Ausgabe 
22.3.1937
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1937 Montag, den 22. März Nummer 23

Der Stechlin

Roman von Theodor Zontane

(16. Fortsetzung.)

Ich werde das meine tun", sagte Koseleger mit einer Mischung von Pathos und Wohlwollen. Aber Lorenzen hatte dabei den Eindruck, baß sein Ouaden-Hennersdorfer Superintendent bereits ganz andern Bildern nachhing. Und so war es auch. Was war für Koseleger diese traurige Gegenwart? Ihn beschäftigte nur die Zukunst, und wenn er in die hineinsah, so sah er einen langen, langen Korridor mit Ober­licht und am Ausgang ein Klingelschild mit der Aufschrift: Doktor Koseleger, Generalsuperintendent.

So ziemlich um dieselbe Stunde, wo die beiden Amtsbrüderauf bessere Zeiten" anstießen, hielt Katzlers Pürschwagen die Sterne Sterne blinkten schon am Himmel vor seiner Oberförsterei. Das Blaffen der Hunde, das, solange der Wagen noch weit ab war, unaus­gesetzt Über die Waldwiese hingeklungen war, verkehrte sich mit einemmal in winseliges Geheul und wunderliche Freudentöne. Katzler sprang aus dem Wagen, hing den Hut an einen im Flur stehenden Ständer (von den ewigenGeweihen" wollte er als feiner Mann nichts wissen) und trat gleich danach in das an der linken Flurseite gelegene, matt er­leuchtete Wohnzimmer seiner Frau. Das gedämpfte Licht ließ sie noch blasser erscheinen, als sie war. Sie hatte sich, als der Wagen hielt, von ihrem Sofaplatz erhoben und kam ihrem Manne, wie sie regelmäßig zu tun pflegte, wenn er aus dem Walde zurückkehrte, zu freundlicher Be­grüßung entgegen. Ein als Weihnachtsgeschenk für eine jüngere Schwester bestimmtes Batisttuch, in das sie eben die letzte Zacke der Ippe-Büchsensteinschen Krone hineinstickte, hatte sie, bevor sie sich vom Sofa erhob, aus der Hand gelegt. Sie war nicht schön, dazu von einem sympathisch-sentimentalen Ausdruck, aber ihre stattliche Haltung und mehr noch die Art, wie sie sich kleidete, ließen sie doch als etwas durchaus Apartes und beinahe Fremdländisches erscheinen. Sie trug, nach Art eines Morgenrockes, ein glatt herabhängendes, leis gelbgetöntes Wollkleid und als Eigentümlichstes einen aus demselben gelblichen Wollstoff hergestellten Kopfputz, von dem es unsicher blieb, ob er einen Turban oder eine Krone darstellen sollte. Das Ganze hatte etwas Gewolltes, war aber neben dem Auffälligen doch auch wieder kleidsam. Es sprach sich ein Talent darin aus, etwas aus sich zu machen.

Wie glücklich bin ich, daß du wieder da bist", sagte Ermyntrud. Ich habe mich recht gebangt, diesmal nicht um dich, sondern um mich. Ich muß dies egoistischerweife gestehen. Es waren recht schwere Stunden für mich, die ganze Zeit, daß du fort warst."

Er küßte ihr die Hand und führte sie wieder auf ihren Platz zurück. Du darfst nicht stehen, Ermyntrud. Und nun bist du auch wieder bei der Stickerei. Das strengt dich an und hat, wie du weißt, auf alles Einfluß. Der gute Doktor sagte noch gestern, alles sei im Zusammen­hang. Ich seh' auch, wie blaß du bist."

O, das macht der Schirm."

Du willst es nicht wahr haben und mir nichts sagen, was viel­leicht wie Vorwurf klingen könnte. Ich mache mir aber den Vorwurf selbst. Ich muß hier bleiben und nicht hin zu dieser Stechliner Wahl­versammlung."

Du mußtest hin, Wladimir."

Ich rechne es dir hoch an, Ermyntrud, daß du so sprichst. Aber es wäre schließlich auch ohne mich gegangen. Koseleger war da, der konnte das Präsidium nehmen so gut wie ich. Und wenn der nicht wollte, so konnte Torfinspektor Etzelius einfpringen. Oder viel­leicht auch Krippenstapel. Krippenstapel ist doch zuletzt der, der alles macht. Jedenfalls liegt es so, wenn es der eine nicht ist, ist es der andre."

Ich kann das zugeben, wie könnte sonst die Welt bestehen? Es gibt nichts, was uns so Demut predigte wie die Wahrnehmung von der Entbehrlichkeit des einzelnen. Aber darauf kommt es nicht an. Worauf es ankommt, das ist Erfüllung unsrer Pflicht."

Katzler, als er dies Wort hörte, sah sich nach einem Etwas um, das ihn in den Stand gesetzt hätte, dem Gespräch eine andere Wen­dung zu geben. Aber, wie stets in solchen Momenten, das, was retten konnte, war nicht zu finden, und so sah er denn wohl, daß er einem Vortrage der Prinzessin über ihr Lieblingsthemavon der Pflicht" verfallen sei. Dabei war er eigentlich hungrig.

Ermyntrud wies auf ein laburett, das sie mittlerweile neben ihren Sofaplatz geschoben, und sagte:Daß ich immer wieder davon sprechen muß, Wladimir. Wir (eben eben nicht in der Welt um unfert-, sondern um andrer willen. Ich will nicht sagen, um der Menschheit willen,

was eitel klingt, wiewohl es eigentlich wohl so sein sollte. Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht ..."

