eine Heimat haben wir nicht mehr.
Nun
Und Wir Nun Nur
Gedenkst du noch?
Von Theodor Storm.
Gedenkst du noch, wenn in der Frühlingsnacht Aus unferm Kammersenster wir hernieder Zum Garten schauten, wo geheimnisvoll Im Dunkel dusteten Jasmin und Flieder? Der Sternenhimmel über uns so weit, Und du so jung; unmerklich geht die Zeit.
werk hn Innern des Turmes bewegt mit einer einzigen Achse das aanze System. Denn wahrend scheinbarer Unbeweglichkeit m allen Zei- aern Monden, Planeten, Schissen, Plcsaden, Sternschnuppen und Wassern herrscht, bewegt sich in Wirklichkeit alles in unheimlicher Lautlosigkeit weiter, und so gering ist die Drehung, daß unser Auge es nicht wahrnehmen kann. Ein jedes bewegt sich nach dem Gesetz, das ihm im Weltall auferlegt ist. Nichts ist von dieser Bewegung zu sehen und sie geht doch vor sich, langsam und unaufhaltsam, und wenn die Erde noch so lange bestehen sollte, wird die kleine goldene Scheibe des Planeten Pluto auf dem Zifferblatt vor mir an der Wand nach zweieinhalb Jahrhunderten wieder aus demselben Punkt stehen, auf dem sie heute steht. Das unheimliche Kreisen geht in mich über, die Musik der Sphären beginnt in mir zu erklingen, es umbraust mich das Dröhnen des ganzen Weltalls, nur einen Augenblick lang, Dann öffne ich die Augen und verlasse den Turm, denn ich will die unheimliche Schrift des unendlichen Geschehens nicht stören.
Draußen liegt das Städtchen Lier wieder vor meinen Augen, friedlich ruhig und still. Braune Hühner, die von der Stadt Mecheln ihren Namen haben, laufen über die Straße. Die weißen Wolken ziehen durch den blauen Himmel, die Häuser stehen da mit bunten Blumen vor den Fenstern, Geranien, Fuchsien und rptleuchtende Kresse. Aber als ob ich einen verbotenen Weg gegangen wäre, blicke ich mich noch einmal scheu nach dem Turm um, und erst nach einem flämischen Abendessen von mehr als zwei Stunden Dauer mit meinem Freund Felix Timmermans zusammen steht die Erde wieder für mich fest.
Wie still die Luft! Des Regenpfeifers Schrei Scholl klar herüber von dem Meeresstrand; "" ' über unsrer Bäume Wipfel sahn schweigend in die dämmerigen Lande, wird es wieder Frühling um uns her,
_____horch ich oft, schlaflos in tiefer Nacht, Ob nicht der Wind zur Rückfahrt möge wehen. Wer in der Heimat erst sein Haus gebaut, Der sollte nicht mehr in die Fremde gehen! Nach drüben ist sein Auge stets gewandt: Doch eines blieb — wir gehen Hand in Hand.
dke Nachbarn jedoch erhofft hatten, trat nicht ein. Der Alte schien über das Vorhandensein des Knaben nicht sonderlich erstaunt, im Gegenteil, er behandelte ihn mit einer seiner Art entsprechenden kargen Freundlichkeit.
Das änderte sich, als die Frau im nächsten Jahre mit einem zweiten Knaben niederkam, dessen Vater ohne Zweifel der Alte war, der diefe späte Gnade des Himmels als ein Zeichen eigener Unzerstörbarkeit nahm und die Launen seiner grämlichen Jahre nun noch ungehemmter zur Schau zu tragen begann, lieber dem Neugeborenen vergaß die Frau gänzlich des älteren Knaben, und wie ein gutes Tier gab sie alle ihre Obhut nur dem Hilflosen, das sie nicht aus den Augen ließ und auch auf die Arbeit im Felde in einem Korbe mitzuschleppen pflegte, um es auch dort tm Schutze eines Busches vor sich zu haben. Je mehr dieses Kind gedieh und zunahm, um so ferner rückte ihr der Knabe, in dem sie, wenn man ihr Gedanken zu- fchreiden will, nicht mehr die kleine Wärme ihres einsamen Lebens sah, sondern die unwillkommene Frucht einer Enttäuschung, eine Bürde, die zu Unrecht das Nest beschwerte, darin nun das Rechtmäßige sich breit- machen sollte. Der Knabe merkte sehr bald, daß er dem Jüngeren gegenüber in Nachteil zu geraten begann, und — außerstand, sich gegen Die Eltern wehren zu können — fing er an, das Kleine anzugreifen, ohne soviel Verstand zu haben, die Grube, die er sich damit schaufelte, rechtzeitig zu erkennen. Vielleicht wäre er in der Feindschaft, die nun von der Mutter und vom Alten auf ihn einftrömte, zugrunde gegangen, nrnn sich die Nachbarn, denen nun doch, als den Urhebern dieser Heirat, das Gewissen schlug, nicht des Jungen angenommen und dafür gesorgt hatten, daß er ans dem Ort entfernt und zu guten Menschen in einer entlegenen Gegend gegeben wurde, die ihn bald als ihren eigenen hielten, ihm ihren Namen gaben, aber jede Gemeinschaft mit der herzlosen Mutter sich' verbaten.
