Ausgabe 
23.4.1937
 
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GiehenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957____________________________Zreitag, den 25. April_______________ Nummer 5|

Der Gtechlin

Vornan von Theodor Fontane

24. Fortsetzung.

27. Kapitel.

Das ist eine Dame und ein Frauenzimmer dazu", sagte sich Dubslav still in seinem Herzen, als er jetzt Melusine den Arm bot, um sie vom Flur her in den Salon zu führen.So müssen Weiber sein."

Auch'Adelheid bemühte sich, Entgegenkommen zu zeigen, aber sie mar wie gelähmt. Das Leichte, das Heitre, das Sprunghaste, das die junge Gräfin in jedem Wort zeigte, das alles mar ihr eine fremde Welt, und daß ihr eine innere Stimme dabei beständig zuraunte:Ja, dies Leichte, das du nicht hast, das ist das Leben, und das Schmers, das du hast, das ist eben das Gegenteil davon", das verdroß sie. Denn trotzdem sie beständig Demut predigte, hatte sie doch nicht gelernt, sich in Demut zu überwinden. So mar denn alles, was über ihre Lippen kam, mehr oder weniger verzerrt, ein Versuch zu Freundlichkeiten, die schließlich in Herbig­keiten ausliefen. Lorenzen, der erschienen war, half nach Möglichkeit aus, aber er war kein Damenmann, noch weniger ein Causeur, und so kam es denn, daß Dubslav mit einer Art Sehnsucht nach dem Oberförster ausblickte, trotzdem er doch seit Mittag wußte, daß er nicht kommen würde. Das jüngste Töchterchen war nämlich gestorben und sollte den andern Tags schon auf einem kleinen, von Weihnachtsbäumen um­stellten Privatsriedhofe, den sich Katzler zwischen Garten und Wald an­gelegt hatte, begraben werden. Es war das vierte Töchterchen in der Reihe, jede lag in einer Art Gartenbeet und hatte, wie sinSamenkorn dessen Aufgehen man erwartet, ein Holztäfelchen neben sich, drauf der Name stand. Als Duslavs Einladung eingetroffen war, war Ermyntrud, wie gewöhnlich, in Katzler gedrungen, der Einladung zu folgen.Ich wünsche nicht, daß du dich deinen gesellschaftlichen Pflichten entziehst, auch heute nicht, trotz des Ernstes der Stunde. Gesellschaftlichkeiten sind auch Pflichten. Und die Barbyschcn Damen ich erinnere mich der Familie werden gerade wegen der Trauer, in der wir stehen, in deinem Er­scheinen eine besondere Freundlichkeit sehen. Und das ist genau das, was ich wünsche. Denn die Komtesse wird über kurz oder lang unsre nächste Nachbarin fein." Aber Katzler war festgeblieben und hatte betont, daß es Höheres gäbe als Gesellschaftlichkeiten, und daß er durchaus wünsche, daß dies gezeigt werde. Der Prinzessin Auge hatte während dieser Worte hoheitsvoll auf Katzler geruht, mit einem Ausdruck, der sagen zu wollen schien:Ich weiß, daß ich meine Hand teinem Unwürdigen gereicht habe."

Katzler also fehlte. Doch auch Koseleger, trotz seiner Zusage, war nach nicht da, so daß Dubslav in die sonderbare Lage kam, sich den Ouadekl- Hennersdorfer, aus dem er sich eigentlich nichts machte, herbeizuwünschen. Endlich aber fuhr Koscleger vor, sein verspätetes Kommen mit Dienst- lichkeiten entschuldigend. Unmittelbar danach ging man zu Disch, und ein Gespräch leitete sich ein. Zunächst wurde von der Nordbahn gesprochen, die, seit der neuen Kopenhagener Linie, den ihr von früher her anhaf­tenden Schreckensnamen siegreich überwunden habe. Jetzt heiße sie die Apfelsinenbahn", was doch kaum noch übertroffen werden könne. Dann lenkte man auf den alten Grafen und seine Besitzungen im Graublln- dischei, über, endlich aber auf den langen Aufenthalt der Familie drüben in England, wo beide Töchter geboren seien.

