Ausgabe 
22.1.1937
 
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Alles gleich?

Von Theodor Fontane.

Eigentlich ist mir alles gleich,

Der eine wird arm, der andre wird reich, Aber mit Bismarck, was wird das noch geben? Das mit Bismarck, das möcht ich noch erleben. Eigentlich ist alles fo so, Heute traurig, morgen froh, Frühling, Sommer, Herbst und Winter Ach, es ist nicht viel dahinter.

Aber mein Enkel, soviel ist richtig, Wird mit nächstem vorschulpslichtig. Und in etwa vierzehn Tagen Wird er eine Mappe tragen, Löschblätter will ich ins Hest ihm kleben, Ja, das möcht ich noch erleben.

Eigentlich ist alles nichts, Heute hält's und morgen brichUs, Hin stirbt alles, ganz geringe Wird der Wert der ird'schen Dinge; Doch wie tief herabgestimmt Auch das Wünschen Abschied nimmt, Immer klingt es noch daneben: Ja, das möcht ich noch erleben.

Theodor Fontane und der ^Stechlin".

Bon Hans Thyrlot.

Wenn wir heute über den Dichter Theodor Fontane einiges sogen wollen, so geschieht es nicht um irgend eines äußeren Anlaßes willen weder sein Geburtstag noch sein Todestag noch sonst ein Ge­denktag steht im Kalender, auch nicht nur, um in den großen Roman vom Stechlin, mit welchem wir in dieser Nummer beginnen, ein wenig «inzusühren, sondern vor allem deshalb, weil Fontane, wie uns scheint, zum mindesten im Süden und im Westen unseres Vaterlandes, noch lange nicht genügend und nach Gebühr bekannt und erkannt ist, gelesen und gewürdigt wird.

Preußentum und Hugenottentum.

Fontane, am 30. Dezember 1819 in der märkischen Bilderbogenstadt Neuruppin geboren, am 20. September 1898, ein paar Wochen nach Bismarck, mit 79 Jahren in Berlin gestorben, ist gewiß nächst Heinrich von Kleist -er preußischste unter unfern Dichtern; aber sein Preußen­tum war doch von einer spezifischen und eigentlich unvergleichbaren Eigenart und gewiß in seiner künstlerischen Form, seiner Ausstrahlung und Reichweite nicht an den Umkreis der weiland schwarzweißen Grenz­pfähle gebunden: vor allem um deswillen nicht, weil in Fontanes Werk, st älter, st reifer und weiser er wurde, das Menschliche immer inniger mit dem Preußischen sich verband und Durchsetzte; gerade das sollte ihn über jede landschaftlich eng« Begrenzung hinausheben.

Dieses Preußentum Fontanes, mit dem.man ihn vielleicht am charak­teristischsten bezeichnet und einführt, war aber noch in einem andern Sinne und mit einer anderen Betonung von besonderer Art. Dieser Märker und Preuße, der Bismarck ebenso verehrte wie er den großen Friedrich und die Seinen liebte einige feiner bekanntesten Gedichte sind dem König, Ziethen und Seydlitz gewidmet, dieser Mann aus Neuruppin hatte, worauf schon der Name hindeutet, väterlicher- wie mütterlicherseits französisches Blut in den Adern: er entstammte einer Refugiesamilie; sein Vater war der Apotheker Louis Henri Fontane, di« Mutter eine geborene Labry.

Das merkt man, das bestimmt die eigentümliche Mischung seines Wesens das sich in feinen Romanen so wunderbar rein und unmiß­verständlich ausprägt: der Realismus, Fontane ist einer unserer größten und nebenbei liebenswertesten Realisten die Klarheit und Nüchternheit des Denkens und der Beobachtung, die Verhaltenheit in allen Gefühlsdingen, das war ganz preußisch an ihm, dermangelnde Sinn für Feierlichkeit", das Unpathetische undUnredensartliche , wo­von er selber spricht: oft und deutlich genug sogar mit typisch Berlme- rifcher Färbung. Die Eleganz aber, das Geistreiche und das Anek­dotische, das war bestes Erbteil aus der Heimat seiner Vorfahren. Beides zusammen erst, diese eigentümliche und unwiederholbare Mischung, gibt seinen Romanen den eigentlichen Fontane-Ton.

Weltoffenheit.