Diese schien sich auch wenig aus solchen Entschluß zu machen, und man konnte des Glaubens sein, daß sie bald auch die letzte Erinnerung an den Knaben in sich ausgelöscht hatte. Sie verrichtete gleichmütig alle Arbeiten, ertrug ohne Widerrede jeden Zorn des Alten und bekam höchstens funkelnde Augen, wenn sie das Kind, das kräftig heranwuchs, gegen Gefahr verteidigen mußte. . . ,
Seit des Knaben Fortgang mochten sieden Jahre vergangen fein, als die Frau eines Tages früher als sonst vom Felde heimkam. Sie ließ die Scheltworte des Alten wie gewöhnlich unbeachtet, schob das Kind, das sich an ihre Schürze hängen wollte, beiseite, und machte sich daran, die schäbigen Kleidungsstücke aus dem Schrank zu nehmen und bei Licht zu besehen. Ihr Gesicht nahm einen mürrischen Ausdruck an, es schien, daß ihr weder die alte Bluse noch der vielfach gestopfte Rock, daran sie sonst wenig Anstoß genommen hatte, heute sonderlich gefielen; sie knüllte sie mit einer verächtlichen Gebärde zusammen und warf sie zum Aerger des Alten achtlos in den Schrank zurück. Darauf fetzte sie sich auf eine Strohschütte in der Ecke der Diele und ließ alle Fragen des Mannes, der schließlich grämlich das Bett aussuchte, unbeantwortet. Am nächsten Morgen war sie verschwunden, und mit ihr vermißte die Nachbarin ein rotes Kleid, das sie tags zuvor gewaschen und zum Trocknen über den Zaun gehängt hatte. Da sich beim Nachforschen herausstellte, daß von den Kleidungsstücken der Verschwundenen keines fehlte, bestand kein Zweifel mehr, daß die Frau in dem roten Kleide der Nachbarin auf und davon war.
Zuerst glaubte man, daß sie das Leben an der Seite des ewig mißmutigen Alten, dieses sreudlose Dasein, die täglichen Lasten, Plagen und Arbeiten, welche die Kräfte ihres zermürbten Körpers oft überfliegen, satt bekommen und darum das Weite gesucht hätte; und wenn nicht der Diebstahl des Kleides gewesen wäre, würde es kaum einen Menschen gegeben haben, der nicht Verständnis für einen solchen Entschluß aufgebracht hätte. Aber das fehlende rote Kleid, um das die Bäuerin ein großes Geschrei erhob, ließ die Nachbarn gegen die Verschwundene Stellung nehmen.
Die Frau blieb drei Tage fort und tarn am vierten bestaubt und ermüdet zurück, das rote Kleid hing zerfetzt um ihren wankenden Körper. Ihr Aeußeres deutete darauf hin, daß sie weit über Land gewesen fein und die Nächte im Freien verbracht haben mußte. Der Sturm, der jetzt zu Ausgang des Herbstes schneidend über die Felder fuhr, hatte sie verweht, die kühlen Nächte hatten sie durchfroren, und unwegsame Pfade, denen sie sich, furchtsam wie ein gehetztes Tier, anvertraute, hatten ihr Wunden geschlagen. Da trat sie nun zaghaft wie ein Bettelweib wieder in das Haus und stellte sich mit gesenkter Stirn dem Wutanfalle des Alten.
