Der vergessene Donner.

Von Christian Morgenstern.

Ein Gewitter, im Vergehn, ließ einst einen Donner stehn.

Schwarz in einer Felsenscharte stand der Donner da und harrte

scharrte dumpf mit Hals und Hufe, daß man ihn nach Hause rufe.

Doch das dunkle Donnerfohlen niemand kam's nach Hause holen.

Sein Gewölk, im Arm des Windes, dachte nimmer seines Kindes

flog dahin zum Erdensaum und verschwand dort wie ein Traum.

Grollend und ins Herz getroffen läßt der Donner Wunsch und Hoffen ...

richtet sich im Felsgestein, wie ein Bergzentaure ein.

Als die nächste Frühe blaut, ist sein pechschwarz Fell ergraut.

Traurig sieht er sich im See sahl, wie alten Gletscherschnee.

Stumm verkriecht er sich, verhärmt: nur wenn Menschheit kommt und lärmt,

äfft er schaurig ihren Schall, bringt Geröll und Schutt zu Fall ...

Mancher Hirt und mancher Hund schläft zu Füßen ihm im Schrund.

Ein Tag in Donauwörth.

Von Wilhelm Hausen st ein.

Diese Stadt gehört zu denen, die schon durch die musikalische Schönheit ihres Namens anziehen: welches tönende Relief, welche farbige Fülle des Klanges, welche gestufte Tiefe des Tones in diesem WortDonau­wörth" ... Der Name scheint wie eine Glocke zu läuten und herzurufen, und siehe, man kommt. Und ehe man eintritt, hat man schon ein Zweites empfunden: den ungewöhnlichen Reiz des Grundrisses dieser Stadt. Hat man auch nur ein bißchen von der Leidenschaft für Grundrisse in sich (denn wirklich und wahrhaftig vermögen Grundrisse zur Leidenschaft zu werden, und ich für meine Person habe diese Passion), so erblickt man fasziniert aus die schwarzweiße Fläche, die, in Häusergevierte und Wasser­läufe, in Landflächen und Gassenzüge und Plätze geteilt, ein graphisches Kunstwerk zu sein scheint, das anzublicken, nachzuzeichnen, zu entziffern und wiederum nur einfach anzuschauen man nicht müde wird! In der Tat: man braucht den Grundriß nicht einmal zu lesen; man braucht ihn nicht einmal zu enträtseln; denn allein schon an sich vermag dies schwarz­weiße Gebilde aus Linien, Flächen, Schraffierung zu bezaubern. Allein schon diese reiche und feine Entwicklung der Lineamente auf dem Papier entzückt.

Kommt man nun näher, so bestätigt die leibhaftige Wirklichkeit der Lage, was nach dem Plan erwartet werden mußte, und was zu einem guten Teil ja auch schon im Namen angemeldet ist: das Wasser spielt für diese Stadt eine große Rolle. Das Wasser.der Donau aber nicht allein. Denn da ist auch noch, die Stadt halb umschlingend und unmittelbar an ihrer Wurzel in die Donau einströmend, der bald seenhast breite, bald in schmale Arme zerfaserte Fluß Wörnitz fo daß zwei Seiten des anmutig gezeichneten Triangels der Stadt vom Wasser begleitet sind. Indessen hat der Plan dies von vornherein verraten können, so hat er doch eines nicht vermocht er hat nicht sagen können, wie diese Stadt sich von den Ufern ihrer Flüsse erhebt. Wie sie auf einen sanft ge­schwungenen Geländerücken hinaufwächst: wie das Land um sie her als Wiese, Feld und Wald das Altersgraue des Steins naturgrün rahmend, ansteigt und absinkt, und wie die Kirchtürme, die Chöre, die Dächer und Giebel ins Körperlich-Aufrechte ragen. Jetzt sind wir da, und setzt also wissen wir auch dies, jetzt steht das Bild des Ganzen, zwar erst von außen her genommen, mit aller deutlichen Leibhaftigkeit in unseren Augen.

