hingegangen, gingen die Fakten über seiner schönen Nase, nur zum Versuch hineingesetzt, nicht mehr fort.
Es fehlte nicht an solchen, die sein Mißgeschick begriffen; auch legten sie ihm nahe, daß man in seinem Unglück die Tapferkeit nicht unterschätze Er aber mochte nicht nach Knabenart den Krieg nur spielen, nachdem die andern einen harten Ernst daraus erfahren hatten. Wenn sie bei ihren Liebesmahlen mit mannhafter Fröhlichkeit dasaßen und nicht anhalten konnten, vom großen Kampf zu reden, dann sah er feine Finger zart auf dem weißen Seinen liegen. Er mochte nicht erwarten, daß seine Kameraden ihm die gutgenährten Glieder und den starken Bauch bespötteln würden- nach einem verdrossen hingeschleppten Vierteljahr nahm er den Abschied setzte Frau und Tochter auf einen Wagen und ritt leibmütig dahinkerher, zum Westerwald hinauf nach Altenkirchen, wo die Regierung ihm für seinen Hauptmannsrock ein Bürgermeisteramt eintauschen wollte, und wo et noch von seiner Mutter her ein Haus besaß mit hohen Lebensbäumen vor der Tür und Haferfeldern hinterm Garten.
Da ritt er manches Jahr noch über die Landstraßen, die mit Eschen, manchmal mit Tannen eingefaßt auf kahle Höhen, durch dichte Wälder führen, oft aber auch an Wiesenbreiten und lustigen Bächen mit Huflattich und Erlengebüsch vorbei um eine Mühle schlängeln oder sich durch Enten und nassen Lehm in ein Dorf verlieren, um oben an dem Kirchhof wieder in den Wald hinaufzusteigen. So wie ein halbes Stündchen von Altenkirchen der Turm von Almersbach abseits auf einem Hügel steht. Die Kirche hängt daran nicht größer als sonst wohl eine Sakristei; der Turm steht weiß gekalkt und dick mit einer stumpfen Schieferhaube, wie wenn ein weißer Mönch da überm Wiesental in Träumerei geraten wäre. Von der Straße geht der Weg zu ihm hinunter durch einen Kirchhof, wo die Heckenbeeren roter und leckerer sind als weit herum. Auf diesem Kirchhof hielt der abgedankte Hauptmann sich als Bürgermeister von Altenkirchen die eigene Leichenrede, und das war so:
Als er an einem Herbsttag, klar und kühl wie Moselwein, vorn Wald herunter an den Hügel von Almersbach geritten kam — er hielt sein Pferd im Schritt, seitdem ihm seine Frau gestorben war, wie wenn er traben und galoppieren nicht mehr vertragen könnte, und war doch trotz dem weißen Schnurrbart noch ein kräftiger Kerl — trappelte von der Seite auf den Weg ein Leichenzug, an dem alles in der Ordnung war: der Leiterwagen mit dem ©arg, die weißen Taschentücher in den Händen der Leichenträger, Männer und Frauen in Umschlagtüchern, auch Kinder genug, um eine schöne Predigt anzuhören, nur der sie halten sollte, war nicht da; und weil es ohne Pfarrer keine Christenleiche ist, so sah es traurig aus, wie sie mit ihrem Toten gefahren tarnen. Der Bürgermeister hielt mit seinem Pferd seitwärts im Gras, und alle kannten und grüßten ihn. der wie auf feine Kompanie hinuntersah. Als sie durch das faubere Tor tm Kirchhof waren, den fie mit ihren Köpfen in der hohen Hecke wie einen grünen Korb mit schwarzen Kirschen füllten, als das Geschwätz aushörte und einige Befehle tarnen, wie wenn nun eine Uebung auf dem Exerzierplatz anfangen sollte, stand er mit seinem Fuchs noch still beiseit im Gras.
Danach — der Sarg war schon ins Grab gelassen, die Leute standen schweigend da und warteten auf ihre Gewohnheit, wo sonst die Rede des Pfarrers tommen mußte — stieg er bedachtsam von seinem Pferd und band die Zügel an den ersten der schlanten Tannenstämme vor dem Tor, steckte die Reitpeitsche in den Stiefel und ging hinein. Zuhinterst quengelten zwei Weißtöpfe, die sich nicht mehr vordrängen tonnten; die fragte er gleichmütig nach dem Pfarrer. Der eine hatte rote Augenränder und einen offenen Mund; der andere war trotz seinem Alter noch ein harter Kerl und fing nach Bauernart moralisch an zu ntäteln: daß, wer sich selber vom Leben brächte, keinen Leichenspruch verdiene wie ein Christenmensch.
