Ausgabe 
21.6.1937
 
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Die Nachtigall.

Von Theodor Storm.

Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen;

da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen.

Sie war doch sonst ein wildes Blut, nun geht sie tief in Sinnen, trägt in der Hand den Sommerhut und duldet still der Sonne Glut, und weiß nicht, was beginnen.

Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen;

da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen.

Oie Birnen des Bürgermeisters.

Von Otto Freiherrn v. Taube.

Die Fürsten von Altaoilla besahen im Garten ihres Palermitaner Palastes einen Birnbaum, von dem die Sage ging, daß seine Früchte von einzigartiger Süße und Saftigkeit seien und ihr Genuß so köstlich, daß er beinahe Seligkeit bedeute. Allein es ging eben nur die Sage; denn seit Menschengedenken hatte weder ein Mitglied des sürstlichen Hauses noch jemand vom Gesinde je von diesem Baum zu essen Ge­legenheit gefunden, weil alljährlich jedesmal, wenn der zum Abernten rechte Sommertag kam, die Birnen bis auf die letzte bereits ver­schwunden waren.

Doch je mehr der enttäuschenden Jahre also verstrichen, desto hef­tiger steigerte sich im Geschlecht der Altaoilla die Sehnsucht, endlich zu dem ihm rechtmäßig zustehenden Genuß zu gelangen und, als das der­zeitige Familienoberhaupt, Fürst Ruggiero, zum Bürgermeister von Palermo erwählt worden war, beschloß er, diese seine Machtstellung zu nutzen, um koste es, was es wolle und sei es auch nur ein einziges- mal sich an den berühmten Früchten gütlich zu tun.

Nach Erwägung verschiedener Möglichkeiten erschien es ihm hierzu am zweckmäßigsten, sich mit dem seit dem Mittelalter gefeierten, in der Stadt gewaltigen Verbrecherorden der Maffia, in Verbindung zu setzen, und zwar mit derjenigen seiner Abteilungen, die für die angesehenste galt, derMaffia zu den Kerkern", so benannt, weil ihre Hauptwerbe­stelle im großen Palermitaner Staatsgesängnis amtierte. So schicke denn Fürst Ruggiero nach Giuseppe Gioioso, einem als entschlossenes und zuverlässiges Bundesmitglied gut beleumundeten, wohlgelittenen und all­gemein geachteten Jüngling.

Geschniegelt und gebügelt erschien der wohlerzogene junge Mann vor dem Stadtvater, mit dessen Vorgängern er schon des öftern hatte verhandeln und Verträge schließen können.

Der Fürst bedeutete ihm, Platz zu nehmen, und begann ohne Um­schweife vom bekannten Birnbaum, gab seinem Wunsche Ausdruck und schloß mit der Frage, ob es nicht derehrenwerten Gesellschaft" so lautete des Bundes anerkannter Titel möglich märe, zu bewirken, daß wenigstens bei der heurigen Obsternte jene Früchte dem Eigentümer verblieben.

,,Exzellenz«", gab Giuseppe Gioioso Bescheid:Unsre Gesellschaft würde sich? zwar zur Ehre anrechnen, das Jahr, an dem Sie den ehren­vollen Posten in unserer lieben Vaterstadt angetreten, dadurch auszu­zeichnen, daß sie Ihnen den Genuß jener stets entgangenen Früchte verschafft, welche, wie ich zu erfahren das Glück gehabt, ihres außer­ordentlichen Rufs tatsächlich würdig sind. Aber auch sie ist nicht der liebe Gott. Exzellenz« verstehen: Grenzen sind gesetzt auch ihrer Fähig­keit und Macht. Wie die Verhältnisse heute liegen, könnte sie nichts für Sie erreichen. Sie ist beraubt ihrer tüchtigsten Kraft. Der einzige, der Ihren Wunsch erfüllen könnte, unser Hauptmann Gianni Caca- razzo wie es Ihnen wohl sicher bekannt sein dürfte -sitzt.

Freilich ist mir's bekann, daß er sitzt", erwiderte der Fürstdas ist für Sie und unter den obwaltenden Umständen auch mich sehr be­dauerlich."

Dann eben", griff Giuseppe Gioioso auf,wozu sind Exzellenza hier Bürgermeister? Sie stellen etwas vor, Sie verfugen über öffent­liche Kräfte Sie gelten beträchtlich bei den Staatsbehörden. Bieten Sie Ihren Einfluß auf, daß unser unglücklicher Hauptmann frei werde. Dann werden wir imstande sein, Ihren Wunsch zu erfüllen, und wir werden ihn erfüllen. Die ehrenwerte Gesellschaft weih zu danken.

Gioioso verabschiedete sich. Der Fürst verspürte einige Bedenken. Allein, nachdem er sie überwunden, kam es bereits in weniger denn Wochenfrist dazu, daß dank feiner Bemühungen Gianni i^acarazzo die

Cs bedurfte keiner weiteren Verhandlungen. Noch am selben Tage, da Gianni das Hauptwerbegeschäft an das im Range nächstalteste ge­fangene Bundesmitglied übergeben hatte, hielt den Bürgermeister, ;uft als er allein fein Zweigespann durch eine entlegene Allee des Favorita- Gartens lenkte, ein Unbekannter an, der sich ihm gegenüber als Beauf­tragter der ehrenwerten Gesellschaft auswies und ihm nut dem Dank für den ihr geleisteten Dienst das totbefdjroorenegroße Versprechen überbrachte, der Fürst solle diesen Sommer seine Fruchte selbst ver­zehren können.