Sie verteidigte sich nicht. Sie erzählte nicht, daß mitten am Tage sie plötzlich eine Sehnsucht nach dem Knaben gepackt hätte, der nun weit fort von ihr, bei einem Bauer untergebracht, ihr nicht mehr schreiben Durfte, nach diesem Knaben, der jetzt einen anderen Namen trug, und den sie durch eine Reihe von Jahren vergessen hatte. Auf einmal war ein Verlangen über sie gekommen, dieses Kind wiederzusehen, das unversehens in ihren Gedanken stand, schmal, blaß, in dem zu kurzen Anzug, in dem es damals von ihr gegangen war. Sie wünschte nichts sehnlicher, als diesen Knaben ein einziges Mal wiederzusehen, aber sie hatte nicht in ihren armseligen Kleidern vor ihn hintreten wollen. In dem roten Kleide hatte sie an hem Zaun des fernen Bauernhauses gestanden, hatte nicht gewagt, durch hie Pforte zu gehen und war erschrocken davongelaufen, als ein junger Bursche, rittlings zu Pferde, die Egge hinter sich, über den Hof trabte.
Später war sie noch einmal zurückgeschlichen und hatte, hinter dem Busch versteckt, lange nach dem Hause gestarrt, aber bas Kind, das sie zu sehen wünschte, dieses schmale, blasse, in dem zu kurzen Anzuge, war nicht gekommen, und wieder war sie entflohen, als der junge Bursche, rittlings zu Pferde, vom Felde heimkehrte.
Nun stand sie, zurückgekehrt, vor dem Alten, der sie mit Zornworten anfiel, stand da in dem zerrissenen roten Kleide und konnte es nityt begreifen, daß mail zu ihr sagte, sie sei eine Diebin.
Das schlesische Mädchen.
Von RobertSeitz.
Arm und mit gestickten Kleidern war sie aus dem Lande des schlesischen Rübezahl gekommen, aber auch die alten lippischen Götter sollten ihr nicht gnädiger sein. In einem Dorfe an der Grenze war sie geboren, ein gedrücktes Menschenkind, das sich früh bas spärliche Brot oerbienen mußte, unb Hessen Unterkunft trostloser war als jene des Viehs, das sie betreute. Sie trug den Namen einer Heiligen, die einst des Herrn Antlitz getrocknet hatte, ihr aber trocknete niemand die Tränen. Daher geschah es wohl, daß ihr Herz stumps wurde und ihre Sinne unempsindlich gegen das Gewölk, das vom Schicksal über den engen Bezirk ihres Lebenshimmels gespannt war.
Auch als das Schicksal sie in den kleinen lippischen Ort verschlug, bedeutete dieser Entschluß keine Unterbrechung des Alltäglichen, gab ihr weder Hoffnung noch Mut, weder Freude noch Zweifel, obgleich sie nun eine Hofstelle ihr Eigen nennen sollte, eine armselige zwar und viel bespöttelt, aber hoch eine Stelle, an dessen Balken sie mit Recht sich anlehnen durfte.
Ein alter Bauer, ein Sechzigjähriger, der schon drei Frauen zu Grabe getragen hatte, war aus die derben Witze der Nachbarn eingegangen und hatte sich zu einer neuen Ehe entschlossen. Die Freunde tarnen überein, den Svaß, den sie an dem heiratswütigen Alten hatten, so weit wie möglich zu treiben, und als einer von ihnen erzählte, welche einfältige Viehmagh auf dem Hose (eines Vetters im Schlesischen Mene, glaubte man in hiesem formen Geschöpf die geeignete Frau für den Alten gefunden zu haben. Dabei belustigte es sie, haß dkses Mädchen vor Jahren einen Knaben geboren hatte, der, zwischen den Garden des Feldes empfangen, in einem Viehstall zur Welt gekommen war, und dessen Vater längst ohne jede Verpflichtung sich davon gemacht hatte. So würde also dem Alten Heiratsgut mit in die Ehe gebracht werden, über das er wenig erfreut fein konnte, zumal der Junge erst sechs Jahre alt und noch zu keiner Arbeit fähig war, als höchstens die Gänse über den Weg zu treiben oder auf die Ziege achtzugeben.
In dem Leben der Magd änderte sich durch diese Heirat nichts. Sie verrichtete alle Arbeiten und gab die Kräfte ihres Körpers bis zur Erschöpfung him Der Alte, unzufrieden von Natur aus, behandelte sie nicht anders, als es der frühere Brotgeber getan hatte, und wie einst dessen Vorwürfe eindruckslos an ihren Ohren vorübergeklungen waren, so hatte sie auch für diese Vorhaltungen weder Gegenwehr noch Aeußerung. Was
Verantwortlich. Dr. Hans Thhrtot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche UniverlitätS-Buch- und Steindrackeret, A. Lange, Gießen.


