dec mich damals zu Villa gebracht hatte, friedlich bei einem Glas Mer sitze. Es ist alles so seltsam, so jeder Vorstellung und Erinnerung widersprechend, daß ich anfangs meinte, ich träume.
Dabei hat sich Torreön in seinem Stadtbild kaum verändert, und als ich meinen Freund hinter seinem Ladentisch aufsuchte, hätte man meinen können, die Zeit wäre stehengeblieben.
Manchmal dünkt es mich selber so', sagt der deutsche Kaufmann nachdenklich. „Wenn ich die bald vierzig Jahre zuruckblicke, die ich lm Lande lebe, und die dreißig, die ich dieses Geschäft führe, mit dem ewigen Einerlei des Alltags, den Indios, die stundenlang die Ware zwischen den Fingern hin und her drehen, ehe sie sich zum Kauf entschließen, so könnte mitunter alles scheinen wie am ersten Tag. Allein, we^ch unsagbare Veränderungen habe ich in den vier Jahrzehnten miterlebt, Pvr- firio Diaz ging und Madera kam. Villa schoß die Haziendados ab und versprach den Peonen Land. Seine Versprechungen wurden nicht Ungelöst genau so wenig wie die von Juarez. Er selber wurde ermordet, nicht anders als Madero. Zapata kam und ging. Carranza wechselte von Reaktion zur Revolution und wieder zur Reaktion. Er wurde Rebell, Präsident und ermordet, wie so viele vor ihm und nach ihm. Immer wieder wurden die Waffen für die. landlosen Peone erhoben, und zum Schluß wurden sie immer wieder von ihren eigenen Führern verraten und preisgegeben. Ein ewiges Rad scheint sich in diesem Lande zu drehen, das das zunterst Gedrehte immer wieder nach oben bringt. Und doch, glauben Sie mir, etwas hat sich geändert. Unsere Zeit ist vorbei!
Die Zukunft der Indios.
Wenn Sie ins Land hinausfahren, so sehen Sie, daß die Indios auch heute nicht besser leben als vor 25 Jahren, trotz all dem Blut, das sie vergossen. Und trotzdem! Wenn die Landverteitung auch immer wieder Hintertrieben wurde, wenn aus dem landlosen Peonen landfressende Großgrundbesitzer wurden, sobald sie an di» Macht gelangten, nicht anders als die von ihnen Gestürzten, etwas ist anders geworden. Der Indio wird sich nie wieder völlig unterdrücken lassen. Er wird nicht Ruhe geben, ehe er nicht das Land tatsächlich wieder in seinen Besitz gebracht.
Und nicht nur das Land! Als ich dieses Geschäft übernahm, da war es eine Selbstverständlichkeit, daß alle Fereterias, alle Eisenhandlungen, Deutschen gehörten, alle Textilgeschäfte Franzosen. Die Spanier beherrschten den Getreidehandel, und sämtliche Minen und Oelquellen waren in den Händen der Amerikaner und Engländer. Dieses reichste Land der Welt gehörte uns Fremden, der Indio war gut genug, für uns zu arbeiten.
Jetzt sind wir im Grunde fertig. Wir arbeiten noch weiter, aber man legt uns Jahr für Jahr größere Schwierigkeiten in den Weg, auch wenn wir längst Mexikaner wurden, wie fast alle von uns. Niemand weiß, was wird. Ich bin es herzlich satt, aber was soll ich tun? Es chleidt uns nichts übrig als auszuhalten und zu hoffen, daß sich das Verhängnis noch eine Weile verzieht!"
Oie Katze aus dem Niemandsland.
Von Rudolf Kreutzer.
Im Sommer 1917 lagen wir in dem Wäldchen von Ailly, in einem Birkenwäldchen, was man damals so „Birkenwäldchen" nannte, es war nicht mehr viel zu sehen von den Birken, denn es war viel hinein- gefchoffen worden in dem Winter vorher, aber jetzt war es eine schöne und gut ausgebaute Stellung mit tadellosen Unterständen, und es war nicht mehr viel los dort oben. Nur in den Nächten mußte man scharf aufpassen, denn seitdem unser Fähnrich Kitzing seinen „Stemmklub" aufgemacht hatte und wir uns schon ein paarmal einen Posten geholt hatten vom Franzmann, war es nicht mehr recht geheuer in den Nächten, sie nahmen uns drüben die gelegentlichen Streiche, die wir ihnen spielten, übel und suchten sich an unseren Posten schadlos zu halten, aber es war ihnen bisher nicht geglückt; wir paßten zu gut auf.
