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21.6.1937
 
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Vulkanlandschaft.

r*eranttoottlic6 Dr. Hans Tbvriot. Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Giebe«-

zu einem hilflosen Paket verschnürt auf die Erde herunterzureißen, dann war ein Höhepunkt unseres Knabenlebens erreicht.

In den Mulmbergen.

Da es damals noch keine industrielle Müllverwertung gab, karrte man den Abfall der Großstadt in die ausgeleerten Sandgruben. Da zeigte es sich, daß wir Jungens auch recht eindringlich realistisch sein konnten. Denn w»nn einmal ein paar von den vielfachen, so oft insgeheim und öffentlich beredeten Wünschen unserer Herzen erfüllt werden sollten, dann konnten wir uns immer auf die unerschöpfliche Fülle des in den Mulmbergen steckenden Altmaterials verlassen. Dabei wurden aus uns mit der Zeit gewiegte Metallurgen, die, ausgerüstet mit einer Hacks zum Ausreißen der Schutthaufen und mit einem Magneten und einer Feile zum Bestimmen der Metalle, die kreuz und die quer das längst dem Modern Anheimgegebene mit der Zähigkeit ihrer Zwölf Jahre auf­stöberten und alles, was Eisen, Kupfer, Messing, Zink, Gummi usw. war, an uns brachten, um es schließlich fein sortiert dem Altmaterial,en- händler anzubieten. Nicht zur Freude der Eltern, sondern stets zum Schrecken, insbesondere der Mütter. Indessen waren wir bei der An­kunft zu Hause, zunächst wenigstens, vor den gegen uns vorzubrlngenden Zurechtweisungen tätlicher Art dadurch geschützt, weil der Staub, nut dem unsere Kleider vollgesogen waren wie ein Schwamm, mit Wasser, bereits bei der leisesten Berührung unserer Person zu entweichen br0®enn danach die sauer erworbenen Münzen in den herrlichsten Allo­tria umgesetzt wurden, wenn die schreiend geschilderten neuesten Taten Sherlock Holmes und Buffalo Bills unser Eigen waren, wenn unsere Münder schwarz und braun aussahen von Lakritzensaft und von der Schokolade, und unsere Finger klebten von Karamellen, wenn schließlich abends die Bürger erschrocken hinter der Zeitung auffuhren über den Detonationen derKanonenschläge", die wir ihnen durch die Hausflure vor die Türen schmetterten, und wenn mit den Schwärmern und Ra- ' Feten zischend und sprühend das leuchtende Licht und das gleißende Gold des Feuers in den Nachthimmel fuhr, dann hätte es keiner wagen dürfen, uns den Mulm und Moder, den Dreck und Kehricht der Groß­stadt verächtlich zu machen. Wir hätten ihn nur groß und verwundert

Ueberhaupt gehörte das Niemands- und Schatzgräberland uns, uns allein. Denn diese weglose Landschaft trotzte jeder Ordnungs- und Ber- ordnungsabsicht mit Erfolg, und zwar einfach dadurch, daß niemand dieses ewig dünstende, schwelende und staubende oder bei nassem Wetter grundlose Chaos zu betreten wagte außer uns und den Müllfuhr­leuten. Mit denen standen wir uns denn auch leidlich gut, bis auf einen Punkt, nämlich auf den, da unq der Dämon des Feuers dazu verleitete, hin und wieder alles brennbare Strandgut zu einem riesigen Scheiter­haufen zu türmen und kurzerhand in Brand zu setzen. Gott mag wissen, was wir uns dabei dachten. Da das bereits öfters vorgekommen war, waren die zu erwartenden Wirkungen stadtbekannt, und sobald der brenzelig riechende Qualm sich den ersten Häusern näherte, verschlossen die Leute die Fenster und schimpften fürchterlich.

Ein paarmal geriet die ganze Abraumlandschaft mit in Brand, indem die brennbaren Stoffe, die nach und ndch einen nicht unerheblichen Teil der aufgeschütteten Massen ausmachten, Glut gefangen hatten und schließ­lich sogar die inneren Tiefen des Mulms glühten. Es schwelte und dampfte tagelang wie aus einem Kohlenmeiler. In jenen Tagen, da kein Mensch sich in diese gleichsam -Vulkanlandschaft hineinwagte, waren wir, Gott sei Dank, allein. Mit Latten bohrten wir den glimmenden Mulm an und entfachten mit Hilfe von Säcken, die wir im Kreise durch die Luft schwangen, immer aufs neue das Feuer. Es war in manchem Betracht ein toller Zustand; und die Verbissenheit und besorgte Geschäf­tigkeit, mit der wir auch die innersten Tiefen heraufzuholen und aus dem bloßen Glimmen und Glühen endlich zum schönsten Entflammen zu bringen trachteten, läßt sicher auf unsere innigste Anteilnahme schlie­ßen. In der Dunkelheit konnte es uns vollends verzaubern. Dann glom­men ringsum die langsam einsinkenden Schuttkuppen; dann glühte unter rosagrauer Asche das Rot des Feuers auf; dann leckte plötzlich eine spitze züngelnde Flamme empor und glänzte unsere Gesichter an, daß unsere Augen aufschimmerten.

