Ausgabe 
23.8.1937
 
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Briefe vom Land", und die in den BändchenElisabeths Opfergang" und , Der Hof des Patrizierhauses" gesammelten Novellen. Seine Gedichte finden sich in den schmalen BändchenDie Lichter schwinden im Licht", Frühlingslieder" undGedichte".

Umfassender sind die Werke von Hans Carossa und Ludwig Friedrich Barthel, zweier Dichter aus dem deutschen Süden. Bei ihnen wird die Landschaft zum Hintergrund, vor dem sich menschliches Geschehen ent­wickelt und abwickelt. Bei beiden zart, behutsam, jene Tiefen und Gründe berührend, die nur immer von großen Gestaltern erreicht werden. Dichtung aus deutscher Landschaft so verschieden alle die sind, die in unseren Ar­beiten Darstellung sanden, so gleich ist doch der Ausgangspunkt ihres Schaf­fens, so ähnlich ihr Ziel: Landschaft und Menschen zu deuten und sie als Einheit vorzustellen, den einen den anderen verstehen zu lassen, sie auf­rufend zu einem gemeinsamen Werk und Ziel.

Seit vielen Jahren lebt still und zurückgezogen in Freiburg im Breisgau der Dichter Emil Strauß, den wir heute neben Hermann Stehr, Wilhelm Schäfer und Friedrich Griese zu den stärksten dichterischen Kräften der Gegen­wart zu rechnen haben, wenn sein Werk, äußerlich gemessen, auch nicht groß ist. Seine Novellen und Romane sind künstlerisch vollendet und dürfen mit gutem Recht klassisch genannt werden. Emil Strauß wurde int Jahre 1866 in Pforzheim geboren, er studierte später in Freiburg, Berlin und Lausanne. In Freiburg lernte er den Dichter Emil Gött kennen, in Berlin machte er die Bekanntschaft mit Max Halbe und Gerhart Hauptmann. Den jungen Dichter trieb es dann nach Südamerika, wo er lange Jahre seines Lebens verbrachte. Lassen uns Straußens Dichtungen im allgemeinen erkennen, wie stark er in seiner schwäbischen Landschaft verwurzelt ist, so beweisen es die Werke, die das Leben Deutscher in Südamerika zum Bor­wurf haben noch mehr, wie groß der Einfluß Volks- und landschaftsgebunde­nen Wesens aus die Dichtung sein kann. EineSchwabengefchichte" nennt er die ErzählungDer Engelwirt", in ihr ist die ewig alte und ewig junge Wandersehnsucht schwäbischer Menschen eingefangen, ist ihr Schicksal fern der Heimat festgehalten und mit begnadetem Können dargestellt. Seine Novellen sind zusammengefaßt in den BändenHans und Grete" schon der Titel verrät das Thema, um das es darin geht undDer Schleier", deren Titelnovellen zum schönsten gehören, was wir an dichterischen Werken in deutscher Sprache besitzen. Darüber hinaus müssen Emil Straußens RomaneFreund Hein", eine Schülergeschichte, undKreuzungen" er­wähnt werden; der Stadt seiner Kindheit schrieb er sein BuchDer nackte Mann", ein Roman mit historischem Hintergrund, sein reifstes und stärkstes Werk schenkte er uns erst vor zwei Jahren in dem RomanDas Riesen­spielzeug".

Der Dichter Wilhelm Schäfer begründete seine Stellung im deutschen dichterischen Schaffen mit seinen Anekdoten, obgleich gerade seine Er­zählungen und Romane als Ausdruck der Landschaft, in der er geboren wurde und in der er lebt, angesehen werden müssen. Früh schon kam er von Kur- hesjen ins Rheinland; Maler, Pfarrer wollte er werden und wurde Lehrer. Ein Stipendium des Verlages Cotta ermöglichte es ihm, als freier Schrift­steller zu leben, selten hat ein Stipendium so schöne Früchte getragen, wie bei dem Dichter der innigen LiebesgeschichteAnckemanns Tristan", des RomanesDer Fabrikant Beilharz und das Theresle", das dem Buch Das Haus mit den drei Türen" folgte. Alle diese Werke haben den land­schaftlichen Hintergrund des deutschen Südens und des Westens, auch die beiden ErzählungenDie Mißgeschickten" undDie unterbrochene Rhein- sahrt" müssen dazu gerechnet werden. Ganz einmalige Leistungen aber schuf Wilhelm Schäfer mit seinen Anekdoten, die zumeist in dem BandDie Anekdoten" erschienen sind. Wir freuen uns heute schon auf einen neuen Band dieser kleinen Meisterwerke, der im Herbst dieses Jahres erscheinen soll. Nicht vergessen sollen sein Schäfers historische Arbeiten, so der Roman Huldreich Zwingli",Lebenstag eines Menschenfreundes" ein Pesta­lozzi-Roman und endlichDie dreizehn Bücher der deutschen Seele".

