Ausgabe 
22.11.1937
 
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Oie Schmiedin.

Don Hans Sittenberger.

Nicht umsonst hieß sie Ursula, di- Schmiedin zu Mauthen im Gailtal. Ursula bedeutet zu deutsch soviel wie Bärenweiblein. Aber zu ihrer Zeit, was freilich schon recht lang, schon an die 130 Jahre her ist, war sie immerhin ein sehr hübsches Bärenweiblein. Die Männer wenigstens pflegten wohlgefällig zu schmunzeln, wenn sie ihrer ansichtig wurden.

Als blutjunges Ding hatten die Eltern sie dem Bachschmied, einem angehenden Fünfziger, zum Weibe gegeben. Nach Liebe war sie nicht gefragt worden und hatte auch selbst nicht darnach gefragt. Der Schmied war kein übler Ehemann, und sie tat ihre Pflicht als brave, sorgsame Hauswirtin. Kinder, nach denen sie sich manchmal heimlich sehnte, waren ihr zwar versagt, aber sonst konnte sie nicht klagen, sie war mit ihrem Los zufrieden. Dabei wäre es wohl ihr Lebtag verblieben, wenn die Ehe nicht im siebenten Jahre ihres Bestandes ein plötzliches Ende gefunden hätte. Die Napoleonischen Kriege hatten unruhige Zeiten ins Land ge­bracht, bei einem Zank mit französischen Soldaten war ein Schuß los­gegangen und hatte den Schmied mitten in die Stirne getroffen, so daß er auf der Stelle tot hinfiel.

Ursula ließ ihn mit allen gebräuchlichen Ehren bestatten und tat auch, was gefchicklich war, ihn als Witwe zu betrauern, ohne daß freilich ihr Herz dabei eine besondere Leere verspürte. Im Dorf zerbrach man sich die Köpfe, was sie nun beginnen werde. Sie selbst war bald mit sich einig. Die Schmiede gehörte jetzt ihr, die wollte sie nicht aus der Hand geben. Wenn kein Schmied mehr da war, so mußte eben eine Schmiedin das Geschäft weiterführen. Warum auch nicht? Das Handwerk verstand sie. Ost genug hatte sie ja ihrem Gatten bei der Arbeit geholfen und an Muskelkraft der Arme nahm sie's mit jedem Mannsbild auf. Wenn sie den Michel behielt, der schon etliche Jahre Geselle auf der Bachschmiede war, und vielleicht, des Geredes wegen, ihre alte Muhme zu sich nahm, so mußte es gehen. Und es ging wirklich. Frohgemut hantierte sie bald im Haus, bald in der Werkstatt, daß die Funken stoben und die Leute vor Verwundern die Mäuler nicht zubrachten.

Es konnte natürlich nicht fehlen, daß das ledige Mannsvolk begehr­lich zu werden anfing. Die Schmiedin aber lachte Sie wußte, daß ein großer Teil der Begehrlichkeit dem schönen Schmiedeanwesen galt, und wies alle ab. Der Schneider als der Zudringlichste von allen lernte zuerst das Fliegen. Und da er unverschämt genug war, aus Rachsucht allerlei Uebles über sie zu klatschen, bekam er eine Schmiedische hinter die Ohren, daß ihm das höllische Feuer vor den Augen tanzte. Der Krämer und der WirtZum blauen Stern" verdrehten zwar auch die Hälse nach der riegelsamen Witwe, allein sie besaßen doch ein richtigeres Gefühl für die Witterung als der Schneider und zogen sich vorsichtig zurück, bevor es zum Blitzen kam. So war eine Weile Ruhe. Da aber fing Michel an, .Augen zu machen. Er ivar nicht sehr viel älter als Ursula und dachte wohl, wo er solange zur Zufriedenheit Geselle gewesen, könne er endlich auch Meister werden. Ursula verwies ihm seine Anspielungen zuerst lachend, dann in allem Ernste, und als auch dies nicht half, sagte sie eines Tages kurz und bündig:Du kannst gehen."

Nun versuchte sie's, um nicht im eigenen Hause belästigt zu werden, mit dem alten Balthasar. Es zeigte sich aber bald, daß er seiner Sache nicht gewachsen war. Nach Jahresfrist mußte sie sich, schon um der Schmiede willen, doch entschließen, wieder einen starken, tüchtigen Bur­schen einzustellen. Sie wählte lange. Endlich kam einer, der ihr Ver­trauen einflößte. Leonhard hieß er und überragte sie, die doch auch nicht klein gewachsen war, schier um Haupteslänge. Dabei schien er ein ernster und bescheidener Mensch zu sein. Wirklich lieh er sich auch gut an. Die Arbeit flitzte ihm unter den Händen, als ob sie Kinderspiel wäre. Ursula war also mit ihrer Wahl zufrieden.Wenn er nur nicht auch zu rappeln anfängt!" dachte sie.

