Ausgabe 
22.2.1937
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Montag, den 22. Februar

Nummer |5

Jahrgang 1931

Der GiechSirs

Roman von Theodor Kontane

9. Fortsetzung.

Eine Gesamtantwort wurde nicht laut, aber während man sich un­mittelbar danach erhob, küßte Czako der Schmargendorf die Hand und sagte mit einem gewissen Empressement:Unter dem Holunderbaum also."

Die Schmargendorf verstand nicht im entferntesten, auf was es sich bezog. Aber das war Czako gleich. Ihm lag lediglich daran, sich ganz privatim, ganz für sich selbst, die Schmargendorf auf einen kurzen, aber großen Augenblick alsKäthchen" vorstellen zu können.

Im übrigen zeigte sich's, daß nicht bloß Czako, sondern auch Rex und Waldemar für den Holunderbaum waren, und so näherte man sich denn diesem.

Es war derselbe Baum, den die Herren schon beim Einreiten in den Klosterhof gesehen, aber in jenem Augenblick wenig beachtet hatten. Jetzt erst bemerkten sie, was es mit ihm auf sich habe. Der Baum, der uralt sein mochte, stand außerhalb des Gehöftes, war aber, ähnlich wie der Pflaumenbaum im Garten, mit seinem Gezweig über das zerbröckelte Gemäuer fortgewachsen. Er war an und für sich schon eine Pracht. Was ihm aber noch eine besondere Schönheit lieh, das war, daß sein Lauben­dach von ein paar dahinterstehenden Ebereschbäumen wie durchwachsen war, so daß man überall neben den schwarzen Fruchtdolden des Holun­ders die leuchtenden roten Eberefchenbüschel sah. Auch das verschiedene Laub schattierte sich. Rex und Czako waren aufrichtig entzückt, beinahe mehr als zulässig. Denn so reizend die Laube selbst war, so zweifelhaft war das unmittelbar vor ihnen in großer Unordnung und durchaus er­mangelnder Sauberkeit ausgebreitete Hofbild. Aber pittoresk blieb es doch. Zufammengemörtelte Feldsteinklumpen lagen in hohem Grase, da­zwischen Karren und Düngerwagen, Enten- und Hühnerkörbe, während ein kollernder Truthahn von Zeit zu Zeit bis dicht an die Laube heran­kam, sei's aus Neugier oder um sich mit der Triglaff zu messen.

Als sechs Uhr heran war, erschien Fritz und führte die Pferde vor. Czako wies darauf hin. Bevor er aber noch an die Domina herantreten und ihr einige Dankesworte sagen konnte, kam die Schmargendorf, die kurz vorher ihren Platz verlassen, mit dem großen Kohlblatt zurück, auf dem die beiden zusammengewachsenen Pflaumen lagen.Sie wollten mir entgehen, Herr von Czako. Das hilft Ihnen aber nichts. Ich will mein Vielliebchen gewinnen. Und Sie sollen sehen, ich siege."

Sie siegen immer, meine Gnädigste."

Neuntes Kapitel.

Rex und Czako ritten ob; Fritz führte Waldemars Pferd am Zügel. Aber weder die Schmargendorf noch die Triglaff erwiesen sich, als die beiden Herren fort und die drei Damen samt Waldemar in die Wohn­räume zurückgekehrt waren, irgendwie beflissen, das Feld zu räumen, was die Domina, die wegen zu verhandelnder diffiziler Dinge mit ihrem Neffen allein sein wollte, stark verstimmte. Sie zeigte das auch, war steif und schweigsam und belebte sich erst wieder, als die Schmargendorf mit einem Male glückstrahlend versicherte: jetzt wisse sie's; sie habe noch eine Photographie, die wolle sie gleich an Herrn von Czako schicken, und wenn er dann morgen mittag von Cremmen her in Berlin einträfe, dann werd er Brief und Bild schon vorfinden und auf der Rückseite des Bildes einGuten Morgen, Vielliebchen". Die Domina fand alles so lächerlich und unpassend wie nur möglich; weil ihr aber daran lag, die Schmar­gendorf loszuwerden, fo hielt sie mit ihrer wahren Meinung zuruck und saate:Ja, liebe Schmargendorf, wenn sie so was vorhaben, darin ist es allerdings die höchste Zeit. Der Postbote kann gleich kommen. Und wirklich, die Schmargendorf ging, nur die Triglaff zurucklassend, deren Auge sich jetzt von der Domina zu Waldemar hinüber und dann wieder von Woldemar zur Domina zurückbewegte. Sie war bei dem allen ganz unbefangen. Ein Verlangen, etwas zu belauschen oder von ungefähr in Familienangelegenheiten eingeweiht zu werden, lag ihr völlig ferm und alles was sie trotzdem zum Ausharren bestimmte, war lediglich der Wunsch, solchem historischen Beisammensein eine durch ihre Trrglaffg^en- wart gesteigerte Weihe zu geben. Indessen schließlich ging auch sie, Man hatte sich wenig um sie gekümmert, und Tante und Reffe ufßen sich, als. sie jetzt allein waren, in zwei braune Plüschfauteuils (Erbstücke noch vom Schloß Stechlin her) nieder, Woldemar allerdings mit äußerster Vor­sicht, weil die Sprungfedern bereits jenen Altersgrad erreicht Hattern wo sie nicht nur einen dumpfen Ton von sich zu geben, sondern auch zu stechen anfangen.

