Ausgabe 
22.3.1937
 
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Oie Worte des Glaubens.

Bon Friedrich Schiller.

Drei Worte nenn ich euch, inhaltsschwer, sie gehen von Munde zu Munde; doch stammen sie nicht von außen her, das Herz nur gibt davon Kunde.

Dem Menschen ist aller Wert geraubt, wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt.

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd er in Ketten geboren, laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei, nicht den Mißbrauch rasender Toren;

Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, vor dem freien Menschen erzittert nicht!

Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall, der Mensch kann sie üben im Leben, und sollt er auch straucheln überall, er kann nach der göttlichen streben;

und was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.

Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt; wie auch der menschliche wanke!

Hoch über der Zeit und dem Raume webt lebendig der höchste Gedanke;

und ob alles in ewigem Wechsel kreist, es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.

Die drei Worte bewahret euch, inhaltsschwer, sie pflanzet von Munde zu Munde, und stammen sie gleich nicht von außen her, euer Inneres gibt davon Kunde;

dem Menschen ist nimmer sein Wert geraubt, solang er noch an die drei Worte glaubt.

Oer schöne Frauentag.

velrachlung eines Grünewald-Dildes.

Von Nikolaus Schwarzkopf.

Die Stadl Mergentheim, wo Mörike eine Zeit lang Pfarrer war, sinkt zwischen chren Hügeln in den Schatten der Nacht, und die fröhlichen Giebel ihrer naseweisen Bürgerhäuser heben ihre verwitterten Adels­wappen mühselig empor. Zu Füßen einer roten Maria plätschert ein Brunnen hinter mir drein. Ich schlage vorm Tor den Weg nach Stuppach ein, das ist zur Bauernmaria des Matthias Grünewald. Die dörflichen Glocken winken mir fchon; die eine hat einen tiefen Baß, der mit mäch­tigen Schlägen über Land geht, und zwei kleinere ranken sich wie an einer Kreuzblume an ihr empor und purzeln zwischen den Sternen herum. Ich komme gerade noch recht zum Schluß des Gebets, fehe hinter den brennenden Kerzen die Himmelskönigin sitzen, empfange den Segen des Priesters und singe mit dem Volk:

Wunderschön prächtige Große und mächtige, Liebreich holdselige. Himmlische Frau.

Ich will sie nicht stören, die holdselige Frau, auch die Bauern nicht, den Herrn Pfarrer nicht und den Glöckner nicht und komme am Morgen wieder, wenn die Sonne dabei fein wird.

Tritt man ins Kirchlein ein, so sieht man das Altarbild blau über­flutet vom Tageslicht und ist bestürzt. Man vergißt die Tür zu schließen und tappt auf das Bild zu, mitten in die vollerblühte feierliche Natur. Und wenn man gewohnt ist, bei solchen Gelegenheiten heimlich zu fingen, so weiß man sich plötzlich in eine pastorale Musik versetzt, die man schon gehört hat. Man sieht Bienen um chre Stocke schwirren, hort Lerchen singen, riecht Balsamin und Osterluzei. Seide hört man knistern, Wasser fließen, ein Kind jauchzen. Man spürt den kühlen Hauch eines Windes, aus der nahen Kirche bringen Orgeltone. Da sitzt Maria im freien Feld und hält ihrem Knaben einen Granatapfel hin. Wahrlich: eine schöne Frau, diese Bauernmaria, eine Gräfin aus oem Schloß, eine Königin in Samt, Seide, Brokat und Spitze. Das Haar hangt gold­blond über die Schulter, sorgsam gekräuselt, man furchtet, der Wind könnte es aufwirbeln lassen. O, wenn sie sich jetzt erhöbe, diese vor­nehme Frau, ich wette: es stürzten von allen Seiten bte Pagen herbei, der Regenbogen über ihrem Haupte zerspränge, die Bienen ordneten sich im Kreis und umschwebten ihren Scheitel, und die Vogel des Himmels ^^Was°tu'?sie^hier im freien Feld? Schickt sie sich etwa an, die Gläu­bigen, die hinter ihrem Rücken zur gotischen Kirche aufsteigen, heute mit ihrem Kindlein während des Gottesdienstes zu überraschen? ... Oder ist sie gerade aus der Kirche gekommen, aus der Kirche, die man ihr ge­nommen hat? Ist der Geist der Reformation eingezogen in Liefe Kirche und hat er Maria verstoßen? Sie fitzt so traurig da und kann wahr­haftig das Lächeln ihres Kindes nicht recht erwidern! .. Oder hat sie soeben vom greifen Simeon die Prophezeiung vernommen, daß dieser ihr Sohn gesetzt sei zum Fall? So daß also der sprühende Heiligenscheln um des Kindes Haupt ihr Lächeln könnte versengt haben? ... Oder ist sie freiwillig aus der nahen Stadtkirche hierher geeilt, weil heitte der schone Frauentag ist, der höchste Marientag der Bauern dort? Der Tag, an dem sie Sträuße binden auf den Feldern, Strauße, die sie in die Kirche schleppen, daß die Kirche fast birst vor Wohlgeruchen, die sie segnen

