GiehMrZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957 Montag, den 23. August

Nummer 65

GOYA

UND DAS LÖWENGESICHT

ROMAN VON KARL HANS STROBL

(Schluß)

Josepha blätterte in den Zeichnungen, Entwürfen und Skizzen, mit denen meine Werkstätte überschwemmt war. Sie hatte sich nie viel um meine Kunst gekümmert, die Geringschätzung ihres Bruders hatte ihre eigene Meinung beherrscht. Ich merkte, daß sie sich nun Mühe gab, den Weg des Verstehens zu gehen.

Sie wußte nichts davon, baß ich Martina verloren hatte. Vielleicht saß die Furcht vor dieser Liebe wie ein nagender Wurm in ihrem Herzen, aber sie bot mir dennoch ihre eigene Liebe. Eine arme, graue, schattenhafte Liebe, aber sie gab mir, so viel sie eben geben konnte.

Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und sie erbebte unter-dieser ungewohnten Zärtlichkeit, die gleichfalls nur ein Schatten war. Mit furcht­samem Erstaunen sah sie mich an und schmiegte sich an mich.Ach, Fran­cesco, wenn du doch endlich deine Ruhe finden wolltest", flüsterte sie schüch­tern.

Da beschloß ich, nichts von dem zu tun, was ich hatte tun wollen, um das Schicksal nicht herauszüfordern. Meine Aufgabe war nicht Mord und Kamps, meine Pflicht war die Vollendung meiner selbst.

Vielleicht erwartete Josepha die Aufforderung, bas Stadthaus zu ver­lassen und zu mir zu ziehen. Aber so weit war ich noch nicht. Ich ließ sie gehen, betrübt und doch getröstet, abgewiesen und doch von einer fernen Hoffnungsahnung erhoben.

Am Abend dieses Tages kam Siebold.

Er war die ganze Zeit über fitester, düster und wie unschlüssig gewesen, heute sah ich ihn entschlossen und aufgerichtet.Nun bist du wieder fest in dir, Francesco", sagte er,nun hast du dich wieder gefunden!"

Woher wußte er es schon, daß ich, mir selbst zur Verwunderung, ein Gefühl der Sicherheit und Erhellung in mir trug?

Nun ist auch mir die Kraft gekommen, sie zu überwinden. Nun sollst du deine Rache haben."

Meine Rache? Wofür?"

Für Martinas Tod. Und alles. Und all das andere. Komm mit mir." Wir schritten der Stadt zu.

Wohin gehen wir?" fragte ich.

r Siebold blieb stumm. Es war eine stürmische Herbstnacht, der Wind bog die Baumkronen wie Grasbüschel nach einer Seite, pfiss um die Dächer der niederen Vorstadthütten, und immer, wenn er ein Stück des Himmels freigelegt hatte, brach ein greller, heftiger Mondschein hervor.

Unsere Wanderung war kurz. Das Haus, vor dem Siebold stehen blieb, lag am selben Ufer des Manzanares, es war das Haus der Isabel Calderana, in dem sie mich einst empfangen hatte.

Was wollte Siebold noch einmal in diesem verlassenen Haus, dessen Besitzerin verschwunden war?

Unter seinen Händen knackte das Schloß der Tür, wir traten in die stickige, unfreie Lust lang verichloisen gewesener Häuser. Siebold sandte das Strnh- lenbüudel seines Laternenauges auf unseren Weg. Wir öffneten jede Tür und sahen in jeden Raum, und nachdem wir uns überzeugt hatten, daß alles leer war, kehrten wir in das Zimmer zurück, in dem ich einst Isabel gegen­übergestanden hatte. Es war alles noch genau so wie damals. Der gotische Christus hing mit verrenkten Gliedern und schmerzzerwühltcn Zügen an der Wand, und gegenüber hob das gehetzte Mondlicht für einen Augenblick meine Zeichnung des Grabmals der Caecilia Metella aus der Finsternis.

Siebold befahl mir die Laterne zu halten und zog mit Kohle einen schwarzen Kreis auf dem Steinpflaster des Bodens. Dann legte er behutsam in seinen Mittelpunkt ein dunkles Etwas, das wie ein Büschel Haare aussah.

Was ist das?" fragte ich.

«Eine Locke Martinas."

Eine Locke Martinas? Wann hatte sich Siebold einer Locke der Geliebten bemächtigt? Ich wußte nichts davon.

Schweig, Francesco!" kam Siebold meiner Frage zuvor,schweig! Die Zeit ist da, mit Belisa endgültig abzurechnen."

Er ließ das Laternenauge erlöschen, nun standen wir im Dunkeln, nur Hetzen des Mondlichtes wehten ab und zu in das Zimmer. In diesem Schwei- ren, das mich von allen Seiten umklammerte, entfernte sich meine Seele cus meinem Körper. Sie schwebte frei im Raum! hellsichtig trotz der Finster­iris, sah ich die zwei an der Wand lehnen, den Maler Goya und den Mann, ber den Dämon herbeizwang, indem er sich in die leichenhafte Starre ver­ätzte, in der ich ihn schon einmal erblickt hatte. Damals als wir den Freund lerettet hatten, der daun zn meinem Feind geworden war. In welches

Zwischenreich hatte er sich begeben, wo weilte er, während er seinen Kampf mit ber Singdogmo aufnahm? Und war ich nicht auch auf dem Weg, ihm dahin zu folgen, wenn ich so außer mich getreten war, daß ich mich selbst vor mir erblickte? '

Die Zeit war wesenlos geworden.

