blieben. Und Sie, lieber Lorenzen, werden dabei sicherlich mit zu Rate gezogen werden." „
„Was ich mir nicht schwierig denken kann. m .
Sagen Sie das nicht. Es gibt in diesem Falle viel weniger Brauchbares, als Sie sich oorzustellen scheinen. Prinzessinnennamen an und für sich, ohne weitere Zutat, ja, die gibt es genug. Aber damit >st Ermyntrud nicht zufrieden: sie verlangt ihrer Natur nach zu dem Dynastisch-Genealogischen auch roch etwas poetisch Märchenhaftes. Und das kompliziert die Sache ganz erheblich. Sie können das sehen, wenn Sie ine Katzlersche Kinderstube durchmustern oder sich die Namen der bisher Getauften ms Gedächtnis zurückrufen. Die Katzlersche Kronprinzeß heißt natürlich auch Ermyntrud. Und dann kommen ebenso selbstverständlich Dagmar und Thyra. Und danach begegnen wir einer Inez und einer Maud und zuletzt einer Arabella. Aber bei Arabella können Sie schon deutlich eine gewisse Verlegenheit wahrnehmen. Ich würde ihr, wenn sie sich wegen des Jüngstgeborenen an mich wendete, was Altjüdisches vorschlagen; das ist schließlich immer das Beste. Was meinen Sie zu Rebekka?"
Lorenzen kam nicht mehr dazu, Dubslav diese Frage zu beantworten, denn eben jetzt waren sie durch das Stück Bruchland hindurch und rasselten bereits über einen ein weiteres Gespräch unmöglich machenden Steindamm weg, scharf auf Rheinsberg zu.
Dubslav war in ausgezeichneter Laune. Das prachtvolle Herbstwetter, dazu das bunte Leben, alles hatte seine Stimmung gehoben, am meisten aber, daß er unterwegs und beim Passieren der Hauptstraße bereits Gelegenheit gehabt hatte, verschiedene gute Freunde zu begrüßen. Von der Kirche her schlug es zehn, als er vor dem als Wahllokal etablierten Gasthause „Zum Prinzregenten" hielt, in dessen Front denn auch bereits etliche mehr oder weniger verwogen ausfehende Wahlmänner standen, alle bemüht, ihre Zettel an mutmaßliche Parteigenossen auszuteilen.
Drinnen im Saal war der Wahlakt schon im Gange. Hinter der Urne präsidierte der alte Herr von Jühlen, ein guter Siebziger, der die gro- teskesten Feudalanfichten mit ebenso grotesker Bonhomie zu verbinden wußte, was ihm, auch bei feinen politischen Gegnern, eine große Beliebt- beit sicherte. Neben ihm, links und rechts, saßen Herr von Storbeck und Herr van dem Peerenboom, letzterer ein Holländer aus der Gegend von Delft, der vor wenig Jahren erst ein großes Gut im Ruppiner Kreise gekauft und sich seidem zum Preußen und, was noch mehr sagen wollte, zum ,Grafschaftler' herangebildet hatte. Man sah ihn aus allen möglichen Gründen — auch schon um seines ,van' willen — nicht ganz für voll an, lieh aber nichts davon merken, weil er der bei den meisten Grafschaftlern stark ins Gewicht sollenden Haupteigenschaft eines vor so und soviel Jahren in Batavia geborenen holländisch-javanischen Kaffeehändlers nicht entbehrte. Seines Nachbarn von Storbeck Lebensgeschichte war durchschnitt^ mäßiger. Unter denen, die sonst noch am Komiteetisch saßen, befand sich auch Katzler, den Ermyntrud (wie Dubslav ganz richtig vermutet) mit der Bemerkung, „daß im modernen bürgerlichen Staate Wahlen so gut wie Kämpfen fei", von ihrem Wochenbette fortgeschickt hatte, ,I)as Kind wird inzwischen mein Engel fein, und das Gefühl erfüllter Pflicht soll mich bei Kraft erhalten." Auch Gundermann, der immer mit dabei fein mußte, faß am Komiteetifch. Sein Benehmen hatte etwas Aufgeregtes, weil er — wie Lorenzen bereits angedeutet — wirklich im geheimen gegen Dubslav intrigiert hatte. Daß er selber unterliegen würde, war klar und beschäftigte ihn kaum noch, aber ihn erfüllte die Sorge, daß sein vorausgegangenes doppeltes Spiel vielleicht an den Tag kommen
Dubslav wollte die Sache gern hinter sich haben. Er trat deshalb, nachdem er sich draußen mit einigen Bekannten begrüßt und an jeden einzelnen ein paar Worte gerichtet hatte, vom Vorplatz her in das Wahllokal ein, um da so rasch wie möglich seinen Zettel in die Urne zu tun. Es traf ihn bei dieser Prozedur der Blick des alten Zühlen, der ihm in einer Mischung von Feierlichkeit und Ulk sagen zu wollen schien: „Ja, Stechlin, das hilft nu mal nicht; man muh die Komödie mit durchmachen." Dubslav kam übrigens kaum dazu, von diesem Blicke Notiz zu nehmen, weil er Katzlers gewahr wurde, dem er sofort entgegentrat, um ihm durch einen Händedruck zu dem siebenten Töchterchen zu gratulieren. An Gundermann ging der Alte ohne Notiznahme vorüber. Dies war aber nur Zufall; er wußte nichts von den Zweideutigkeiten des Siebenmühlners, und nur dieser selbst, weil er ein schlechtes Gewissen hatte, wurde verlegen, und empsand des Alten Haltung wie eine Ab- fage.
