unglücklich, sondern mitunter förmlich besessen von ihrer Arbeit, vom echten Drang zur Kunst. Nur sei dieser Drang leider nicht selten größer als die Gaben. Darüber wäre noch manches zu sagen, aber das Fräulein ist nicht mehr so gesprächig wie vorher. Wollen wir auch etwas trinken? fragt sie plötzlich und schaut nach der Tür.

Gern, sage ich. Wenn ich sie einladen dürfe?

Aber im selben Augenblick will das Fräulein wieder bleiben. Sie meint, wir hätten nicht mehr genug Zeit, auch Klaus käme ja schon zurück.

Ich bin verstimmt. Keineswegs aus Eifersucht, nein, diese Schwäche sagt man mir zu Unrecht nach. Es ist gekränkter Stolz oder verletztes Feingefühl oder was immer, jedenfalls nehme ich mir vor, an diesem Abend kein Wort mehr zu sagen. Mag das Fräulein zusehen, ob Klaus ein besserer Gesellschafter ist als ich, so ein junger Dachs, der nach allem schnuppert, was ihm in den Weg kommt.

Oh, ich habe mich in der Hand! Keine Rede davon, daß ich mich etwa so gebärde, wie der Förster es jetzt in Luisens Stube tut. Er donnert in seinen Stiefeln hin und her und drückt das Mädchen förmlich an die Wand mit seiner Heftigkeit, und warum? Weil er sich einbildet, sie träfe den Grafen heimlich im Wald.

Kein Mensch traute ihm so viel Leidenschaft zu, dieser Förster ist ein wahrer Unband von einem Mann. Da helfen weder Schwüre noch Tränen, sie finden keinen Glauben. Es ist ja auch ein Verhängnis, jeder­mann hat den Hergang mit angesehen, nur der Förster nicht.

Aber wenn man richtig auslegt, was er sagt, dann ist es auch wieder manchem von uns aus dem Herzen gesprochen. Ja, treue Liebe und ein gerader Sinn, das zählt nicht bei den Weibern! Sowie einer kommt, der eine glatte Larve hat und die Worte schön setzen kann, gleich laufen sie ihm zu.

Und Luise? Erzittert sie? Weist sie mit dem Vannblick der Unschuld diese Schmach zurück?

Nein, sie lächelt.

Das wäre weiter nicht sonderbar, ich habe öfter erlebt, daß Frauen das Verkehrte für passend halten. Aber diese Luise steht so merkwürdig entrückt da oben, so losgelöst von allem um sie her. Vielleicht müßte sie jetzt die Hände vors Angesicht schlagen oder laut aufweinen, der Förster scheint so etwas zu erwarten. Er wiederholt seine Vorwürfe noch ein­dringlicher, er flüstert, er zischt, aber Luise ist nur eine stumme Hülse, und wie ich nun ihrem Blicke folge, finde ist das Lächeln auf einem andern Gesicht wieder, aus dem vom Klaus.

So. Darum also kam er vorhin mit nassen Hosenröhren zurück, mit einem Holundersternchen im Haar! Wie ist das nur möglich, denke ich voll Bewunderung, wie stellt er es an? Ich wäre gar nicht auf den Ge­danken geraten, daß die Försterbraut, dieser Ausbund von Standhaftig­keit, hinten im Krautgarten eine ganz andere sein könne, ein Mädchen aus Fleisch und Blut, das sich in die Büsche treiben und schnell ein wenig drücken und küßen läßt ...

Das Garienquartett.

Von Otto Nebelthau.

Eine Wiese mit Apfelbäumen wird von einem breiten Kiesweg durch­schnitten, an dessen Rändern Cdelrosen gepflanzt sind.

Es gibt abwechslungsreichere, es gibt buntere, es gibt Stellen in einem Garten, die ausgewogener, lieblicher und listiger sein mögen, aber ich weiß mir kein echteres Gartenwerk zu denken, auch keins, das in einem solchen Maße die Sinne anspricht.

Die Wiese, die Rosen und die Aepsel ZU pflegen, ist eines Mannes wert. Sie sind ein Trio von nie verlöschender Eindringlichkeit. Sie werden im Lauf der Zeit zu einem Quartett, denn der Mensch, der sie pflegt, schaltet sich ein.

Ich halte die Wiese nicht säuberlich kurz, sondern schneide sie wie die Landleute, drei- bis viermal im Jahr. So wachsen bis zur Reife die Gräser und Blumen des ersten, des zweiten, des dritten und manchmal auch des vierten Schnittes in den Reichtum ihrer Abwechslung. Der erste, über und über bunte Schnitt fällt mit der Blüte der Apfelbäume zu­sammen, der zweite, schon ernstere, mit dem vollendeten Fruchtansatz: ich gebe die beiden frisch zum Verfüttern. Die letzten beiden Schnitte, in denen der rötliche Sauerampfer vorherrscht und die weißen Margeriten, lasse ich zu Heu werden: dann stehen die Haufen unter den früchtebeladenen Bäumen, und es kömmt eine satte Schönheit von ihnen, wenn ich auf dem mit Rosen bestandenen Weg zum Haus gehe, di« fast beklemmend ist, so stark ist das Bild von Fruchtbarkeit und Ernte, so stark ist auch der Duft.

