Abendlied.

Don Matthias Claudius.

Der Mond ist aufgegangen. Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar;

Der Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold!

Als sine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen. Und ist doch rund und schön!

So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder, Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste, Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen. Auf nichts Vergänglichs trauen. Nicht Eitelkeit uns freu'n!

Laß uns einfältig werden. Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wallst endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod!

Und, wenn du uns genommen, Laß uns in Himmel kommen. Du unser Herr und unser Gott.

So legt euch denn, chr Brüder, In Gottes Namen nieder;

Kalt ist der Abendhouch.

Verschon uns, Gott! mit Strafen, Und laß uns ruhig schlafen!

Und unfern kranken Nachbar auch!

Königin Luise stirbt.

Von Walter von Molo.

Vorsichtig, den sorgenvollen Blick der alten Augen beobachtend auf !«m ermatteten Gesicht ihrer Königin, die im Leidensbette wieder in fas erschreckende Schwächeschlummern verfallen war, schritt die hohe Ge­lalt der Oberhofmeisterin im morgendlichen Dämmerlicht zum Fenster, farch das stumm der Park hereinstarrte. Sie sah zum grauen Him­mel auf.

1 Arm lag die Königin, kurz und ungleichmäßig ging ihr schwacher i lern. Dunkle Fieberröte war aus den eingefallenen Wangen. Konnte . ^ott so hart sein, dies« Frau dem Lande und den Ihren wegzunehmen?

Lenn nur die schrecklichen Brustbeklemmungen nicht wiederkamen! Wenn Jur der König endlich da wäre! Wie sie gestern über den Brief ihrer rinder geweint hatte!

Traurig blickte die Oberhofmeisterin in den mißmutig aussteigenden ommermorgen, der sich trüb über dem Park emporhob.

Im oberen Stockwerk war etwas umgefallen, Barmherziger! Srau

Voß fuhr herum. Luise hatte die Augen geöffnet und lächelte.Was M ich tun, Majestät?"

Voll ängstlicher Spannung beugte sich di« alte Dame zum rühr«nd rjmakn Gesichte nieder, aus dem di« großen, schönen Augen nachdenk- M)=ernft sie ansahen.Gleich geht die Sonne auf! Es bleibt heute kühl! ^vll ich die Kissen höher rücken?"

. Luise hob langsam den schlanken Zeigefinger und sagte nachdenklich, l'ft unhörbar: ,Zch glaube, jetzt ist es so weit ich sterbe ...

Die Voß wehrt« abMeinen Majestät, Gott weiß nicht, was seine Nicht ist? Erst müssen Sie noch einmal so recht glücklich sein, wie Sie s "wdienen ..."

Eine kaum bemerkbare Abwehrbewegung der Kranken ließ die Ob«r- Psmeisterin verstummen _. .......

Luisens Finger suchten auf der Decke herum. Mit glücklichem Zu­

friedensein fand sie den Brief ihres Mannes. Sie umschloß das Papist und drückt« es zusammen. Die Augen schlossen sich wieder

Eiliges Wagenrollen erscholl aus der Holzbrücke im Park. Jäh ver­stummte es. Der Morgenwind ließ die Birken vor den Fenstern wehen, die Buchen rauschten. Die tief hängenden Regenwolken des nächtlichen Gewitters zogen über den fernen Kiefernwäldern ab.

Gott fei Dank! Die hohe Gestalt des Königs schritt hastig. Das ist gescheit, daß er den Kronprinzen und den Prinzen Wilhelm gleich mit­bringt! Wie der arme König die Fenster abguckt! Doktor Heim trat aus dem Portal des Schlosses Sie mußte dabei fein, fönst sagte der Alte wo­möglich die schrecklichsten Dingel

Der König stand mit gesenktem Kopf, die Augen tief bewegt zu Boden gerichtet, die ängstlich mit ihm lauschenden Söhne zur Rechten und Linken, und hörte dem zu, was der Arzt mitteilte:

,Lch würde für alle Fälle raten, den Versuch zu machen, von Ihrer Majestät zu erfahren, ob sie noch einen Wunsch hat .. "

Friedrich Wilhelms Finger krampften sich zusammen.

Wir wissen ja nicht, Majestät, was Gottes Ratschluß über uns verhängt."

Aufbegehrend, in furchtbarem Schmerz, hob der König seinen ver­störten Blick.Es ist dringend nötig", warnte Doktor Heim,daß sich Majestät die Schwere der Stunde nicht anmerken läßt!"