Einmal, in einer mondlosen Julinacht, standen wir, der Gefreite Hvlz- lechner und ich, auf Horchposten, es war ein vorgeschobener Posten, einen guten Steinwurf weit von unserem Graben entfernt, der Himmel war verhangen und ohne Sterne, es war das richtige Patrouillenwetter, und wir dachten beide, daß sie heute wohl wieder kommen würden und legten uns, vorsorglich wie wir waren, ein paar Handgranaten zurecht. Es dauerte auch wirklich gar nicht lange, da hörten wir es draußen im Drahthindernis leise klirren, wir stießen uns warnend mit den Ellenbogen an und griffen zu den Handgranaten, aber wir warfen sie noch nicht, sondern warteten ab, was weiter geschehen würde. Es war wieder eine Weile still, und dann begann es noch einmal zu klirren, diesmal schon näher und deutlicher, und der Gefreite Holzlechner hatte schon den einen Fuß auf die Berme gesetzt, um aufzuschnellen, aber da geschah etwas so Seltsames und Unheimliches, daß es uns für Augenblicke den Atem verschlug und wir es, weiß Gott, mit der Angst zu tun bekamen. Vor uns, aus dem dornigen Gewirr des Drahtverhaues kam etwas geschlichen, zwei glühende, grünlich schillernde Lichter bewegten sich und kamen immer näher auf uns zu, es war etwas, das wir noch nie erlebt hatten, man wußte nicht, was man davon halten sollte. Ich schaute den Gefreiten Holzlechner an, er blickte mit starren Augen auf das Ding, und ich sah trotz der Dunkelheit, wie sein Adamsapfel auf und nieder ging, als ob er immerfort schluckte, es war aber auch zu unheimlich und gespenstisch, das grünlich schillernde Teufelsding, aber auf einmal war es da, und es glühte und fchillerte nicht mehr, sondern schnurrte ganz behaglich vor sich hin, und es war — wir wußten nicht, was wir dazu sagen sollten — wirklich eine Katze. Wir redeten ihr leise und schmeichelnd zu, sie sprang zu uns in das Postenloch herein und rieb zutunlich und immer noch schnurrend ihren großen runden Katzenkopf an den gamaschenumwickelten Beinen des Gefreiten Holzlechner. Wir freuten uns schon auf die Ablösung und auf die überraschten Gesichter
unserer Kameraden im Unterstand, und damit es uns nicht wieder entlaufe, hoben wir das Katzentier auf unsere Arme und hielten es abwechselnd fest, indes wir wieder über den Drahtverhau ins Vorfeld horchten. Nach einer Stunde kam die Ablösung, wir nahmen die Katze mit zurück in den Unterstand, und dort sahen wir, daß es ein großes, silberqraues Tier war, ein Prachtstück von einer Katze. Die Kameraden waren aus dem Schlafe aufgewacht und kletterten von ihren Drahtbetten herab ein jeder suchte in seinen Vorräten nach einem Leckerbissen, aber sie schnupperte kaum ein wenig hin und fraß nichts, fraß nur ein Stückchen Schokolade von dem Fähnrich Kitzing, das genäschige Katzentier.
Es vergingen mehrere Tage, wir wußten immer noch nicht, wie denn das Tier in unseren Drahtverhau hatte kommen können — es war im weiten Umkreis nirgendwo ein bewohntes Dorf —, aber dann erfuhren wir es doch noch, und das kam so;
Einmal, mitten in der Nacht, kam der Fähnrich Kitzing zu uns in den Unterstand herunter und sagte, er brauche sofort drei Mann, man könne vielleicht wieder einmal dem Franzmann eine Patrouille absangen, der Horchposten draußen habe etwas Verdächtiges gehört. Wir sprangen rasch auf, die drei Mann, die wir gerade waren, die anderen standen auf Posten, und gingen mit dem Fähnrich zu der Sappe vor, und dann legten wir uns draußen im Vorfeld auf die Lauer. Wir hatten Glück, wie immer, wenn der Fähnrich Kitzing bei uns war, es dauerte nicht lange, da liefen sie uns wirklich in die Falle, es waren vier Mann, einer davon entwischte uns, die anderen drei wehrten sich verzweifelt, und es muhte sogar ge- schofsen werden, aber wir brachten sie doch glücklich über den Drahtverhau. Im Unterstand sahen wir sie uns dann näher an, es waren junge Kerle wie wir, tadellose Jungens, der eine hatte einen Armschuß, den andern fehlte nichts. Wir verbanden den Verwundeten, es war ein glatter Schuß, Ein- und Ausschuß im Oberarm, schade um den Prachtschuß, es wäre ein Heimatschuß gewesen. Wir redeten noch dies und das, aber aus einmal hob einer von den dreien die Hand, er starrte verblüfft, als sähe er ein Gespenst, in die Ecke, dahin, wo der Gefreite Holzlechner seinen Tornister hatte, und indes sein ausgestreckter Zeigefinger auf unsere Katze wies, die dort auf dem Tornister schlief, rief er mit einer Stimme, die vor Ueberraschung und Verwunderung hell wie eine Knabenstimme klang: „Oh. ia, la, c’est le chat du capitaine!