Lenzlied bei Regen.
Von Hermann Claudius.
Regen rinnt. Der Regen rinnt, daß die Erde neu gebäre.
Regen rinnt. Der Regen rinnt, weckt im grünen Halm die Aehre.
Trockne Mienen sind der Seele Spiegel nicht. Doch in der Zähre ist's, als ob sie sich verkläre und nicht länger mehr verhehle.
Tränen rannen. Tränen rinnen.
Wolken steigen, Wolken sinken. Und die Erde muh sie trinken. Ewig-wanderndes Beginnen.
Regen rinnt. Der Regen rinnt, bricht die harten Winterhüllen.
Regen rinnt. Der Regen rinnt. Blüf und Blatt muh sich erfüllen.
Oie Llhr von Lier.
Von Adolf von Hatzfeld.
Wir hatten die flandrische Küste bereist. Die Vergangenheit der weiten flandrischen Ebene hatte uns in Gent, Brügge und Antwerpen aus den sich im Blau des Himmels verlierenden gotischen Kathedralen angeschaut. Es war ein Sommertag ohnegleichen, als wir von Antwerpen mit der Bahn nach Lier fuhren, einem kleinen Städtchen in der Nähe der großen Hafenstadt, und bekannt als Heimatort des großen flämischen Dichters Felix Timmermans. Die Sonne sandte ihre heißen Strahlen vom blauen Himmel, durch den vom nahen Meer her weiße Wolken flogen. Die Wiesen standen noch vor ihrem ersten Schnitt. Die weißen Rinder und die braunen Pferde versanken im knietiefen Gras, und wenn sie auf der Erde lagerten, wurden sie von hohen Gräsern so hoch bedeckt, daß nur ihr Rücken aus dem üppigen Grün herausragten. Die Wälder funkelten von diesem Grün. Das Sonnenlicht brach sich in den glitzernden Flüssen, an denen die Angler unter blauen Sonnenschirmen sahen, und in der Luft hing es wie ein silbernes Leuchten. Die ganze Erde funkelte, und ab und zu wurde am Horizont eine Stadt mit gotischen Türmen sichtbar.
Als wir in Lier ankamen, empfing uns der Dichter Felix Timmermans am Zug. Sein Gesicht lachte. Ich schaute aus dies breite Gesicht mit dem Wald von Haaren darüber, der großen Nase, den klugen, verschmitzten Augen, dem breiten Kinn und dem großen Mund, in dem die kurze Pseife hing.
Ich will nichts von dem erzählen, was er uns an Sehenswertem an diesem Tage zeigte, nichts von seinem Haus im Schutz der großen Kathedrale, nichts von dieser Kathedrale, an der die steinernen gotischen Postamente von ihren Heiligen verlassen sind, als der Bildersturm des Mittelalters über die hinwegfegte, nichts von dem Leben dieses Dichters, der tief verwurzelt in feinem Volk in dem kleinen Städtchen Lier lebt, nichts von dem Beginenhof, den Ufern der kleinen Nethe, ihren Wiesen und lichten Gehölzen. Nur von einer Merkwürdigkeit möchte ich berichten, die mich wie zufällig hinter das lautlose Geschehen unsrer Erde und in die geheimnisvolle Mechanik und das ewige Fließen des Weltraums blicken ließ. Von dieser Uhr von Lier möchte ich berichten, in deren unheimliches Räderwerk der Fleiß und die Kunst eines Lierer Uhrmachers dies Weltall sichtbar eingefangen hat.
Auf der ehemaligen Umwallung der Stadt erhebt sich ein alter Turm, und dieser Turm birgt das geheimnisvolle Gehäuse der Uhr, das die Lierer als das achte Weltwunder bezeichnen. Außen am Turm erblicken wir die sogenannte Jubelglocke, die zur Feier des hundertjährigen Bestehens des Königreichs Belgien errichtet wurde. Wir wollen nur einen kurzen Augenblick bei ihr verweilen, denn sie ist nur ein kleiner Teil der zauberhaften Darstellung im Innern des Turms. Vier Figuren sind an dieser Außenseite des Turms angebracht, ein Kind, ein Jüngling, ein Mann und ein Greis. Kind, Jüngling und Mann sind portrathafte Darstellungenen von Lierer Bürgern, die Figur des Greises ist dem Roman von Felix Timmermans entnommen, der den Titel „D t e D e l - p h i n e" trägt, und so begegnen wir hier dem uns aus der Lektüre des Buches vertrauten liebenswürdigen Herrn Pirruhn. Gerade schlagt es eine volle Stunde. Die Viertelstunden schlagen Kind, Jüngling und Mann, aber Herr Pirruhn schlägt die vollen, und 'n einem Fenster erscheinen auf den zwölften Glockenschlag die Jahreszahlen 1830 bis 1930, das belgische Wappen und die drei belgischen Könige, Leopold!., Leopold H. und Albert I., gefolgt von dem Wappen der Stadt Lier und den Bürgermeistern, die über Lier seit der Unabhängigkeit Belgiens regierten. Verwundert schauen wir diesen feierlichen Umzug an, und wir beginnen nach diesem geheimnisvollen Mechanismus zu fragen, der uns dies künstliche Leben vorzaubert.
