Das Löwenqesicht ... der Körper des Gehenkten ist eine Lockspeise, die weUbin duftet Es sind die Zähne des Gehenkten, die sie anzlehen. Wenn die Singdogmo nicht die anderen verscheucht hätte, weit sie starker ist als sie so konntest du die Lamien jetzt von allen Seiten heranilattern ieden Weithin wittern diese Nachtvögel einen Galgen mit einem Gerichteten darauf Die Zähne des Gehenkten sind bn ihnen überaus begehrt, sie wollen sie ihm ausbrechen, sie brauchten solche Galgenzahne für ihre schwarzen Praktiken. Zum Glück für uns ... denn dann, daß sie solcher Dinge bedürfen, sind sie schwach ... schwacher als ich.
, Was willst du tun?" fragte ich, bemüht, das Klappern meiner Kinn- ' laden nicht laut werden zu kaffen.
„Die Stunde ist da, ihr die Maske herabzureißen, Ihr Kommen enthüllt sie. Und sie ist machtlos, wenn sie einmal durchschaut ift
Ich kannte Siebold nun. schon seit Jahren, seit jenem Tag,an dem er in meine Werkstatt gekommen war, um mir zu sagen, daß mich meine Phantasie gefährliche Wege führe, aus denen mir leicht Uebles begegnen könne. Ich habe mich in Bereiche vorgewagt, wo ich leicht Mächte herausfordern könnte, die besser meinem Dasem ferngehalte ro ;Xn Es war der Tag nach dem Erscheinen meiner Caprichos ge- welen in denen ja in der Tat genug tolle Ausgeburten meiner Em- blldungskrait ihr Wesen treiben. Damals hatte ich daruoer oAacht denn ich hielt diese Dinge für ein freies Spiel meiner künstlerischen Saune und hotte darum auch meinen Blättern den Vorspruch neu: „Auch dem Vernünftigen zeigt der Traum ^"lleheuerllchke ten. Aber sonst stand ich ja mit beiden Beinen fest ln der Wirklichkeit, so fehr daß mir meine Mitbewerber, die glaubten, die Wirklichkeit schon herausputzen zu müssen, dies zum Vorwurf machten. Siebold aber ließ durchblicken, daß ich allzu leichtfertig sei, und daß er sich berufen fühle, mich zu beschützen ...... ..
Wundersame und höchst absonderliche Dinge hatte ,ch seither mit ihm erlebt, aber nie vorher war er mir fo unheimlich gewesen wie in dieser Stunde, da wir in unserem Versteck auf das Wild lauerten, von dem er sprach. Seine finstere Entschlossenheit, die Zusammenballung eines furchtbaren Willens, die Ich in ihm fühlte, flößten nur Grauen ""Miguel, der neben mir lag, konnte feine Erregung nicht unterdrücken und stöhnte auf: „Das halte ich nicht aus.
„Schweig!" flüsterte ich und legte ihm die Hand auf den Mund.
Denn ich muß gestehen, trotz meines eigenen Grausens hatte mich selbst eine Art von Jagdleidenschaft gepackt, das unbezwingbare Begehren, endlich einmal wenigstens in einer Art zur Klarheit zu kommen.
Längst hatten die Uhren der Nachbarjchaft Mitternacht geschlagen, und wir lagen noch immer regungslos in unserem Hinterhalt. Aus der weiten Fläche des öden Klostergartens quoll ein leichter Bodennebel, der halbmannshoch wie verdünnte Mondmilch alles übergoß, zwischen das Gestrüpp kroch und unsere Kleider durchfeuchtete.
Was ich zuerst gehofft hatte: daß niemand kommen würde, begann ich nun zu besorgen, und die Spannung meiner Nerven wollte Nachlassen. Da rührte Siebold meinen Ellenbogen an und flüsterte mir ins Ohr: „Sie kommt!"
Die Gestalt einer Frau, die auch ich unmittelbar daraus erblickte, kam lautlos durch den Nebel heran. Es machte den Eindruck. als schwebe sie oder schwimme aufrecht in den dünnen Schleiern der Mond- mit$Bir hielten den Atem an und sahen, wie die Gestalt sich dem Galgen näherte, an dem der dunkle Körper hing, bis zu den Knien in den Nebel getaucht. , . , , .. o,
Die Frau glitt dicht an den Gehenkten heran und hob die Arme zu dem Strick, der den Körper an den Ouerarm knüpfte ...
Ein fürchterlicher Schrei gellte durch die Nacht, ein einziger Schrei, jäh und grell beginnend und in einem winselnden "Heulen endend.
