Ausgabe 
22.2.1937
 
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unb Platz machen, wenn eine Madamm aufsteigt, manchmal mit nem Korb und manchmal auch mit ner Spreewaldsamme. Mr immer ein Horreur."

Ja, die Pferdebahn, liebe Tante, die haben wir freilich, und man kann mit ihr in einer halben Stunde bis in Czakos Kaserne. Der weite Weg ist es auch eigentlich nicht, wenigstens nicht allein, weshalb ich Czako so selten sehe. Der Hauptgrund ist wohl der, er paßt nicht so ganz zu uns und eigentlich auch kaum zu seinem Regiment. Er ist ein guter Kerl, aber ein Aequivokenmensch und erzählt immer Nachmitternachtsgeschichten. Wenn man ihn allein hot, geht es. Aber hat er ein Publikum, dann kribbelt es ihn ordentlich, und je seiner das Publikum ist, desto mehr. Er hat mich schon ost in Verlegenheit gebracht. Ich muß sagen, ich hab ihn sehr gern, aber gesellschaftlich ist ihm Rex doch sehr überlegen."

,^Ia, Rex; natürlich. Das hab ich auch gleich bemerkt, ohne mir weiter Rechenschaft darüber zu geben. Du wirst es aher wissen, wodurch er ihm überlegen ist."

Durch vieles. Erstens, wenn man die Familien abwägt. Rex ist mehr als Czako. Und dann ist Rex Kavallerist."

Aber ich denke, er ist Ministerialassessor."

Ja, das ist er auch. Aber nebenher, oder vielleicht noch darüber hin­aus, ist er Offizier, und sogar in unserer Dragonerbrigade."

Das freut mich da ist er ja so gut wie ein Spezialkamerad von dir."

Ich kann das zugeben und doch auch wieder nicht. Denn erstens rst er in der Reserve, und zweitens steht er bei den zweiten Dragonern."

Macht das nen Unterschied?"

Gott. Tante, wie man's nehmen will. Ja und nein. Bei Mars-la- Tour haben wir diese Attacke geritten."

Und doch ..."

Und doch ist da ein gewisses je ne sais quoi."

Sage nichts Französisches. Das verdrießt mich immer. Manche sagen jetzt auch Englisches, was mir noch weniger gefällt. Aber lassen wir das; ich finde nur, es wäre doch schrecklich, wenn es so bloß nach der Zahl ginge. Was sollte denn da das Regiment anfangen, bei dem ein Bruder unserer guten Schmargendorf steht. Es ist, glaube ich, das hundertfüns- undvierzigste."

Ja, wenn es so hoch kommt, dann vertut es sich wieder. Aber so bei der Garde ..."

Die Domina schüttelte den Kopf.Darin, mein lieber Waldemar, kann ich dir doch kaum folgen. Unser Fix sagt mitunter, ich sei zu exklusiv, aoer so exklusiv bin ich doch noch lange Nicht. Und solch Verstandesmensch, wie du bist, so ruhig und dabei ,so abgeklärt', wie manche jetzt sagen, und, Gott verzeih mir die Sünde, auch so liberal, worüber selbst dein Vater klagt. Und nun kommst du mir mit solchem Vorurteil, ja, verzeih mir das Wort, mit solchen Ueberheblichkeiten. Ich erkenne dich daran gar nicht wieder. Und wenn ich nun das erste Garderegiment nehme, das ist ja doch ein erstes. Ist es denn mehr als das zweite? Man kann ja sagen, soviel will ich zugeben, sie haben die Blechmützen und sehen aus, als ob sie lauter Holländerinnen heiraten wollten ... Was ihnen schon gefallen sollte."

Den Holländerinnen?"

Nun, denen auch", lachte die Tante.Aber ich meint« jetzt unsre Leute. Mißversteh mich übrigens nicht. Ich weiß recht gut, was es mit den großen Grenadieren auf sich hat; aber die andern sind doch ebenso­gut, und Potsdam ist doch schließlich bloß Potsdam."