lassen, um das Vieh und sich vor Unheil zu bewahren? Der Tag, tot dem die Kirchen so eng werden, an dem Maria lieber auf dem Felde verehrt sein möchte als zwischen den Mauern?

Wie ich so allein am Altar stehe, senkt sich ein braunes Marien- käserchen über die weihe Platte, legt die Flügel ein und läuft so dahin. Ich meine, es kommt aus dem braunen Brokat, wo es vielleicht seit Jahrhunderten heimisch ist, und wolle mich grüßen von der großen Mutter der Mütter. Ich lege den Finger in des Käferchens Bahn; aber es stutzt einen Augenblick und wendet sich ab, hebt die Flügel, surrt leise davon und läßt sich auf dem schlecht geschreinerten Bildrahmen nieder.

Drüben im Pfarrhaus schlägt eine Kuckucksuhr, in den verästelten Fenstersteinen des Chörchens zwitschern die Schwalben; sie haben sich einen seinen Nistplatz gesucht.

Da erkenne ich auf dem Bilde ein kleines, hinter Laubwerk geschickt verstecktes Kreuz. Wie ein stummer Diener steht es neben der Maria. Ohne das Kreuz geht es nun einmal bei Grünewald nicht. Naive Maler heften das Kreuz selbst über die Schwelle des bethleheinitischen Stalles. Kein Wunder also, daß Maria so traurig dasitzt, obgleich rings­um alles jubelt. Das ist (o seltsam: wenn man im Frankenland wandert, da begegnet man so vielen Marien, aber alle sind sie schmerzhafte Marien, die zu Dieburg, die zu Buchen, die zu Dettelbach, die sogenannte schwarze Maria. Die Franken haben ja das Kreuz nach Deutschland gebracht ... Mich dünkt, diese unsagbare Traurigkeit wolle nicht in den Frauentag passen. Fest steht ja, daß an dem Bilde vieles übermalt wurde, und vielleicht bricht eines Tages aus der Uebermalung ein ganz anderes An­gesicht hervor. (Das Bild befindet sich augenblicklich in Stuttgart.) Der Maler findet aber auf keinem seiner anderen erhaltenen Bilder diese Fröhlichkeit wieder, diese Freude an der Schöpfung, diesen unbändigen Jubel.