Apfel und Rose halten mich vom frühesten Frühjahr bis spät in den Winter. Mich? Sie haben die Menschen gehalten, seitdem der Schöpfer es gestaltete, den Wildling beider Arten nicht Wildling bleiben zu lassen, seit er durch einen Fingerzeig darauf hinwies, daß jener nicht Wildling zu bleiben brauche. Ein einziges Mal gab er in einen Baum und in einen Strauch die Ahnung von einer edlen Frucht, die Ahnung von einer voll­kommenen Blume, dann überließ er sie den Menschen, damit sie damit täten, was ihnen zur Lust sei. Zu anderen Blumen, zu anderen Baum­früchten mag der Drang des Menschen erlahmen, zum Apfel und zur Rose nie, weil sie sein Werk, weil sie der Spiegel seiner Seele sind.

Denn wenn ich im Frühiahr, um die Rinden zu säubern, und zur Herbstreit, um die Früchte zu brechen, in meine Apfelbäume steige, gewahre ich an den Zweigen die Pfropfstellen. Mein Fuß steht in einer Gabelung des W'ldlingsstammes, meine Hand hält sich an dem Zweige fest, der einstmals nicht zu ihm gehörte, der aufgepsropft wurde, als Reis von einem wiederum an einem anderen Baum aufgepfropften Zweige ge­schnitten. Die Frucht, die dieser mein Zweig trägt, an dem ich mich halte,

ist das Gebilde des Menschen durch die Jahrtausende, nie wieder zu ge­winnen auf dem sonst allen Pflanzen vorgezeichneten Wege, aus dem Samen. Wenn ich von meinemOloire de Dijon oberMevrouw von Rossem, die an meinem Weg vom Juni bis Weihnachten blühen, die mir, darf ich wählen, die erwähltesten Rosen sind, Früchte reifen lasse und deren Samen aussäen würde, es würden mir Wildlinge wachsen, vergleichbar mit denen, deren Samen ein Wind an den Waldesrand oder in eine Mauerritze trug.

Die Geschichte der bewußten Züchtung des ersten edlen Apfels und der ersten edlen Rose ist in Dunkel gehüllt. Es ließen sich allerlei Märchen erfinden, etwa von einem urzeitlichen kaukasischen Siedler, der in Wäldern wilder Apfelbäume die erste süßschmeckende Frucht fand, sie vergeblich versuchte, aus Samen zu vermehren, und endlich auf den Weg der Pfropfung verfiel; man könnte mit einiger Berechtigung das Bild eines chinesischen Züchters viele Tausende von Jahren vor Christi Geburt ent­werfen, der in einem unsagbaren Glücksfall die mehrblättrige, duftende Rose fand, die eine unter Hunderttausenden. Es ließe sich erzählen, wie er mit einem Messer ein Auge von einem Stück dieser Rose abschnitt, es unter die Rinde eines Wildlings einschob und es mit Bändern daran befestigte: ein ohne Zweifel von feinen Göttern ihm eingegebener Einfall.

Nicht ins Dunkel gehüllt aber ist die weitere Geschichte des Apfels und der Rose, sie ist bis in alle Einzelheiten bekannt, es geschieht das Merkwürdige, daß sich an ihr, an der Pflege des Apfels und der Rose ablesen läßt, ob die Menschheit auf Höhen wandelte ober eine Zeit bes Verfalls burchlitt, ob Frieben ober Ruhe herrschte ober bie Erbe von Haß unb Krieg bebroht war.

Alle großen Herrscher nahmen sich bes Obstbaues an: Karl ber Große, Friebrich Barbarossa, Friebrich ber Große. Als bie Renaissancestäbte zu blühen begannen, waren es bie Verwaltungen dieser Städte, die große Anbauungen von Apfelbäumen durchsetzten und genaue Vorschriften für ihre Pflege Herausgaben. Es ist genau zu verfolgen, wie starke Zeiten und starke Manner sich'um den Obstbau kümmerten. Der Große Kurfürst ver­brachte feine Mußestunden beim Pfropfen der Apfelbäume, Friedrich Wilhelm I. von Preußen nicht minder.