“ Da hoben auch die anderen zwei die Köpfe, ein munteres Grinsen lief über ihr Gesicht, und auch sie sagten ein paarmal verwundert: „Oh, la, la“, und dann lachten sie aus vollem Halse auf und schlugen sich dabei vergnügt auf die Schenkel, und da wir immer noch nicht begriffen und sie mit fragenden Gesichtern anstarrten, da gaben sie uns zu verstehen, daß dies „bijou“ sei, die Katze ihres Kapitäns, der ihre Patrouille gegolten habe, die sie ihm hatten suchen müssen draußen im Niemandsland, und der sie nun auf eine so seltsame und überraschende Weise hier begegneten. Es wurde eine famose Unterhaltung — der mit dem Armschuß hatte vor dem-Krieg ein paar Semester in München studiert und sprach ein fließendes Deutsch —, wir kochten ihnen einen heißen Bohnenkaffee, den sie mit genießerischen Zügen tranken, und sogar die Marmeladebrote, die wir ihnen dazu schmierten, aßen sie auf, obwohl sie ihnen, das sahen wir ganz deutlich, gar nicht fchmeckten, sie taten es wohl aus Höflichkeit und weil sie uns nicht kränken wollten. Sie machten uns Komplimente, die wir uns gern gefallen ließen, launig und aufgeräumt wie wir waren, und auch wir kargten nicht mit Anerkennung und Bewunderung, sie hatten uns allerhand zu schaffen gemacht, gewiß, das hatten sie, und daß wir sie über unseren Drahtverhan hatten mit Gewalt'hinüberwerfen müssen, bas habe sich leider nicht vermeiden lassen, denn sonst wären sie uns noch um Haaresbreite vor unseren eigenen Gräben getürmt. Wir tränten noch einen Kirsch und gaben uns alte Mühe, sie über ihr Pech hinwegzutrösten, aber sie ließen sich nidjü das geringste anmerken, und öfter mußten sie laut auflachen, daß wir ihre- schneeweisien Zähne blitzen sahen; wir meinten, daß zum Glück wohl nicht viele solche Kapitäne an der Westfront herumliefen, die ehrliche Infanteristen! auf die Katzensuche ins Niemandsland hinausschickten. Indessen wir uns so auf das beste unterhielten und die starken französischen Zigarettem probierten, die sie uns anboten, lag die große silbergraue Katze ganz nah« bei uns auf dem Kalbselltornister des Gefreiten Holzlechner, sie schnurrte: behaglich vor sich hin und blinzelte aus halbgeöffneten, gelben Katzenaugen! manchmal zu uns her, unendlich gelangweilt und teilnahmslos, als habe- sie mit allem diefem nichts zu schaffen, und dabei war sie, wenn man es; richtig bedachte, doch eigentlich allein schuld daran, daß drei so taufere und umgängliche Jungens zwischen unsere Fäuste hatten geraten müssen» das verhätschelte Katzenvieh, das „bijou“, der genäschige Kapitänsliebbing..
Nach einer Stunde kamen die Ordonnanzen, um die drei nach hintem abzuholen. Wir gaben uns die Hände und nahmen voneinander Abschied« wie alte Freunde, und indes sie sich schon zum Abmarsch fertiomachten.. versprachen wir ihnen noch, daß wir das vornehme, fiibergraue Katzentiek' in einen Sandsack stecken und bei gegebener Geleaenheit, vielleicht schon morgen Nacht, wenn der Mond ausblieb, in ihre Gräben hinüberwerfen wollten, damit ihr Kapitän feinen Liebling wieder habe und nicht am: Ende noch einmal drei tapfere Poilus den Finderlohn bezahlen müßten.
Aber, um unser Versprechen einzulösen, dazu sind wir dann doch nicht: mehr gekommen, denn fchon ein paar Stunden später, da war das Zier verschwunden, spurlos und unauffindbar verschwunden, undankbar und> treulos, wie nun einmal Katzen sind. Wir haben ihm nicht narbqeroeint. dem silberfelligen, gelbäugigen Katzenvieh, dem gelangweilten, teilnahms" losen, mochte es bei seinem Kapitän bleiben, wo es hergekommen war,, und wo es hingehörte, wir machten uns nichts mehr daraus.
An die drei graublauen Poilus, die tadellosen Jungens mit den: schneeweißen, blitzenden Zähnen, mit den verwegenen Käppis und den feinen, ritterlichen Manieren aber haben wir uns noch oft erinnert, uns« wenn wir — was selten genug geschah — zurück in ein bewohntes Dorr kamen und eine Katze laufen sahen, so stießen wir uns vergnügt an un»1 fachen zueinander im besten Französisch: „Oh, la, la, c’est le chat du capitaine!“
Verantwortlich: vc. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universttätsdruckerei V. Lange, Gießen.


