Ausgabe 
22.2.1937
 
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MauSkaKen-Gprüchlein.

Von Eduard Mörike.

Das Kind geht dreimal um die Falle und spricht:

Kleine Gäste, kleines Haus. Liebe Mäusin oder Maus, Stell dich nur kecklich ein Heut nacht bei Mondenscheinl Mach aber die Tür sein hinter dir zu, Hörst du?

Dabei hüte dein Schwänzchen!

Nach Tische singen wir, Nach Tische springen wir Und machen ein Tänzchen: Witt! Witt!

Meine alte Katze tanzt wahrscheinlich mit.

Klaus entwirft die Festrede mit meiner Unterstützung, und Bob deckt die Tafel. Der Disch dünkt ihm zu klein, so legt er einen gespannten Keil­rahmen auf zwei niedere Malhocker und bedeckt ihn mit einem viel zu großen damastenen Wappentuch, das ehedem bet Teddys 2agdd,ners auf der Tafel geprangt hatte. Und darauf stellt er, was er an Pracht findet. Rennpreis? Becher zumeist, aus denen wir unseren Tee trinken sollen, Silberbestecke aus Grohväterzeiten, und die Renommierstücke, von ruhm­reicheren Ahnen ererbt: die prunkvollen Wappenteller von Friedrich dem Großen und für die Blumen Die schwere Jardimere der Ka^rm Mana Theresia, sie stehen einträchtig nebeneinander, Friede zu Hubertusburg auch hier!

Alles was Teddys Haushalt an Glanz auszuweisen hat, befindet sich auf dem'Keilrahmen; gebe Gott, daß ihn Karl und Joy nicht urnsturzenl Und statt der Stühle Kissen aus dem Boden, wie bei den römischen Gast- mablen Welch ein Fest! Wir lagern strahlend um die gedeckte Tafel und Uinken uns mit den Rennpreisen zu. Karl serviert mindestens so feierlich, wie seinerzeit Fritz der Esel, Klaus läßt den rätselhaften Amerikaner leben, und Bob hält die Rede auf die Damen, die ,a wohl mich angeht. Ioy sitzt selig bei seiner Leberwurst, er kaut und beißt, er reißt und fchlmA und wedelt mit dem kurzen Schwänzchen vor Verzuckung O, wie es koMch nack Rum duftet und nach Oelfarbe, nach Tee und nach Terpentin! An den Wänden hängen Teddys Pferdestudien und Brider von seinem ehe­maligen Schlößchen, Büchsen und Geweihe hangen dort, der fabelhafte Lampion, nun erhellt, wirft weiche, bunte Lichter über unser Fest, die Rosen atmen hold sind wir jemals früher bei unseren Iagddiners und unseren Reiterfesten fröhlicher gewesen?

Aber da stellt Bob, von Rum und unerwartetem Glück genußsüchtig geworden, die unvernünftige Frage:Wenn ihr euch nun alle etwas wünschen dürftet, was wünschtet ihr euch?

Er denkt wohl an Sekt oder Kuchen und an seine allmächtigen hundert Mark' aber Klaus, von der warmen Stimmung im Innersten aufgeruhrt, leat leidenschaftlich los:Ah, ich wünschte mir wieder eigene Erde, weite Felder weite Wiesen, alles mein, Wälder mit viel Wild m ihren^dunklen Gründen und Seen und ein niederes, langgestrecktes, saulengeschmucktes Haus alles mein und aus den Wiesen, seht ihr, da wurde ich alte Gäule weiden lassen, die die Menschen und die großen Städte zugrunde gerichtet haben, die würde ich von ihren elenden Sielen loskaufen und daher stellen, damit sie noch einmal Hoffnung m ihren stumpfgewordenen Augen bekämen und eine Erinnerung an den Galopp ihrer Jugend in ihre^n alten Knochen. Und dort, zwischen Waldern und Tieren wurde ich versuchen ein Buch zu schreiben, das die Herzen der Menschen bewegt - , und er fährt sich leidenschaftlich in die Haare und schweigt.

