Von diesem ersten Roman (1878) — „Vor dem Sturm", der historisch den Spuren des Willibald Alrxis folgte — bis zum „Stechlin", zwanzig Jahre später: welch eine Fülle der Gestalten und Gesichte, welch ein Reichtum an Kulturbildern, denn die meisten seiner Romane, soweit sie nicht geschichtliche Stosse behandeln, sind Dokumente ihrer Zeit, waren Romane aus einer Gegenwart, die freilich, von uns aus gesehen, auch längst schon wieder historisch geworden ist. Sie sind fast alle rein handlungsmäßig im eigentlichen Romansinne nicht übermäßig reich, aber sie enthalten eine unglaubliche Fülle des Stoffes, wenn man es recht verstehen will: Erlebnis-, Tatsachen- und Menschen-Material — einmal ganz abgesehen von dem, was ihnen, aus seelischem Reichtum und dichterischer Kraft, ihren dauernden, zeitlosen Wert verleiht. Bücher wie „Irrungen, Wirrungen" und „Effi Briest" sind in dieser langen Reihe künstlerische Leistungen außerordentlichen Ranges, welche Fontane als eine der bedeutendsten dichterischen Persönlichkeiten an der Jahrhundertwende legitimieren und aus der Geschichte des deutschen Romans schlechterdings nicht wegzudenken sind.
Spiegelbild an der Jahrhundertwende.
Zu diesen beiden stellt sich ebenbürtig am Ende der „Stechlin", der Roman des märkischen Adels, die weit und schön ausgesponnene, aus genauer Kenntnis und großer Liebe geschaffene Schilderung einer eigentümlich in sich geschlossenen Welt. Fontane beherrscht, durchdringt und erschließt diese Welt mit der gleichen heiteren, gelassenen und anschaulichen Souveränität, mit der er zuvor die Welt des Berliner Bürgertums aus der Gründerzeit erschloß; und auch die Welt der sogenannten kleinen Leute: ein Berliner Portier oder Gärtner, beides ausgesprochene Lieblingsfiguren Fontanes, erstehen vor unseren Augen nicht minder plastisch und drastisch als etwa ein wohlsituierter Kommerzienrat im Tiergartenviertel oder eine in den bescheidensten Verhältnissen lebende Offiziersfamilie. Auch im „Stechlin" ist das Personal so reich und vielfäitig gestuft, im Seelischen wie im Sozialen, daß es sich erübrigt, Beispiele dafür vorzubringen. Dieser menschlich-figürliche Reichtum überwiegt hier wie meist die handlungsmäßige Dichte; es geschieht im üblichen Sinne des Romans gar nicht besonders viel, aber wie es geschieht und wie es gesagt wird, darin spiegelt sich unvergleichlich eine ganze, untergegangene Welt.
Die eigentliche Hauptgestalt des Romans, der alte Mafor von Stechlin auf Schloß Stechlin am Stechlinfee, gehört zu den feinsten und liebenswertesten Gestalten, die Fontane je geschaffen hat, ein Mensch aus dem Leben, ein Mann von Herz und von Geist, ein echter und untadeliger märkischer Edelmann. Es ist sicher richtig, daß er, in gewissem Sinne, Fontanes Doppelgänger ist, daß aus seinem Munde, wie man bemerkt hat, der alte Dichter selber zu uns spricht, witzig und weise, erfahren und hellsichtig, ein Kind seiner Zeit, wie Stechlin selber, der sehr wohl weiß, daß er an einer Wende steht und einer abschiednehmenden Generation angehört. Beide, Fontane und Stechlin, sehen am Ende ihres Lebens eine andere, neue Zeit mit neuen Zielen, Fragen und Forderungen stürmisch herandrängen. Und was Fontane betrifft, so hat er die neue Zeit begriffen und begrüßt.
Wie „historisch" der Roman in feinen Problemen heute auf uns wirkt, braucht nicht betont zu werden. Das wird jeder selbst beim Lesen empfinden, das ist in feiner Entstehungszeit begründet, und darauf beruht auch wiederum zu einem großen Teile feine Anziehungskraft und fein unwiderstehlicher Reiz. Der „Stechlin" ist Roman und Kulturbild in einem; und man mag auch bedenken, wie das Historische im „Stechlin" aus einer größeren Entwicklung, in der wir selber heute stehen, nicht wegzudenken ist. Ueber die zeitgeschichtlichen Bindungen aber erhebt sich, wie in allen Büchern Fontanes, das Menschliche als ein unveräußerlicher Wertbeftand: das hält und bewahrt sich weit über die paar Jahrzehnte hinweg, die uns von ihm trennen.