Davon war nun allerdings nichts zu merken. Er blieb gleichmütig und gelassen wie am ersten Tag, und nur manchmal schien es ihr, als ob sich ein scheuer Blick aus seinen Augen zu ihr hinstehle. Sie konnte aber durchaus nicht erraten, was dieser Blick etwa verberge. Verliebt­heit? Nein. Eher ein bißchen Spott. Das machte sie seltsam verlegen und sie fing an, ihn zu belauern. Bisweilen, wenn sie gemeinsam in der Schmiede hantierten, hielt sie in der Arbeit inne und schaute ihm zu. Cs gefiel ihr, wie er den Hammer schwang. Er achtete nicht weiter dar­auf und schien ihre Anwesenheit kaum zu merken. Da wurde sie rot und ärgerte sich über sich selbst. Mehr und mehr nahm sie ein launisches Wesen an, das eigentlich gar nicht zu ihr paßte. Es war, als ob etwas sie triebe, ihr Mütchen an dem starken Gesellen zu kühlen, ihn irgendwie zu kränken und herauszufordern. Sie begann an ihm herumzunorgeln, jetzt hatte sie das, dann jenes auszusetzen und bald konnte er ihr gar nichts mehr recht machen. Wenn sie so war, schaute er sie ^>ur groß an, mit einem Blick, aus dem sie nicht klug wurde, zuckte die Achseln und schwieg.

Eines Tages kam es wieder zu einem solchen Geplänkel. Diesmal aber, es handelte sich um eine wichtigere Sache, widersprach er ihr. Innerlich war ihr das fast lieb, sie bekam aber doch einen roten Kopf. Wer ist Herr im Haus, du oder ich?" fragte sie hart.Herr >m Haus bin weder ich noch bist du's. Ich aber schaff', wie s der Schmiede zum besten ist", antwortete er gelassen und nahm sein Werkzeug wieder auf. Sie sah, daß eine mächtige Erregung in ihm arbeitete, die er mühsam niederhielt. Noch nie hatte er ihr so gefallen w,e in diesem Augenblicks Das machte sie ganz wirr.Wer hier nicht tut, wie ich will, der kann lein Bündel schnüren", funkelte sie ihn an. Da wandte er sich langsam nach ihr um, legte den Hammer hin, nahm zwei große, dicke Hufeisen, schob sie auseinander und brach sie mitten entzwei.Nur damck du weißt, daß du keinen Lappen vor dir hast", fugte er und schritt 31g Jur t)

Mit großen Augen blickte sie ihm nach, lieber sie, das Barenweib em, war beinahe so etwas wie Zittern gekommen. Sie wußte, " machte ernst. In den Flur ging sie und horchte. Oben in der Kammer packte er lein Felleisen. Es dauerte nicht lange, so kam er die Treppe herab. Sie trat ihm in den Weg:Willst mir's wirklich antun?

Ich dir? Bin ich selbst gegangen ober hast du mich s geheißen?

So heiß ich dich fetzt halt bleiben."

,/ßa6 sein, es tut da kein gut mehr für mich."

Warum?"

Weil... Das geht niemand was an.'

Ursula würgte:Willst mehr Lohn?"

Nein."

Und wenn ich dir versprech', daß ich nimmer so sein werd' ... st! wie heute?"

Er schüttelte nur den Kopf. Da überwand sie sich zum letzten.Leom Hard1? Wenn ich aber jag: bleib ... nicht bei der tochmiebin bleib bei mir?"

UrselI" Der baumlange Bursche riß gewaltig die Augen auf. Ihr aber schoß das Blut in die Wangen, sie nickte und lächelte befreit:Ja."

So bekam die Schmiede zur Meisterin wieder einen Meister.

Alte und neue Eindrücke aus Mexiko.

Von Colin Roß.

Vor 25 Jahren ritt Colin Roß, der bekannte deutsch« Reiseschriftsteller, mit dem Freiheitshelden und Banditenhäupt­ling Poncho Villa durch Mexiko, erlebte den Eroberer in seiner ganzen Wildheit und wurde Zeuge von Totschlag. Plünderung, Sieg und Niederlage. Jetzt sah er das wilde Land wieder; es hat sich äußerlich nicht viel verändert, aber im politischen Geschehen haben sich in den letzten Jahrzehnten unaufhörlich die größten Umwälzungen vollzogen. Seine alten und neuen Eindrücke hat Colin Roß in einem neuen Buch Der Balkan Amerikas. Mit Kind und Kegel durch Mexiko zum Panama-Kanal" niedergelegt, das demnächst bei F. A. Brockhaus in Leipzig erscheint und das in der krassen Her- ausarbeituna der gegeneinander kämpfenden politischen Kräfte außerordentlich fesselt. Wir entnehmen dem Buche folgend« Schilderung:

Wilder Krieg vor 25 Jahren.