In der Rose spielt Eros, und zwar der niedrige sowohl als auch der höchste. Sie ist das Werk des Menschen, das unter seinen Händen wieder- gibt, was im geheimsten in ihm ist. Hellas unb Rom! Wie spiegeln sich biese Welten in ihr roieber! Im alten Athen würbe die Rose bei den Mysterien zu Ehren des Dionysos in das nächtliche Fest geworfen; die Blätter der Centifolia fielen über bie Tanzenden, die vom Geist des Gottes und ber Frucht, in ber er lebenbig, dem Weine, trunken waren, bamit sich alles vermische: die Frucht, die Blume, der Mensch zu Ehren des Gottes. Um bas verenbende Rom ber Cäsaren dehnten sich Rosenfelder von unvorstellbarer Größe aus, fo daß bem Bauern kein Raum für [ein Getreide mehr blieb. Auch diese Rosen dienten für Feste, und es waren Feste, wo aus der Weihe leere Nachahmung wurde und maßlose Ver­schwendung! Knietief wateten die Gäste in den Palästen der Riesenstadt in Rosenblättern, die Kissen, auf denen sie lagen, waren mit Rosenblättern ausgeftopft, mit Rosenöl die Leiber gesalbt; es wurden nach einem Fest beim Kaiser Heliogabalos Gäste erstickt von den Rosenblättern aufgefunden, die von den Galerien in den Saal geworfen waren.

Während das geschah, kam nach Hellas und Rom ein drittes auf, größer als beide. Auch diesem wurde die Rose sogleich zum Ausdruck seines innersten Wesens. Von den frühesten Christen wurde sie zum Sinn­bild des liebenden Herzens der Mutter Gottes erhoben, sie, die gefüllte Rose, die mit ihrem dichten Stamm von Blütenblättern die Staubgefäße unb ben Fruchtboden verhüllte unb also gleich dem Kinde Marias aus unbefleckter Empfängnis hervorgeaangen war.

Rosengärten, ehemalige Friedhöfe, gaben den frühesten Versammlungen deutscher Fürsten den Hintergriind. Inmitten von Rosengärten fanden die Turniere ber Ritter statt vor Tausenben von blühenden Herzen, die zwar nicht mehr allein das Herz der Mutter Gottes bedeuteten. Wo immer eine langhin währende Tat, ob im Bösen, ob im Guten, geschab, da wurden die Rosen gepflegt, die untrennbar non Glanz und Größe sind. Im rosen- reichen Thüringen stand Luthers Wiege. Sein Wappen war ein Herz, darin eine erblühte Rose, daraus ein Kreuz. Auch bas 19. Iahrhunbert schwelgte in ihr unb brachte zugleich mit Anbruch bes technischen Zeitalters bie ungeheuer schönen Sorten der Teerosen und Teehybriden hervor, darunter Marechal Niel, La France, Souvenir de MaJmaison.

Das erste Drittel des 20. Jabrhunderts ist zu Ende. Nach der Kiinst'ich- keit allen Lebens regt sich ein Drang zur Schlichtheit und Einfachheit, der dennoch den ßurus nicht entbehren will. Er findet sofort in der Rose feinen Widerhall. Nach der unsagbaren Künstlichkeit aller Kreuzungen wird bie Gartenrose gezogen, die bas Wesen ber Wilbrose ausweist. Der Hochstamm, auf dem die verweichlichten,vermenschlichten" Rosen blühen, verschwindet mehr und mehr. Die Rose darf wieder in Büschen wachsen ober darf klettern. Der klare Blütenaufbau wird wieder hergeftellt unb ber lockere Wuchs, dennoch treibt bie Pflanze Knospen durch sieben Monate hindurch, ist iebe Blüte gefüllt, duftend und so verlockend wie immer.

Auf meinem Sompofthaufen sammelt sich die Weltgeschichte in Gestalt von welkenden Rosenblättern und faulenden Aepfeln an. Einige Tage bleibt er ganz bunt und leuchtet weithin. Das mit der Maschine ums fmus herum geschnittene Gras kommt dazu, das noch rafcher matt wird. Bald treibt alles durcheinander, es erhitzt sich, löst sich aus und weckt Milliarden von Bakterien, es wird zu lockerer, duftender Erde.

Die kommt bann wieder an die Wurzeln der Rosen, sie wird in die Gräben geschüttet, die über den Hauptwurzeln meiner Apfelbäume gegraben werden und da, wo die nabrunasaufnebmenben Svitzenwurzeln unter ber Regentraufe ber Krone liegen. Sie wirb üb->r die Wiese gestreut.

Ich mache mich selbst an die Arbeit, schneide die Wildlingssprossen ab, fege den Bäumen bie Fanggürtel für bas Ungeziefer um, wende das Gras, das an der Oberfläche schon grau und trocken wurde. Das Quartett ist beisammen.

Verantwortlich Dr. Hans Thyriot. Druck unb Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- unb Sieindruckerei, R. Lange, Gießen.