Und noch ein Drittes wäre hier zu nennen; Fontane war ursprüng­lich, wie der Vater und nach dem Willen des Vaters, Apotheker. Das war Ibsen auch, und bei Ibsen hat man, sicher nicht ganz mit Unrecht, behauptet, daß man es seinen Dramen anmerken könne; bei Fontane merkt man das nicht. Aber man merkt etwas anderes: er kam, wie mancher nach ihm, über den Journalismus zur Schriftstellere,; er war, ehe er anfing, Romane zu schreiben, Korrespondent in London, Kriegs berichterstatter in Frankreich, Theaterkritiker in Berlin; dies sogar noch später, bis 1890. lieber seine Zeitungsjahre hat er m selbständigen Büchern Rechenschaft abgelegt, aber sie wirkten auch weiter bis in fein spätes dichterisches Werk hinein; hier wurzelt zu einem nicht ge­ringen Teile die Weltoffenheit seiner geistigen Haltung seine Be­schlagenheit, seine Interessiertheit, die schnelle klare, kritische Stellung­nahme zu Menschen, Dingen und Zuständen. Fontane sah seine Umwelt mit wachen Sinnen und offenen Augen, er wußte Bescheid in der Kunst, in der Politik, in der Diplomatie in allen Fragen, welche seine Zeit bewegten. Er war im Bilde, er kannte sich aus, er konnte mitreden; und was er sagt, das sitzt, nicht bloß so obenhin und unoerbindlich; er n>arCauseur", das ist einer seiner Ruhmestitel, ein Anekdotenerzahler von hohen Graden, der selber seine Freude am Geistreichen, Eleganten

und Gutpointierten hott«, aber er war keinBlender"; war er formu­liert, ist gesehen, erlebt, erprobt und erfahren. Davon legen fast alle «ine Bücher Zeugnis ab, am reichsten und heitersten vielleicht sein letzter großer Roman,Der Stechlin".

Herz und Heiterkeit.

Solche Wesensart schließt fast selbstverständlich etwas Weiteres ein: Humor. Fontane war nicht Humorist schlechthin, etwa wie Busch oder Twain, sondern er war auch Humorist, nebenbei, unter anderem, und diesesNebenbei" ist ohne Zweifel eine feiner für den Leser be= glückendsten Gaben, schon deswegen, weil sein Witz stets treffend, aber nie verletzend wirkt. Und es ist damit ein wenig sogar wie mit den Nebenfiguren im Roman, von denen er felber einmal gesagt hat, daß fie eigentlich immer das Beste daran seien.

Echter und gesunder Humor aber wurzelt im Gefühl, ist Heiterkeit, die vom Herzen kommt, und es ist nach dem früher Gesagten vielleicht nicht ganz überflüssig, ein Wort darüber zu verlieren. Das Preußische und das spezifisch Berlinerische, das Fontane und die meisten seiner Romane kennzeichnet, bedeutet nicht Nüchternheit und Kälte schlechthin. Er sah, einem bekannten Wort von Wilhelm Busch zum Trotz, die Weste und das Herz. Und nur mit dem Herzen konnte eine so wunder­voll schlichte und menschliche Liebesgeschichte wieIrrungen, Wirrungen" geschrieben werden. Freilich, er trägt es nie und nirgends auf der Zunge; das wäre unpreußisch, unmärkisch und vor allem höchst unber­linerisch. Wenn es ernst wird mit einem echten und starken Gefühl, dann ist Fontane von großer Sparsamkeit, Verhaltenheit, ja Keuschheit in Wort und Gebärde. Ein paar kurze Sätze nur, ein Blick, eine kleine Bewegung das ist schon alles, damit ist schon alles gesagt, und das macht gerade seine Liebesszenen unvergeßlich. Man denke anStine", anIrrungen, Wirrungen", anEsst Briest", man lese die paar halben, an deutenden Worte, die das Verlobungs-Kapitel imStechlin" ab« schließen: das ist für Fontane, feine menschliche und künstlerische Art, genau so charakteristisch wie seine Kapitelschlüsse und Romanausklänge, die berühmt wurden, weil sie meist, mit einer großartigen Einfachheit der Akzentgebung, in gedrängter Kürze noch einmal das Ganze zu- fammenfaffen und auf eine unwiderlegliche Formel bringen, ehe der Vorhang endgültig fällt.

Tafelrunde und Landpartie.

