Briefe vom Land", und die in den Bändchen „Elisabeths Opfergang" und , Der Hof des Patrizierhauses" gesammelten Novellen. Seine Gedichte finden sich in den schmalen Bändchen „Die Lichter schwinden im Licht", „Frühlingslieder" und „Gedichte".
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Umfassender sind die Werke von Hans Carossa und Ludwig Friedrich Barthel, zweier Dichter aus dem deutschen Süden. Bei ihnen wird die Landschaft zum Hintergrund, vor dem sich menschliches Geschehen entwickelt und abwickelt. Bei beiden zart, behutsam, jene Tiefen und Gründe berührend, die nur immer von großen Gestaltern erreicht werden. Dichtung aus deutscher Landschaft — so verschieden alle die sind, die in unseren Arbeiten Darstellung sanden, so gleich ist doch der Ausgangspunkt ihres Schaffens, so ähnlich ihr Ziel: Landschaft und Menschen zu deuten und sie als Einheit vorzustellen, den einen den anderen verstehen zu lassen, sie aufrufend zu einem gemeinsamen Werk und Ziel.
Seit vielen Jahren lebt still und zurückgezogen in Freiburg im Breisgau der Dichter Emil Strauß, den wir heute neben Hermann Stehr, Wilhelm Schäfer und Friedrich Griese zu den stärksten dichterischen Kräften der Gegenwart zu rechnen haben, wenn sein Werk, äußerlich gemessen, auch nicht groß ist. Seine Novellen und Romane sind künstlerisch vollendet und dürfen mit gutem Recht klassisch genannt werden. Emil Strauß wurde int Jahre 1866 in Pforzheim geboren, er studierte später in Freiburg, Berlin und Lausanne. In Freiburg lernte er den Dichter Emil Gött kennen, in Berlin machte er die Bekanntschaft mit Max Halbe und Gerhart Hauptmann. Den jungen Dichter trieb es dann nach Südamerika, wo er lange Jahre seines Lebens verbrachte. Lassen uns Straußens Dichtungen im allgemeinen erkennen, wie stark er in seiner schwäbischen Landschaft verwurzelt ist, so beweisen es die Werke, die das Leben Deutscher in Südamerika zum Borwurf haben noch mehr, wie groß der Einfluß Volks- und landschaftsgebundenen Wesens aus die Dichtung sein kann. Eine „Schwabengefchichte" nennt er die Erzählung „Der Engelwirt", in ihr ist die ewig alte und ewig junge Wandersehnsucht schwäbischer Menschen eingefangen, ist ihr Schicksal fern der Heimat festgehalten und mit begnadetem Können dargestellt. Seine Novellen sind zusammengefaßt in den Bänden „Hans und Grete" — schon der Titel verrät das Thema, um das es darin geht — und „Der Schleier", deren Titelnovellen zum schönsten gehören, was wir an dichterischen Werken in deutscher Sprache besitzen. Darüber hinaus müssen Emil Straußens Romane „Freund Hein", eine Schülergeschichte, und „Kreuzungen" erwähnt werden; der Stadt seiner Kindheit schrieb er sein Buch „Der nackte Mann", ein Roman mit historischem Hintergrund, sein reifstes und stärkstes Werk schenkte er uns erst vor zwei Jahren in dem Roman „Das Riesenspielzeug".
Der Dichter Wilhelm Schäfer begründete seine Stellung im deutschen dichterischen Schaffen mit seinen Anekdoten, obgleich gerade seine Erzählungen und Romane als Ausdruck der Landschaft, in der er geboren wurde und in der er lebt, angesehen werden müssen. Früh schon kam er von Kur- hesjen ins Rheinland; Maler, Pfarrer wollte er werden und wurde — Lehrer. Ein Stipendium des Verlages Cotta ermöglichte es ihm, als freier Schriftsteller zu leben, selten hat ein Stipendium so schöne Früchte getragen, wie bei dem Dichter der innigen Liebesgeschichte „Anckemanns Tristan", des Romanes „Der Fabrikant Beilharz und das Theresle", das dem Buch „Das Haus mit den drei Türen" folgte. Alle diese Werke haben den landschaftlichen Hintergrund des deutschen Südens und des Westens, auch die beiden Erzählungen „Die Mißgeschickten" und „Die unterbrochene Rhein- sahrt" müssen dazu gerechnet werden. Ganz einmalige Leistungen aber schuf Wilhelm Schäfer mit seinen Anekdoten, die zumeist in dem Band „Die Anekdoten" erschienen sind. Wir freuen uns heute schon auf einen neuen Band dieser kleinen Meisterwerke, der im Herbst dieses Jahres erscheinen soll. Nicht vergessen sollen sein Schäfers historische Arbeiten, so der Roman „Huldreich Zwingli", „Lebenstag eines Menschenfreundes" — ein Pestalozzi-Roman — und endlich „Die dreizehn Bücher der deutschen Seele".
