Ausgabe 
22.2.1937
 
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Am Geburtstag.

Von Theodor Storm.

Es heißt wohl: Vierzig Jahr ein Mann! Doch Vierzig fängt die Fünfzig an.

Es liegt die frische Morgenzeit Im Dunkel unter mir so weit, Daß ich erschrecke, wenn ein Strahl In diese Tiefe fällt einmal.

Schon weht ein Lüftlein von der Gruft, Das bringt den Herbst-Resedaduft.

Gang ins Unbekannte.

Von D. H. S a r n e tz k i.

Wer vermag auch nur zu ahnen, geschweige zu wissen, was sich im geheimnisvollen Unterbewußtsein eines Menschen vollzieht, aus dem wie aus ozeanischen Tiefen unbegreiflich und unvorbereitet plötzlich längstoer- gessene Erinnerungen aufsteigen: Dinge, die nicht einmal mehr wie in einem Dunstnebel nur verhüllt waren, Erlebnisse, völlig dem Gedächtnis entschwunden, ein Gesicht ohne Namen, ein Name ohne Gesicht, woran nie mehr gedacht wurde, unwesentliche Handlungen, ein Haus, ein Garten, von denen man nicht weiß, wo sie gestanden haben, ein Stück Landschaft, irgendwo in eine versunkene Ferne gebettet! Es ist einfach da, nicht einmal angestoßen von einem verwandten Begebnis, zufällig und doch wieder nicht sinnlos, wie von einem Dämon emporgetrieben zu neuer Lust, Nachdenklichkeit oder Angst. Es ist vielleicht nur die Geste eines Mannes, die dem inneren Auge sichtbar wird, ohne den Streitfall wieder ins Leben zu rufen, eine Wiese voll der buntesten Blütenfarben in einem Nirgenüwoland, das aber einst Wirklichkeit war, ein Mensch, den man nicht kennt, vor Jahrzehnten flüchtig an einer Wegecke und nie wieder gesehen hat, ein bedeutungsloses Wort in einem Gespräch, von dem weder Umriß noch Inhalt erhalten geblieben sind. Da stockt wohl das Herz woher? Der Tag liegt mit allen Pflichten und Kümmer­nissen in den Gedanken, die Nacht mit einer ruhesuchenden Rückschau, und wie eine Wolke steigt plötzlich der Schatten einer solchen Erinnerung auf und beherrscht auf Augenblicke den Raum alles Lebens, um wieder ins Geheimnis zu entgleiten, aus dem es gekommen. Wie wurzelt gerade dies im Gedächtnis, warum wurde dies verwahrt, was uns früher nicht erregt, nicht einmal beschäftigt hat, wenn daneben die wahrhaft erschüt­ternden Erlebnisse verwirrend blaß und unwirklich geworden sind, und warum taucht es empor zu dieser Stunde, gerade dies, was uns ferner lag als der Mond und die Sterne ...?

Wie unendlich muß der Raum unsrer Seele sein, daß sie auch das winzigste Erlebnis dauernd in sich aufnimmt, und wie sonderbar, daß sie nicht wertet nach der Stärke des Eindrucks, und wie rätselhaft, daß wir nicht Herr sind über die Bilder des Vergangenen. Was also wissen wir schließlich von uns selbst ...?

*

Das, wovon ich sprechen will, geschah oder überfiel mich an einem spätsommerlichen Tage; die Lust war klar und bewegt, die Sonne hatte gleichsam metallischen Glanz, gelbe und braune Blätter wurden schon vom Winde vereinzelt von den Bäumen gestreift; ich tos", um mich für Stunden von den Angelgenheiten der Zeit zu entfernen, in Jean PaulsTitan". Der Rausch der unerschöpflichen Sprache trug mich auf die Borromäischen Inseln im Lago Maggiore, in eine blühende Wildnis der Gefühle, eine romantische Verwirrung der Seelen, in eine halb unwirkliche Welt. Dichterworte haben eine seltsame Tragkraft, uns auf den Flügeln ihres Klanges in Reiche zu entführen, die nur dem tnnern Auge zu fehen vergönnt sind. Und während ich mich dem hingab, und gleichzeitig immer wieder das krause und doch irgendwie berückende Wortgestrüpp durchwanderte, fiel es wie ein Schatten über mich und das Buch; es war plötzlich, als wäre die Sonne weggesunken, eine Land­straße fiel in mein Gedächtnis, und dann eine namenlose Dunkelheit, in der ich mein Herz mit starken Schlägen von einem jäh aufkommenden, Schrecken klopfen hörte. Aber noch ehe ich zu denken begonnen hatte, war alles wie vorher, vor dem Auge stand noch der Satz, den ich halb gelesen hatte und gleichsam ohne Unterbrechung zu Ende las, die Ge­danken waren lückenlos ineinandergefügt. Dieser Schatten war doch gewesen? Wie war das: nichts war geschehen, der Lago Maggiore hatte noch sein zauberhaftes Leuchten, ich hatte mich froh und erleichtert dort­hin begeben und selbst an den verworrenen Leidenschaften des Buches Anteil genommen, und nun ich aufsah, glänzten die Blätter der großen Pappeln über mir wie Silber, und ein Vogel äugte neugierig auf mich herunter. Doch es w a r etwas geschehen ...