Dies Gespräch war noch lange nicht erledigt, als man sich von Tisch erhob, und so kam es, daß sich das Plaudern über eben dasselbe Thema beim Kaffee, der im Garteusalon und zwar in einem Halbzirkel um den Kamin herum, eingenommen wurde, fortfetzte. Dubslav sprach sein Be­dauern aus, daß ihn in seiner Jugend der Dienst und später die Verhält­nisse daran gehindert hätten, England kennen zu lernen: es sei nun doch mol das vorbildliche Land, eigentlich für alle Parteien, auch für die Konservativen, die dort ihr Ideal mindestens ebensogut verwirklicht fänden wie die Liberalen. Lorenzen stimmte lebhaft zu, während andrer­seits die Domina ziemlich deutliche Zeichen von Ungeduld gab. England war ihr fein erfreuliches Gesprächsthema, was selbstverständlich ihren Bruder nicht hinderte, dabei zu verharren.

Ich möchte mich", fuhr Dubslav fort,in dieser Angelegenheit an unfern Herrn Superintendenten wenden dürfen. Waren Sie örüben {

Leider nein, Herr von Stechlin, ich war nicht drüben, sehr zu meinem Bedauern. Und ich hält es so leicht haben können. Aber es ist immer wieder die alle Geschichte: was man in ein paar Stunden und mitunter in ein paar Minuten erreichen kann, das verschiebt man, eben weil es so nah ist, und mit einemmal ist es zu spät. Ich war Jahr und Tag im Haag, und von da nach Dover hinüber war nicht viel mehr als nach Potsdam. Trotzdem unterblieb es, oder richtiger gerade deshalb. Daß ich den Tunnel oder den Tower nicht aesehn, das könnt ich mir verzechn. Aber das Leben drüben! Wenn irgendwo das viel zitierte Wort von dem

,in einem Tag mehr gewinne» als in des Jahres Einerlei' hinpaßt, so da drüben. Alles modern und zugleich alles alt, eingewurzelt, stabilisiert. Es steht einzig da: mehr als irgendein andres Land ist es ein Produkt der Zivilisation, so sehr, daß die Neigungen der Menschen kaum noch dem Gesetze der Natur folgen, sondern nur »och dem einer verfeinerten Sitte."

Die Domina fühlte sich von dem allem mehr und mehr unangenehm berührt, besonders als sie [ah, daß Melusine zu dem, was Koseleger aus» führte, beständig zustimmend nickte. Schließlich wurde es ihr zu viel. Alles, was ich da so höre", sagte sie,kann mich für dieses Bolk nicht einnehnien, und weit sie rundum von Wasser umgeben sind, ist alles so kalt und feucht, und die Frauen, bis in die höchsten Stände hinaus, sind beinah immer in einem Zustand, den ich hier nicht bei Namen nennen mag. So wenigstens hat man mir erzählt. Und wen» es da»» neblig ist, dann kriegen sie das, was sie den Spleen nennen, und fallen zu Hunderten ins Wasser, und keiner weiß, wo sie geblieben find. Denn, wie mir unser Rentmeister Fix, der drüben war, aufs Wort versichert hat, sie stehen in keinem Buch und haben auch nicht einmal das, was wir Ein­wohnermeldeamt nennen, so daß man beinah sagen kann, sie sind so gut wie gnr nicht da. Und wie sie kochen und braten! Alles säst noch blutig, besonders das, was wir hier .englifche Beefsteaks' nennen. Und kann auch nicht anders fein, weil sie so viel mit Wilden umgehn und gar keine Gelegenheit haben, sich einer feineren Gesittung anzuschlteßen."