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Als ein Künder schwäbischer Innigkeit, gleichzeitig einer jener Schwaben, die über die Grenzen hinaus ihr Volk suchen und sehen, gilt uns Ludwig Finckh, der Doktor von Gaienhofen am Bodensee. Nach dem Studium führten den heute über Sechzigjährigen Reisen nach Korsika und Nordasrika. Den Krieg machte er als Arzt mit, und nach dem harten Ende suchte er in unermüdlicher Arbeit, kleine oder größere Kreise des Volkes an die Quellen seines Wesens zurückzuführen. Er hat selbst einmal seine Aufgabe als Dichter mit einigen Sätzen dargestellt: „Und weil der deutsche Baurn seine Zweige über die Welt breitet, so flog der Vogel in alle Aeste: ich erzähle draußen von der Heimat. Was nicht sanft einging, geriet kräftig, und was nicht ernsthaft bleiben konnte, ging spaßhaft. Mir kam es darauf an, alles in kürzester Form zu sagen, bündig, selbstverständlich — in gutem Deutsch, auf einer Seite, wo andere zehne brauchten ..." Das Gesetz, daran unser Schicksal gebunden ist, spüre ich zuzeiten und bin daran, es sichtbar zu machen. Die Auszählung seiner zahlreichen Bücher — Erzählungen, Gedichte, Arbeiten aus deutscher Vergangenheit — würde eine lange Liste ergeben. Sie alle verdienen es, mehr als früher gelesen zu werden. Denn Ludwig Finckhs Werk dient nur einem Ziel: ein Volk in der Gemeinschaft zu sehen, so wie es der Dichter in seinem wohl schönsten Roman „Ein starkes Leben" zum Ausdruck bringt:
„Land meiner Väter — länger nicht das meine, so heilig ist kein Boden wie der deine, nie wird dein Bild aus meiner Seele schwinden. Und knüpfte mich an dich kein lebend Band, es würden mich die Toten an dich binden, die deine Erde deckt, mein Vaterlandl
O würben jene, die zu Hause bleiben, wie deine Fortgewanderten dich lieben — bald würden wir zu einem Reiche werden, und deine Kinder gingen Hand in Hand und machten dich zum größten Land der Erden, wie du das beste bist, o Vaterland I" ♦
Wer heute Auskunft zu geben hat über Dichter und Dichtung des bayerischen Lebensraumes, darf dabei zwei Dichter und ihre Werke nicht vergessen, obgleich sie nicht mehr zu den Lebenden gehören. Es ist verschiedenen Verlagen zu danken, daß die Werke Lena Christs zum lebendigen Bestand des Gegenwartsschrifttums gehören. Wer sich an die Anstrengungen erinnert, die früher von vielen Seiten unternommen wurden, um das Werk dieser Dichterin zur fördern, der darf heute mit Recht sagen, daß die Bücher Lena Christs erst in unserer Zeit wieder zur Geltung gekommen sind. Ein für Menschen und Landschaft des bayerischen Landes gleichermaßen gültiges Werk ist der Roman „Matthias Bichler". Aehnliche Themen haben in anderen Landschaften auch im Buch Niederschlag gefunden, aber nie wurde die Gestalt dieses wandernden Deutschen so lebendig aus der Heimat heraus dargestellt. Ein heiterer Roman ist Lena Christs Buch „Madam Bäuerin", lieber diesem Werk liegt ein feiner Humor, ein wenig Ironie und Spott über die, die da meinen, daß Bauersein leicht sei. Ernste und heitere Geschichten sind gesammelt in dem Band „Bauern". Lena Christ dokumentiert durch dieses Werk, wie auch durch ihren Roman „Die Rumplhanni", um was es ihr in ihren Büchern ging: um die lebensechte und kraftvolle Darstellung des bäuerlichen Manschens und seiner Landschaft, mit der er unlösbar verbunden ist.
Umfänglicher und vielseitiger ist das Werk des ebenfalls verstorbenen Dichters Ludwig Thoma, aber seine stärksten und eigenwilligsten Werke sind seine Bauernromane und die Bücher, in denen seine Bauerngeschichten gesammelt sind. Wer über die Jugend und die Herkunft des Dichters lesen will, greife zu dem Band „Erinnerungen". Ludwig Thoma erzählt darin mit heiterem Behagen, mit viel Schalkerei und Witz, aber auch mit Besinnlichkeit und Ernst die Ereignisse, die seine Jugend bestimmten. Die bayerische Landschaft läßt den jungen Thoma selbst künstlerisch reifen. Es ist nicht möglich, in diesem Rahmen einzugehen auf den damaligen „Simplizifsimus"- Kreis, dessen Gestalten uns in Ludwig Thomas Büchern oft begegnen. Seine wesentlichsten Romane seien aber wenigstens angeführt, so z. B. „Andreas Vöst" oder „Der Wittiber", „Der Rnepp", oder die Bauerngeschichte „Der heilige Hies", die Erzählungen „Nachbarsleute", die Novellen „Das Kälbchen", schließlich die heitere Sommergeschichte „Altaich" und die beiden Geschichtenbände „Lausbubengeschichten" und „Tante Frieda".
