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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang |93Z
Freitag, -en 23. Juli
Nummer 56
Wir schritten zu dritt durch dunkle Güssen: Siebold, der Bruder Barnabas und ich. Noch hatten wir kein Wort gesprochen, ich war müde, nichts als müde, als hätte ich unzählige schlaflose Nächte hinter mir.
An einer Straßenecke wandte sich Siebold nach links in ein Gäßchen, das, wie ich mich undeutlich entsann, in einem Bogen zur Hintermauer des Klosters Monserrat zurückführte.
Eben wollte ich meine Verwunderung über diese unerwartete Aen- Derung der Richtung aussprechen, als der fromme Bruder neben mir leife aufseufzte wie ein Erwachender und mit einer matten Bewegung »ie Kapuze vorn Kopf zurückschob. „Bist du es, Francesco?" fragte er.
Es war Miguels Stimme, die da fragte, und es war Miguels Gekocht, das ich im blassen Monddämmern erkannte. Es war Miguel, der Da neben mir ging, Miguel, den wir soeben am Galgen hotten auf- knllpfen sehen.
Es war vielleicht mein Glück, daß die Empfindungslosigkeit, in der ich mich befunden hatte, noch als schwere Müdigkeit der Seele in mir nachwirkte, denn sonst wäre ich wohl einem jähen Ansprung des Wahn- 1 inng erlegen.
„Was ist denn geschehen?" fragte der Mensch, der Miguels Stimme und Gesicht besaß. Ich betastete ihn, ich fühlte einen Körper unter der Ftutte, die Hand, die ich ergriff, war warm, es war wirklich ein Mensch Bon Sleifd) und Bein, den ich vor mir hatte.
Was geschehen war? Ja, was war geschehen? Der Mensch, der so nagte, war vor einer Viertelstunde vor unseren Augen gehenkt roor= wn! Wie sollte man ihm das sagen? Welche Worte reichten dazu aus, 15 'hm oder mir verständlich zu machen? „
„Es ist mir", sagte der Mann, „als ob ich geschlafen hätte." Er chlcn sich mit Anstrengung erinnern zu wollen, die Gedankenarbeit zog gine Stirn zusammen. „Das Letzte ... ja das Letzte war doch meine 'D^ue ... Ja, du warft bei mir, Francesco ... und dann kam Siebold imd brachte mir einen Bruder. Es war seltsam. Der Mensch sprach nchts und stand regungslos neben der Tür. Ich redete ihn an, er gab
GOYA
UND DAS LÖWENGESICHT
ROMAN VON KARL HANS STROBL
11. Fortsetzung.
Der Zug ging über den Hof und durch ein Torgewölbe in dem niebrigen Berdindungsflügel zwischen dem Vorder- und dem Hintergebäude des Klosters. Aus einer dahinterliegenden Säulenhalle traten mir in einen wüsten Grasgarten hinaus. Unweit eines Haufens von Scherben und Kllchenabfällen stand ein starker Pfahl mit einem Quer- arm aufgerichtet: der Galgen.
Alles vollzog sich nun ohne Hast und ohne Zögern und ohne Zwischenfall.
Die Soldaten formten ein Viereck, in dessen Mitte, dem Galgen gegenüber, Miguel, der Pater und die Offiziere standen. Noch einmal verlas der Generalauditor das Urteil des Kriegsgerichtes, während dazu, unsichtbar, irgendwo im Dunkeln der Tambour ganz leise die Trommel rührte. Dann legte der Prosoß das Seil über den Querarm, der wie cm Wegweiser ins Dunkel starrte, ein Wegweiser ins ewige Dunkel und knüpfte die Schlinge. Der Gehilfe schob einen Tritt von drei Stufen darunter.
Wir hatten den Misthaufen erklommen und sahen von unserem Platz alles sehr deutlich. Es war ein Schauspiel, von dem ich mir — ohne Schmerz, ohne Verzweiflung, ohne Teilnahme — nichts entgehen ließ, nur von einer kühlen, gläsernen Neugierde ohne Empfindung er= fafjt. Miguel stieg die drei Stufen hinan, der Profoh steckte ihm den Kopf in die Schlinge und zog sie um den Hals an.
Noch immer suchte mich Miguels Blick nicht, es war, als hätten feine Augen überhaupt keinen Blick. Er wehrte sich nicht, er fügte sich ohne Zwang, er sprach fein Wort, auch kein Abschiedswort für mich.
Der Generalauditor gab Endeslant einen Wink, und Endeslant senkte den erhobenen Degen.
Da zog der Gehilfe des Profoßen den Tritt unter Miguels Füßen weg, und mit einem Ruck hing jein Kopf in der Schlinge. Ein rascher Griff des Profoßen brach ihm die Halswirbel.
Der Körper zuckte noch einmal im Krampf und streckte sich bann lang aus.
Mein Freund Miguel Fuentes war hinweggenommen aus der Welt der Lebenden.