*

Ich las nicht weiter. Etwas Fremdes, Fernes war in meine Ruhe gefallen, die ich gewünscht und gefunden hatte, und die nun zerstört war. Die Verzauberung war zu Ende; ich fühlte jetzt auch die Mängel des Romans, und mir fehlte mit einmal der Antrieb, mich noch weiter in den Verschlungenheiten des Stils und den formlos-phantastischen Weit­schweifigkeiten der Handlung zu ergehen. Aber gleichzeitig hoben sich wie aus einem verschwommenen Chaos erinnernde Vorstellungen, gewannen langsam Umriß, wenn auch nicht Gestalt, und es blieb haften und ge­wann Ausdehnung, aber immer auf einem unbestimmbaren Untergrund einer unerklärlichen Angst.

Das war damals in den bösen Tagen jugendlicher Verwirrung, wo so viele Wege ins Leben führen und jeder Schicksal bedeutet und keiner ohne Gefahren ist. Ich war, benommen, unentschlossen, in einen falschen Zug gestiegen, der sich im Lande verlief und der am späten Abend auf einem einsamen Bahnhof sein Ziel fand. Eine dürftige Helle war da, nur von einem Oellämpchen erleuchtet, ein mürrischer Beamter, der mir sagte, der nächste Zug fahre in drei oder vier Stunden, der Warteraum werde geschlossen. Ein Gasthof? Nein. Aber wenn ich der Landstraße

nachginge, käme ich an einen Ort, den Namen verstand Ich nichk, nicht, ob es ein Dorf sei, ein Marktslecken oder eine Stadt. Und so trat ich auf die Landstraße hinaus, die im letzten grauen Zwielicht vor mir lag und als ein seelenloses Band sich in Nebel und Dunkelheit auflöste.

Niemand begegnete mir. Es war, als ob alles Leben mit dem Licht i)es Tages allmählich in die Nacht versänke. Weiße Wegsteine gaben noch einen leichten Schein, die Bäume standen stocksteif und finster, und das Blattwerk war ohne Bewegung. Nirgendwo im Lande ich ahnte Wiesen- oder Feldweite kam ein ßeudjten auf, und nur die Land-' straße, auf der ich ging, war das, woran ich mich halten konnte ohne innere Verbindung mit ihr, weil ich nicht wußte, wohin sie mich führte. Ich ging ihr willenlos nach ...

Solche Stunden sind von einer unfaßbaren Traurigkeit. Es wird Schritt vor Schritt gesetzt, eine halbe, eine ganze Stunde, aber es gibt keinen Widerhall; die Lust, die geatmet wird, ist leer, der Raum, in dem sich bewegt wird, ist ohne Leben; der Himmel ist tot und stumm. Und dann ist es so, als müßten da Häuser stehen, und sie sind auch wirklich da, aber es ist auch hier, als sei alles dem Tode verfallen, kein Laut tönt auf, kein Licht dringt aus der Verschlossenheit da mag ein wandernder Mensch, wenn er diese Straße geht, wohl darüber nach­denken, ob er nur verlassen oder, dem Härtern Grad der Verdammung verfallen, ob er verstoßen sei.

Es ist so gut wie nichts zu erkennen. Immer weiter geht die Straße; ich weiß es, daß diese Straßen nie zu Ende gehen, daß sie sich fortsetzen wie Tage und wie diese in die Ewigkeit münden ... Nun werden die, Häuser wieder spärlicher, ich trete auf eine Brücke, unsichtbares Wasser rauscht unter mir. Einen Augenblick denke ich daran, umzukehren, aber es ist noch Zeit. So dringe ich weiter in das Dunkel ein.

