Eichener Zamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1957
Montag, den 24. Mai
Nummer 39
Der GieOSin
Roman von Theodor Kontane
32. Fortsetzung.
„Gewiß. Aber es gibt der Deuter so viele."
„Ja", lachte Dubslav, „und wer die Wahl hat, hat die Dual. Aker ich persönlich habe keine Wahl. Denn genau so wie mit dem Körper, so steht es für mich auch mit der Seele. Man behilft sich mit dem, was man hat. Nehm ich da zunächst meinen armen, elenden Leib. Da sitzt es mir hier und steigt und drückt und quält mich und ängstigt mich, und wenn die Angst groß ist, dann nehm ich die grünen Tropfen. Und wenn es mich immer mehr quält, dann schick ich nach Gransee hinein und dann kommt Spanholz. Das heißt, wenn er gerade da ist. Ja, dieser Spanholz ist auch ein Wissender und ein .Deuter'. Sehr wahrscheinlich, daß es klügere und bessere gibt; aber in Ermangelung dieser besseren muß er für mich ausreichen."
Ermyntrud nickte freundlich und schien ihre Zustimmung ausdrücken zu wollen.
„Und", fuhr Dubslav fort, „ich muß es wiederholen, genau so wie mit dem Leib , so auch mit der Seele. Wenn sich meine arme Seele ängstigt, dann nehm ich mir Trost und Hilse, so gut ich sie gerade finden kann. Und dabei denk ich dann, der nächste Trost ist der beste. Den hat man am schnellsten, und wer schnell gibt, der gibt doppelt. Eigentlich muß man das lateinisch sagen. Ich rufe mir Sponholz, weil ich ihn, wenn benötigt, in ziemlicher Nähe habe; den andern aber, den Arzt für die Seele, den hab ich glücklicherweise noch näher und brauche nicht mal nach Gransee hinüberzuschicken. Alle Worte, die von Herzen kommen, find gute Worte, und wenn sie mir Helsen, (und sie helfen mir), so frag ich nicht viel danach, ob es sogenannte .richtige ®orte‘ sind oder nicht."
Ermyntrud richtete sich höher aus; ihr bis dahin verbindliches Lächeln war sichtlich in raschem Hinschwinden.
„Ueberdies", so schloß Dubslav seine Bekenntnisrede, „was sind die richtigen Worte? Wo sind sie?"
„Sie Haden sie, Herr von Stechlin, wenn Sie sie haben wollen. Und Sie haben sie nah, wenn auch nicht in Ihrer unmittelbarsten Nähe. Mich persönlich haben diese Worte während schwerer Tage gestützt und aufgerichtet. Ich weiß, er hat Feinde, voran im eigenen Lager. Und diese Feinde sprechen von .schönen Worten'. Aber soll ich mich einem Heilswort verschließen, weil es sich in Schönheit kleidet? Soll ich eine mich segnende Hand zurückweisen, weil es eine weiche Hand ist? Sie haben Sponholz genannt. Unser Superintendent liegt wohl weit über diesen hinaus, und wenn es nicht eitel und vermessen wäre, würd ich eine gnädige Fügung darin zu sehn glauben, daß er an diese sterile Küste verschlagen werden mußte, gerade mir eine Hilfe zu sein. Aber was er an mir tat, kann er auch an andern tun. Er hat eben das, was zum Siege führt; wer die Seele hat, hat auch den Leib."
Unter diesen Worten war Ermyntrud von ihrem Stuhl an Dubslav herangetreten und neigte sich über ihn, um ihm, halb wie segnend, die Stirn zu küssen. Das Elfenbeinkreuz berührte dabei seine Brust. Sie ließ es eine Weile da ruhen. Dann aber trat sie wieder zurück, und sich zweimal unter hoheitsvollem Gruß verneigend, verließ sie das Zimmer. Engelke, der draußen im Flur stand, eilte vorauf, ihr beim Emsteigen in den kleinen Katzlerschen Jagdwagen behilflich zu sein.