Da standen wir in längst angekohlten Schuhen, mit versenkten Haaren und aschengrauen Gesichtern und lauschten dem Knistern und Rumoren der Glut, während das Nachtgeziefer hereinschwärmte und in seltsamen Tänzen vagierte. Die Ferne aber war nichts als dunkel, geziert mit leuchtenden Borden schimmernder Laternenreihen, und die brünstige Glut fraß alles, was es außer der nackten Erde und dem kahlen Gestein zu fressen gab.

Das Lied, das aus der Kehle dringt...

Bon Felix Riemkasten.

Wenn ich singe, freuen sich alle Leute im Hause. Es bereitet ihnen so großes Vergnügen. Meine Frau bittet mich immer, etwas leiser zu singen, aber ich singe viel lieber laut. Wenn ich nämlich leise singen will, bleiben mir manche Töne unten im Halse stecken und können nicht hoch, aber wenn ich recht viel Lust hintersetze, dann kommen sie alle oben aus dem Munde heraus und füllen die ganze Wohnung mit ihrem Schall. Besonders gern singe ich in der Badestube; ich will gar nicht, aber es macht sich so, und man ist dort so schön allein. Es mag wahr sein, daß ich nicht richtig singen kann, möglicherweise kann ich über­haupt nicht singen, aber ich singe ja nicht für die Leute und auch nicht für die Kunst, sondern nur für mich allein. Und für mich singe ich gut genug, ich stelle da keine Ansprüche. Das ist meine Meinung über meinen Gesang.

Von der wissenschaftlichen Seite der Musik, von der Theorie, Der- tefje ich so wenig wie von der Praxis. Kann ich etwas dafür, daß ich mit zwölf Jahren in der Schule aus dem Klassenchor hinausgetan wurde als heillos unheilbarer Patzer? Die Zeit, die ich damals durch meinen Nichtgesang erspart habe,,habe ich wertbeständig in Laubsägearbeiten an­gelegt. Ich habe es zu großer Vollkommenheit gebracht in der Laub- ägerei, allerdings auf Kosten dessen, was Gesang heißt. Ich bin selig, laß ich heute noch nicht weiß, was halbe und viertel Töne sind. Wenn ich nur laut genug einsetze (mit viel Luft dahinter), dann sind bei mir alle Töne volle Töne und niemals nur halbe oder viertel Töne. Wenn ich mich gerührt fühle oder betrübt oder voll Sehnsucht oder dergleichen, wie das so vorkommen kann ab und zu, dann finge ich in Mall, in­dem ich die Töne mehr durch die Nase als durch den Mund herauslasse; aber wenn ich mich obenauf fühle, recht frech, oder wenn der Geldbrief, träger heute kommen muß, oder wenn ich aus einer bösen Sache wieder mal fein gerettet bin, dann finge ich nicht in Moll, sondern anders. Ob dieses andere nunDur" ist, oder sonst dergleichen, das ist mir Fleisch­wurst wie Leberwurst.

VonSopran" undTenor" undAlt" ober neu verstehe ich rein nichts. Ich habe auch kein Verlangen nach solchem Verständnis, denn wenn jemand singt, so daß es mir wohlgefällt, dann genügt mir das. In diesem Punkte halte ich es mit der Gesangskunst genau wie mit der Koch- fünft: schmecken soll es, weiter nichts als schmeckenl Die Rezepte, das ist Sache der Köchin, das geht mich nichts an. Was nützt mir das Wissen? Ich suche nur das Erleben, das Haben, das Mitschmecken, das ist für mich der Drehpunkt. (Manche sagen ,cher Angelpunkt", aber ich angle nicht.)