Nein, das hätte Klaus nicht sagen sollen, damit trifft er uns alle ms Herz damit legt er das geheime Leid des KlubsUeber den Wolken mitten auf den Tisch. Das ist ja unser aller stilles Heimweh: eigene Erde wieder haben Macht, der gequälten Kreatur zu helfen, deren Wert wir inniger kennen als irgendwer, und ein Werk schaffen, das die Kerzen der Menschen bewegt, davon träumen wir alle in schlaflosen Stunden. Hatte Klaus lieber geschwiegen! Einen Augenblick sind wir still, und in dem dämmerbunten Raum steht die Vergangenheit riesengroß.

| Aber dann retten wir uns und Klaus, indem wir ihn furchtbar' ver­höhnen. Teddy stürzt an die Staffelei und entwirft mit Kohle em Vortrat von ihm, wie er einen armen, alten Klepper mit einer Schleife um den Hals an einem Seidenband spazieren führt und Karl und Bob inszenieren aus dem Stegreif ein Theaterstück, das Klauschens unsterbl ches Werk darstellen soll, Joy stimmt mit wildem Gekläff tn unser Gelachter ein, wird sind alle unsagbar töricht, und Klaus versichert uns aus Herzens­grund daß wir die bemerkenswertesten Idioten des Jahrhunderts seien, und daß er in unserem Interesse lebhaft bedauere, daß es noch keine Olympiade für Dummheit gibt, einige Goldmedaillen wurden uns gewiß sein.

Aber die Stimmung ist gerettet, und wir beschließen, zu tanzen. Musik?! O wir haben alles. Der Hausherr stürzt hinaus und kommt im Frack wieder er malt sein Gesicht und Hände schwarz und vermittelst einiger Finger im Munde, eines Blechhafens und aufgeblasener Backen, zaubert er uns eine Negerjazzband vor, die sich, sehen lassen kann. Er macht Krach für zehn, und wir legen los:Yes Sir, thats my baby .

Aber nun seht euch bitte Joy an! Er ist völlig rasend geworden, er kann nicht stille sitzen, wenn wir tanzen, und so hat er sich aus einer Schublade einen alten Mallappen gezogen, und indem er ihn sich wild um die Ohren schlägt, tobt er durch den Raum, die Staffele, fliegt, die Teppiche rutschen in alle Ecken, er tanzt einen urwüchsigeren Charleston als wir alle. Und wir stehen und sehen ihm mit Hochachtung zu wab'end Teddy unentwegt und mit Rage dudelt:Yes Sir. thats my baby. Mehr kann er nicht.

Durch den großen Ausschnitt des Fensters, vor dem sanft schaukelnd der göttliche Lampion hängt, schaut nun schon lange die dunkle Nacht. Wir stecken alle unsere Köpfe hinaus, um uns abzukühlen, Joy vor uns auf der umgitterten Fensterbank, die wir für ihn gezimmert haben. Jeder hat seine Hand auf ihm, der eine hält ihn am Ohr, und der andere am Schwanz, wir wollen alle etwas von seiner guten, warmen Tierheit spüren Aber er ignoriert uns und hebt sein feuchtes Näschen mit einer wilden Gebärde in die Nachtluft Gott mag wissen, was er für herrliche Katzen wittert, draußen aus den Dächern!

Nun ziehen keine Wolken mehr vorbei, ein blasser, friedlicher Sternen­himmel spannt sich weit; und es tut uns wohl und weh zugleich, zu denken, daß es derselbe ist, der über unseren Feldern und über unseren Pferdeställen stand.

Das Fest im KlubUeber den Wolken".

Von Sofie von Uhde.

Unser Klub besteht - keine Ballotage der Welt wird dies ändern - aus fünf Mitgliedern, nicht eines mehr; und dies find Bob und Teddy, die Maler Karl, der Bildhauer, Klauschen und ich, die Schriststeller. Wir kommen alle aus Selbstherrlichkeit und Freiheit, aus Waldern und von den Rücken der Pferde herab. Aber wir haben schon damals, als wir noch über unsere Felder preschten und junge Hunde dressieren, die Kunst in irgendeiner Form im Herzen getragen. Und nun versuchet wir, uns mit ihrer Hilfe ein neues Leben aufzubauen. Wir haben schon tmmer, auch als wir noch Gäule zwischen den Schenkeln hatten, em wenig über den Wolken geschwebt die Name unseres Klubs lag auf der Hand.

Und überdies hat er noch einen ganz realen Sinn: denn unser Klub­lokal ist Teddys Maleratelier; aus seinem großen, schrägen Dachfenster, das uns nichts als den Himmel schauen laßt, sehen wir Abend- und Morgenwolken kommen und gehen.