Als Dubslav wieder allein war, nahm er das Schüreisen, das grab vor ihm auf dem Kaminstein lag, und fuhr in die halb niedergebrannten Scheite. Die Flamme schlug auf und etliche Funken stoben. „Arme Durchlaucht. Es ist doch nicht gut, wenn Prinzessinnen in Oberförsterhäuser einziehn. Sie sind bann aus ihrem Fahrwasser heraus und greifen nach allem möglichen, um in der selbstgeschaffenen Alltäglichkeit nicht unterzugehn. Einen besseren Trostspenber als Koseleger konnte sie freilich nicht finben; er gab ihr den Trost, bessen sie selber bedürftig ist. Im übrigen mag sie sich aufrichten lassen, von wem sie will. Der Alte auf eansfouci, mit seinem .Nach der eignen Fasson Seligwerden' hat's auch darin getroffen. Gewiß. Aber wenn ich euch eure Fasson lasse, so laßt mir auch die meine. Wollt nicht alles besser wissen, kommt mir nicht mit Anzettelungen, erst gegen meinen guten Krippenstapel, der fein Wässerchen trübt, und nun gar gegen meinen tluaen Lorenzen, der euch alle in die Tasche steckt. An ihn persönlich wagen sie sich nicht ran, und da kommen sie nun zu mir und wollen mich umstimmen und denken, weil ich krank bin, muß ich auch schwach sein. Aber da kennen sie den alten Stechlin schlecht, und er wird nun wohl seinen märkischen Dickkopf aufsetzen. Auch |ogar gegen Jppe-Büchsenstein und die Elfenbeinkugeln, die ja schon der reine Rosenkranz sind. Und es wird auch noch so was. Eigenllich bin ich übrigens selber schuld. Ich habe mir durch den prinzeßlichen Augenaufschlag und die vier Kindergräber im Garten zu sehr imponieren
lassen. Aber es fällt doch allmählich wieder ab, und ein Glück, daß ich meinen Engelke habe."
Bor Erregung war er aus feinem Rollstuhl aufgestanden und brückte aus ben Klingelknops. „Engelke, geh zu Lorenzen und sag ihm, ich ließ' ihn bitten. Der soll bann aber heut auch der letzte sein ... Denke dir, Engelke, sie wollen mich bekehren!"
„Aber, gnadger Herr, das is ja doch das beste."
„Gott, nu sängt der auch noch an."
38. Kapitel.
Lorenzen kam nicht; er war nach Rheinsberg, wo die Geistlichen aus dem östlichen Teil der Grafschaft eine Konferenz hatten. Aber statt Lorenzen kam Doktor Moscheles und sprach von allem möglichen, erst ganz kurz von Dubslavs Zustand, ben er nicht gut unb nicht schlecht fand, bann von Koseleger, von Katzler, auch von Sponholz (von dem ein Brief eingetroffen war), am ausführlichsten aber von Rechtsanwalt Katzenstein und von Torgelow. „Ja, dieser Torgelow", sagte Moscheles. „Es war ein Mißgriff, ihn zu wählen. Und wenn es noch nötig gewesen wäre, wenn die Partei keinen Bessern gehabt hättet Aber da haben sie denn doch noch ganz andre Leute." „Dubslav war davon wenig angenehm berührt, weil er aus der persönlichen Niedrigstellung Torgelows die Hochstellung der Torgelawschen Partei heraushörte.
Der Besuch hatte wohl eine halbe Stunde gedauert. Als Moscheles wieder fort war, sagte Dubslav: „Engelke, wenn er wiederkvmmt, so sag ihm, ich sei nicht da. Das wird er natürlich nicht glauben; weiß er doch am besten, daß ich an mein Zimmer und meinen Rollstuhl gebunden bin. Aber trotzdem; ich mag ihn nicht. Es war eine Dummheit von Sponholz, sich grabe diesen auszusuchen, solchen Allerneuesten, der nach Sozialdemokratie schmeckt und dabei seinen Stock so sonderbar ansaht, immer grab in ber Mitte. Und dazu auch noch neu roten Schlips."