Ich wende mich zu den kleinen Dingen des Bildes, die der Maler in bunter Fülle hereingeholt hat aus der Natur. Hinter den Bienenstöcken, wo der Regenbogen aufsteht, erhebt sich eine Stadt, hinter ihr der Wald, hinter dem Wald der Berg, und über dem Berg öffnet sich der Himmel, denn Gottvater möchte mit seinen Engelscharen dem Jubel seiner glor­reichsten Tochter beiwohnen. Zwei irdene Töpfe stehen mit Blumen ge­füllt, hier, eine irdene Schüssel, in der ein Rosenkranz aus Bernstein liegt, seitab, und ein irdener Krug dabei. Vielleicht war der Maler der Sohn eines Töpfers. Bestellt wurde das Bild im Jahre 1517 von dem Kanoniker Retzmann aus Seligenstadt, der an die Stiftskirche von Aschaffenburg einen Chor hatte anbauen lassen zu Ehren des Schnee­wunders in Rom. Ein reicher Römer wollte der Gottesmutter eine Kirche bauen und wußte nicht, wohin. Da träumte ihm und dem Papst gleich- e: dorthin solle er die Kirche stellen, wohin während der heißen stnacht Schnee fallen werde. Der Schnee fiel auf den Esguilinhügel, und die Kirche wurde gebaut. Grünewald sollte das große Altarbild malen. Aus einem Seitenflügel, der noch echalten ist und in Freiburg K, stellte er das Schneewunder dar mit getreuer italienischer Land- t; das Mittelstück des Altars wurde derSchöne Frauentag", der andere Flügel ist verloren. Es muh ein großer Reiz gewesen sein, die üppig erblühte deutsche Landschast neben den italienischen Winter $u stellen! Wo das Bild gemalt wurde, ob in Seligenstadt, Aschaffenburg, Mainz oder Halle, das entzieht sich unserer Kenntnis. 1517 war Grüne­wald Hofmaler des Mainzer Kurfürsten Albrecht von Brandenburg. Nach Mainz berufen wurde er von dem Vorgänger Albrechts, dem Erzbischof Uriel von Gemmingen. Die Nachrichten, die wir von ihm haben, sind spärlich und wahrscheinlich unzuverlässig. Sein ganzes Dasein scheint künstlich übermalt zu sein; und nicht einmal der Name steht einwandfrei fest; wahrscheinlich hat er den Namen Matthias Gotlhari-Neichart ge­führt, aber sicher ist das nicht. Und dabei hat der Maler in einer so erhellten Zeit gelebt, in einer so aufrührerischen Stadt, gleichzeitig mit Dürer und Sucher. Man kennt am Mainzer Hos noch einen Maler, mit dem man nicht recht weih, woran man hält, und den nannte man den Pseudogrünewald. Vielleicht muh man über kurz oder lang den Namen Grünewald fallen lassen. Dr. Z ü 1 ch in Frankfurt ist fest davon über» zeugt. Nach dessen Angaben ist der Maler im Jahre 1529 gestorben. Sicher steht fest, dah der seltsame Fremdling seelisch sehr belastet war mit den Schmerzen seines Jahrhunderts, dah er sich in die Menschen nicht schicken konnte, dah er den sähen Uebereinfünften feindlich gegenüber* stund. Es ist doch wahrhaftig mehr als befremdend, dah ein Genie dieses Ausmaßes von seinen Zeitgenossen, von seiner Kirche, von seiner Station so fast gänzlich vergessen werden konnte.

Das Werk, das er hinterlassen hat, ist groß und erhaben und steht vollgültig neben den größten Aeußerungen Der Menschenseele schlechthin. ®r ist die aufgezehrte deutsche Seele seines Jahrhunderts, und wenn man ganz große Maßstäbe anlegt, so verschwinden ja die kleinen Zu­verlässigkeiten: was verschlägt schließlich, daß man nichts von diesem Menschen weih, wo er geboren ist, nicht wann, nicht wer seine Eltern waren, nicht wo, nicht wie er lebte, daß man nichts von Freunden weiß, nicht von Frauen, die um ihn waren? Vergißt man bei ihm Denn leichter als bei einem anderen, was uns sonsthin menschlich teuer und wissenswert ist? t ...

Ich gehe im Dorf Stuppach umher, besuche Ställe, wo dreißig Kühe sich anschicken, auf die Weide zu gehen. Gänse stehen am Ende der Straße und steigen schwerfällig in die Luft empor, streifen an die Tele­graphendrähte und sinken. Alte Frauen erzählen mir von ihrem Bild, junge Mädchen erzählen, daß chr Bild nachgemalt worden sei, und daß man hinter der Nachbildueg hergezogen sei, weil man immer gefürchtet habe, man entführe das eigentliche Bild. ~

Ich habe Sehnsucht nach dem Bild, sehe im Geist die ganze Natur feierlich überflutet, möchte selber überflutet sein und eile zum fünften Male in die Kirche. Da steh ich nun wieder seitlich neben der weißen Altardecke und nehme teil am göttlichen Licht, als ob sich das so gehöre. Der Abend bricht herein, die rote Ampel schwebt vor mtr wie ein Glücks­stern Ich weiß nicht, was es ist: in mir strömt es von Liedern, die noch'kein Mensch gelungen hat. Ist es Jubel, ist es Schmerz um den Meister?