Wie dieseAktschlüsse" (wobei dem Dichter vielleicht unbewußt auch seine jahrelange Theatererfahrung aus der Berliner Kritikerzeü zugute kam) mit knapper Treffsicherheit das Ganze charakterisieren, so wurzelt die Fontanesche Menschenschilderung im Anekdotischen. Man betrachte, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, das Eingangskapitel des Berliner Romans ,,L' Adultera" (1882); wie da der Kommerzienrat Van der ©traaten eingeführt und vorgestellt wird, das ist so sontanesch wie möglich; diesen Mann kennen wir bereits nach den ersten beiden Seiten vollkommen; und nicht nur ihn selber: sogleich fallen auch scharfe und helle Lichter auf sein Haus und auf feine Frau, und von allem Anfang an scheint der Weg vorgezeichnet, den die beiden nehmen werden in ihrer Ehe, bevor noch die Handlung eigentlich eingesetzt hat.

Solchem anekdotischen Grundzuge nun und der Handlungsführung Im Fontaneschen Roman entsprechen zwei Lieblingsszenen, in denen sich seine Charakterisierunaskunst, seine Menschenkennerfchaft, sein Humor und feine Erzählergabe zu meisterhafter Vollkommenheit verbinden: Tafelrunde und Landpartie; bei Tisch, in großem oder kleinem Kreise, bei offiziellen oder zwanglosen Anlässen, entfaltet sich in Rede und Gegenrede nicht nur der scharmante und witzige Plauderer und Geschichtenerzähler, sondern hier kennzeichnen und demaskieren sich auch auf eine ebenso unmittelbare wie unwiderrufliche Weise seine Menschen. An der Ele­ganz und mühelosen Leichtigkeit, mit der so ein Tischgespräch angesponnen, verteilt, gegliedert, fortgeführt, gesteigert und abgebrochen wird, mag man die sichere Hand des überlegenen Romanciers bewundern, wenn man über dem Vergnügen, das solche Szenen bereiten, die Muße dazu findet.

Die Landpartie wiederum ist eine richtige Berliner Spezialität, die man in dieser ausgeprägt familiären Form in unserer Gegend kaum kennt; sie dient bei Fontane dazu, das Tischgespräch aus der gewissen Feierlich­keit etwa eines bürgerlichen ober feudalen Salons in die ländliche Un= gebundenheit eines jener vielen beliebtenLokale" undEtablissements" rings um Berlin herum zu verlegen, mit Dampferfahrt und Lampion­beleuchtung ins zwanglos Festliche zu erheben, ... meist aber auch, um die Handlung einer Entscheidung zuzuführen ober boch zu nähern: die Verlobung ist erst bie wahre Krönung ber fianbpartie; nicht immer freilich: inIrrungen, Wirrungen" beispielsweise erleben wir auf jenem unver­geßlichen Äusfluge nachHankels Ablage" gerabe bas Gegenteil bavon, ben Abschieb für immer, unb bas gescheite, tapfere unb warmherzige Möbel sagt zuletzt zu ihrem Garbevffizier, ber fie boch niemals heiraten kann:Du fühlst selbst, baß ich Recht habe ... das war unser letztes Gluck unb unsere letzte schöne ©tunbe."

Märkische Spätreife.

Taselrunbe unb ßanbpartie: bas sink» in Fontanes Romanen die großen Szenen", bie Brennpunkte seiner glänzenben Darstellung unb vielfach bie Schnittpunkte im Hanblungsablauf ... auch imStechlin", wie man sehen wirb, wie benn überhaupt alles, was bisher allgemein gesagt würbe, mehr ober minber ausdrücklich auf biefen Roman zu be­ziehen ist. Es ist (ein letzter, 1898, kurz vor feinem Tobe, vollenbet, bie Krönung eines reichen unb wahrhaft ausgefüllten Lebens, letztes, wohl- gerunbetes, festgefügtes (Stieb in ber Kette feiner Werke, die Frucht des reif unb weife, gütig unb heiter gewordenen Alters. Fontane ist über­haupt ein Mensch ber späten Reife gewesen; man muß sich einmal klar­machen, baß er erst um bie Jahrhunbertmitte überhauptzu schreiben anfing, unb baß er mit sechzig, an ber Schwelle zum Greisenalter, feinen ersten Roman herausbrachte, bas heißt also sein Lebenswerk recht eigentlich begann.