Die Tante bemerkte nichts davon, war vielmehr froh, ihren Neffen endlich allein zu haben, und sagte mit rasch wiedergewonnenem Behagen: Ich hätte dir schon bei Tische gern was Besseres an die Seite gegeben; aber wir haben hier, wie du weißt, nur unsre vier Konventualinnen, und von diesen vier sind die Schmargendorf und die Triglaff immer noch die besten. Unsre gute Schimonski, die morgen einundachtzig wird, ist eigentlich ein Schatz, aber leider stocktaub, und die Teschendorf, die mal Gouvernante bei den Esterhazys war und auch noch den Fürsten Schwarzenberg, dessen Frau in Paris verbrannte, gekannt hat, ja, die hätt ich natürlich solchem feinen Herrn wie dem Herrn von Rex gerne vorgesetzt, aber es ist ein Unglück, die arme Person, die Teschendorf, ist so zittrig und kann den Löffel nicht recht mehr halten. Da hab ich denn doch lieber die Triglaff genommen; sie ist sehr dumm, aber doch wenig­stens manierlich, soviel muß man ihr lassen. Und die Schmargendorf..."

Woldemar lachte.

Ja, du lachst, Woldemar, und ich will dir auch nicht bestreiten, daß man über die gute Seele lachen kann. Aber sie hat doch auch was Gehaltvolles in ihrer Natur, was sich erst neulich wieder in einem intimen Gespräch mit unferm Fix zeigte, der trotz aller Bekenntnisstrenge (die selbst Koseleger ihm zugesteht) an unserrn letzten Whistabend Aeuße- rungert tat, die wir alle tief bedauern mußten, wir, die wir die Whist- partie machten, nun schon ganz gewiß, aber auch die gute, taube Schi­monski, der wir, weil sie uns so ausgeregt sah, alles auf einen Zettel schreiben mußten."

Und was war es denn?"

Ach, es handelte sich um das, was uns allen, wie du dir denken kannst, jetzt das Teuerste bedeutet, um den .Wortlaut*. Und denke dir, unser Fix war dagegen. Er mußte wohl denselben Tag was gelesen haben, was ihn abtrünnig gemacht hatte. Personen wie Fix sind sehr bestimmbar. Und kurz und gut, er sagte: das mit dem .Wortlaut*, das ginge nicht länger mehr, die .Werte* wären jetzt anders, und weil die Werte nicht mehr dieselben wären, müßten auch die Worte sich danach richten und müßten gemodelt werden. Er sagte .gemodelt'. Aber was er am meisten immer wieder betonte, das waren die .Werte* und die Notwendigkeit der .Umwertung*."

Und was sagte die Schmargendorf dazu?"

Du hast ganz recht, mich dabei wieder auf die Schmargendorf zu bringen. Nun, die war außer sich und hat die darauffolgende Nacht nicht schlafen können. Erst gegen Morgen kam ihr ein tiefer Schlaf, und da sah sie, so wenigstens hat sie's mir und dem Superintendenten versichert, einen Engel, der mit seinem Flammen finger immer auf ein Buch wies und in dem Buch auf eine und dieselbe Stelle."

Welche Stelle?"

Ja, darüber war ein Streit; die Schmargendorf hatte sie genau ge­lesen und wollte sie hersagen. Aber sie sagte sie falsch, weil sie Sonntags in der Kirche nie recht aufpaßt. Und wir sagten ihr das auch. Und denke dir, sie widersprach nicht und blieb Überhaupt ganz ruhig dabei. ,Ja*, sagte sie, ,sie wisse recht gut, daß sie die Stelle falsch hergesagt hätte, sie habe nie was richtig hersagen können; aber das wisse sie ganz genau, die Stelle mit dem Flammenfinger, das sei der .Wortlaut* gewesen.*"

Und das hast du wirklich alles geglaubt, liebe Tante? Diese gute Schmargendorf! Ich will ihr ja gerne folgen; aber was ihren Traum angeht, da kann ich beim besten Willen nicht mit. Es wird ihr ein Amt­mann erschienen sein ober ein Pastor. Dreißig Jahre früher wäre es ein Student gewesen."

Ach, Woldemar, sprich doch nicht so. Das ist ja die neue Fasson, in der die Berliner sprechen, und in dem Punkt ist einer wie der andre. Dein Freund Czako spricht auch so. Du mokierst dich jetzt über die gute Schmargendorf, und dein Freund, der Hauptmann, soviel hab ich ganz deutlich gesehen, tat es auch und hat sie bet Tische geuzt."

Geuzt?"

Du wunderst dich über das Wort, und ich wundere mich selber dar­über. Aber daran ist auch unser guter Fix schuld. Der ist alle Monat mal nach Berlin rüber, und wenn er dann wiederkommt, dann bringt er so was mit, und wiewohl ich's unpassend finde, nehme ich'? doch an und die Schmargendorf auch. Bloß die Triglaff nicht und natürlich die gute Schimonski auch nicht, wegen der Taubheit. Ja, Woldemar, ich sage .ge­uzt*, und dein Freund Czako hätte es lieber unterlassen sollen. Aber das muß wahr (ein, er ist amüsant, wenn auch ein bißchen auf der Wippe. Siehst du ihn oft?"

Nein, liebe Tante. Nicht oft. Bedenke die weiten Entfernungen. Von unsrer Kaserne bis zu seiner, ober auch umgekehrt, bas ist eine kleine Reise. Dazu kommt noch, daß wir vor unserem Halleschen Tor eigent­lich gar nichts haben, bloß die Kirchhöfe, bas Tempelhofer Felb und das Rotherstift."

Aber ihr habt doch die Pferdebahn, wenn ihr irgend wohin wollt. Beinah muß ich sagen leider. Denn es gibt mir immer einen Stich, wenn ich mal in Berlin bin, so die Offiziere zu sehen, wie sie da hinten stehen