Siebold war ausgesprungen und stand mit einigen Sätzen von tier- haster Geschmeidigkeit neben der Frau. Wir rannten hinterdrein, und eben als wir ankamen, lüftete Siebold den Hut und sagte: „Cs hat sich ein bedauerlicher kleiner Irrtum ereignet, Sennora!"
Die Frau fuhr herum. Sie hielt die Hände an die Schläfen gepreßt, und es mar wirklich das Gesicht der Isabel Calderana. das uns zwischen diesen Händen nnftarrte. Aber ein Gesicht, so gräßlich verzerrt, zu solcher abgründigen Wildheit aufgepeitscht, wie eine der Fratzen men- schenfressenden Todesgötter, die von unseren Seeleuten aus fernen Landern heimgebracht werden. Ein Haß fletschte uns aus diesem Gesicht entgegen, in dem die blutigsten Wünsche tausendfacher Martern für uns pestbauchend sprühten.
Aber dann nahm Isabel die Hände von den Schläfen fort, fuhr mit ihnen über die Wangen, und es war, als wische sie mit dieser Bewegung alle Verzerrung weg, unter den herabgleitenden Händen kam das strenge und geheimnisvolle schöne Gesicht jener Isabel Calderana zum Vorschein, das ich kannte.
Das ist Ihr Werk. Doktor Siebold!" sagte sie.
Siebold zuckte die Achseln: „Man muß sich verteidigen, so «gut es geht Und ich denke, in manchen Fällen sind alle Mittel erlaubt."
„Nur, daß manche Mittel auch nebenher einen .Schaden stiften, der nicht bedacht und vorgefehen war."
Siebold zog die Brauen zusammen, und ich merkte, daß sich seiner eine Unruhe zu bemächtigen schien, gewiß verwirrte ihn, ebenso wie mich der gelassene Spott, der in Jfabels Worten irrlichterte. Sie schienen irgendein feines Gift zu enthalten, das mir ätzend in unseren Herzen spürten. , , .
Nun, Sennora", sagte Siebold, sich zusammennehmend, „Ich denke nicht, daß dieser Hieb daneben gegangen ist."
Aber mancher Hieb trifft auch den. der ihn fuhrt , erwiderte Isabel leise, und man hätte fast glauben können, mit einem inneren L-"hen.
„An dem Mann, der da hängt, verliert Spanien und die Menschheit wenig"
Das innerliche Lachen quoll ln Isabel empor es hob ihr- Schul- tem, es brach endlich ihre Lippen auseinanb- und kam mit bluterftar. rendem Laut aus ihrem Mund. „Sie haben keine gute Meinung von dem armen Gil Argenfola." Sie schaute sich in unserem kleinen Kreis unu und ihr Blick fand mich. „Ich will Ihnen nicht einmal ganz un- recht geben", sagte sie, „ach ja, der arme Gil war kein Ausbund von Tugenden eher das Gegenteil von allem, was man o im allgemeinen für® gut und anständig hält. Aber das Lustige daran ist, und das glaube ich Ihnen nicht vorenthalten zu dürfen, der Mann, der da hangt, ist der Sohn des Mannes, der hier steht."
Ihre Hand stieß vor, ihr ausgestreckter Zeigefinger deutete auf meine
Brust. .. .
, Sie lügen", schrie Siebold wütend.
Isabel schüttelte ruhig den Kopf, hob die Arme und legte sic! über dem Scheitel mit den Handgelenken aneinander, als nwlle sie sich in dieser Stellung fesseln lassen. „Sie wissen ganz genau, Doktor daß ich eßt nicht lüge. Gil ist der Sohn dieses Mannes. Sie ließ die Arme sinken. „Dieser Mann weiß, daß ich das Vermächtnis einer Sterbenden übernommen habe. Nicht bloß eine Erinnerung an eine ungern« Schuld und ein Bild, sondern auch ein lebendiges Vermächtnis. Ein Kind rein und unschuldig wie alle Kinder, fähig zum Guten und Lichten. Nun ich habe es erzogen, daß es das werden muhte, was es geworden ist Stark genug und ohne Bedenken, so daß es einmal feinem Vater in den Weg gestellt werden konnte. Daß sie einanber einmal, ohne von ihrem Band zu wissen, von ganzem Herzen Abneigung und Feindschaft Ken könnten. So glaube ich, den letzten Willen einer S erbenden er- füllt zu haben, diefen Willen, der nichts war als ein Fluch für biefen TOann. Und Sie, Sennores — Sie haben mir dabei geholfen. Nun darf ich wohl gehen, Doktor?"
Siebold nickte.
Gute Nacht, Sennores!" sagte Isabel und schritt, ohne sich zu beeilen, im höher anschwellenden Nebel davon.
