Das Veilchen.
Von 3. d o n Goethe.
Ein Veilchen auf der Wiese stand Gebückt in sich und unbekannt: Es war ein herzig'? Veilchen. Da kam eine junge Schäferin, Mit leichtem Schritt und munterm Sinn, Daher, daher, Die Wiese her, und sang.
„Ach!" denkt das Veilchen, „mär' ich nur Die schönste Blume der Natur, Ach, nur ein kleines Weilchen, Bis mich das Liebchen abgepslückt Und an den Busen matt gedrückt. Ach nur, ach nur Ein Viertelstündchen lang!"
Ach! Aber ach! Das Mädchen kam Und nicht in acht das Veilchen nahm, Ertrat das arme Veilchen.
Es sank und starb und freut' sich noch: Und sterb' ich denn, so sterb' ich doch Durch sie, durch sie, Zu ihren Füßen doch.
Der Theatervorhang.
Von Herbert Eulenberg.
Er gehört schon zu den tückischsten Objekten, der Theatevoorhang. Und wenn der alte grobe Schwabe, der Vau-Vischer, näher mit ihm vertraut gewesen wäre, so hätte er ihn sicher in seiner bekannten Schilderung von der Tücke der Objekte in seinem Roman „Auch einer" eine hervorstechende Rolle spielen lassen. Die alten Griechen und Römer kannten ihn glücklicherweise noch nicht. Und wenn einer fragen sollte: Woher wußten sie denn, wann ein Stück zu Ende war?, so sei ihm zur Erklärung gesagt, daß dies allen Zuhörern, und auch jenen unter ihnen, die erst noch auf einen wirkungsvollen Schluß warten wollten, feierlich angekündigt wurde. Sei es dadurch, daß, wie in Athen der Chor noch einmal weihevoll die Szene umschritt und einen letzten Abgesang anstimmte, oder sei es wie bei den römischen Komödien, daß der Spaßmacher oder gleichfalls ein lustiger Chor das Ende mit den Worten ansagte: „Comoedia finita est". Was der Kaiser Augustus auf seinem Sterbebette mit dem Zusatz: „Plaudite amici!" — Klatscht Beifall, ihr Freunde! — wiederholt haben soll. Denn auch mit dieser Aufforderung ihre Zustimmung zu äußern, wurde sehr oft, wie zum Beispiel in den Lustspielen der spanischen Dichter Lope de Vega und Calüeron, das Ende eines heiteren Spieles angegeben. „Hat euch unser Stück gefallen, möge laut der Beifall schallen!" So und ähnlich schließen, Huldigung und Anerkennung heischend, die meisten Komödien dieser beiden wie auch der anderen Poeten zu jener Zeit. Aehnlich wie in der Kirche durch die Entlassungssormel „Ite, missa est" die Beendigung der Messe «egeben war, halfen sich auch die Alten beim Theaterspiel ohne Vor- ang, indem sie einfach den Anwesenden in irgendeiner Form sagen ließen: „Geht nach Hause! Das Spiel ist zu Ende!"
Der Vorhang im Theater ist eine verhältnismäßig neue Erfindung. Erst im Jahre 1519, also kurz nach dem Beginn der Reformation, wird sein Gebrauch in Rom nachgewiesen. Ob sich diese Erneuerung im Bühnenwesen gleich beim ersten Male, da man sich ihrer bediente, ohne Störung einsührte, ist uns nicht überliefert worden. Bei dem arglistigen Wesen des Vorhangs ist aber anzunehmen, daß er von vornherein nicht ganz einwandfrei in die Erscheinung getreten ist. Und es bleibt bedauerlich, daß uns die Zeitgenossen nichts über die Antrittsrolle des Vorhangs verraten und hinterlassen haben. Es wäre sicher mindestens so fesselnd zu lesen gewesen, wie die Berichte über das erste Auftreten einer später berühmt gewordenen Sängerin oder das eines in reiferen Jahren mit Ehren überhäuften Schauspielers. Wir müssen uns also bei dem Vorhang mit dem Wissen von der Jahreszahl seiner Geburt begnügen. Ob er gleich in den frühesten Jahren seiner Entstehung allgemeine Beachtung bei den Zuhörern und sorgfältige Rücksichtnahme seitens der Bühnendichter gefunden hat, erscheint zweifelhaft. Im Gegenteil ist es fast anzunehmen, daß die Stllckeschreiber im Vertrauen auf den Vorhang ihn zunächst nicht allzusehr beachteten. Nun er einmal erfunden war, mochte er selbst wie eine mechanische Uhr den Leuten angeben, wann es aufhörte, oder wann Pause war oder wann geklatscht oder gezischt werden durfte. Die Verfasser brauchten sich nicht mehr darum zu kümmern, dies alles der Menge kund'utun. Das besorgte jetzt alles der Vorhang für sie. In keinem der S'tgenössischen Bühnenwerke des 16. Jahrhunderts werden dem Vorhang on besondere Ehren erwiesen. Shakespeare gestaltet noch selber ohne große Zuhilfenahme der neuen Einrichtung die Schlüsse seiner Dramen, indem er, wie bei „Romea und Julia", einen Trompetenstoß zum Ausgang ertönen läßt, oder wie bei „Coriolan" einen Trauermarsch oder wie im „Hamlet" ein Geschützseuer. Erst nach und nach wächst die Kurtine, wie man das neue Bühnenzubehör in Frankreich nennt, zu größerer Bedeutung.