Plötzlich hörte ich, wie sich die Tür öffnete.

Es waren keine Schritte zu vernehmen gewesen, kein anderes Geräusch als das Aechzen des Windes und das Fegen der Baumäste.

Aber nun ging eine Tür, und plötzlich wieder in mich selbst zurückgekehrt, sah ich mit den Augen meines Leibes die Pastrana inmitten des plötzlich herbeigerufenen harten Lichtkreises aus Siebolds Laterne. Sie war aus dem Nebenraum getreten, aus Jsahels Schlafzimmer, das wir vorher leer­gefunden hatten.

Belisa!" rief sie Siebold an.Belisa!"

Ach, die Pastrana! Die arme, alte Pastrana! Die Hexe Pastrana", nickte die Alte. Das Weib stand in seiner ganzen Häßlichkeit vor uns, trief­äugig, mit verwirrtem Haar. Mit schleppenden Beinen und stoßenden Hüften näherte sie sich dem Kreis und bückte sich, um die Locke Martinas aufzu­nehmen.

Totenhaar!" sagte sie mit dem spöttischen Lächeln, das mir immer Grauen erregt hatte,Totenhaar, das dir gehört, Francesco!"

Sie reichte die Locke mir, und ich nahm aus den Händen der Hexe das Haar der Geliebten.

Du bist es gewesen, Belisa! Lang hast du mich getäuscht." Siebold stand groß und gebietend vor der Alten und seine Worte hatten eine Wucht wie Schläge gegen Metall.Du hast diese Frau getötet."

Sie hat mir genommen, was einmal mein gewesen ist."

Du hast Francescos Freund gemordet."

Die Alte kicherte:Er war der Freund meines Feindes."

Du hast Francesco nach dem Leben getrachtet."

«Ja! Ja! Ja!"

Du hast dich gegen deinen Meister empört, Belisa. Du, Geschöpf meines unheilvollen Willens, hast dich abgespalten von deinem Schöpfer."

Unheilvoller Wille empört sich immer gegen seinen Entsender."

Es ist genug. Ich zerbreche dich. Ich vernichte dich. Ich werfe dich dorthin zurück, woher ich dich ries."

Siebold wuchs noch mehr empor. War es wirklich so, wie es mir im Augenblick erschien, daß Siebolds Füße die Steinplatten nicht berührten und daß er sich in die Lust erhoben hatte? Die Laterne war zu Boden ge­fallen und ihr gesammelter Strahl erhellte mit ganzer Kraft einen abgelege­nen Winkel neben dem Gekreuzigten. Siebolds Linke war mit geballter Faust aufgereckt, die Rechte streckte die gespreizten Finger furchtbar gegen die Pastrana. An jedem von ihnen flammte ein blaues Licht.

Geben Sie sich keine Mühe, Meister!", sagte die Pastrana sanft und mit weicher Stimme,Ihre Künste sind unnötig, meine Zeit ist um. Ich weiß es. Ich habe es gewußt, ehe Sie gekommen sind. Ich gehe, weil ich zu Ende bin, nicht weil Sie das große Nein gegen mich schleudern."

War das noch die Pastrana, die da sprach, mit einer Stimme, die alle Schärfe verloren hatte? Der Klang ihrer Worte war bescheiden, ja demütig, sie kamen fast behutsam daher, als wollten sie niemandem weh tun. Ja war das noch die Pastrana, die widerwärtige alte Vettel, meine grimmige Feindin von Anbeginn an, die uns alle, Martincho, Miguel, Martina und mich, ja vielleicht sogar Siebold benebelt und verhext hatte?

Ich sah sie im wieder eindringenden milchig geronnenen Mondlicht, aber das waren nicht mehr die abstoßend häßlichen Züge der alten Bettlerin. Eine verborgen gewesene Schönheit kam unter ihnen zum Vorschein, ein Wunder geschah, es war, als würde eine entstellende Schminke von unsicht­barer Hand fortgewischt, das Hexengesicht wandelte sich, und aus den ge­glätteten Falten blühte ein Lächeln hervor.

Weiß Gott, die Pastrana lächelte ... aber es war ja gar nicht mehr die Pastrana, die mich da still, traurig, ergeben und rätselbaft anlächelte, es war ... ich schaute in ein bekanntes Gesicht, in das der Isabel Calderana.

Und zugleich wandelte sich auch die Gestalt, der verkrümmte Rücken streckte sich gerade, die verrenkten Glieder wurden straff. Mit einer leisen, anmutigen Bewegung strich sie das Zottelhaar aus der Stirn und hob den Kopf.

Das dauerte jedoch nur das Vorüberhauchen weniger Sekunden, dann stieß die Frau einen Seufzer aus. Ich sah sie taumeln und wanken, ihre Glieder wurden wieder schlaff, sie sank in sich zusammen.

Siebold sprang auf seine Laterne zu und ließ das Bündel des geschliffenen Lichtauges auf das Gesicht der daliegenden Frau fallen.

Gift? Gift, Isabel?", murmelte er,es ist Isabel!"

Ja, auch Isabel", lächelte die Frau.

Was für eine Schauspielerin war doch diese Frau, was für eine unver­gleichliche Künstlerin der Verwandlung, daß sie es verstanden hatte, in zwei Gestalten zu erscheinen, so verschieden voneinander wie die stolze herbschöne Isabel und diese Hexe Pastrana.