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Als ein Künder schwäbischer Innigkeit, gleichzeitig einer jener Schwaben, die über die Grenzen hinaus ihr Volk suchen und sehen, gilt uns Ludwig Finckh, der Doktor von Gaienhofen am Bodensee. Nach dem Studium führten den heute über Sechzigjährigen Reisen nach Korsika und Nordasrika. Den Krieg machte er als Arzt mit, und nach dem harten Ende suchte er in unermüdlicher Arbeit, kleine oder größere Kreise des Volkes an die Quellen seines Wesens zurückzuführen. Er hat selbst einmal seine Aufgabe als Dichter mit einigen Sätzen dargestellt:Und weil der deutsche Baurn seine Zweige über die Welt breitet, so flog der Vogel in alle Aeste: ich erzähle draußen von der Heimat. Was nicht sanft einging, geriet kräftig, und was nicht ernst­haft bleiben konnte, ging spaßhaft. Mir kam es darauf an, alles in kürzester Form zu sagen, bündig, selbstverständlich in gutem Deutsch, auf einer Seite, wo andere zehne brauchten ..." Das Gesetz, daran unser Schicksal gebunden ist, spüre ich zuzeiten und bin daran, es sichtbar zu machen. Die Auszählung seiner zahlreichen Bücher Erzählungen, Gedichte, Arbeiten aus deutscher Vergangenheit würde eine lange Liste ergeben. Sie alle verdienen es, mehr als früher gelesen zu werden. Denn Ludwig Finckhs Werk dient nur einem Ziel: ein Volk in der Gemeinschaft zu sehen, so wie es der Dichter in seinem wohl schönsten RomanEin starkes Leben" zum Ausdruck bringt:

Land meiner Väter länger nicht das meine, so heilig ist kein Boden wie der deine, nie wird dein Bild aus meiner Seele schwinden. Und knüpfte mich an dich kein lebend Band, es würden mich die Toten an dich binden, die deine Erde deckt, mein Vaterlandl

O würben jene, die zu Hause bleiben, wie deine Fortgewanderten dich lieben bald würden wir zu einem Reiche werden, und deine Kinder gingen Hand in Hand und machten dich zum größten Land der Erden, wie du das beste bist, o Vaterland I"

Wer heute Auskunft zu geben hat über Dichter und Dichtung des bayeri­schen Lebensraumes, darf dabei zwei Dichter und ihre Werke nicht vergessen, obgleich sie nicht mehr zu den Lebenden gehören. Es ist verschiedenen Ver­lagen zu danken, daß die Werke Lena Christs zum lebendigen Bestand des Gegenwartsschrifttums gehören. Wer sich an die Anstrengungen erinnert, die früher von vielen Seiten unternommen wurden, um das Werk dieser Dichterin zur fördern, der darf heute mit Recht sagen, daß die Bücher Lena Christs erst in unserer Zeit wieder zur Geltung gekommen sind. Ein für Menschen und Landschaft des bayerischen Landes gleichermaßen gültiges Werk ist der RomanMatthias Bichler". Aehnliche Themen haben in an­deren Landschaften auch im Buch Niederschlag gefunden, aber nie wurde die Gestalt dieses wandernden Deutschen so lebendig aus der Heimat heraus dargestellt. Ein heiterer Roman ist Lena Christs BuchMadam Bäuerin", lieber diesem Werk liegt ein feiner Humor, ein wenig Ironie und Spott über die, die da meinen, daß Bauersein leicht sei. Ernste und heitere Geschich­ten sind gesammelt in dem BandBauern". Lena Christ dokumentiert durch dieses Werk, wie auch durch ihren RomanDie Rumplhanni", um was es ihr in ihren Büchern ging: um die lebensechte und kraftvolle Darstellung des bäuerlichen Manschens und seiner Landschaft, mit der er unlösbar ver­bunden ist.

Umfänglicher und vielseitiger ist das Werk des ebenfalls verstorbenen Dichters Ludwig Thoma, aber seine stärksten und eigenwilligsten Werke sind seine Bauernromane und die Bücher, in denen seine Bauerngeschichten gesammelt sind. Wer über die Jugend und die Herkunft des Dichters lesen will, greife zu dem BandErinnerungen". Ludwig Thoma erzählt darin mit heiterem Behagen, mit viel Schalkerei und Witz, aber auch mit Besinn­lichkeit und Ernst die Ereignisse, die seine Jugend bestimmten. Die bayerische Landschaft läßt den jungen Thoma selbst künstlerisch reifen. Es ist nicht mög­lich, in diesem Rahmen einzugehen auf den damaligenSimplizifsimus"- Kreis, dessen Gestalten uns in Ludwig Thomas Büchern oft begegnen. Seine wesentlichsten Romane seien aber wenigstens angeführt, so z. B. Andreas Vöst" oderDer Wittiber",Der Rnepp", oder die Bauernge­schichteDer heilige Hies", die ErzählungenNachbarsleute", die Novellen Das Kälbchen", schließlich die heitere SommergeschichteAltaich" und die beiden GeschichtenbändeLausbubengeschichten" undTante Frieda".

