Ausgabe 
22.11.1937
 
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des Kasernenhofs befehlend aber In einen Panzer geschnallt des Ge­horchens das nennst du Freiheit? Nun, meine Lieben, jedes Urteil hängt ab vom Standort. Mir war Gehorsam Natur: mein Geist war noch schlafend, der Verstand reichte grad zum Gehorchen aus. Der Zwang der Kaserne, in dem ich nun das nächste halbe Lebensjahr meiner Avan­tageurszeit verbrachte, war für meine Robustheit keiner Etwas anderes konnte mir bitterer werden, nämlich die Armut. In Ziffern genannt, betrug das Gehalt eines Sekondeleutnants der Kavallerie 70 Mark, wo­von er aber so gut wie nichts zu sehen bekam, denn es wurde für die Kleiderkasse, Mittagsmahl im Kasino, Regimentsmustk und so weiter und weiter einbehalten. Von der Mama erhielt ich 30, von >hrE Sater 20, vom Großvater Krosigk noch 50, zusammen einhundert Mark, dazu ein Reitpferd von der Domäne. Und war ich auch arm gewesen bis dahm auf der Schulbank mit mir sahen Aermere, und was galt uns Geld in dem Alter? Ueppigkeit galt nun zwar in dem alten feudalen Ra­ment nicht als guter Ton; allein außer mir gab es einen einzigen, der nicht, wie es damals hieß,in guter Assiette" saß, Landjunker von großen Gütern die sie meistens waren, und von denen eine große Zahl nur Sitte halber ein paar Jahre dem König dienten, ehe sie ihr Eigentum bewirtschafteten. Wie ich mich da durchschlängeln sollte, war ems von den Lebensrätseln, die unlösbar scheinen, und an denen deshalb auch niemand zu raten anfängt. . ,

Nein, darin bestand nun die Freiheit, daß es von jetzt an nur Dinge für mich gab, die ich leisten konnte. Nichts mehr, was ich mußte und sollte und trotz aller Mühen nicht konnte; sondern nur das noch gab es, was ich vermochte oder selber vollbringen wollte und dann auch konnte.

In dem halben Jahr auf Kriegsschule war ich Erster in allen Fächern, ein Lumen in Mathematik, in Kriegsgeschichte und Taktik ein kleiner Stern. Oh, wie schwoll mir die Brust! Wie sah ich von Anwartschaft auf den Generalstab mein« Hosenbeine bereits sich röten ...

Aber ich habe ihn nie gesehen. Das Leben trat hindernd, zunächst auf die holdeste Weise dazwischen.

Ich will aber noch erwähnen, bevor ich dieses neue Lebensstück an­schneide, daß ich mir mit dem Cromwell-Aufsatz und als anerkannter Sachverständiger im Kriegswesen seitdem einen Uebernamen ver­diente der mich auf mir verborgene Weise zum Regiment begleitete. Er lautete .General"; ich selber schätzte ihn nicht, aus Genauigkeit, weil es den Titel ohne irgendeinen Zusatz bei der Armee nicht gibt. Und wenn es eine freundliche Prophezeiung sein sollte, so blieb sie unerfüllt. Denn General bin ich nie gewesen, auch in der Bulgare! war ich nur Oberst und bekam den Generalstitel nur als Abschiedsgeschenk. Nun, wo ich mich Heimat und Jugend ferne im Alpenland wieder mit dem frühen Titel geschmückt finde, nahm und trage ich ihn mit andrer Bedenklichkeit zum Zeichen eines in fünfzig Jahren nicht weiter gekommenen Lebens.

Ms den jüngsten General der Armee stellte mein Kommandeur auf einem bei ihm stattfindenden Tanzsouper mich zweiundzwanzigjährigen Degenfähnrich einer jungen Dame vor, die grauäugig und kühl zu mir aufsah. . . ... .,, , , .