Wir steigen eine Treppe im Innern des Turms hinauf und unser Blick fällt sofort auf merkwürdige Gebilde, die an den vier Wanden des Turms angebracht find. Wir sehen Zifferblätter, auf denen Zeiger ftelten, wohl ein paar Dutzend dieser Zifferblätter nimmt unser Auge wahr
goldene Kugeln schweben gleißend vor der Wand, bunte Landschaften
sind auf einige der Zifferblätter gemalt, auf eUipfenartigcn Bahnen sind kleinere Kugeln aus Gold eingesetzt, ein Himmel ist da auf dem Monde
stehen, und als ich den Blick zur Decke des Turms richte, sehe ich das
Firmament mit dem Fixstemhimmel schweben, und »mr 'st als sei ich in die Stube eines mittelalterlichen Alchimisten und Sterndeuters versetzt.
Langsam beginne Ich an dem Riesenzifserblatt der Uhr, das aus vielen einzelnen Zifferblättern befl.yt, zu le^n. Auf dreizehn dieser runden Scheiben ist die Stundeneinteilung der ganzen Erde dargestcllt. lieber allen Uhren thront die Uhr «ou Greenwich, denn sie beherrscht unseren ganzen Kontinent, und auch das Land Belgien regiert sie seit dem Jahre 1892, und so auch das Städtchen Lier, in dem wir uns zur Stunde befinden. Beim Anschauen der vielen Uhren fällt mir ein, daß die Greenwicher Zeit, nach der wir uns gewöhnlich richten, gar nicht die Zeit dieses Ortes sein kann, in dem wir uns jetzt aufhalten, denn über Lier ist die Sonne bereits weggezogen, aber die Bewohner des europäischen Kontinents haben sich auf diese Uhr und die Zeitangabe von Greenwich geeinigt, weshalb sie auch über all den anderen Uhren an der Wand dort angebracht ist, und alle Europäer tun so, als ob es nur diese Zeit gäbe. Blicke ich jetzt nicht mit Hilfe dieser Zifferblätter hinter die Kulisse einer Konvention? Denn diese Uhren vor uns zeigen mir die wirkliche Zeit, die von der Sonne bestimmt wird, wenn sie gerade über dem Scheitel der verschiedensten Städte steht.
Ich beginne die wirklichen Zeiten von den verschiedenen Uhren abzulesen: In Greenwich ist es jetzt fünf Uhr sechs Minuten nachmittags, in Amsterdam fünf Uhr sechsundzwanzig, über Dänemark, Südslawien und Italien ist es sechs Uhr sieben, über Rußland, Finnland, Rumänien, Ostafrika ist es sieben Uhr acht Minuten, über den Philippinen aber liegt schon dunkle Nacht, dort ist es ein Uhr fünsunddreihig nachts, über Island ist es vier Uhr sieben nachmittags, und in Neuyork ist es zwölf Uhr zehn mittags und in San Franzisko neun Uhr siebzehn morgens.
Was ist Zeit, frage ich mich, Zeit, dieser unfaßbare, unbegreifliche ' Begriff, deren Stunden in unserem Leben widerhallen, die uns oft Jahre hindurch an frohe und fruchtbare Ereignisse unseres Lebens erinnert, ist es nichts als Bewegung, nichts als das ewige Fließen dieser Erde im Fließen und in der Bewegung des Weltalls? In einem einzigen Moment versuche ich, mir diese verschiedenen Zeiten ins Bewußtsein zu heben. Während ich hier stehe und meinen Blick durch das Fenster auf das durch die warme Nachmittagssonne beschienene Städtchen Lier fällt, legen sich in Indien die Menschen gerade zu Bett, und zu derselben Stunde haben die Leute in San Franzisko soeben ihr Morgenfrühstück eingenommen und begeben sich an ihre Arbeit. Ich fühle, wie ich das Kreisen der Erde zu spüren beginne. Einen Herzschlag lang steht mein Herz in diesem Gefühl still, aber mein Gehirn geht dagegen an, es beginnt in mir, unheimlich wie das Räderwerk der Uhr, zu rechnen und findet, ich weiß nicht wie, folgende Ueberlegung: wenn ich also ein Kabeltelegramm in Kobe in Japan um acht Uhr morgens am 1. Januar aufgebe, wird es in Antwerpen schon einen Tag früher, am 31. Dezember, um 23 Uhr ausgenommen.