Als Dubslav wieder drauhen war, war natürlich die große Frage: „Ja, was jetzt tun?" Es ging erst auf elf, und vor sechs war die Ge- schichte nicht vorbei, wenn sich s nicht noch länger hinzog. Er sprach dies auch einer Anzahl von Herren aus, die sich auf einer vor dem Gasthause stehenden Bank niedergelassen und hier dem Likörkasten des „Prinz- regenten", der sonst immer erst nach dem Diner SUftauchte, vorgreisenü zugesprochen hatten.
Es waren ihrer fünf, lauter Kreis- und Parteigenossen, aber nicht eigentlich Freunde, denn der alte Dubslav war nicht sehr für Freundschaften. Er sah zu sehr, was jedem einzelnen fehlte. Die da saßen und aus purer Langeweile sich über die Vorzüge von Allasch und Chartreuse stritten, waren die Herren von Wolchow, von Krängen und von Gnew-. kow, dazu Baron Beetz und ein Freiherr von der Nonne, den die Natur mit besonderer Rücksicht auf seinen Namen geformt zu haben schien. Er trug eine hohe schwarze Krawatte, daraus ein kleiner vermickerker Kopf faß, und wenn er sprach, war es, wie wenn Mäuse pfeifen. Er war die komische Figur des Kreises und wurde gehänselt, nahm es aber nicht übel, weil seine Mutter eine schlesische Gräfin auf „inski" war, was ihm in feinen Augen ein solches Uebergewicht sicherte, daß er, wie Friedrich der Große, jeden Augenblick bereit war, „die sich etwa ein» stellenden Pasquille niedriger hängen zu lassen."
„Ich denke, meine Herren", sagte Dubslav, „wir gehen in den Park. Da hat man doch immer was. An der einen Stelle ruht das Herz des Prinzen, und an der andern Stelle ruht er selbst und hat sogar eine Pyramide zu Häupten, wie wenn er Sesostris gewesen wäre. Ich würde gern einen andern nennen, aber ich kenne bloß den." (Forts, folgt.)
das will was sagen. Ja, Lorenzen, so ist es ... Na, lassen wirs Sie wissen ja auch Bescheid Und dann sind das schließlich auch keine Betrachtungen für heute, wo ich gewählt werden und den Triumphator spielen soll. Uebrigens geh ich einem totalen Kladderadatsch entgegen. Ich werde
^Sörensen wurde verlegen, denn was Dubslav da zuletzt sagte, das stimmte nur zu sehr mit (einer eigenen Meinung. Aber er mußte wohl oder übel, so schwer es ihm wurde, das Gegenteil versichern. „Ihre Wahl, Herr von Stechlin, steht, glaub ich, fest; in unsrer Gegend wenigstens. Die Globsower und Dagower gehen mit gutem Beispiel voran. Lauter QlltC ßßlltc
Diellei'cht. Aber schlechte Musikanten. Alle Menschen sind Wetterfahnen, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger. Und wir selber machen s auch so. Schwapp, sind wir auf der andern Seite."
„Ja schwach ist jeder, und ich mag mich auch nicht für all und leben verbürgen. Aber in diesem speziellen Falle ... Selbst Koseleger schien mir voll Zuversicht und Vertrauen, als er am Donnerstag noch mit mW plauderte." , ._ . .. m ...
Koseleger voll Vertrauen! Na, bann geht es gewiß in die Bruche. Wo Koseleger Amen sagt, da ist schon so gut wie letzte Delung. Er hat keine glückliche Hand, dieser Ihr Amtsbruder und Vorgesetzter.
„Ich teile leider einigermaßen Ihre Bedenken gegen ihn. Aber was vielleicht mit ihm versöhnen kann, er hat angenehme Formen und durch- auch etwas Verbindliches."
,Das hat er. Und doch, so sehr ich sonst für Formen und Verbindlichkeiten bin, nicht für seine. Man soll einen Menschen nicht feinen Namen vorhalten. Aber Kofeleger! Ich weiß immer nicht, ob er mehr Kose ober mehr Leger ist; vielleicht beides gleich. Er ist wie ne Baiser- torte, süß, aber ungesund. Nein, Lorenzen, da bin ich doch mehr für Sie Sie taugen auch nicht viel, aber Sie sind doch wenigstens ehrlich.