Das weibliche Geschlecht kannte ich bis dahin nicht. Nicht in feiner Eigenart. Tanzstunden hatte ich gehabt, schlecht und recht; ich war auch dafür zu lang und stark, faßte vor Angst nicht zu. Weiterhin war es damals so, daß es für die drei oberen Klaffen in jedem Jahr einen Ball gab den Abschiedstanz der Abiturienten und im Sommer das (»genannte Schulfest mit sportlichen Wettkämpfen unö abendlichem Tanz in einem lämpchengeschmückten Zelt. Das waren im Jahr die beiden Gelegenheiten, weibliche Wesen zu berühren wofern es einer nicht darauf anlegte und Freundschaften schloß mit Brüdern von Schwe- ftem. Ich tat dies nicht, sondern zog muß ich leider sagen? den Pferdestall dem Frauenzimmer vor. Uebrigens daß es in meiner Gesellschaftsklasse richtige Liebeleien gegeben hätte, kann ich mich kaum entsinnen. Wie sollten sie auch zustande kommen? Schwimmbad und Tennis und Wandervogel für Gymnasiasten und höhere Töchter gab es dergleichen nicht; und wenn eine solche zu Besuchen ober Einkäufen in die Stadt zu gehen hatte, fo tat sie das in Begleitung einer Ver­wandten oder Freundin und auch mit einer solchen die Gesellschaft eines Kavaliers anzunehmen, war fo wenig vorstellbar wie nackend zu gehen. Notabene, weil mir in den Sinn kommt, wie anders dazumal vieles war, so preßten wir uns tanzend nicht an die Leiber und segelten so verschlungen dahin. Unsere Tänze die Polkas, Rheinländer, Ma­zurkas und auch der Walzer wurden alle gehüpft. Lämmerhüpfen fo hieß man's darum. Ja, merkwürdig, wenn ich das heut« von weitem sehe, so lache ich drüber. Auch waren Tänzer und Tänzerin sorgfältig mit weißen Handschuhen bekleidet, und während er sie auf Armlänge von sich hielt, hatten ihre Hände nur federleicht auf feiner Achsel und feiner Linken zu schweben.

Aber nun, es ändert sich die Zeit, ich war also Degenfähnrich ge­worden, und seht mich da nun in dem langen blauen Jnterimsrock, durch seine Länge und Bläue noch verlängert, in die offen« Flügeltür des noch leeren kleinen Saales treten, dessen Mobiliar an die Wände gerückt war. In meiner Gewissenhaftigkeit tarn ich zu früh; mitten stand allein mein Kommandeur mit der jungen Dame. Es war der Abtanz der Saison, der sie auch zum Heile des Aermsten mit der Verlobung von einer feiner vier Töchter planmäßig beschloß. Dazu waren sie ja, diese Bälle, aber die Tochter war, wie immer, die jüngste.

Nun, Kinder, auf mich Unerfahrenen wirkte der Lichterschimmer jenes kleinen Saals, den das nackte Parkett spiegelte, ähnlich wie au den unbewanderten Telemach der Goldglanz in Menelaos' Haus zu Mykene. Damals wurden in Deckenkronen und Stehleuchtern noch Ker­zen gebrannt; in den Nebenräumen verbreiteten Petroleumlampen mit rosigen oder gelben Seidenschirmen ein sanftes Dämmerlicht.

Wie ich da also, säst geblendet, in blauer Ueberlänge und mit rotem Angesicht wie Geranienblüte hineinschwanke, da war es durchaus kein Wunder, daß die erwähnte Graugeäugte bei meinem Anblick erschrak und

staunte. Sondern das war ich gewohnt, und es diente mir nicht zur Freude. Daß ferner der Oberft mich chr einer zugereisten Nichte- Vetterstochter als den jüngsten General und als ihren Namensvetter vorstellte, drückte mir zwei Beschämungen aus einmal in die Augen. Denn bas eine war Dummheit, und das andere führte nur zur gefprachs- weisen Aufdeckung meiner aristokratischen Fragwürdigkeit, die an» onften mir keine Pein in diesem Falle mich fteudlos stimmte. Denn ie war ja ein holdes Geschöpf, mit dem ich freudig hatte verwandt sein möaen Allein sie stammte nun gar von der Lippeschen Linie, bie frei- herrlich war, so alt wie Noah, an Grundbesitz mehr als reich, und ihr Vater war Kammerherr beim Fürsten.

Ich atmete daher auf, als ich die Oberstin aus einem SR ebenraum in die Tür treten sah und hingehen mußte, um sie zu begrüßen. Doch dreht« ich mich um, sobald es schicklich zu machen war, der Saalmitte zu; da stand auch sie hergewandt. Nicht daß sie mich angeblidt hatte; hre Augen standen in meiner Richtung, und das gab mir innen ein Zucken.

