Ausgabe 
22.11.1937
 
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Gießener Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957 Montag, -en 22. November Nummer <H

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Der General

Von Albrecht Schaeffer

Copyright 1934 by Nütten und Loening Verlag, Potsdam

1. Fortsetzung.

Meine gute, die liebevollste und opferoollste in Worten und Werken sonst, sie strafte mich also mit einer vierzehn Jahre dauernden Marter der Schulbank meines ahnungslosen Vaters wegen, der den gleichen Weg leichtfüßig in zwölf Jahren zurückgelegt hatte. NB. im Mai ge­boren, darum fast siebenjährig erst in die Vorschule ausgenommen, zählte ich nach dem Abiturmm einundzwanzig Jahre. Mein Verstand nämlich war in eine Helle und eine nächtige Hälfte geteilt, die aber für alle anderen Augen die bedeutendere war. In ihrem Nachtschatten lagen samt und sonders die vier zu erlernenden Sprachen, tote wie lebende für andere Zähne fnusprige schöne ernährende Laibe Brots, während ich von ihrem Stein kaum den Staub von der Kruste kratzen konnte. Liebe Kinder, seht eure Kinder genau an, wozu ihr Verstand taugt und nicht taugt. Der meine blinkte in Mathematik und Naturkunde, später auch in Geschichte. Aber auf den, Gymnasium waren nicht Euklid und Phytha- goras, sondern Plato und Vergil die großen anbetungswürdigen Häupter K*ib ach, ich armer ungesattelter Wallach, der keinen der Großen tragen konnte! Nun war ich ein guter Sohn was damals mehr als heute bedeutete, weil es fraglose Unterwerfung war, Gehorsam ohne Warum und Wozu. Kinder wurden nicht gefragt und hatten auch nicht zu fragen. Id, wäre meine Gesundheit nicht so eisern gewesen wie mein Fleiß, ich hätte es nie geschafft. Und wie meine Gewissenhaftigkeit, darf ich als alter Mann wohl hinzufügen; aber die war eigentlich kein Ver­dienst, sondern angeboren und mehr ein Zwang als ein Wille.

Trotzdem besserte es sich mit mir in den oberen Klassen, da ich als Mathematiker wahrhaft zu leuchten begann und eines Tages auch durch einen Aufsatz über die Preston-Schlacht Oliver Cromwells uner­wartet bewies, daß ich für eine Materie, die mich begeisterte, auch Sprache hatte und Stil, und daß ich trotz aller Plage noch Raum gesunden hatte für eine Materie jenseits des Pensums. Bloß die Orthographie die ist mir heute noch fremd. Nun gehe ich auf die Siebzig los und muß mich wundern, daß es Dinge gibt, die für alle Leute natürlich find, und dis man selber bis an sein Lebensende nicht lernt.

Nun aber Taktik und Strategie von ihnen möchte ich sagen, daß sie vor mir da waren ich wuchs unwissend in sie hinein. Für meine Mutter muß es zu ihrer Rechtfertigung wie der Antritt einer geheim überlieferten Erbschaft erschienen sein. Bor mir sehe ich heute, so klar wie vor fünfzig Jahren, eine Seite im Kommentar von Teno- phons Anabasis, eine graphische Darstellung der Schlacht bei Kunaxa, jo als ob sie es gewesen wäre, die als erste und für immer den Geist in mir belebte und fruchtbar machte mit jenen kleinen Rechtecken der Kaders, in meiner Phantasie von da an lebendig organische Bil­dungen, ewig sich mehrende Amöben: sie wimmelten in meinem 2>Iut, sie gruppierten sich zu immer neuen Lebensformen von Schlachten, die ich anlegte, gewann oder verlor. Diese winzigen Rechtecke uh be­griff sie sogleich, sie waren mein Erbbesitz, ich malte sie überall hin, ich fing an zu träumen, was meine Mutter in mich hmemgetraumt hatte.

Aber das war mein Geheimnis, von dem ganz wenige wußten. Ich hatte ja kaum einen Freund selbst dazu fehlte die Zeit oder ich hatte zu viele Freunde, aber nicht in der Schule. Dort war ich zwar gern gesehn lange dumme Riesen sind immer beliebt: ein Riese war ich, für dumm galt ich, sogar mir selber, an Beliebtheit konnte es nicht fehlen. Aber die Freunde, die ich meine, waren geschwänzt unD bemüht, mit vier Beinen, die Rösser nämlich im Marstall. Die Wohnung, die meine Mutter wählte, mußte ja in der Nähe der Ulanenkaserne liegen, die ihr grauer, innen goldener Traumpalast war. In unserer kleinen stillen Straße mit ihren Vorgärte» und Säulenveranden wohnten viele Offiziere des Regiments: in ihren Ställen bei ihren Burschen wa ich wie im Marstall bei Wachtmeistern und Bereitern em immer will­kommener Gast, so daß ich mich auf das vollkommene Striegeln, Futtern und Aufzäumen und die Geheimnisse der Reitvorschrift, lange bevor ich !>e zu erlernen hatte, verstand. Ach, diese spärlich ergatterten SU >m Stallduft und beim Mannschaftsreiten in der herrlich nach Lohe riechenden braunen Bahn! Da zeigte sich mir ganz zu Dank auch em Vorzug, der sonst der unnützeste von der Welt war - für einen wie ich, für

den die Berufe eines Preisringers oder Athleten außerhalb aller Mög­lichkeit standen, und, ach Gott, wie hab ich doch hundertmal alles zerschmeißen mögen und zerfledern, um zu einem Zirkus zu rennen oder nach Texas als Cowboy, da es keine noch so borstige Remonte gab, die unter meinen Schenkeln nicht den bösen Geist aufgegeben hätte.

