Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1937 Freitag, den 22. Januar Nummer b

Der EiisOilin

Vornan von Theodor Fontane

Schloß Stechlin.

1. K a p i t e l.

Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze, zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und noch darüber hinaus) eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine menschenarme, nur hie und da mit ein paar alten Dörfern, sonst aber ausschließlich mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Wal­dung. Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt ,,der Stech­lin". Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und kaiartig ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefaßt, deren Zweige, von ihrer eigenen Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren. Hie und da wächst ein Weniges von Schilf und Binsen auf, aber kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt, und nur selten, daß ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten aus die Spiegelfläche wirft. Alles still hier. Und doch, von Zeit zu Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig. Das ist, wenn es weit draußen in der Welt, feis auf Island, sei's auf Java, zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich's auch hier, und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe. Das wissen alle, Die den Stechlin umwohnen, und wenn sie davon sprechen, so setzen sie wohl auch hinzu:Das mit dem Wasserstrahl, das ist nur das Kleine, das beinah Alltägliche: wenn's aber draußen was Großes gibt, wie vor hundert Jahren in Lissabon, dann brodelt's hier nicht bloß und sprudelt und strudelt, dann steigt statt des Wasser­strahls ein roter Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein."

Das ist der Stechlin, der See Stechlin.

Aber nicht nur der See führt diesen Namen, auch der Wald, der ihn umschließt. Und Stechlin heißt ebenso das langgestreckte Dorf, das sich, den Windungen des Sees folgend, um seine Südspitze herumzieht. Etwa hundert Häuser und Hütten bilden hier eine lange, schmale Gasse, die sich nur da, wo eine von Kloster Wutz her heranführende Kastanien­allee die Gaise durchschneidet, platzartig erweitert. An eben dieser Stelle findet sich denn auch die ganze Herrlichkeit von Dors Stechlin zu­sammen: das Pfarrhaus, die Schule, das Schulzenamt, der Krug, dieser letztere zugleich ein Eck- und Kramladen mit einem kleinen Mohren und einer Girlande von Schwefelfäden in seinem Schaufenster. Dieser Ecke schräg gegenüber, unmittelbar hinter dem Pfarrhause, steigt der Kirchhof lehnan, auf ihm, so ziemlich in seiner Mitte, die frühmittel­alterliche Feldsteinkirche mit einem aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Dachreiter und einem zur Seite des alten Rundbogen­portals angebrachten Holzarm, daran eine Glocke hängt. Neben diesem Kirchhof samt Kirche setzt sich dann die von Kloster Wutz her heran- führende Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter fort, bis sie vor einer über einen sumpfigen Graben sich hinziehenden und von zwei riesigen Findlingsblöcken flankierten Bohlcnbrücke Haltmacht. Diese Brücke ist sehr primitiv. Jenseits derselben aber steigt das Herren­haus auf, ein gelbgetünchter Bau mit hohem Dach und zwei Blitz­ableitern. . _L

Auch dieses Herrenhaus heißt Stechlin, Schloß Stechlin.

Etliche hundert Jahre zurück stand hier ein wirkliches Schloß, ein Backsteinbau mit dicken Rundtürmen, aus welcher Zeit her auch noch der Graben stammt, der die von ihm durchschnittene, sich >n den ®ee hinein erstreckende Landzunge zu einer kleinen Insel machte. Das ging so bis in dis Tage der Reformation. Während der Schwedenzeit aber wurde das alte Schloß niedergelegt, und man schien es seinem gänz­lichen Verfall Überlassen, auch "nichts an seine Stelle setzen zu wollen bis kurz nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I. die ganze Trümmermalle beiseite geschafft und ein Neubau beliebt wurde. Dieser Neubau war das chaus, das jetzt noch stand. Es hatte denselben nu-.)- ternen Charakter wie fast alles, was unter dem Soldatenkonig entstand, und mar nichts weiter als ein einfaches Corps de logis, dessen Zwei vorspringende, bis dicht an den Graben reichende Seitenflügel ein a)ui- eisen und innerhalb desselben einen kahlen Vorhof bildeten, auf dem, als einziges Schmuckstück, eine große blanke Glaskugel sich prafentier . Sonst sah man nichts als eine vor dem Hause sich hinziehende Rampe, von deren dem Hofe zuqekehrter Vorderwand der Kalk schon wieder av- fiel. Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben unverkennbar, gerade diefe Rampe zu was Besonderem zu machen, und zwar mit Hilfe mehrere Kübel mit exotischen Blattpflanzen, darunter zwei Aloes, von denen die

eine noch gut imstande, die andre dagegen krank war. Aber gerade diese kranke war der Liebling des Schloßherrn, weil sie jeden Sommer in einer ihr freilich nicht zukommenden Blüte stand. Und das hing so zu­sammen. Aus dem sumpfigen Schloßgraben hatte der Wind vor langer Zeit ein fremdes Samenkorn in den Kübel der kranken Aloe geweht, und alljährlich schossen infolge davon aus der Mitte der schon ange- gelbten Aloeblätter die weiß und roten Dolden des Wasserliesch ober des Butomus umbellatus auf. Jeder Fremde, der kam, wenn er nicht zu­fällig ein Kenner war, nahm diese Dolden für richtige Aloeblüten, und der Schloßherr hütete sich wohl, diesen Glauben, der eine Quelle der Erheiterung für ihn war, zu zerstören.