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keine Antwort ... wozu war er dann in meine Zelle gekommen? Ich !"“6te .ihn immerfort ansehen ... immer ansehen, ich konnte meinen »Itrf nicht wegwenden. Und bann ... ja, so war es ... bann begann [eine Gestalt vor meinen Augen zu zerfließen. Und zugleich war cs mir, ms werde etwas aus mir herausgepumpt, als habe man irgendwo eine Pumpe angesetzt, die an mir saugte und saugte. Und auf einmal
lrv bann nicht mehr auf meinem Bett — nein, ich stand neben der Xur ... und ... und auf meinem Bett saß ein anderer .. das . . das war das Letzte ..."
Ich sah Siebold an, er nickte mir zu, als wolle er dieses Unbegreifliche, das Miguel erzählte, bestätigen. H
„Ja und dann nichts mehr", sagte der Graf, „und jetzt? ... hak man mich freigelassen?" 0 '
„Sie sind gerettet, Gras", erwiderte Siebold mit einer dunkeln Stimme, „ich hatte es Francesco versprochen."
. '-Mein Gott", rief Fuentes, „was ist das?" Er hatte jetzt erst ent- deckt, daß er eine Kutte trug, feine Hände zitterten über die Falten des groben Stoffes, sie erfaßten den Gürtel, das elfenbeinerne Kreuz das an einer stählernen Kette um feinen Hals hing. „Wo ist der Bruder der in meiner Zelle war?"
Ja, wo war der Bruder, der Miguel zum Galgen begleitet hatte? Wo war er hmgekommen? Wie kam Miguel hierher? Wenn ich nicht annehmen wollte, daß mir der Verstand in Verlust geraten sei, so durfte ich nicht daran zweifeln, daß in meiner Gegenwart, im Beisein der dazu befohlenen Gerichtskommission und der Wachmannschaft jemand gehenkt worden war. Und wenn es nicht Fuentes war, wer hing dann am Galgen?
Wir waren indessen wie im Traum an der Hinterwand des Klosters Monserrat angelangt. Sie war an vielen Stellen verfallen und an einer fo gründlich eingestürzt, daß man die Trümmer un chwer überklettern konnte.
„Wir müssen noch einmal zurück", sagte Siebold, als gäbe er damit Antwort auf alle Fragen, die wir an ihn richten wollten und doch nicht laut werden zu lassen wagten.
Er flieg uns über den Schutt voran und wir folgten ihm. Verkrüppelte Oelbäume und ein paar magere, kranke Palmen standen ba im Hintergrund des oben Klostergartens herum. Als wir das Wäldchen verließen, hatten wir die Fläche vor uns, die von wucherndem fast manneshohem Unkraut bedeckt war. Und als wir uns durch das Gestrüpp Bahn gebrochen hatten, da konnten wir auch schon den Galgen sehen.
Er war nicht leer, wie ich zuletzt noch plötzlich in einer Verwirrung meines Geistes zu hoffen begonnen hatte.
An dem Galgen hing ein Mensch.
Wir stolperten durch Gruben und über Pflanzengewirr, wir liefen faft; aber als wir ganz nahe waren, verlangsamten wir wieder unsere Schritte, als wollten mir die letzte Erkenntnis nun doch noch einmal hinausschieben.
,Zch wollte es anders", sagte Siebold leise, als wir am Galgen angekommen waren, „ich wollte es anders. Sie hat mich dazu gezwungen. Ein Opfer mußte gebracht wenden. Und besser er als Sie, Fuentes"
Ein grauenhaftes erstes Begreifen hemmte Miguels Schritt.
Ich ging vorne um den Galgen herum, das Unerträgliche zu beenden und dem Gerichteten ins Gesicht zu sehen.
Der Mann, der da hing, war Gil Argensola. —
„Wer ist der Mensch?" fragte Miguel, der ihn nicht kannte.
Am ganzen Leib bebend, stammelte ich eine kurze Auskunft.
Siebold litt nicht, daß wir von unserem Entsetzen überwältigt wurden. „Wir haben keine Zeit zu verlieren", sagte er hart und bestimmt, „der Köder ist ausgelegt. Das Wild ist in der Nähe. Da sie mich nun einmal dazu gezwungen hat, so wollen wir es für uns nützen."
„Von wem spricht er ba?", flüsterte mir Miguel zu
„Von einer Frau, der er alles Böse zuschreibt, das uns zugestoßen ist " Was er aber mit dem Köder und dem Wild meinte, blieb auch mir unverständlich. Mir war zu Mut, ich kann es nicht anders sagen, wie im Traum, in dem man auch die seltsamsten Dinge geschehen lassen muß, ohne sie sich erklären zu können. Gewiß war auch Siebold augenblicklich gar nicht gesonnen, Erklärungen zu geben, er wies uns an, ihm zu folgen und uns vollständig still zu verhalten.
Wir gingen um den Hausen von Scherben und Abfällen herum, auf dem wir vorhin der Hinrichtung zugesehen hatten. Als mein Fuß zufällig an eine leere Blechbüchse stieß, knurrte Siebold wütend über meine Ungeschicklichkeit. Hinter dem Misthaufen war wieder ein Dickicht von Sträuchern und Unkraut, und hier brachte uns Siebold in Deckung.
„Wen erwartest du?" konnte ich mich nicht enthalten zu fragen.
„Sie wird kommen. Ich spüre sie schon", murmelte Siebold.
„Wer? Die Calderana?"