„Es sind aber schwarze Käfer drin."
„Ja, die sind drin, aber ganz kleine. Das machen sie so, damit es nicht jeder gleich merkt, wes Geistes Kind so einer ist und wohin er eigentlich gehört. Aber ich merk es doch, auch wenn er an Kaiser Wilhelms Geburtstag mit ner papiernen Kornblume kommt. Also du sagst ihm, ich sei nicht da."
Engelke widersprach nicht, hatte jedoch so seine Gedanken dabei. „Der alte Doktor ist weg, und den neuen will er nicht. Un den aus Wutz will er auch nid), well der so viel mit der Domina zusammenhockt. Un dabei kommt er doch immer mehr runter. Er denkt: ,Es is noch nich fo schlimm.' Aber es is schlimm. Is genau so wie mit Bäcker Knaack. Un Kluckhuhn sagte mir schon vorige Woche: .Engelke, glaube mir, es wird nichts; ich weiß Bescheid.'"
Das war am Montag. Am Freitag fuhr Moscheles wieder vor und verfärbte sich, als Engelke sagte, der gnädige Herr sei nicht da.
„So, so. Nicht da."
Das war doch etwas stark. Moscheles stieg also wieder auf seinen Wagen unb bestärkte sich, während er nach Gransee zurückfuhr, in feinen durchaus ablehnenden Anschauungen über den derzeitigen Gesellschafts- zustand. „Einer ist wie der andre. Was wir brauchen, is ein General- kladderabatsch, Krach, tabula rasa." Zugleich war er entschlossen, von einem erneuten Krankenbesuch abzustehen. „Der gnädige Herr auf, von und zu Stechlin kann mich ja rufen lassen, wenn er mich braucht. Hoffentlich unterläßt er’s."
Dieser Wunsch erfüllte sich denn auch. Dubslav ließ ihn nicht rufen, wiewohl guter Grund dazu gewesen wäre, denn die Beschwerden wuchsen plötzlich wieder, und wenn sie zeitweilig nachließen, waren die geschwollenen Füße sofort wieder da. Engelke sah das alles mit Sorge. Was blieb ihm noch vom Leben, wenn er seinen gnäbgen Herrn nicht mehr hatte? Jeder im Haus mißbilligte des Alten Eigensinn, und Martin, als er eines Tages vom Stall her in die nebenan gelegene niedrige Stube trat, wo feine Frau Kartoffeln schälte, sagte zu dieser: „Ick roeet nich, Mutter, roorüm he den jungschen Dokter rutgrulen däd. De Jungsche is doch klüger, as de olle Spanholz is. Doa möt man blot de Globsower über Sponholzen hären. ,Joa, oll Sponholz', so seggen se, ,be is joa so miet gang goob, awers he [eggt man ümmer: Kinnings, krank is he egentlich nid), he bruft man blot ne Supp mit en beten wat in!' Joa, Sponholz, de kann fo wat (eggen, de hett wat da to. Awers de Globsower! Wo salln be ne Supp herkregen mit en beten wat in?"
So verging Tag um Tag, unb Dubslav, bem herzlich schlecht war, sah nun selber, daß er sich in jedem Punkt übereilt hatte. Moscheles war doch immerhin ein richtiger Stellvertreter gewesen, unb wenn er jetzt einen andern nahm, so traf das Sponholzen auch mit. Und das macht er nicht. In dieser Notlage sann er hin und her, und eines Tages, als er mal wieder in rechter Bedrängnis unb Atemnot war, rief er Engelke und sagte: „Engelke mir is schlecht. Aber rede mir nich von dem Doktor.