Und wie denn alles hier herum den Namen Stechlin führte, so natür­lich auch der Schloßherr selbst. Auch er war ein Stechlin.

Dubslao von Stechlin, Major a. D. und schon ein gut Stück über Sechzig hinaus, war der Typus eines Märkischen von Adel, aber von einer milderen Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln. Er hatte noch ganz das eigentümlich sympathisch berührende Selbstgefühl all derer, dieschon vor den Hohenzollern da waren", aber er hegte dieses Selbstgefühl nur ganz im Stillen, und wenn es doch zum Ausdruck kam, so kleidete sich's in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte. Sein schönster Zug war eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanität, und Dünkel und Ueberheblichkeit (während er sonst eine Neigung hatte, fünf gerade [ein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn empörten. Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Daß sich diese Meinung mit der (einigen deckte, lag ihm fern zu wünschen. Beinah das Gegenteil, Paradoxen waren seine Passion.Ich bin nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn's andere tun; es ist doch immer was drin. Unan­fechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so find sie langweilig. Er ließ sich gern was vorplaudern und plauderte felber gern.

Des alten Schloßherrn Lebensgang war märkisch-herkömmlich ge­wesen. Von jung an lieber im Sattel als bei den Büchern, war er erst nach zweimaliger Scheiterung siegreich durch das Fähnrichsexamen ge­steuert und gleich danach bei den brandenburgischen Kürassieren einge­treten, bei denen selbstverständlich auch schon sein Vater gestanden hatte. Diefer fein Eintritt ins Regiment siel so ziemlich mit dem Regierungs­antritt Friedrich Wilhelms IV. zusammen, und wenn er dessen erwähnte, so hob er, sich selbst persiflierend, gern hervor,daß alles Große [eine Begleiterscheinungen habe". Seine Jahre bei den Kürassieren waren im wesentlichen Friedensjahre gewesen; nur Anno oierundsechzlg war er mit in Schleswig, aber auch hier, ohnezur Aktion" zu kommen. Es kommt für einen Märkischen nur darauf an, überhaupt mit dabei gewesen zu fein; das andre steht in Gottes Hand." Und er schmunzelte, wenn er dergleichen sagte, seine Hörer jedesmal in Zweifel darüber las­send, ob er's ernsthaft ober scherzhaft gemeint habe. Wenig mehr als ein Jahr vor Ausbruch des vierundsechziger Kriegs war ihm ein Sohn geboren worden, und kaum wieder in feine Garnison Brandenburg ein­gerückt, nahm er den Abschied, um sich auf sein seit dem Tode des Vaters halb verödetes Schloß Stechlin zurückzuziehen. Hier warteten seiner glückliche läge, seine glücklichsten, aber sie waren von kurzer Dauer schon das Jahr darauf starb ihm die Frau. Sich eine neue zu nehmen, widerstand ihm, halb aus Ordnungssinn und halb aus ästhe- tifcher Rücksicht.Wir glauben doch alle mehr oder weniger an eine Auf­erstehung" (das heißt, er persönlich glaubte eigentlich nicht daran),und wenn ich bann oben ankomme mit einer rechts und einer links, so is das doch immer eine genierliche Dachs." Diese Worte wie wenn der Eltern Tun nur allzu häufig der Mißbilligung der Kinder begegnet richteten sich in Wirklichkeit gegen seinen dreimal verheiratet gewesenen Vater, an dem er überhaupt allerlei Großes und Kleines auszusetzen hatte, so beispielsweise auch, daß man ihm, dem Sohne, den pommerschen Namen Dubslao" beigelegt hatte.Gewiß, meine Mutter war eine Pommersche, noch dazu von der Insel Usedom, und ihr Bruder, nun ja, der hieß Dubslao. Und so war denn gegen den Namen schon um des Onkels willen nicht viel einzuwenden, und um so weniger, als er ein Erbonkel war (Daß er mich schließlich schändlich im Stich gelassen, ist eine Sache für sich.) Aber trotzdem bleib ich dabei, solche Namensmanscherei ver­wirrt bloß. Was ein Märkischer ist, der muß Joachim heißen oder Waldemar. Bleib im Lande und taufe dich redlich. Wer aus Friesack is, darf nicht Raoul heißen."

Dubslao von Stechlin blieb also Witwer. Das ging nun schon an die dreißig Jahre. Anfangs war's ihm schwer geworden, aber jetzt lag alles hinter ihm, und er lebtecomme philosophe nach dem Wort und Vor­bild des großen Königs, zu dem er jederzeit bewundernd aufblickte. Das war fein Mann, mehr als irgendwer, der sich seitdem einen Namen ge­macht hatte. Das zeigte sich jedesmal, wenn ihm gesagt wurde, daß er