Ja, Tante, das ist es ja eben. Daß sie noch immer in Potsdam sind, das macht es. Deshalb ist es nach wie vor die ,Potsdamer Wachparade'. Und dann das Wort .erstes' spielt allerdings auch mit. Ein alter Römer, mit dessen Name ich dich nicht behelligen will, der wollte in seinem Pots­dam lieber der Erste, als in seinem Berlin der Zweite sein. Wer der Erste ist, nun, der ist eben der Erste, und als die andern aufstanden, da hatte dieser .Erste' schon seinen Morgenspaziergang gemacht und mit­unter was für einen! Sieh, als das zweite Garderegiment geboren wurde, da hatten die mit den Blechmützen schon den ganzen Siebenjährigen Krieg hinter sich. Es ist damit wie mit dem ältesten Sohn. Der älteste Sohn kann unter Umständen dümmer und schlechter sein als sein Bruder, aber er ist der älteste, daß kann ihm keiner nehmen, und das gibt ihm einen gewissen Vorrang, auch wenn er sonst gar keinen Vorzug hat. Alles ist gött­liches Geschenk. Warum ist der eine hübsch und der andere häßlich? Und nun gar erst die Damen. In das eine Fräulein verliebt sich alles, und das andre spielt bloß Mauerblümchen. Es wird jedem seine Stelle gegeben. Und so ist es auch mit unserm Regiment. Wir mögen nicht besser sein als die andern, aber wir sind die ersten, wir haben die Nummer eins."

Ich kann da beim besten Willen nicht recht mit, Waldemar. Was in unsrer Armee den Ausschlag gibt, ist doch immer die Schneidigkeit."

Liebe Tante, sprich, wovon du willst, nur nicht davon. Das ist ein Wort für kleine Garnisonen. Wir wissen, was wir zu tun haben. Dienst ist alles, und Schneidigkeit ist bloß Renommisterei. Und das ist das, was bei uns am niedrigsten steht."

Gut, Woldemar; was du da zuletzt gesagt hasts das gefällt mir. Und in diesem Punkte muß ich auch deinen Vater loben. Er hat vieles, was mir nicht zusagt, aber darin ist er doch ein echter Stechlin. Und du bist auch so. Und das hab ich immer gefunden, alle, die so sind, die schießen zuletzt doch den Vogel ab, ganz besonders auch bei den Damen."

Diesbei den Damen" war nicht ohne Absicht gesprochen und schien auf das bis dahin vorsichtig vermiedene Hauptthema hinüberführen zu sollen. Aber ehe die Tante doch eine direkte Frage stellen konnte, wurde der Rentmeister gemeldet, der ihr in diesem Augenblicke sehr ungelegen kam. Die Domina wandte sich dann auch in sichtlicher Verstimmung an Woldemar und sagte:Soll ich ihn fortschicken?"

Es wird kaum gehen, liebe Tante."

Nun denn."

Und gleich danach trat Fix ein.

10. Kapitel.

Während Woldemar und die Domina plauderten, erst im Tete-a-Tete, dann in Gegenwart von Rentmeister Fix, ritten Rex und Czako (Fritz mit dem Leinpferd folgend) auf Cremmen zu. Das war noch eine tüchtige Strecke, gute drei Meilen. Aber trotzdem waren beide Reiter überein­gekommen, nichts zu übereilen und fich's nach Möglichkeit bequem zu machen.Es ist am Ende gleichgültig, ob wir um acht oder um neun über den Cremmer Damm reiten. Das bißchen Abendrot, das da drüben noch hinter dem Kirchturm steht ... Fritz, wie heißt er? Welcher Kirch­turm ist es ..." ,,

Das ist der Wukowsche, Herr Hauptmann!"... Also, das bißchen Abendrot, das da noch hinter dem Wulkowschen steht, wird ohnehin nicht lange mehr vorhalten. Dunkel wird's also doch, und von dem Hohenlohe­denkmal, das ich mir übrigens gern einmal näher angesehen hätte (man muß so was immer auf dem Heimwege mitnehmen), kommt uns bei Tageslicht nichts mehr vor die Klinge. Das Denkmal liegt etwas ab vom Wege.

Schade", sagte Rex. .

Ja, man kann es beinah sagen. Ich für meine Person komme schließ­lich drüber hin, aber ein Mann wie Sie, Rex, sollte dergleichen mehr wallfahrtartig auffassen."

Ach, Czako, Sie reden wieder tolles Zeug, diesmal mit einem kleinen Abstecher ins Lästerliche. Was soll .Wallfahrt' hier überhaupt? Und dann, was haben Sie gegen Wallfahrten? Und was haben Sie gegen die Hohen­lohes?"

Gott, Rex, wie Sie sich wieder irren. Ich habe nichts gegen die einen, und ich habe nichts gegen die andern. Alles, was ich von Wallfahrten gelesen habe, hat mich immer nur wünschen lassen, mal mit dabei zu sein. Und ad vocem der Hohenlohes, so kann ich Ihnen nur sagen, für die hab ich sogar was übrig in meinem Herzen, viel, viel mehr als für unser eigentliches Landesgewöchs. Oder, wenn Sie wollen, für unsre Autochthonen."

Und das meinen Sie ganz ernsthaft?"

Ganz ernsthaft. Und wir wollen mal fünf Minuten wie vernünftige Leute darüber reden. Wenn ich fage ,wir', so meine ich natürlich mich. Denn Sie sprechen immer vernünftig. Vielleicht ein bißchen zu sehr."