0?r König und seine Generale.
Kleine Geschichten zum 225. Geburtstage Friedrichs des Großen am 24. Januar.
Bon O. G. F o e r st e r.
Der große Preußenkönig hat durch das Beispiel seiner heldischen Persönlichkeit sein Volk zu einer Kampfgemeinschaft zusammengeschmiedet, die einer Welt von Feinden zu trotzen vermochte. Fridertzianifcher Geist ist damals wie heute ein Begriff, der all die Ideen umfaßt, auf denen soldatische Haltung fußt. Zu ihnen gehört die unbedingte Treue des Soldaten zum Führer und die ebenso unbegrenzte Treue des Führers zu feiner Gefolgschaft. In manchen kleinen Geschichten aus der Zeit des großen Königs leuchtet dieses Treueverhältnis der soldatischen Gemeinschaft auf.
Friedrich und Schwerin.
Bei Mollwitz errang der Feldmarfchall Graf Schwerin den entscheidenden Sieg in Friedrichs erstem Kriegszug. Für das Leben feines Königs fürchtend, veranlaßte Schwerin den König, bas Schlachtfeld zu verlassen. Neider und Verleumder machten den König glauben, Schwerin habe die Lorbeeren seines Sieges allein ernten wollen.
So kam es, daß das Freundschaftsverhältnis zwischen Friedrich und seinem alten General zeitweilig getrübt wurde. Aber der König mochte sich wohl nach einer klärenden Aussprache sehnen und befahl Schwerin eines Tages zu sich. Die Unterredung verlief so, wie man sie von zwei offenen und furchtlosen Soldaten erwarten mußte. Der Kammerhusar des Sonias berichtet biervon:
„Seine Majestät ließ den Feldmarschall zu sich führen und empfing khn freundlich. Dann mußte ich das Zimmer verlassen. Im Vorzimmer hörte ich, wie das Gespräch immer lauter und schließlich so heftig wurde, daß mir anfing bange zu werden. Als die Tür sich nach einer Weile öffnete, tarn der König mit Schwerin Arm in Arm heraus ..."
Die beiden waren seit diesem Tage wieder treue Kameraden, und Schwerin besiegelte die Treue zu Friedrich und zur Fahne des Königs mit feinem Heldentode bei Prag. An der Spitze feines Regimentes fiel er, die Fahne in der Hand, mit dem Ruf, der die wankende Truppe mit neuem Angriffsgeist beseelte: „Vivat Frldertcusl" Die Trauer über den Tod des Freundes verdunkelte die Freude über den Sieg in des Königs Herz. Beim Schein einer Kerze hielt Friedrich Totenwache an der Bahre Schwerins — ein erschütterndes Bild, das, von Warthmüllers Meisterhand festgehalten, als kostbare Mahnung das Arbeitszimmer des Generalfeldmarfchalls von Hindenburg schmückte. Und in jener Nacht schreibt Friedrich an feinen Bruder: „Wir haben viel verloren, Schwerin ist tot!"
Das Gebet d e s Dessauers.
Drei preußischen Königen diente der aufrechte und eifern Willensstärke Feldherr Fürst Leopold von Dessau. In der Schlacht bei Kesselsdorf entschied der ungestüme Angriff der von ihm geführten Infanterie nicht nur die Schlacht, sondern zugleich den ganzen Feldzug. Der General wußte, welche Bedeutung der König seinem Angriff beimaß, und ehe er an der Spitze feiner Truppen zum Sturm vorging, sandte er folgendes Stoßgebet zum Himmel: „Lieber Gott, stehe mir bei und meinem König, und wenn du mir diesmal nicht beistehen willst, so hilf doch wenigstens auch den Schurken von Feinden nicht, sondern sieh zu, wie es kommt!"
Der König vernahm von diesem sonderbaren Gebet. „Unser Alliierter dort oben ist Euch treu geblieben, Fürst", sagte er nach der Schlacht zu dem Dessauer. „Wer vermöchte Euch auch zu wiederstehen? Ich hasse nur, daß wir auch weiterhin einander gewogen bleiben, denn mit Euch möchte ich nicht gern einen Krieg anfangen ..."
Seydlttz h a k keinen Muff!