Eindringlicher Schilderer der Landschaft um Regensburg herum ist Georg Britting. Er erzählt nicht gerne von sich selbst, so sind die Lebensdaten über ihn knapp. Als das Wichtigste erscheint ihm selbst, daß er „an den Ufern des geliebten Stromes eine glückliche Jugend erlebte“. Obgleich Brittings erstes Buch „Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß" schon vor Jahren erschienen ist, hat sich sein Werk unterdessen nicht sehr viel verbreitert, hinzugekommen sind die Erzählungen „Das treue Eheweib", die der Dichter Otto Brües einmal „mit den Hinterglasmalereien seiner bayerischen Heimat" verglichen hat. Obwohl gerade diese beiden ersten Bücher Brittings in anderen Landschaften, ja Ländern spielen, verraten sie doch seine dichterische Kraft, die bann in den-Bänden „Kleine Welt am Strom" und „Der irdische Tag" ganz zur Landschaft hinfinden. Diese kleine Welt ist die Donau, die Stadt Regensburg, eine Insel und bann, sich ausweitend, bas Lanb seiner Heimat. In biefer Welt ist er groß geworben, ba bleibt ihm, ber bie Heimat mit hellen Augen sieht, nichts verborgen.
Zu ben Erzählern ber Gegenwart, auf bie wir mit berechtigten Hoffnungen sehen, gehört Josef Martin Bauer; er lebt in bet Nähe von München in einem kleinen Dorf. Es mag sein, baß gerabe bieses Jn-bet- Heimat-sein ben Büchern jene Unmittelbarkeit unb Lebenbigkeit gibt, bie wir an ihnen schätzen. Für ben jetzt neu aufgelegten Sieblerroman „Achtsiebei" erhielt Josef Martin Bauer vor sieben Jahren ben Jugendpreis deutscher Erzähler. Unter den Siedlerromanen, die wir gegenwärtig besitzen, ist et bet echteste unb lebenbigfte. Die Geschichte einer Straße unb die Schicksale der an chr wohnenden Menschen stellt Bauer bar in bem Roman „Die Salzstraße"; ein Bauetnbuch voll eigenwilliger Kraft ist fein Roman „Die Notthafften"; eine Erzählung von ber Gemeinschaft zwischen Mensch, Lanbschaft unb Tier schrieb er in bet Geschichte „Simon unb bie Pferde"; von einer neuen, aber nicht weniger liebenswerten Seite lernen wir ben Dichter kennen in bem Roman „Das Haus am Fohlenmarkt".
Burg-Kunstabt ist bie Heimat bet Dichterin Kuni Tremel-Eggcrt, „ein Frankenstädtchen im oberen Teil bes Mains, bas fo recht auf bet Sonnenseite liegt". Auf bem Berg staub bie Schuhmacherwerkstatt bes Vaters, bort war ber Spielplatz bet Ttemel-Kinber, von benen bie Kuni bie Jüngste war, bas „Zammktatzig". Die Werke ber Dichterin finb „Heimatbichtung" im besten Sinne des Wortes. Ein Original, wie es jede Stadt und jedes Dorf besitzt, gestaltet sie in dem Buch „Fazer Raps und seine Peiniget"; bie Geschichte einer Kleinstabt in ruhiger unb unruhiger Zeit in ben „Rot- mansteinetn". Ihre „Sanna Spitzenpfeil" ist eine Frau, bie in jedem Jahrhundert gelebt hat und in jedem leben wird. Ebenso gültig ist die Muttergestalt in dem Buch „Die Straße des Lebens". In bem Buch „Barb" geht sie bem Schicksal einer Hanbvoll Mäbel nach, bie bamals ein allgemeines Schicksal erlebten. An bem Werk erfreut bie Darstellung bet Menschen und bes Lebens einer kleinen Stabt, das ehrliche Suchen nach einem Weg. Die Dichterin nennt es selbst ein „erstes gläubiges Geschenk". Kuni Tremel- Eggert ist eine liebevolle Gestalterin ihrer fränkischen Heimat.
Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsch« LlniversitätSdruckerei R.Lange, Gießen.