Gewiß, Ermyntrud. Wir sind einig darüber. Es ist dies außerdem auch etwas speziell Preußisches. Wir sind dadurch vor andern Nationen ausgezeichnet, und selbst bei denen, die uns nicht begreifen oder übet» wollen, dämmert die Vorstellung von unsrer daraus entspringenden Ueberlegenheit. Aber es gibt doch Unterschiede. Grade. Wenn ich statt zu der Stechliner Wählerversammlung lieber zu Doktor Sponholz ober zur alten Stinten in Kloster Wutz (die ja schon 'früher einmal dabei war) gefahren wäre, so wäre das doch vielleicht das Besiere gewesen. Es ist ein Glück, daß es noch mal so vorübergegangen. Aber darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen."

Nein, darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen. Aber man darf darauf rechnen, daß, wenn man das Pflichtgemäße tut, man zugleich auch das Rechte tut. Es hängt so viel an der Wahl unseres alten trefflichen Stechlin. Er steht außerdem sittlich höher als Kortschädel, dem man, trotz feiner siebzig, allerhand nachsagen durfte. Stechlin ist ganz intakt. Etwas sehr Seltenes. Und einem sittlichen Prinzip zum Siege zu verhelfen, dafür (eben wir doch recht eigentlich. Dafür lebe wenigstens i ch."

Gewiß, Ermyntrud, gewiß."

In jedem Augenblicke feiner Obliegenheiten eingedenk fein, ohne erst bei Neigung oder Stimmung anzufragen, das hab ich mir in feierlicher Stunde gelobt, du weißt, in welcher, und du wirst mir das Zeugnis aus» stellen, daß ich diesem Gelöbnis nachgekommen ..."

Gewiß, Ermyntrud, gewiß. Es war unser Fundament ..

Und wenn es sich um eine sittliche Pflicht handelt, wie doch heute ganz offenbar wie hält ich da sagen wollen: bleibe. Ich wäre mir klein vorgekommen, klein und untreu."

Nicht untreu, Ermyntrud."

Doch, doch, es gibt viele Formen der Untreue. Das Persönliche hat sich der Familie zu bequemen und unterzuordnen und die Familie wieder der Gesellschaft. In diesem Sinne bin ich erzogen, und in diesem Sinne tat ich den Schritt. Verlange nicht, daß ich in irgend etwas diesen Schritt zurücktue."

Nie."

Das kleine Dienstmädchen, eine Heideläufertochter, deren starres Haar, von keiner Bürste gezähmt, immer weit abstand, erschien in diesem Augenblicke, meldend, daß sie das Teezeug gebracht habe.

Katzler nahm seiner Frau Arm, um sie bis in das zweite, nach dem Hof hinaus gelegene Zimmer zu führen. Als er aber wahrnahm, wie schwer ihr das Gehen wurde, sagte er:Ich freue mich, dich so sprechen zu hören. Immer du selbst. Ich bin aber doch in Unruhe und will morgen früh zur Frau schicken."

Sie nickte zustimmend, während ein halb zärtlicher Blick bett guten Katzler streifte, der, solange das ihm nur zu wohlbekannte Gespräch über Pflicht gedauert hatte, von Minute zu Minute verlegener geworden war.

19. Kapitel.

Und nun war Wahltagmorgen. Kurz vor acht Uhr erschien Lorenzen auf dem Schloß, um in den in Dubslav schon auf der Rampe haltenden Kalesch- roagen einzusteigen und mit nach Rheinsberg zu fahren. Der Alte, be­reits gestiefelt und gespornt, empfing ihn mit gewohnter Herzlichkeit und guter Saune.Das ist recht, Lorenzen. Und nun wollen wir auch gleich aufsteigen. Aber warum haben Sie mich nicht an Ihrem Pfarrgarten erwartet? Muß ja doch dran vorüber" und dabei schob er ihm voll Sorglichkeit eine Decke zu, während die Pferde schon anrü<ften._Uebrl» gens freut es mich trotzdem (man widerspricht sich immer), daß Sie nicht so praktisch gewesen und doch lieber gekommen sind. Es is ne Politesse. Und die Menschen sind jetzt so schrecklich unpoliert und geradezu unma­nierlich ... Aber lassen wir's; ich kann es nicht ändern, und es grämt mich auch nicht."

Weil Sie gütig sind und jene Heiterkeit haben, die, menschlich an- gesehn, so ziemlich unser Bestes ist."

Dubslav lachte.Ja, soviel ist richtig: Kopfhängerei war nie meine Sache, und wäre das verdammte Geld nicht ... Hören Sie, Lorenzen, das mit dem Mammon und dem goldnen Kalb, das sind doch eigentlich alles sehr feine Sachen."

Gewiß, Herr von Stechlin."

... Und wäre das verdammte Geld nicht, so hätt ich den Kopf noch weniger hängen lassen als ich getan. Aber das Geld. Da war, noch unter Friedrich Wilhelm III., der alte General von der Marwitz auf Frieders- dorf, von dem Sie gewiß mal gehört haben, der hat in feinen Memoiren irgendwo gesagt: ,er hätte sich aus dem Dienst gern schon früher zurück- «ezogen und sei bloß geblieben um des Schlechtesten willen, was es über» aupt gäbe, um des Geldes willen' und das hat damals, als ich es las, einen großen Eindruck auf mich gemacht. Denn cs gehört was dazu, das so ruhig auszusprechen. Die Menschen sind in allen Stücken so verlogen und unehrlich, auch in Geldsachen, fast noch mehr als in Tugend. Und