, Vielleicht", sagte Lorenzen. „Uebrigens hat Koseleger inmitten seiner Verbindlichkeiten und schönen Worte doch auch wieder was Freies, beinah Gewagtes, und ist mir da neulich mit Bekenntnissen gekommen, fast wie ein Charakter." ...
Dubslav lachte hell auf. „Charakter. Aber Lorenzen! Wie können Sie sich so hinters Licht führen lassen. Ich verwette mich, er hat Ihnen irgendwas über Ihre .Gaben' gejagt; das ist jetzt so Lieblingswort, das die Pastoren immer gegenseitig brauchen. Es soll bescheiden und unversöhnlich klingen und sozusagen alles auf Inspiration zurückführen, für die man ja, wie für alles, was von oben kommt, am Ende nicht kann. Es ist aber gerade dadurch das Hochmütigste ... War es so was? Hat er meinen klugen Lorenzen, eh er sich als .Charakter' ausspielte, durch solche Schmeicheleien eingefangen?"
„Es war nicht so, Herr von Stechlin. Sie tun ihm hier ausnahmsweise unrecht. Er sprach überhaupt nicht über mich, sondern über sich, und machte mir dabei feine Konfession^. Er gestand mir beispielsweise, daß er sich unglücklich fühle."
„Warum?"
„Weil er in Quaden-Hennersdorf deplaciert fei."
„Deplaciert. Das ist auch solch Wort; das kenn ich. Wenn man durchaus will, ist jeder deplaciert, ich, Sie, Krippenstapel, Engelke. Ich müßte Präses von einem Stammtisch oder vielleicht auch ein Badedirektor fein. Sie Missionar am Kongo, Krippenstapel Kustos an einem märkischen Museum und Engelke, nun der müßte gleich selbst hinein, Nummer hundertdreizehn. Deplaciert! Alles bloß Eitelkeit und Größenwahn. Und dieser Koseleger mit dem Konsistorialratskinn! Er war Galopin bei ner Großfürstin; das kann er nicht vergessen, damit will er's nun zwingen, und in seinem Aerger und Unmut ,spielt er sich auf den Charakter aus und versteigt sich, wie Sie sagen, bis zu Konfessions und Gewagtheiten. Und wenn er nun reüssierte (Gott verhüt es), so haben Sie den Scheiterhaufenmann comme il laut. Und der erste, der rauf muß, das find Sie. Denn er wirb sofort das Bedürfnis spüren, feine Gewagtheiten von heute durch irgendein Brandopfer wieder weit» zumachen."
Unter diesem Gespräche waren sie schließlich aus dem Walde heraus und näherten sich einem beinah meilenlangen und bis an den Horizont sich ausdehnenden Stück Bruchland, über das mehrere mit Kropfweiden und Silberpappeln besetzte Wege strahlenförmig auf Rheinsberg zuliefen. Alle diese Wege waren belebt, meist mit Fußgängern, aber auch mit Fuhrwerken. Eins davon, aus gelblichem Holz, das hell in der Sonne blinkte, war leicht zu erkennen.
„Da fährt ja Katzler", sagte Dubslav. „Ueberrascht mich beinah. Es ist nämlich, was Sie vielleicht noch nicht wissen werden, wieder was einpassiert; er schickte mir heute früh einen Boten mit der Nachricht davon, und daraus schloß ich, er würde nicht zur Wahl kommen. Aber Ermyntrud mit ihrer grandiosen Pflichterfüllung wird ihn wohl wieder fortgeschickt haben."
„3ft es wieder ein Mädchen?" fragte Lorenzen.
„Natürlich, und zwar das siebente. Bei sieben (freilich müssen es Jungens fein) darf man, glaub ich, den Kaiser zu Gevatter laben. Uebrigens sind mehrere bereits tot, und alles in allem ist es wohl möglich, daß sich Ermyntrud über das beständige .bloß Mädchen' allerlei Sorgen und Gedanken macht."
Lorenzen nickte. „Kann mir's denken, daß die Prinzessin etwas wie eine zu leistende Sühne darin sieht, Sühne wegen des von ihr getanen Schrittes. Alles an ihr ist ein wenig überspannt. Und doch ist es eine sehr liebenswürdige Dame."
„Wovon niemand überzeugter ist als ich", sagte Dubslav. „Freilich bin ich bestochen, denn sie sagt mir immer das Schmeichelhafteste. Sie plaudre so gern mit mir, was auch am Ende wohl zutrifft. Und dabei
wirb sie bann jebesmal ganz ausgelassen, trotzbem sie eigentlich hoch
gradig sentimental ist. Sentimental, was nicht überraschen darf; denn aus Sentimentalität ist doch schließlich die ganze Katzlerei hervorgegangen. Bin übrigens ernstlich in Sorge, wo Hoheit den richtigen Tauf
namen für das Jüngstgeborene hernehmen wird. In diesem Stücke, vielleicht dem einzigen, ist sie nämlich noch ganz und gar Prinzessin ge-