Indessen hatten sich die Köpfe der andern nach ihm umgewandt; fo fragte er im kurzen Hauptmannston: warum dem Mann das Leben leid geworden sei? Und weil der alte Kerl nur albern lachte, wobei der mit den Augenrändern nach Kräften half, drängte er sich durch an eine Frau, die ehrlich weinte und ihm mit dem Vergnügen einer rechten Traurigkeit erzählte, wie ihrem Bruder „voricht Woch" der Hof verkauft und danach das Leben leid geworden wäre. Das wurde eine Erzählung, daß sie alle die Hälse reckten. Und weil dem Bürgermeister war, als ob die vielen Augen etwas von ihm wollten, auch weil er nicht gewohnt war, hinter den Leuten herumzustehen, ging er mitten durch bis an das Grab, wo er sie alle wie zur Parole um sich versammelt hatte. Da stand er mit geschlossenen Hacken, sah in das steinichte Loch und auf den schwarz gestrichenen ©arg darin, dann in den Himmel, der an keinem Tag des Jahres so blau gestanden hatte hinter rotem Laub und dunkelgrünen Tannen, nahm seinen Hut wie einen Helm in feine Reithandschuhe und fing die Grabrede an. Nicht im Namen Gottes und des Königs, fonbern dessen, der da unten lag in offener Erde, auf der die andern noch mit lebendigen Füßen standen.
Er mochte anfänglich nur ein paar Menschenworte gewollt haben, für die Ohren, die in Gewohnheit darauf warteten. Doch wie er davon sprach, daß diesem Mann sein Haus und seine Aecker mehr gewesen wären als Besitz: als er den Boden verlassen mußte, den seine Väter für ihn bereitet hatten, mit dem Geruch blühender Kornselder, als er ihn hergeben mußte, wie wenn sie ihm den Rock vom Leibe zögen — der Bürgermeister wußte gar nichts von dem Mann, er brachte das nur vor, um diesen Leuten recht ons Herz zu gehen — aber bei dem Rock war es ihm selber in die Brust gefahren. In seine Worte, die recht in breiten Psarrersätzen hingeslossen waren, kam auf einmal der kurze Hauptmannston. Der machte feine Stimme scharf und hell, daß aus der Leichenrede ein Bekenntnis wurde unter sonnigem Herbsthimmel vor einem offenen Grab: von einem Menschen, der in feiner Sache gewesen wäre wie ein Hammer auf dem Amboß, den man hinausgeworfen hätte aus den blauen Schmiedefunken, wie man ein nasses ©eil ins Gras zum Trocknen legt.
Es wurde ein Bekenntnis mit Worten wie geworfene Messer, und alle flogen auf ihn selbst zurück: Und wem der Herrgott seinen Platz sortnahm, hat auf der Welt nichts mehr zu suchen!
Als er das sagte, der nun breitbeinig in seinen Reiterstiefeln stand, fuhr er mit feinem Arm in einem mächtigen Schwung sich an den Hals, wie wenn er den ganzen Himmel hätte durchschneiden wollen, sah über den Ellbogen wohl eine Minute lang in das braune Loch, indessen ihm ote weißen Schnurrbartsüden naß auf den Aermel hingen; nahm danach sacht
die Hacken auseinander und ging mit kurzer Wendung hinaus zu feinem Pferd.
Die meisten drängten nach und sahen ihn versunken stehen bei feinem Sier, bis er noch zitternd mit den Händen den Zügel losband und in den Sattel stieg. Das erste Stuck im Schritt tote sonst, danach, toie wenn es aus dem Gaul von leider käme, aus kurzem Trab übersetzend in einen prachtvollen Galopp. Gleich bei den ersten Sätzen verlor er feinen Hut; und so, bloß- kopstg und die Peitsche gleich einem Säbel in der Faust, sahen ihn die Bauern durch die Eschenallee hinunterjagen.
Es war zum letztenmal, daß et sein Pferd bestieg; nicht so, als ob er an d" Grabrede gestorben wäre. Er lebte noch sehr viele Jahre als stiller alter Herr m seinem Garten an den Haferfeldetn. Nur war er nicht mehr Bürgermeister. Als ihm so etwas wie ein Verweis zukam, daß er als bürger- liche Behörde einer Kirche Aergernis gegeben habe, entledigte er sich seines Amtes, das ihm solch ein Papier auf feinen Schreibtisch bringen konnte. Seitdem ging jeden Abend einmal wohl die grüne Haustür auf, wenn feine Tochter schwarz und schweigsam mit ihrer Tasche kam, um einzuholen. 3bn selber aber sah man nicht mehr zwischen den hohen Lebensbäumen, auch hinter den gebuckelten Scheiben nicht. Und nut die Nachbarn wußten von der scheuen Art des alten Herrn, den langen Mittelweg in seinem ©arten auf und ab zu gehn und zu verschwinden, wenn eine Menschenstimme tn die Nähe kam.
So wäre das Gedächtnis seiner Grabrede still mit ihm vergangen, wenn nicht sein Testament eigen daran erinnert hätte. Seit dem Tod von feiner Frau wat schon int Erbbegräbnis Platz für ihn und seinen Namen auf einer breiten Matmotplatte. Da forderte fein letzter Wille, daß fie ihn drüben bei dem Turm von Almersbach begraben möchten. Richt Kreuz noch Grab- stein durften sie auf feine Stätte fetzen, toie toenn er auch in dieser Einsamkeit fein Leben als überflüssig noch verschweigen wollte, nur einen Felsblock, unbehauen und ohne Schrift auf feinen Hügel wälzen. Der ist nun längst daran, in Gras und Glockenblumen zu versinken. Gleich ihm ein kleiner Stein vom selben Fels, bet wie ein Kind bei seinem Vater daneben auf dem Grab der Tochter liegt.