Hundert Jahre nach seiner Einführung geschieht es schon hier und da, daß man ihn anspricht oder mit ins Spiel hineinzieht. Aber diese Artigkeiten, die man ihm erweist, machen ihn auch heimtückischer. Die meisten Theaterbründe des 18. Jahrhunderts entstehen durch den Vorhang, der sich an den offenen Kerzen oder Leuchtern entzündet, die sich damals an der Rampe befanden. Des öfteren ist uns dies aus jenen Zeiten beschrieben worden, wie sich der Vorhang plötzlich rauschend wie
ein Flammenmeer im Wind der Glut, die er entfachte, erhob und die Menge dann unter Entsetzen aus dem Theater stob. Wobei sich noch in der unsinnigen Hast die meisten Unglücksfälle ereigneten. Zum Gluck hat man dieser bösartigen Ueberraschung des Bühnenvorhangs m unserer Zeit einen kräftigen Riegel durch den bekannten „Eisernen' vorgeschoben. Allerdings erwies sich erste Vorhang dieser Art noch als ebenso trügerisch wie der aus Leinwand ober Pappe. Es war der im Drury-i Lane-Theater in London im Jahre 1794 angebrachte, der nicht ver- hindern konnte, daß fünfzehn Jahre später das ganze Haus niederbrannte. Infolgedessen kam der Eiserne bei uns in Deutschland erst in den achtziger Jahren zur allgemeinen Verwendung, nachdem Anno em- undachtzig das Wiener Ringtheater ein Raub der Flammen geworden war. Seitdem hat sich diese neue Einrichtung so nützlich erwiesen, daß heutzutage bei jedem größeren Bühnenhaus der eiserne Vorhang geradezu polizeilich verlangt wird. .
Inzwischen errang sich sein dünnerer, leichterer Bruder immer mehr Be- achtung und Bedeutung. Ja, der Vorhang begann jetzt das ©einige zum Erfolg oder Mißerfolg eines Bühnenwerkes beizutragen. Fiel er zu früh, wie er dies einmal bei der Wiederaufnahme des „Florian Geyer tat so brachte er einen ganzen Aktschluß um seine Wirkung, wie der traurig durch ihn hervortretende Dichter feststellen mußte. Kam er zu spät wie ihm dies auch gelegentlich beifallen kann, so wuchsen dir Darsteller vom aus der Bühne, die längst das letzte Wort gesprochen hatten, vor Ungeduld aus. Und das Publikum im Theater begann unerwünscht heiter zu werden. Kurzum man fing an, den Vorhang als ein höchst wichtiges Mittel in das Schaffen für die Bühne miteinzubeziehen. Und die Aktschlüsse vieler Stücke, die Finales fast aller Opern sind unter Rücksichtnahme auf ihn verfaßt worden. Trotz dieser Unterwürfigkeit gegen den Vorhang blieb er beständig ein Tückebold, dem auch der Monn, der ihn zu bedienen hat, nicht immer gewachsen ist. Denn mal schnellt er ihm wie ein sausender Blitz aus der Hand. Mal will das Aas, wie er dann voll Wut bezeichnet wird, gar nicht aus feiner Höhe herunter- kommen. Bei Liebhaberaufführungen benimmt sich der Vorhang meist am allerhinterlistigsten. Und es gibt kaum eine, wo er sich nicht als Tölpel oder Störenfried, der alle Welt zum Lachen bringt, erweist. Bei solchen Gelegenheiten auf notdürftigen Bühnen rollt er sich entweder schief auf oder nicht ganz ober bleibt, bies ist sein schlimmster Streich, stecken.