Leider noch vor Tische denn an der Tafel kam ich durch ich weih nicht welche plötzliche Platzverschiebung an ihre rechte Seite zu sitzen ersuhr ich auf Erkundigung, daß sie Ulrike Sofie zu allem ihrem Prunk und Sibel auch noch fo gut wie verlobt war. Es war noch nicht publik, der Erkorene mar Rittmeister im Regiment, damals gerade durch ein Kommando abwesend, ich kannte ihn nur vom Sehen, wenn er seinen Dogcart in schöner Haltung und Fahrt durch tue Straßen lenkte. Ja einer der schönsten und schneidigsten Offiziere des Korps, innerlich aber ganz faul, Spieler und ein Schinder von Mensch und Tier. Aber das wußte sie nicht.

Da faß sie an meiner Seite, ahnungslos, blaß, ruhig und kühl. Sie hatte die durchsichtig zarte Haut alter Geschlechter, chr« bloßen Schultern waren wie Perlen gerundet, chr Haar war rötlich und reich. Gesprochen habe ich nicht mit chr; meine Gesprächsfähigkeit, die nie geübte, wurde aus Beklommenheit kaum dem an meine Rechte gefetzten Wesen gerecht. Allein an deren Stelle ist für mein heutiges Auge nichts als Leere; um so deutlicher dagegen noch heute die Gesichterreihe gegenüber, Uni­formen wechselten mit Dekolletes, die Armleuchter brennender Kerzen, die Tafelaufsätze; und am leibhaftesten und unbeweglich in dem Ge­flimmer und der Bewegung des Lachens und Sprechens zu meiner Linken bas längliche zarte Profil, Nase und Kinn und der ruhige, kühl- graue Blick unter langen, langsamen Wimpern.

Sie war wie ein kühler Märztag. Blühend an ihr war nur ihr Mund. Aber das wußte sie kaum. Ihr« Augen hatten den Blick von 1887 der sicher war, gefestigt durch Erziehung, Geburt, Ueberlieferung; besonders aber gesichert, weil er vieles überhaupt nicht sah, sehr vieles nicht sehen wollte. Mädchenaugen, die ich heute nirgends mehr erblicke still, kühl und beschränkt. Ganz geöffnet, völlig verwandelt konnten sie einmal fein; dann waren sie Frauenaugen.

Sie war während dieses Mahls neben mir wie ein Bild. Ich sprach nicht mit ihr; ich hatte so wenig Beziehung zu ihr wie ju einem Bild. Aber von diesem Bildwerk ging «in furchtbar geheimer Atem des Lebens aus, der mich anblies mit Eiseskälte; von den Füßen herauf ward ich kalter Nebel. Langsam sog der mich auf; statt meiner wurde da Eis, mein« Brust verhärtete sich zu Stein, mein Herz ging nicht, mein Hirn dachte nicht mehr. Am Ende hatte ich keinen Atem mehr und war stumm.

$um Dessert gab es wie damals üblich die Knallbonbons, wenn ihr wißt, was das ist; beschreiben kann ich sie nicht lange Dinger aus Buntpapier mit Fransen. Wenn man an den Enden zog, Dame und Herr je an einem, zerriß innen eine Zündschnur mit einem Knall. Aus dem aufgewickelten Ding tarnen farbige Mützen aus Seidenpapier zum Vorschein, mit denen junge und alte Häupter sich zierten. An jenem Abend bildete die muntere Jugend um den Tisch eine Kette, rechter und linker Hand jenen Knallbonbon haltend, um auf Kommando auf ein­mal zu ziehen.

Es knatterte überall, außer zu meiner Linken aus Ued«rangst vor meiner Kraft zog ich oder drückte zu schwach. Wir versuchten es noch einmal, es mißlang wieder, aber nun war ich Überzeugt, daß es an ihr lag oder an dem Ding. Nahm alfo mein Ende aus der linken Hand in die Rechte, umschloß mit meiner Linken und mit meiner vollkommenen Bewußtlosigkeit ihre Rechte und zog. Es knallt«, sie fuhr leicht zurück, zwinkerte mit den Lidern, lächelte zu mir auf und wendete sich.

(Fortsetzung folgt.)

St. Nepomuks Vorabend.

Von I. W. v o n G o e t h e. Lichtlein schwimmen auf dem Strome, Kinder fingen auf der Brücken, Glocke, Glöckchen fügt vorn Dorne Sich der Andacht, dem Entzücken.

Lichtlein schwinden, Sterne schwinden; Also löste sich die Seele Unsres Heilgen, nicht verkünden Durst er anvertraute Fehle.

Lichtlein schwimmetl spielt ihr Kinder! Kinder-Chor, oh! singe, sing«!

Und verkündiget nicht minder Was den Stern zu Sternen bringe.