Langsam gehe ich die Wände des Turmes ab, gehe an der Dezimaluhr vorbei, welche die Zeit auf die Zahl Zehn stellte. Ihre Herrschaft hat nicht lange gedauert. Vom Konvent am 5. Oktober 1793 angenommen, wurde sie am 1. Januar 1806 wieder abgeschafft. Jetzt aber stehe ich vor zehn blauen Scheiben. Auf jeder von ihnen stehen oben und unten zwei große Schiffe und rechts und links zwei kleine. Auf dem blauen Meer der Zifferblätter stehen die Stunden verzeichnet, und ein Zeiger zeigt die Stunde an, die gerade jetzt in den verschiedenen Hafenstädten schlägt, und je nachdem der Zeiger sich von dem großen zum kleinen Schiff ober wieder vom kleinen zum großen bewegt, sehe ich, ob an diesen Orten jetzt die Flut des Meeres steigt oder fällt. In Lissabon steigt das Wasser neun Stunden dreiundzwanzig Minuten früher als in Ostende. So wiederholt sich in ähnlicher Weise bas Zauberspiel von vorhin, nur noch, daß dargestellte Monde durch ihre Stellung zur Erde das Heben und Fallen des Wassers bezeichnen, und wir sehen die Flut und die Ebbe von Lissabon, Antwerpen, Santander, Brest, Dover, Ostende, Hoekvan Holland, Hamburg, Stockholm, Reykjavik und Saigun in Judochina, Merkwürdiges Rätsel des Weltalls! Während alle Städte einen zweimaligen Wechsel von Ebbe und Flut an einem Tageslauf anzeigen, steigt und fällt das Wasser in Saigun nur ein einzigesmal. Aber, so frage ich mich, da das Zifferblatt der Uhr von Lier mir diese Tatsache enthüllt wenn Ebbe und Flut nach der Ansicht der Menschen von der Anziehungskraft der Erde und des Mondes bedingt sind, weshalb unterliegen nicht alle Meere dieser Erde diesem Gesetz, und weshalb bilden die Fluten von Saigun diese einzige Ausnahme? Sollte diese Uhr mich auf einen Fehler menschlicher Berechnung aufmerksam machen, und liegt hier ein Rätsel verborgen, das die Natur uns bis auf den heutigen Tag zu verschleiern imstande war?
Von neuem wird meine Aufmerksamkeit von neuen Scheiben ange« logen. In der Mitte steht ein kleiner goldener Punkt. Das ist die Sonne. Um sie herum ziehen kleinere und größere Scheiben und Scheibchen aus Gold eine mit dem Stift vorgezeichnete Bahn. Das sind die Planeten. Sie sind in richtiger Entfernung von der Sonne angebracht und in richtiger Größe, d. h. daß die Darstellung im Verhältnis von 1:637 800 000 ausgeführt ist. Am nächsten der Sonne .steht der Merkur, denn er läuft in 28 Tagen um sie herum, es folgt die Venus mit einer Umlaufzeit non 225 Erdentagen, dann die Erde selbst, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und Pluto, der für eine einzige Umlaufzeit um die Sonne 248 Erdenjahre benötigt.
Nur noch wie im Traum sah ich die übrigen Darstellungen der Uhr von Lier: den Soroskreis mit der Darstellung der Sonnen- und Mondfinsternisse, den Sonnenaufgang und Sonnenuntergang über der Stadt Lier, die großen Bahnen der Kometen, die fallenden Sternscbnuppen- perioden, die Zeitdauer von Tag und Nacht über unserem Planeten, und staunend stelle ich noch fest, daß alle Planeten sich in horinzontaler Bewegung um sich selbst und gleichzeitig um die Sonne drehen, und nur der Planet Uranus sich in vertikaler Drehung um sich selbst auf feiner Bahn durch den Weltraum befindet. Als ich über mich nach oben blicke, um diesem Spiel des Weltalls zu entgehen, sehe ich den ganzen Sternenhimmel schweben.
Unheimliche Stille ist in dem Turm. Nur alle sechs Sekunden vernimmt man das Klirren eines Schlagwerks, und das unheimliche Uhr-