Meine Körperkraft, eine pure Naturverschwendung, ein humoristisches Göttergeschenk zum Nichtsnutz, sie war nämlich beinahe übernatürlich. Das Unheil, das sie in den raufenden Flegeljahren anrichtete, fchrie zum Himmel, und ich weiß nicht, welcher Engel die Hand über mich oder die Opfer meiner Kraft hielt, so daß es immer mit Beulen, Striemen und Quetschungen glimpflich abging. Da ich damals nichts Besseres hatte als sie, rettete mich nur der Uebergang der Natur in gesetzteres Alter vor dem Störrischwerden als der zu nichts verwendbare dumme Rübezahl- Goliath, für den ich galt. Nur einmal und später erst wie eine Nach­geburt gab es einen Ausbruch, den ich schildern möchte, weil er be­sonders hell vor mir stehengeblieben ist bis heute.

Unter meinen Lehrern war einer, bei dem ich das Griechische lernen sollte ein höchst überlegener, wahrhaft geschulter, trockener zwar, aber doch klarer Geist von der Schärfe alpiner Lüfte: ein ganz schneeiger Rabe als solcher unter seinesgleichen, die so starr waren und greis, daß ihre Verachtung gemeinhin an mir abglitt. Aber die seine, die sich zu­meist in Schweigen, aber mitunter in Sarkasmen äußerte, die. kunstvoll zugespitzt und vergiftet wie Pfeile sich einhakten die tat weh. Und da einmal, nach langem Schwären, wirkte der eine so daß ich ruhig und langsam in meiner Bank aufstand, so in meiner Länge bis vor das Katheder schritt, wo er klein und bärtig mit dem goldenen Kneifer mich anäugte, dann den Tisch vor ihm ergriff und ohne weiteres über ihn hinweg auf die Wandtafel warf, so daß alles ein Krach und Ge- spliiter war.

Da bewies der Mann seinen größeren Geist. Nur leicht zurückge­fahren, blieb er so ruhig sitzen wie Zeus. Er nahm seinen Kneifer ab, prüfte mich eine Weile still, und auch ich sah ihn tief und ruhig an vielleicht aber auch schmerzlich. Ich weiß es nicht: aber er sagte dann weiter nichts, als:Setzen Sie sich wieder hin."

Er fuhr in feinem Text fort. Das Zerbrochene bezahlte er selbst: verletzt hat er mich nie mehr; durch das Examen hat er mich mit unbekümmertem Zuflüstern an dem prüfenden Schulrat freundlich vor­übergeschoben. Ehre feinem Gedächtnis! Er war einzig in feiner Art.

Von meiner geistigen Minderwertigkeit noch überzeugt wenn auch in Träumen gleich großen blitzenden Seufzern Völkerschlachten anordnend vom hohen Hügel, ein unnützer Goliath von Leib, treuherzig, gut- -herzig, unbesonnen so sehe ich mich armen Jungen heut: trotz Mutter- güte und Muttersorge ungeliebt, innerst einsam und freubenarm ein langer Balken von zuwenig Holz, um ein Bildnis daraus zu schnitzen.

Aber ich atmete auf. Ich trat ja hinaus in die Freiheit.

Begegnung und Aufschwung.

Ich weih nicht, ob Körperbau einen Charakter zu bilden vermag. Es ist der Geist, der sich den Körper baut": ein Wort, an das ich glaube; allein Geist und Charakter sind nicht ein und dasselbe. Weil aber Seele und Leib in einer ursprünglichen und unzerreißbaren, sich gegenseitig immer befruchtenden Wechselbeziehung stehen, so könnte ich mir denken, daß zeitweilig der Körper allein eine Aufgabe übernimmt und durchführt, indem er" die schlafende Gesellin nur trägt und nährt, bis sie einmal erwachend sich selber erkennt und ihn, und nun souverän geworden, die ihr gebührende Lenkung und Wirkung anfängt.

Also könnte ich mir denken, wenn ich mich nun aus der Altersferne als Jugendlichen dahingehen sehe, meiner körperlichen Uederlegenheit in einem Dämmer immer bewußt und immer über alle Mitwelt hinweg- ragend (ich war bei meiner Geburt schon so lang, daß unser sehr kurz­sichtiger Hausarzt, nach seinem entfallenen Kneifer tastend, erschrocken gerufen haben soll:Herrje, da hängen ja zwei aneinander!,"), immer Ferne im Blick und nirgends für ihn Widerstand findend, da jedermann beklemmt ober respektvoll zu mir aufsehen mußte: ich glaube, daß ich hierdurch doch die innerste, wenn auch mir noch so wenig bewußte lieber» legenheit gewonnen habe, die mich Erwachsenden rettete und dem Er­wachsenen zur inneren Ruhe verhalf. Ueberbies hatte ich mein Geheim­nis die kleinen Rechtecke, und ein Geheimnis solcher Art ist ein Schatz, der feinen Hüter veredelt.

Ja, ich sah doch auf alle gelassen herab, sah immer alles von oben, erschaute fernhin, was niemand schaute, mir war die Weite vertraut und die Nähe nicht Enge immerhin: in Geist und Charakter nicht klein und gar kleinlich zu werden, dazu ward mir die Größe.

Ich trat in die Freiheit, sagte ich,"hinaus. Wie, fragt ihr, jahrelang gedrillt zu werden und zu drillen, von morgens bis abends im Zwang