Kommt man von Neuburg her, so betont sich schon für den ersten Anblick von außen her, aber noch mehr beim Eintritt ins Innere der Unterschied eines reichs städtischen, eines bürgerlichen Donauwörth vom höfischen Wesen Nauburgs. Die große Straße, die ins Herz hinauf­leitet, heißt denn auchReichsstraße" (womit Erinnerung an eine große reichsstüdtische Bürgerzeit sich aussprechen mag), und die stattliche Weite, in die der sanft gebogene Zug der Reichsstrahe sich empordehnt, heißt recht bürgerlich-geschäftigMarkt". Sofort wird auch empfunden, daß dieser in Reichsstraße und Markt gefaßte bürgerliche Lebensstrom ent­scheidet: dies hier ist recht eigentlich Donauwörth. Erker scheinen ins Bild

des bürgerlichen Nürnberg hinüberzuspielen; starke Giebel, einer neben dem anderen, scheinen einigermaßen an das bürgerlich-prächtige Augs­burg und Landshut zu gemahnen denn Landshut, so sehr es Residenz gewesen ist, war doch und bleibt ebensosehr eine stolze Bürgerstadt! Augsburgisch muten die einzelnen kirchlichen Baubildungen an, wie bas zwieblige Kapellentürmchen hinter der Stadtpfarrkirche; augsburgisch mutet, wie sich versteht, das mächtige Fuggerhaus an das Fugger- Haus mit dem schräg ansteigenden Schartengiebel rechts droben am Markt- ende, zwischen der Pfarrkirche und der Hejligkreuzkirche aus dem Scheitel der Stadt. Freilich fühlt man zugleich, daß dies schöne Donauwörth in der Familienähnlichkeit mit Augsburg eben doch nicht beschlossen wird. Der Name Nürnberg schob sich ja schon auf die Lippen. Nun gewahrt man, ben leichten Bogen ber Reichsstrahe roieber hinabfolgenb zum Querbau bes Rathauses hin, bas gleichsam ber tragenbe Sockel ber ganzen Straß« ist nun also gewahrt man dasBaudrexlhaus". Es ist ein Fachwerk- bau mit Vorkragungen der oberen Stockwerke: es ist eine ausgesprochen fränkische Erscheinung. Man beginnt, besser zu empfinden, daß dies« Stadt, wenn sie eine schwäbische Schwerkraft hat, wenn sie, mit Landshut fernhin verwandt, im Bayn des Bayrischen steht, doch auch eine Wendung ins Fränkische hat finden müssen. Der Name des Flusses, der hier in di« Donau geht, bestätigt die fränkische Verbindung: Wörnitz heißt er (es wurde schon gesagt), und er ist, wie er da drunten fließt, von ber Franken­höhe herabgekommen, aus der Gegend von Schillingsfürst.

Weltliche Monumentalbauten, wie das Rathaus, das Fuggerhaus, das Übrigens eine recht reichsdeutsche Erinnerung an den Kaiser der Reichs­städte, an den ersten Max bewahrt, sind Zeugnisse einer großen gotischen Vergangenheit. Zu diesen Zeugnissen nimmt das Auge, indem es das bewegte Bild der Stadt genauer zu ordnen und fester zu verankern sucht, alsbald die Stadtpfarrkirche, deren Chor mit Hohem Dach und hohen Spitzbogenfenstern ganz mittelalterlich hersteht, von der beweisenden Schwere des gleich einem Kampanile herausgebauten Turms nicht erst zu beginnen, denn die nach mittelalterlicher Weise regierende Kraft und Ruhe dieses mächtigen Stumpfes ist völlig offenbar. Im Innern ber brei« fchiffigen Hallenkirche verspürt man ben Abe! gotischer Form auch durch unliebsame Bemalung aus neuer Zeit hindurch, und die schlank auf- wachsende Gestalt bes Sakramentsgehäuses, einer Lärche vergleichbar, bi« mit bem Wipsel nickt, ist nicht minber eines der deutschgotischen Haupt­zeichen als das Sakramentsgehäuse des Adam Krafft in Sankt Lorenz zu Nürnberg! Mit Engelsköpfchen, Figuren, Rankenwerk reich ausgebildet, aus feinkörnigem weißen Haustein so kunstreich herausgehauen, daß Aest« und Zweige sich ineinander schlingen: so ist dies Gebilde schon eines jener äußersten Wagnisse, in denen eine eifrig spielende Spätgotik bewußt an die Grenzen ging. (Der Name des Meisters soll nicht verschwiegen werden: das Gehäuse wurde dem Augsburger Gregor Er Hardt in Auftrag gegeben, der es 1503 vollendet hatte.)