Bei Roßbach übergab der König dem General Seydlitz den Oberbefehl über die gesamte Reiterei. Seit diesem glänzenden Reitersieg stand Seydlitz dem König näher als mancher Minister. Nach dem Kriege wurde er häufig zur Tafel geladen, und mitunter neckten sich die alten Kampfgefährten mit allerlei Erinnerungen aus der vergangenen Kampfzeit. Als Seydlitz sich einmal beim König befand, ging Friedrich ins Vorzimmer und fand dort an einem Kleiderhaken einen prächtigen, modischen Muff. In der Meinung, er gehöre Seydlitz, warf der König den Muff in den Kamin.
Dann kehrte er zu dem General zurück und sagte spöttisch: „Ich sehe, lieber Seydlitz, Er wird alt und bequem. Nun trägt Er gar schon einen Weibermuff!" Seydlitz bestritt entrüstet diese Behauptung, die beiden gingen hinaus — und fanden im Vorzimmer den spanischen Gesandten, der wütend die schwelenden Reste feines Muffs betrachtete! Mit großer Mühe beschwichtigte der König ihn und versprach ihm Schadenersatz — zur offen gezeigten Schadenfreude des Generals Seydlitz ...
Im Jahre 1773 starb Seydlitz nach langem Leiden. Fast täglich besuchte der König den Freund, und als er einmal, tief gerührt, das Krankenzimmer verließ und der Arzt ein wenig laut redete, 30g der König ihn am Rvckknvpf zu sich heran. „Rede Er nicht fo laut!' flüsterte er zornig, „denn wo Seylltz es in feiner Stube hört, so holt Ihn der Teufel!" Am 8. November 1773 hauchte Seydlitz feine Seele aus. „Ihm ist das edelste Los geworden, das ein Soldat erreichen kann!" sagte der König an der Bahre des Kampfgefährten. „Er lebte unübertroffen, er starb, ohne ersetzt werden zu können!"
Tauentzien.
1760 belagerte Laudon mit 50 000 Mann Breslau, das von nur 3000 Mann verteidigt wurde. An der Spitze dieser kleinen Schar aber stand der tapfere General Bogislaw Friedrich von Tauentzien, der mit den Offizieren der königiichen Leibgarde den feierlichen Beschluß faßte, eher bis zum letzten Mann zu fallen, als sich dem Feinde zu ergeben. Tal- sächlim hielt Tauentzien Breslau, bis Prinz Heinrich herbeigeeilt war. Friedrich beförderte ihn zum Generalinspekteur der schlesischen Infanterie und sprach stets voll größter Achtung von ihm. „Wäre ich so unglücklich gewesen, meine Armee unter einem Baume versammelt zu sehen — General Tauentzien hätte gewiß unter diesem Baum gestanden!" Dies Königswort war des Treuen schönster Lohn.
Friedrich und Zieten.
Nur wenige Monate vor Friedrich wurde fein alter Kampfgenosse Zieten aus dem Leben gerufen. „Nun geht auch der Letzte fort!" sagte der König wehmütig bei der Nachricht von Zielens Tod. „Meine Zeit geht zur Neige, die Stunden, die ich noch habe, gehören nur noch dem Staat."
Niemals hat Friedrich vergessen, was Zielen ihm in langen Jahren des Krieges an Treue, Dpferfreubigteit und kämpserischem Einsatz gab. Kaum jemand, der ihm in den Jahren des Alters näher steht, als Zielen. Noch als 80jähriger Greis reitet der General mit seinen Husaren Attacke auf dem Manöverfeld, und der König ruft dem Zielen-Regiment zu: „Wenn ihr jemals vergessen könnt, daß dieser Mann euer Ches war. seid ihr nicht wert, Husaren zu fein!" Mil entblößtem Haupt reitet der König neben feinem alten General. Als Zielen krank ist. läßt Friedrich einen Stuhl auf den Revueplatz stellen. „Ich kann nicht sitzen, wenn Eure Majestät stehen!" weigert sich Zielen. Aber der König befiehlt: „Setz Er sich nur, lieber Zielen, setz Er sich, sonst geh ich weg; ich will Ihm durchaus nicht zur Last fallen!" Und in vielen vertraulichen Gesprächen und Erinnerungen zeigt sich die treue Verbundenheit zwischen Friedrich und Zielen. —
Anekdoten und Legenden spinnen sich um den großen König und seine treuen Paladine. Aber diese vom Volk erdachten kleinen Geschichten können nicht überzeugender und schlichter als die historische Wirklichkeit jene tiefe, edle und unverbrüchlich- Treue bezeugen, die einen Führer unserer Nation mit den Besten seiner Gefolgschaft verband.
'fccronttoortlicb' Dr. $iuni Tbyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Eleindruckerei, R. Lange, Gießen.