Der Dillasche Krieger hatte selbstverständlich feine Soldadera und infolgedessen auch seine Chamacos mit. Ohne Soldadera, Soldatenfrau, geht der Mexikaner nicht in den Krieg. Die braucht er nicht nur für Herz und Sinne, sondern sie hat auch unersetzliche militärische Aufgaben. Sie kocht, sie wäjcht und flickt, ist der Train und sorgt für die Bagage. Da es in Mexiko noch keine Geburtenkontrolle gibt, wenigstens damals bei den Indianern noch nicht gab, so wimmelte es auch von Chamacos, kleinen nackten, braunen Soldatenkindern.

Ein mexikanisches Heer ähnelt daher, was den Troß von Weibern und Kindern anbetrifft, einem aus dem Dreißigjährigen Kriege. Natür­lich war das bei uns nur der Fall, wenn wir per Bahn vorrückten. Dann kam natürlich alles mit. Die, Wagen wurden freilich restlos für die Pferde, Geschütze und Stäbe gebraucht. Alles übrige reifte auf 6en Dächern. Sobald das Laden begann, fetzte ein wildes Klettern auf dis Dächer ein. Dort hockte alles durcheinander: Soldaten, Offiziere, Weiber und Kinder. Wie viele Hunderte von Kilometern bin ich selber so ge­fahren, eng gepreßt zwischen dem Busen einer Soldadera und dem Patronengurt eines Soldaten.

Für die eigentlichen Operationen blieben jedoch Weiber und Troß zurück. Das machte das Heer Villas so außerordentlich beweglich. Es war restlos beritten. Anfang befaß es auch keinerlei Artillerie. Erst mit der Zeit wurden aus den eroberten föderalen Geschützen etliche Batterien zu- sammengestellt. Ihre Bedienung bestand fast ausnahmslos aus ehe­maligen Huertaschen Kanonieren, die mit ihren Kanonen gefangenge­nommen worden waren. Nur an Offizieren bestand Mangel. Es war nun einmal Kriegsbrauch, daß nur die gefangenen Soldaten ins eigene Heer gesteckt, di- Offiziere jedoch standrechtlich erschossen wurden.

Im Heer Villas befand sich ursprünglich nur ein Artillerieoffizier> wahrscheinlich war er überhaupt der einzige Berufsoffizier, General Felipe Angeles. Er hatte Saint Cyr l'Ecole besucht, und er war auch der eigentliche Erfinder der beförderen Taktik Villas, die das Jndianer- heer io lange unbesiegbar machte. Aehnlich wie seinerzeit Gustav Adolf und Friedrich der Große eine neue Kavallerietaktik schufen, die der ihrer Gegner weit voraus war, so auch Felipe Angeles. Er führte in der Epoche des Mehrladers und Maschinengewehrs die Kavallerieattacks wieder ein.

Als ich zum erstenmal die Reiterscharen Villas im Gelände sah jede Schwadron um ihre rotweihgrüne Standarte versammelt, traute ich freilich meinen Augen nicht. Es schien eine Kleinigkeit für einen mit modernen Waffen ausgerüsteten Gegner, diese Reiterregimenter zu- sammenzuschießen. Allein, Angeles hatte eine sehr wesentliche taktische Neuerung eingeführt, den nächtlichen Angriff zu Pferd. Für das Gelingen war freilich erforderlich, daß er völlig unerwartet erfolgte. So war die Doraussetzung für das Gelingen der Nachtattacke nicht nur der Nacht- marsch sondern die Truppen Villas waren stets woanders, als man sie gerade'vermutete. Wenn sie dann eine Stadt oder ein feindliches Lager angriffen, fo brachen sie wie der Teufel urplötzlich aus dem Dunkel heraus. Unter gellendem Geschrei das gehörte dazu und war für den Erfolg unerläßlich sowie andauerndem Abfeuern von Karabinern und Pistolen jagten die wilden Reiter durch die nächtlichen Straßen oder Lagergassen. Das genügte, um eine allgemeine Panik und Flucht aus- ^Allerdings waren solche nächllichen Kaoallerleangriffe nur mit aus­gezeichneten Reitern durchführbar, die weder Tod noch Teufel fürchteten. Der Ritt allein über unbekanntes Gelände, oft genug durch Drahthmder- niffe hindurch und über Feldbefestigungen hinweg, war an sich eine hals- brecherische Sache. Aber diese ehemaligen Viehhirten und Banditen machten sich ja nicht viel aus dem Leben. Wenn Streit entstand, fo waren sie auch untereinander rasch mit der Waffe bei der Hand ...

Das ewige Rad.

Unwillkürlich kommt mir das alles wieder, als ich jetzt pach so langer Zeit zum drittenmal in Torreön bin und mit dem deutschen Saufmann,