Des Schönen ist schon soviel gesehen, so im besonderen wie im gesamten, aber das Köstlichste steht noch bevor. Schon stellt sich dem Gast, der den Markt hinaufspaziert und in die Heiligkreuzgasse eintritt, die bizarr imponierende Figur des Turmes der Kreuzkirche in den Blick. Die Stadl wird stiller. Man ist in den geistlichen Bezirk ber Stabt gelangt. Sie Kirche ist Kopf und Krone einer mit starker Einfachheit noch immer dastehenden SBenebittinerabtei, bie 1802, in ber Zeit eines grob säkulari- fierenben Staatsliberalismus von weltlich-zentralistischer Gebe aufgehoben würbe. Die Schönheit ber Gestalt bes Ganzen unb ber Situation ist geblieben. Man tritt in ben Friebhos; man geht zur Rampe vor. Das Laub erstreckt sich auf Wiesengrün unb Waldgrün in mäßigen Steige­rungen; bie Wörnitz blinkt über ihre vom Regen genährte Breite hin so still wie ein grauer Metallspiegel, ber wettergraue Himmel macht bie einfache unb großflächige Schönheit der Landschaft für diesmal schwer­mütig, aber man ahnt die strahlende Heiterkeit, die ihr von der Sonne unb bem blauen Himmel ein anbermal gegeben sein kann, unb man zaudert nicht, die Sicht von der Höhe dieser Friedhofsrampe zu den köstlichsten Ausblicken des ganzen bayerischen Landes hinzunehmen! Das Innere der barocken Kirche, die, im Beginn des 18. Jahrhunderts erbaut, dem Genie des Joseph Schmutzer verdankt wird, begleicht auf triumphale Art, was sie der Schönheit dieser Lage schuldet; die Kirche ist der Zenit dieser Stadt. Das bayerische Barock erreicht seine souveräne Höhe hier im Gesamtbild wie in der Fülle erstaunlicher Altäre, die mit Gold und Silber üppig, nervös entwickelt, durch die Kirche hinglänzen. Im einzelnen muß man zumal die empfindsame Bildung der Hände an den Heiligen­figuren bestaunen, die der barocken Geschmeidigkeit der Modellierung die stärksten Akzente gibt. Seltsam das Schwarze da und dort an Händen und Gesichtern der Engel und Heiligen: Silber, mit dem Fleischteile gefaßt waren, ist nachgedunkelt und fügt dem Zauder des Ganzen die Magie des Rätselhaften hinzu.

Man verfolgt die Entwicklung der Stadt bis zur Klassik des Deutsch- ordenshauses, das mit Grau und Rosa dem Rathaus benachbart ist. Aber noch wartet des Gastes, der einen kleinen Ausflug nicht scheut, unweit der Stadt etwas Außerordentliches: die Kirche von Kaisheim. Hier hat, inmitten einer schon abgründigen Einsamkeit, die Gotik kathedralischh Masse angenommen! Schon das Aeußere, wiewohl ohne bedeutenden Raum (denn es besitzt nur den Vierungsturm über der Kreuzung der Schiffe), kündet Ungewöhnliches an; die Massen und Verhältnisse streben durchaus ins Große. Das Innere, schlank, erhaben, ist nicht weniger als die Erscheinung eines noblen Domes meisterlicher Gotik! Wie kommt es, daß man dieser grandiosen Kirche nicht mehr Aufmerksamkeit schenkt? Die Ueppigteit der Ausstattung einer Kirche, die allein schon um der vollendeten Reinheit ihrer gotischen Raumbildung willen eifrig gesucht werden müßte, tut ein übriges: enorme Wandungen unter hochsitzenden Spitzbogensenstern tragen Apostelbilder in phantastischen Goldrahmen einer sozusagen flam boyanten Renaissance, und Hochaltar, Kanzel, Orgel, alle drei in Grw und Schwarz, Werke einer überschwenglichen Renaissance auch sie, schenken dem Ganzen eine berauschend-symphonische Fülle.

^eraotwortUch Dr. Hans Tbvriot. Druck unbBerlag: Drühl'sche Untversitäts-Duch- und 6teinbiudetet, 2L Gange, Vietze*