Dichtung im deutschen Süden.
Von Erich Langenbucher.
Vielfältig sind die dichterischen Stimmen des deutschen Südens, und es ist ein weiter Weg von Hermann Eris Busse zu den Werken Hans Catossas oder Karl Benno von Mechows. Aber alle ihre Bücher klingen zusammen zu einem mächtigen und vielgestaltigen Lied, das uns stolz macht. Die Stadt Bonn ist die Heimat Karl Benno von Mechows. Seine Mutter ist Süddeutsche: so mag es kommen, daß Süddeutschland die Heimat des Dichters geworden ist, aus ihr kommen auch seine Bücher, soweit sie nicht andere Inhalte haben, wie z. B. sein Reiterroman vom großen Krieg. Heute lebt der Dichter in Oberbayern. Den dichterischen Niederschlag seiner Arbeits- fahre als Landwirt finben wir in bem Werk „Das ländliche Jahr", das, wie wenig andere Bücher, das Geschehen des bäuerlichen Jahres dichterisch ersaßt hat. Diesem Werk folgte das Kriegsbuch „Das Abenteuer". Dieses Werk ist das Ehrenbuch des Reiters im großen Krieg, es gestaltet den „Reiterkrieg einer Schwadron im Osten". Die Darstellung des Zusammenwachsens von Mensch und Pferd in Not und Gefahr ist bis jetzt so schön nur unseren großen Tierschilderern gelungen, und auch hier aus ganz andere Art, weil die Geschehnisse des Krieges so verschieden von dem üblichen Erleben sind. Sein schönstes Buch schrieb Mechow in dem Roman „Vorsommer". Er erzählt die Geschichte eines sehr jungen Mädchens und die eines Heimkehrers behutsam und zart, aber doch erfüllt von menschlicher Kraft und verhaltener Leidenschaft. Eine Melodie, die lange nachschwingt.
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Mechow verbindet eine gute Kameradschaft mit Paul Alverdes, der seit Jahren in München lebt. Geboren wurde er im Elsaß, die entscheidenden Einflüsse für fein Schaffen empfing er im Kriege. So wird es kaum Der» wundern, daß et nur dieses Erlebnis in seinen Büchern gestaltete. In neuer Ausgabe liegt jetzt wieder vor das erste Buch von Alverdes „Reinhold oder die Verwandelten". Erzählungen vereinigt er in dem Bändchen „Novellen". Wesensmäßig gehört zu seinem ersten Buch die Erzählung „Kilian". Das Erlebnis einer Reise nach der Schweiz und Italien legt er in dem Bändchen „Kleine Reise" nieder. Seinem neuen Werk, an dem er seit langer Zeit arbeitet, kann man nach diesen ersten Proben mit Spannung entgegen» sehen.
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Ebenfalls in München lebt der Dichter Josef Magnus Wehner, der mit seinem Roman „Sieben vor Verdun" den Kriegsroman einer kleinen Gemeinschaft schrieb. Es ist vielleicht das Buch des Krieges, das neben den Werken Beumelburgs am meisten von der deutschen Jugend gelesen wird. Das Tagebuch einer Reise nach Griechenland nennt er „Das Land ohne Schatten". Inhalt und Form erhalten darin eine würdige einheitliche Ausgestaltung, die zur Bewunderung zwingt. Ein Bändchen von eigen» artigem landschaftlichem und menschlichem Reiz ist der Roman einer jungen Liebe „Die Hochzeitskuh".
Zwei Schwaben, die eigenwillige und eigenartige Gestalter sind, besitzen wir in Karl Götz und Hans Heinrich Ehrler. Götz steht am Anfang seines Schaffens. Der Dorfschulmeister hat mit seinem ersten Buch „Das Kinder» schifs" großen Erfolg errungen. Zwar ist es nicht die engere Heimat, die wir in seinem Buch finden. Aber durch das Werk gehen ihre Menschen: die Kinder schwäbischer Siedler aus Palästina, die er als Lehrer für Wochen in die beutiche Heimat führt. Götz erzählt heiter, froh, aber immer mit tiefem Ernst vor dem Geschehen, bas seiner Kinberschar bei den Landsleuten begegnet — Reicher an Umfang und vielseitiger ist das Werk Heinrich Ehrlers.Der Geburt nach ist er Franke, geboren in Mergentheim. Von seinen Werken seien nur genannt: der Roman vom ,Lahr eines Jünglings", „Wolfgang" und der andere „Die Frist". Die Erlebnisse eines schwäbischen Provinzmannes zeichnete er auf in dem Werk „Meine Fahrt nach Berlin". Land- schasllich bestimmt sind das Buch „Die Reife ins Pfarrhaus" und der Roman