Vis ich mit einmal fühle, daß ich die Straße nicht mehr unter meinen Füßen habe. Es ist ein weicher Boden, nicht Mess, nicht Acker, er ist feucht und moorig. Das Band der Straße läuft nun anderswo, läuft in die Welt, vor und zurück, und es ist das einzige Band, an dem ich mich durch die Nacht zu leiten vermochte. Und während ich mich drehe, ist nichts um mich als schwarze Finsternis, tief und undurchdringlich; gnadenlos sind Himmel und Erde nicht unterschieden, und nun wird mir auch plötzlich bewußt, daß ich nicht mehr weiß, aus welcher Richtung ich gekommen bin. Ich fühle mich verloren in einem unendlichen Raum ... Das war der Augenblick, in dem mich eine grenzenlose Angst über­kam, ein jäher Schrecken, der den Herzschlag stocken machte. Wenn mir uns in das Unendliche gestellt fühlen, ist es, als trieben wir hilflos in ozeanischen Weiten, im Sandmeer der Wüste, in polarischen Zonen, und die Nacht ist mir ein unendliches Meer, allein dem vergleichbar, von dem sie jetzt ein Teil ist: dem ewigen All, das in solcher Nacht lag, ehe das Schöpsungswort ertönte.

Wie lange ich wie ein Blinder umhergetastet bin, mit Händen und Füßen den Weg zu erkunden, weiß ich nicht mehr. Es war eine sinnlose Hoffnung, die mich vorwärts trieb in das Unbekannte hinein, um daraus zu entkommen. Ich stieß an ein Gatter, ging daran entlang, an Busch­werk, das ich vorsichtig umschritt, an Bäumen, die wohl zu einem Walde gehörten und an denen ich, Stamm an Stamm, mich weiterführte. Und so wie mir jedes Gefühl für den Raum abhanden gekommen war, hatte ich auch den Begriff für die Zeit verloren. Eine Ewigkeit mußte ver­gangen sein, seit ich in der Urwelt dieser Finsternis gefangen war ...

Dann hörte ich einen Laut; es war wie leise glucksendes Wasser. Ging dem angestrengt lauschend nach, stand endlich aufatmend vor dem, was da unten strömte, lief, stürzte einem Wege nach und kam an die Brücke und auf die Straße zurück. Gerade noch erreichte ich den Zug und fuhr in den frühen Morgen hinein. Und damit war schon alles ver­gessen, ein neuer Tag kam herauf, und Jahrzehnte deckten es vollends zu. Was war auch geschehen? Nichts, was im Grunde wert war, be­wahrt zu werden ...

Und nun tauchte jäh die Erinnerung wieder empor. Nichts weiß ich von dem Bahnhof, der Landsttaße, dem Ort, den ich durchwanderte keine greifbare Vorstellung hat sich engeprägt, kein Name, kein Bild der Landschaft. Aber das Grauen eines Augenblicks in abgründiger Nacht, der geschwinde Herzschlag der Angst; sie waren tief unten in' der Welt der Seele geblieben, stumm, überschattet von einem ganzen Geben und wie mystische Zeichen der Ewigkeit in Gedankenschnelle ans Licht getreten und verloschen ...

Längst schon steht derTitan" wieder neben dem vergnügtenSchul­meisterlein Wuz", demQuintus Fixlein" und demSiebenkäs und wartet geduldig, zu gelegener Stunde wieder hervorgeholt zu werden. Die aufgerüttelten Gefühle sind verebbt, das alte neue Erlebnis hat sich vom Tag zum Abend fast unmerkbar verwandelt. Und der Stift zeichnet nachdenkliche Verse aus einer Stimmung auf, die sich auch schon ver­wandelt hat und deren Ursprünge schon wieder Vergangenheit find:

Der Schatten.

Vor meinem Fenster weht ein Schatten her Und, halb erschreckt, hob ich den Blick sogleich.

Vielleicht war's ein vom Wind berührter Zweig, Die Schwinge eines Vogels, abendschwer.

Vielleicht im Dämmerrot von ungefähr Ein Wolkenhäuflein, zart und silberbleich, Das überdunkelte das Sonnenreich Und flügelte den großen Himmel leer.

Hauch der Sekunde wieder ist es hell Und rot. Doch ist's, als wär' der Schatten nun. Nicht Ahnung mehr, genährt aus dunklem Quell Im Zimmer lastendgroß, geschäfttg Tun Einhüllend in ein kühles Traumgewell.

Und alle Pulse fühl' ich schaudernd ruhn.