Wie gelähmt stieg Friedrich Wilhelm die Stufen der Freitreppe hinan. Bedrückt kamen zwei Bediente im Park zum Vorschein. Der eine trug des Königs Landwehrmütze, die diesem beim Aussteigeri aus dem Wagen entfallen war.

Wortlos umarmte im Vestibül Luisens greiser Vater den König.Sie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, Gott kann noch helfen." Friedrich Wilhelm schüttelte den KopfLuise stirbt!" stieß er hervor.Sie ist ja meine Frau; da hilft Gott nicht!"

Ihre Majestät wird sich sehr freuen, Majestät und die beiden Prin­zen um sich zu wissen", sprach die Voß. Seife öffnete sie die Tür und blickte vorsichtig ins Krankenzimmer. ,Zhre Majestät ist wach!"

Friedrich Wilhelm trat ein

Ein Schein unaussprechlich schöner Freude leuchtete auf Luisens Antlitz. Die Totenfarbe des geliebten Gesichtes versetzte den König in die wildeste, in die äußerste Angst.Mein lieber, lieber Freund", hauchte Luise, sehnsüchtig nach ihres Mannes Hand tastend,welche Freude, daß du da bist!" Er neigte sich nieder, seine Lippen empfingen den mühsamen Kuß der Sterbenden. Der verzweifelte Händedruck verriet des Königs Angst. Scheu wich Luise mit dem Kopf zur Seite; bang und traurig sah sie ihren Mann an. Sie sagte unruhig:Bin ich denn so krank?"

Wie kommst du aus den Gedanken?" stammelte er. ,Zch bin froh, daß ich da bin."

Nachdenklich drehte sie feine Hand, die sie sesthielt, von sich ab und betrachtete sie forgfam; plötzlich bewegte sie sich herum, und ehe er es hindern konnte, küßte sie sie lebhaft, zwei-, dreimal mit zärtlichster In­brunst. Friedrich Wilhelm schluchzte auf. Sie wich zurück; her König, nicht mehr Herr seiner Fassung, wendete sich ab und murmelte:Ich will die Kinder holen!"

Mit tastenden Füßen ging er zur Türe.

Prüfend ließ Luife ihren ernsten Blick über die teilnahmsvollen Ge­sichter derer gehen, die eintraten. Ein Schauer überfiel sie; ihre Zähne schlugen im Frost der geängstigten Seele auseinander. Hastig kam der Arzt näher.

Der König ist gut", lispelte Luise,aber er soll mich nicht bedauern", stieß sie hervor,sonst sterbe ich gleich." In bitterer Nachdenklichheit drehte sie ihren Kopf der Wand zu.Er soll sich nicht ... fürchten."

Die Kinder sanken vor dem Bette ihrer Mutter auf die Knie nieder.

Gütig strich sie der Weinenden Köpfe. Sie versuchte ein Lächeln. Ist Papa ... in der kalten Nacht ... ohne ... Mantel von Berlin ... hierher ... gefahren?"

Wir waren ja so verzweifelt, Mütterchen, als die Stafette kam ..." sagte der Kronprinz. Sein Bruder zog ihn mahnend am Rock; er ver­stummte.

Die jungen Herrschaften gehen in den ©arten", schlug die Oberhof­meisterin vor. Die Knaben gehorchten wie magere Zicklein, die sich ihrer Mutter entführt sehen.Was befiehlt Majestät?" fragte die Voß.

Mein Mann ... soll ... mir ... keine solche ... Szene mehr machen, sonst ... sterbe ich", bettelte Luise. Schweiß trat ihr auf die Stirn. Sie begann um Luft zu ringen.Mein Vater soll sich nicht aufregen, sonst wird er auch ... krank."

Majestät!" flüsterte Doktor Heim dem König zu,es kann jeden Augenblick aus sein."

Luisens Augen lächelten, abbittend, daß sie soviel Leid verursache. Der König kniete nieder. Sie nzbm [eine Hand und preßte sie auf ihr Herz. Er biß die Zähne aufeinander, um seine Fassung nicht zu ver- lieren; sein Blick nahm Abschied.Ich lieg' in Vadderchens Bett", hauchte Luise mit dem letzten Versuch, noch einmal zu scherzen.

Er nickte.

Die Spitzen ihrer Finger erkalteten, ihre Stirn und die Wangen wurden weiß.Dein Glück und die Kinder."

Breiten Eure Majestät die Arme aus!" forderte mit heiserer Stimme der Arzt.

Ich ... kann ... nicht ..

Noch einmal versuchte sie den König anzusehen; sie bewegte die Lippen; doch es formte sich kein Wort mehr.

Der Glanz ihrer Augen erlosch; ihr Kops lag reglos.

Sie war tot.