Rex lächelte.Nun gut; ich will's Ihnen glauben."

Also die Hohenlohes", fuhr Czako fort.Ja, wie steht es damit? Wie liegt da die Sache? Da kommt hier fo Anno Domini ein Burggraf ins Land, und das Land will ihn nicht, und er muß sich alles erst erobern, die Städte beinah und die Schlösser gewiß. Und die Herzen natürlich erst recht. Und der Kaiser sitzt mal wieder weitab und kann ihm nicht helfen. Und da hat nun dieser Nürnberger Burggraf, wenn's hoch kommt, ein halbes Dutzend Menschen um sich, schwäbische Leute, die mit ihm in diese Mördergrube hinabsteigen. Denn ein bißchen so was war es. Und geht auch gleich los, und die Ouitzows und die, die's sein wollen, rufen die Pommern ins Land, und hier auf diesem alten Cremmer Damm stoßen sie zusammen, und die paar, die da fallen, das sind eben die Schwaben, die's gewagt hatten und mit in den Kahn gestiegen waren. Allen vorauf aber ein Graf, so ein Herr in mittleren Jahren. Der fiel zuerst und versank in den Sumpf, und da liegt er. Das heißt, sie haben ihn raus- geholt, und nun liegt er in der Klosterkirche. Und dieser eine, der da voran fiel, der hieß Hohenlohe."

Ja, Czako, das weiß ich ja alles. Das steht ja schon im Branden­burgischen Kinderfreund. Sie denken aber immer, Sie haben fo was allein gepachtet."

Immer vorsichtig, Rex; im Kinderfreund steht es. Gewiß. Aber was steht nicht alles vom Kinderfreund gar nicht zu reden in Bibel und Katechismus, und die Leute wissen es doch nicht. Ich zum Beispiel. Und ob es nun drin steht oder nicht drin steht, ich sag« nur: so hat es angefangen, und so läuft der Hase noch. Oder glauben Sie, daß der alte Fürst, der jetzt dran ist, daß er zu seinem Spezialvergnügen in unser sogenanntes Reichskanzlerpalais gezogen ist, drin trie Bismarckschen Nachfolger, die sich wahrhaftig nicht danach drängten, ihre Tage ver­trauern? Ein Opfer ist es, nicht mehr und nicht weniger, und ein Opfer bringt auch der alte Fürst, gerade wie der, der damals am Cremmer Damm als erster fiel. Und ich sage Ihnen, Rex, das ist das, was mir imponiert; immer da sein, wenn Not am Mann ist. Die Kleinen von hier, trotz der .Loyalität bis auf die Knochen' die mucken immer bloß auf, aber die wirklich Vornehmen, die gehorchen, nicht einem Machthaber, sondern dem Gefühl ihrer Pflicht."

Rex war einverstanden und wiederholte nur:Schade, daß wir so spät an dem Denkmal vorbeikommen."

Ja, schade", sagte Czako. ,,Wir müssen es uns aber schenken. Im übrigen, denk ich, lassen wir in dem, was wir uns noch weiter zu sagen haben, die Hohenlohes aus dem Spiel. Andres liegt uns heute näher. Wie hat Ihnen eigentlich die Schmargendorf gefallen?"

Ich werde mich hüten, Czako, Ihnen darauf zu antworten. Außer­dem haben Sie sie durch den Garten geführt, nicht ich, und mir war immer, als ob ich Faust und Gretchen sähe."

Czako lachte.Natürlich schwebt Ihnen das andere Paar vor, und ich bin nicht böse darüber. Die Rolle, die mir dabei zufällt, der mit der Hahnenfeder ist doch am Ende ne andre Nummer wie der sentt- mentale ,Habe-nun-ach-Mann'diese Mephistorolle, sag ich, gefällt mir besser, und was die Schmargendorf angeht, fo kann ich nur sagen: Don meiner Martha lass' ich nicht."

Czako, Sie münden wieder ins Frivole."

Gut, gut, Rex, Sie werden unwirsch, und Sie sollen recht haben. Lassen wir also die Schmargendorf so gut wie die Hohenlohes. Aber über die Domina ließe sich vielleicht sprechen, und sind wir erst bet der Tante, so sind wir auch bald bei dem Neffen. Ich fürchte, unser Freund Wolde­mar befindet sich in diesem Augenblick in einer scharfen Zwickmühle. Die Domina liegt ihm seit Jahr und Tag (er hat mir selber Andeutungen darüber gemacht) mit Heiratsplänen in den Ohren, mutmaßlich weil ihr die Vorstellung einer Stechlinlosen Welt einfach ein Schrecknis ist ...

(Fortsetzung folgt.)