Ein sehr vornehmes Klublokall Denn wenn es auch nur ein mittel­mästiges Atelier, ein Zimmerchen und ein kleiner Vorraum ist, es sind elamuier Wände, utfb sie sind mit Zeugen einstigen Glanzes yerrlich ausstaffiert und bilden eine köstliche Mischung aus Boheme und Herren­tum Und überdies besitzt Teddy eines, worum mir ihn alle aus tiefstem Herzen beneiden, und das allein schon genügen wurde, uns zu häufigen Güsten in diesen Räumen zu machen: Joy, den Foxterrier. Wir sind alle schwer mit ihm befreundet; in diesem 'wpulsl^n. lnstlnktscharfen, natur- nahen Geschöpf besitzen wir alle noch ein Stückchen unserer Walder, unserer Pferde, unserer Hunde, unserer braunen Erde.

Hier also versammeln wir uns alle acht Tage, und sever stiftet sein Teil zum Souper, nach der jeweiligen Vermögenslage, bald italienischen Salat, bald Limburger Käse; meistens letzteren.

Jeden Montag, pünktlich um halb sechs Uhr abends, treten wir an; so auch heute. Kaum öffne ich die Tur, hangt ww^on Joy mit wildem Gekläff am Hälfe. Er hat eine ganz verdammte Manier sich mit allen vier Pfoten in die Luft zu schnellen, einem direkt an die Kehle, da hangt er nun und gräbt mir unter heiseren und gurgetnben Lauten ferne Schnauze ins Haar. Ich kann mir eine wohltuendere Begrüßung denken aber nun: andere Völker, andere Sitten, man muß sie astlmieren, und während ich ihn umklammere, damit er nicht abstürzt, begrüße ich meine Klubgenossen.

Noch fehlt Bob- doch fchon ertönt ein wohlbekannter Pfiff, und ein Gedröhne erhebt sich im Treppenhaus: Bob, der vier Stufen auf einmal nehmend, die Höhe erstürmt. Schon reißt er die Tur auf, schon hangt ihm der unvermeidliche Joy am Halse, und atemlos nach Luft ringend, schreit er- Könnt ihr euch s o w a s vorstellen!? Ich habe heute em Bild ver­kauft! Einen kolossalen Mist! An einen rätselhaften Amerikaner, er hat anstandslos hundert Mark dafür bezahlt! Könnt ihr das verstehen?

Nein, wir verstehen es auch nicht. Immerhin, die hundert Mark sind da und wir beginnen zu begreifen, daß heute das fliegende Gewand des Glücks den K>ubUeber den Wolken" gestreift hat. Nun, das wollen wir aber feiern, Dünner noch eins! Bob wird sofort wieder hmabgeschickt, um (Bänfeleber und Rollschinken zu holen, eine Wurst für Joy, einen Lampion und Rum zum Tee, und er verschwindet mit demselben Ge­dröhne, mit dem er erschien.

Nach langer Zeit erst kommt er wieder, und nun zeigt es sich, daß er im Begriffe steht, seine hundert Mark aufs reizvollste zu vergeuden. Er bringt nicht nur fabelhafte Genüsse zum Souper, er hat sich auch eine selten prachtvolle Krawatte gekauft, er hat Joy einen Gummiball nut« gebracht und mir Rosen, er zieht aus seiner Rocktasche den ältesten Rum der Welt, und am Arme hängt ihm ein wahrer Luxuslampion aus rotem Lack und zartem Japanpapier, den wir mit Hallo vor das große Dach­fenster hängen. Dort soll er leuchten, wenn die Nacht kommt.

Eine imm-nle Geschäftigkeit hebt an. Karl, der Bildhauer, gruppiert die kalten Sveisen auf herrliche alte Fayeneeplatten, indem er des öfteren selia nusruft:Gott sei Dank, daß der Fritz nicht da ist, dieser Esel!" So oft er sich einer häuslichen Beschäftigung hingibt, pflegt er sich dergestalt stines ehemaligen Dieners zu erinnern.

Teddy der Hausherr, hat sich hingesetzt und malt eine Menukarte.

Verantwortlich: vr. Hans Tbyrtot. - Druck und Verlag: Drüdl'fche UntverNtäts-Vuch- und Steindruckerei. «.Lange, Gieße».