Siebold zeigte mir ein ganz verfallenes, uraltes Gesicht. „Warum hast du mir nie etwas davon gesagt, Francesco?
Ja warum hatte ich ihm nie etwas davon gesagt? Warum hatte ich ihm alles andere anvertraut und gerade dieses eine verschwiegen? Was war es, daß mir in den aufgeschlossensten Stunden unserer Freundschaft wenn ich nahe daran gewesen war, davon zu sprechen, das Wort, wie mit Fäusten in die Kehle zurückgestoßen hatte?
Und warum habe ich es nicht selbst gewußt?" setzte Siebold laut die Fragen fort, die in dieser Stunde über uns Hers,eiern „Warum Habich es nicht durchdringen können? Warum mußte mir das hinter dem gelben Nebel bleiben? Armer Freund, du kannst nicht daran zweifeln, daß sie die Wahrheit gesagt hat. Sie hat es mit dem Tarot be schworen." .
Ich zweiselte nicht daran. Ich hatte selbst die Gewißheit, daß esJo mar. Dieser Mensch, der mir so widerwärtig gewesen war, dem meine stärkste blutmäßige Abneigung 6°" war mein Sohn gewesen. Nein, die Stimme des Blutes hatte für diesen Menschen nicht gesprochen.
Siebold hob den gesunkenen Kopf und ruckte die Schultern gerade. „Da ist nun nichts zu ändern", sagte -r. „Wie dern auchjei, wir haben ihr die Maske herabgerissen. S,e ift nun machtlos Wir haben ihr das Kreuz zertreten. Sie hat die Zahne des Gehenkte" "tcht nehm « tönnen, aber ihr selbst, dem Löwengesicht, sind die Zahne ausgebrochen.
Nach längerem Erwägen schien es uns am sichersten, Fuentes einstweilen in meinem Landhaus jenseits des Manzanares unterzubr.ngen.
Es fiel weiter nicht auf, daß ich auch Heuer wie alliahrlich für Die Sommermonate mein Landhaus bezog. Meine großen Plane redjtfer. tiqten es, daß ich allen Verkehr aufgab und die Einsamkeit suchte. Es fiel aucki nicht auf, daß ich keinen Besuch annahm, und daß mein Diener den Auftrag hatte, niemand vorzulasfen. Ich hatte an Stelle des im Straßenkampf gefallenen Pablo einen neuen Diener einfteUen müssen.
Dieser Diener war der Graf Miguel de Fuentes. .....
Er spielte feine Rolle ganz vortrefflich. Ich erleichterte sie ihm, indem ich sein Aussehen mit wenigen und ihm nicht lästigen Mitteln so ver- änderte daß man schon mit bestimmtem Verdacht hatte zusehen müssen, um in meinem neuen Mozo einen Grasen zu erkennen. Nicht umsonst hotte ich also seinerzeit viel mit dem Bühnenvölklein verkehrt und hatte mich darin geübt, den Schauspielern und Schauspielerinnen die Masken zu machen, deren sie in besonders schwierigen Fällen bedurften.
Die ersten Tage vergingen uns in großer Unruhe.
Wir sagten uns, daß die Entdeckung des Betruges immerhin möglich fei wenn bei der Abnahme und Beerdigung des Gerichteten fest- gestellt'werden sollte, daß ein anderer als der Verurteilte am ©algen hing. Siebold schien unsere Besorgnisse nicht zu teilen, er war über- zeugt, daß zur Beseitigung des Körners ein anderes Kommando befohlen worden fei, Leute, die den Grafen Fuentes nicht kannten und Argenfola ruhig für ihn nahmen und fortfdjafften.
Oft genug versuchte ich es, mir alles klar zu machen, was in Jener schrecklichen Nacht geschehen war, und welche dunkeln Künste Siebow angewandt hatte, um uns alle zu täuschen und für unsere Augen oi- äußeren Gestalten der beiden Männer gegeneinander zu verwanDein.
Miguel der mit Siebolds geheimen Wissenschaften weit unbekannter war als ich, stand dem wunderbaren Geschehen noch fassungsloser gegenüber. So sehr er mich aber auch bestürmte, es ihm verständlicher zu machen, ich vermochte es ihm nicht faßbar zu deuten. Und wenn man Siebold darum anging, die Zusammenhänge unserem wachen Verstanu zugänglich zu machen, so wich er aus oder lehnte es barsch ab er sprach offenbar nicyk gern davon, fein Sieg über die Singdogmo |anc ihm keine volle Befriedigung zu gewähren. Cr war verschlossener aw vorher, und es war, als lausche er aus dieser Verschlossenheit noaj wachsamer als zuvor in unteren Lebenskreis hinaus.
(Fortsetzung folgt.)