Manchmal fingen Kinder mit ganz dünnen, schwächlichen, weltver- gessenen Sümmchen, sie fingen, als wären da Süßigkeiten und ganz dünnes Silber mit eingemengt; sie fingen mit einer gottvoll gnaden­reichen Gläubigkeit, und wenn in ihrem Liede etwas vorkommt von der Wiese oder den lieben Vöglein, die alle schon da sind, bann fühle ich mich befriebigt, weil alles jebesmal richtig vorhanden ist, bas Wesen aller wirklich wiesigen Wiesen, bas Grün in ber Sonne unb bie Butter- Humen unb ber Waldrand babei mit bem Vogelgezwitscher. Die Vögel, bas ist im Kinbergesang bas morgenfrische, unverdorbene, lebendige Tiri­lieren unb zugleich bas hohe Hineinschwingen in ein ewig schönes Himmel­blau, unb zugleich ist es bas Kleine, bas Rührenbe, bas Bröckchenholen im harten Winter an ber Fensterbank. So etwas können am besten bie kleinen Kinder fingen, bie [ünbentofen, wiffenlofen, die bei Mutti im Schoß sitzen. Da ist es boch ganz egal, baß ihre Sümmchen viel zu hoch unb zu bünn finb? Soll man ba hinterherlaufen als Beckmesser mit ber Stimmgabel?

Auch bie Wanbervögel fingen oft schöne Druckstellen ins Herz, aber nur am frischen, herben Morgen, ober am späten, weichen, ruhigen Abend. Sie fingen ihre Wanberfehnsucht unb ihre Tatkraft hinaus, sie fingen bie Weite unb Schönheit ber Welt unb lassen ihren Mut barin mit­klingen, ihren marschierenden Mut. Sie gucken nicht zu, sie bewundern nicht nur, sondern sie erwandern sich dies alles in möglichst großen Brocken, denn einmal ist der Mensch nur so jung, unb aus dieser Zeit heraus muß er sich die Scheune vollsammeln von Erinnerungen für später, für bie Zeit, wo er bann auch nicht anbers fein wirb, als alle.

Schön ist es auch, wenn eine liebe Mutti ihr liebes Kind bei sich hat unb singt dem Kind allerlei hübschen, kleinen Kram vor. Dann ist ber Gesang auch wieder gar kein Gesang unb hat mit Kunst nichts zu schassen, sondern bie Seele singt etwas hin für bas zulauschende kleine Seelchen, und alle beide wachsen von Herz zu Herz für die Ewigkeit fest zusammen. Wenn sie sich einmal im Nichtverstehen trennen müßten, würden die beiden Herzen anfangen zu bluten. Dann blutete alles wieder heraus, alles von damals, als das Kindchen nicht fchlafen konnte, und Mutti vom Schäfchen auf der Weide fingen mußte, in den blaffen, ver- fchwimmenden Abend hinein. Da hat Mutti gesungen, das Kind hat zugehört, und sie haben es beide kaum gewußt. Es fang sich von selber, und auch das Hören geschah von selber, es schwamm als Inselchen auf dem Spiegel eines unfaßbar ruhigen Seelenfriedens, untermischt von liebenden, wehen Aengsten und untermalt von herzensfrohen Wünschen auf lauter Gutes, viel, viel Gutes.

Solcher Gefang, der geht mir zu Herzen. Der gefällt mir, selbst wenn die Töne falsch sind. Dafür merkt man, daß das Herz echt ist. Auch die Soldaten fingen gut, ihre Stimmen sind voll Kraft und einfacher Sinnes- meinung, man kann sich gar nicht irren.

Wie aber, wenn der berühmte Kammersänger ober bie noch be­rühmtere Primadonna ihren goldwerten Kunstgesang anheben. Ich habe immer Angst um sie. Plötzlich steigen sie mit ihrer kostbaren 'Berufs* stimme auf die höchste aller hohen Tonleitern, dann stehen sie über­raschend rasch schon oben auf dem spitzen Dach eines musikalischen Bau­werkes, sie ragen förmlich als Silhouette gegen den leeren Himmel, und ich denke immer an das harte Kopffteinpflafter unten auf dem Platz. Ich gäb was drum, wenn sie doch endlich wieder herunterkommen wollten, wo es breiter ist, ruhiger, fichererl Aber nein, sie bleiben mit Trotz dort oben, sie machen sogar Handstand auf dem obersten Knopf des Turmes, und ... es ist gräßlich und treibt mir kalten Schweiß her­aus. Und dann find sie beileibe immer noch nicht weg, dann heben sie nun erst ihren Haupt- und Generaltriller an, der trillert in Bereichen, die sonst nur dem Adler noch erreichbar sind, und dort im leeren Luftraum ziehen sie den Triller hin und dehnen ihn und biegen ihn und ziehen ihn lang und dünn, unb sie fingen ihn hoch hinauf und fingen ihn weit hinweg, so himmeldünn, so hoch, so überangefpannt, so halsbrecherisch, so herzbeklemmenb verwegen, herzabschnürend ... Was der Adler ist, den haben sie längst unter sich und sind jetzt schon so hoch hinausgefchraubt, daß sie von unten her nur sichtbar sind, wenn man die Augen mit der Hand abschirmt. Ein winziger, trillernder, schwarzer Punkt im unendlichen Himmel der Musik.