Richarb Wagner glaubte bem Problem am wirksamsten zu Leide zu rücken, indem er den Faltenvorhang, der sich nach beiden Seiten öffnet, einführte. Er tat dies aus Gründen des guten Sehens, weil nach feiner Meinung das Bühnenbild leidet, wenn es ruckweise von oben nach unten sich öffnet ober umgekehrt verschwindet. Ader die Bosheit des Vorhangs hat er damit nicht aus der Welt geschafft. Denn auch die sog. Wagnersche Gardine hat ihre Rücken und Tücken, indem sie besonders gerne den Sängern und Sängerinnen, zum Schluß rasch sich fallend, fast die Nase abzwickt. Uederhaupt entwickelt der Vorhang auch noch nach der Aufführung feine ausgesuchten Bösartigkeiten. Er fällt dann mit Vorliebe den Künstlern, die sich zum Dank für den Beifall vor den Zuschauern verneigen, ober dem Dichter ober Komponisten, der sich ver- beugt, beinahe auf den Kopf, und häufig rettet nur ein rascher Rückzug die Betreffenden vor einer solchen unsanften Berührung. Der Wiener Lustspieldichter N e st r o y, der Verfasser des „Lumpazivagabundus", der vielfach in seinen Stücken persönlich auftrat, hatte neben anderen krankhaften Zwangsvorstellungen auch diese, eines Abend von dem Vorhang erschlagen zu werden, und behauptete, der Teufel sitze darin und trachte wie die berühmte Köpfrnaschine der französischen Revolution danach, jeden, den er packen könnte, zu enthaupten.
Schließlich erweist sich der Vorhang auch als Gradmesser für den Publikumserfolg eines Werkes meistens sehr unzuverlässig. „Siebzehn Hervorrufe habe ich gehabt, und siebzehnmal mußte der Vorhang zum Schluß für mich heraufgezogen werden", behaupten ehrgeizige Schauspieler oder ruhmbegierige Sängerinnen wohl. Während ihre lieben Kollegen oder Kolleginnen bann neidisch bemerken: „Schwindel! Der Vorhang hat sich nur siebenmal für Sie bemüht. Sie müssen sich verzählt haben". Im Wiener Burgtheater wurde früher bei jeder Uraufführung dem Autor zum Schluß ein Aufpasser beigegeben, der mit einem Heft in der Hand genau aufschreiben mußte, wie oft der Dichter vor dem Vorhang gebeten wurde, damit dieser nicht In feinem Größenwahnsinn nachher soundso viele Hervorrufe dazu schwindeln konnte, gin eigenartiger Ehrgeiz mancher Leute, die auf der Bühne wirken, besonders wenn sie ein Gastspiel geben, ist der, daß sie ganz zum Schluß noch durch die Tür des eisernen Vorhangs klettern mögen, um damit die letzten, nicht endenwollenden Beifallskundgebungen entgegenzunehmen. Aber auch dann ist selbst bem im allgemeinen gutmütigeren und menschenfreundlicheren eisernen Vorhang nicht recht zu trauen. Denn manch einer ist schon in bem dann bereits halb verdunkelten Haus über ihn gestolpert ober gar in den düsteren Unterraum für das Orchester hinuntergesaust.
Alles in allem genommen, ist der Vorhang eine etwas unheimliche Einrichtung. Nicht zuletzt auch darum, weil man, wenn er sinkt und ein Stück endgültig beschließt, an den Augenblick denken muß, wo für einen jehen von uns der Vorhang fällt und es aus ist mit dieser ganzen bunten irhischen Herrlichkeit, in der wir die uns von unserem Schicksal zugewiesene Rolle gespielt haben. Eine gewisse Slormsche Wehmut kann uns dann beschleichen, wenn mit dem letzten Vorhangfallen das Stück, Has man uns vorgeführt hat, [eine Augen schließt. „Dunkle Zypressen, die Welt ist gar zu lustig: es wird doch alles vergessen." Oder man erinnert sich dabei ein paar anderer Verse des Dichters aus Husum, die er sich in schwerer Krankheit vorgesungen Hal:
Nun schließ auch du die Augen zu, Geh Phantasie und Herz zur Ruh! Ein Licht loscht nach dem andern aus — Hier stand vordem ein Schauspielhaus.
Berantwortlich Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Uniberlitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße».