Koseleger und Melusine wechselten verständnisvoll Blicke. Die Do­mina aber sah nichts davon und fuhr unentwegt fort:Fix ist ein guter Beobachter, auch von Sittenzuftünden, und einer ihrer Könige, worüber ich auch schon als Mädchen einen Aufsatz machen mußte, hat fünf Frauen gehabt, meist Hofdamen. Und eine hat er köpfen lassen, und eine hat er wieder nach Hause geschickt. Und war noch dazu eine Deutsche. Und sie sollen auch keinen eigentlichen Adel mehr haben, weil mal ein Krieg mar, drin sie sich umschichtig enthauptete», und als alle weg waren, habe» sie gewöhnliche Leute rangezogen und ihnen die alten Namen gegeben, und wenn man denkt, es ist ein Gras, so ist es ein Bäcker oder höchstens ein Bierbrauer. Aber viel Geld sollen sie haben, und ihre Schisse sollen gut sein und dauerhaft und auch sehr sauber, fast schon wie holländisch: aber tu ihrem Glauben sind sie zersplittert und fangen auch schon wieder an katholisch zu werden."

Der alte Dubslav, als die Schwester mit ihrem Vortrag über Eng­land einsetzte, hatte sich mit einemSchicksal, nimm deinen Lauf" sofort resigniert. Waldemar aber war immer wieder und wieder bemüht ge­wesen, einen Themawechsel eintreten zu lassen, worin er vielleicht auch reüssiert hätte, wenn nicht Koseleger gewesen wäre. Dieser entweder weil er als ästhetischer Feinschmecker an Adelheids Auslassungen ein aufrichtiges Gefallen fand, oder aber weil er die von ihm selbst an­geregte Frage hinsichtlichNatur und Sitte" (die sein Steckenpferd war) gern weiterspinnen wollte hielt an England fest und sagte:Die Frau Domina scheint mir davon auszugehn, daß gerade der mitunter schon an den Wilden grenzende Naturmensch drüben in vollster Blüte steht. Und ich will das auch nicht in jedem Punkte bestreiten. Aber da­neben begegnen wir einem Lebens- und Gesellschaftsraffinement, das ich, trotz manchem Anfechtbaren, als einen höchsten Kulturausdruck bezeichnen muß. Ich erinnere mich unter andern! eines gerade damals geführten Prozesses, über den ich, als ich im Haag lebte, meiner kaiserlichen Hoheit täglich Bericht erstatten mußte (Highlife-Prozesse gingen ihr über alles), und der Gegenstand, um den sich's handelte, war so recht der Ausdruck eines verfeinerten ober meinetwegen auch überfeinerten Kulturlebens. So recht das Gegenteil von bloßem Naturmenschentum. Es ist freilich eine ziemlich lange Geschichte ..."

Schade", sagte Dubslav.Aber trotzdem, wenn überhaupt er­zählbar . ."

0 gewiß, gewiß; bas benfbar Harmloseste ..."

Nun beim, lieber Superintenbcnt, wenn wirklich so harmlos, so mach ich mich ohne weiteres zum Anwalt unsrer gewiß neugierigen Damen, meine Schweller, bie Domina, mit eingeschlossen. Wie war cs? Wie ver­lief die Geschichte, für die sich eine kaiserliche Hoheit so lebhaft inter­essieren konnte?"

Nun, wenn es denn fein soll", nahm Koseleger langsam und wie bloß einer Pression nachgebend das Wort,es lebte da zu jener Zeit eine schöne Herzogin in London, bies nicht ertragen konnte, baß bie Jahre nicht spurlos an ihr vorübergehen wollten; Fältchen unb Krähen­füße zeigten sich. In dieser Bedrängnis hörte sie von ungefähr von einer .plastischen Künstlerin', die durch Auftrag einer Wachspaste die Jugend miederhcrzustellcn wisse. Diese Künstlerin wurde gerufen, unb bie Wieder- Herstellung gelang auch. Aber nun traf eines Tages bie Rechnung ein, bie Bill', wie sie ba brühen sagen. Es war eine Summe, vor der selbst eine Herzogin erschrecken durste. Und da die Künstlerin auf ihrer For­derung beharrte, so kam es zu dem angedeuteten Prozeß, der sich als­bald zu einer cause c616bre gestaltete."