Eindringlicher Schilderer der Landschaft um Regensburg herum ist Georg Britting. Er erzählt nicht gerne von sich selbst, so sind die Lebens­daten über ihn knapp. Als das Wichtigste erscheint ihm selbst, daß eran den Ufern des geliebten Stromes eine glückliche Jugend erlebte. Obgleich Brittings erstes BuchLebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß" schon vor Jahren erschienen ist, hat sich sein Werk unterdessen nicht sehr viel verbreitert, hinzugekommen sind die ErzählungenDas treue Eheweib", die der Dichter Otto Brües einmalmit den Hinterglasmalereien seiner bayerischen Heimat" verglichen hat. Obwohl gerade diese beiden ersten Bü­cher Brittings in anderen Landschaften, ja Ländern spielen, verraten sie doch seine dichterische Kraft, die bann in den-BändenKleine Welt am Strom" undDer irdische Tag" ganz zur Landschaft hinfinden. Diese kleine Welt ist die Donau, die Stadt Regensburg, eine Insel und bann, sich ausweitend, bas Lanb seiner Heimat. In biefer Welt ist er groß geworben, ba bleibt ihm, ber bie Heimat mit hellen Augen sieht, nichts verborgen.

Zu ben Erzählern ber Gegenwart, auf bie wir mit berechtigten Hoff­nungen sehen, gehört Josef Martin Bauer; er lebt in bet Nähe von München in einem kleinen Dorf. Es mag sein, baß gerabe bieses Jn-bet- Heimat-sein ben Büchern jene Unmittelbarkeit unb Lebenbigkeit gibt, bie wir an ihnen schätzen. Für ben jetzt neu aufgelegten SieblerromanAcht­siebei" erhielt Josef Martin Bauer vor sieben Jahren ben Jugendpreis deutscher Erzähler. Unter den Siedlerromanen, die wir gegenwärtig be­sitzen, ist et bet echteste unb lebenbigfte. Die Geschichte einer Straße unb die Schicksale der an chr wohnenden Menschen stellt Bauer bar in bem Roman Die Salzstraße"; ein Bauetnbuch voll eigenwilliger Kraft ist fein Roman Die Notthafften"; eine Erzählung von ber Gemeinschaft zwischen Mensch, Lanbschaft unb Tier schrieb er in bet GeschichteSimon unb bie Pferde"; von einer neuen, aber nicht weniger liebenswerten Seite lernen wir ben Dichter kennen in bem RomanDas Haus am Fohlenmarkt".

Burg-Kunstabt ist bie Heimat bet Dichterin Kuni Tremel-Eggcrt, ein Frankenstädtchen im oberen Teil bes Mains, bas fo recht auf bet Son­nenseite liegt". Auf bem Berg staub bie Schuhmacherwerkstatt bes Vaters, bort war ber Spielplatz bet Ttemel-Kinber, von benen bie Kuni bie Jüngste war, basZammktatzig". Die Werke ber Dichterin finbHeimatbichtung" im besten Sinne des Wortes. Ein Original, wie es jede Stadt und jedes Dorf besitzt, gestaltet sie in dem BuchFazer Raps und seine Peiniget"; bie Geschichte einer Kleinstabt in ruhiger unb unruhiger Zeit in benRot- mansteinetn". IhreSanna Spitzenpfeil" ist eine Frau, bie in jedem Jahr­hundert gelebt hat und in jedem leben wird. Ebenso gültig ist die Mutter­gestalt in dem BuchDie Straße des Lebens". In bem BuchBarb" geht sie bem Schicksal einer Hanbvoll Mäbel nach, bie bamals ein allgemeines Schicksal erlebten. An bem Werk erfreut bie Darstellung bet Menschen und bes Lebens einer kleinen Stabt, das ehrliche Suchen nach einem Weg. Die Dichterin nennt es selbst einerstes gläubiges Geschenk". Kuni Tremel- Eggert ist eine liebevolle Gestalterin ihrer fränkischen Heimat.

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Verlag: Vrühlsch« LlniversitätSdruckerei R.Lange, Gießen.