Die Birnen hatten das Frühjahr prächtig geblüht. Sie setzten nor- züglich an. Sie gediehen, so unbeschädigt von Wetter und Ungeziefer, als hätten Gebete der ehrenwerten Gesellschaft, die auch im Himmel zweifellos viel gilt, die Gabe betätigt, alle bösen Einflüsse von den Früchten fernzuhalten. Schon schwoll ihre Gestalt; schon vergoldete sich ihr Grün; schon setzte leicht bräunliches Rot auf ihrer Sonnenseite an. Die Reife stand bevor; drei Tage noch, bann war es Zeit, sie abzu­nehmen; zwei Tage noch; ein Tag.

Wie wird die ehrenwerte Gesellschaft ihr Versprechen halten? Daß sie es halten werde, daran hätte niemand, der sie kannte, gezweifelt. Man war im Palast Altaoilla, obwohl in Spannung, getrost.

Als am entscheidenden Morgen der Fürst in den Garten hinaustrat und durch die immergrünen Buchs- und Laubgänge den Weg nach dem Baume zu nahm, konnte er schon aus der Ferne dessen Kuppe frucht­bedeckt schauen und sich darüber freuen, was ihm bevorstand. Allein, um die letzte Buschgruppe biegend, die ihm den vollen Anblick des Baumes benahm, gewahrte er etwa Mißoergnügliches, Widriges ...

An einem der Aeste ausgeknüpft, hing ein Mann. Der Bürger­meister schüttelte sich. Allein es hals nichts; und die Birnen waren ja schließlich gerettet. Der Mensch, der noch um Mitternacht gelebt haben mochte, wurde abgeknüpst und fortgetan; die Früchte wurden abgeerntet. Sie mundeten in der Tat wunderbar, ja so wunderbar, daß Fürst Ruggiero größte Lust verspürte, die wonnigen auch im nächsten Jahre einzuheimsen.

Er sandte nach Giuseppe Gioioso, sprach der ehrenwerten Gesellschaft und ihm Lob und Dank aus, wiederholte den Wunsch, fügte jedoch seinem Anliegen folgendes zu:

Könnten Sie's aber beim nächsten Male einrichten, daß am be­wußten Baume kein derartiges mir schließlich peinliches War­nungszeichen angebracht werde?"

Exzellenz«", entgegnete Gioioso,ick sage es Ihnen als Ehrenmann: Ohne den Ausgehängten geht es nicht."

Knabenleben im großstädtischen Wildgelände.

Von Hans Reetz.

Auf den Trümmern der Vergangenheit.

Auch der Verfasser gehört mit zu den Leuten, die die Stadtplanungen, nach der heute der Boden der Städte dem ordnenden Gesetz des Städte­bauers unterworfen ist, durchaus begrüßen. Heute ist alles hübsch nach Zonen eingekeilt; Wohn-, Industrie- und Geschäftsviertel sind getrennt. Tausende Hektar Grüngelände dienen der Erholung. Und vor den un­zähligen Spielplätzen geht uns bas Herz auf, besonbers im Sommer, wenn es auf ihnen von fröhlichen Kindern wimmelt. Wer wollte diese schöne Planwelt missen? Keiner.

Und wenn es nun einmal so weit sein wird, und die Planwelt ist Wirklichkeit geworben, bann werden viele von uns, die ihre Jugend in der Zeit verlebten, als die Städte, insbesondere an der Peripherie, ins Regellose wucherten, etwas verloren haben, was es nie wieder geben wird: das Wildgelände mit seinen Schutthalden, Sandgruben, Ziegeleien, verfallenen Häusern und den Müllabfuhrgruben. Hier gab es alles, was ein Knabenherz braucht, um selig sein zu können: zunächst selbstverständ­lich Freiheit, das hieß, die Möglichkeit, die Erde angraben zu können, wo man wollte und so tief man wollte. Die Ausübung der Kräfte sand ihre Grenzen lediglich in der Natur, nicht aber in gepflegten Garten­anlagen, Verbotstafeln und Wärtern. Sodann gab es angemessene Men­gen 'Baumaterialien: Bretter, Balken, Bohlen, Kleinholz, Dachpfannen ufw., vor allem so viele Steine, daß man eine ganze Stadt damit hätte errichten können. In den Schuttbergen zerbröckelten und zerstäubten die abgebrochenen alten Stadtviertel. Oft konnte man noch fein behauene Steinmetzarbeiten aus der Weihe des Kalkstaubes bergen: gotische und barocke Konsolen, Türstütze, Treppenpsosten und manchmal sogar Wappen. So saßen wir buchstäblich auf den Trümmern der Vergangenheit. In­dessen waren wir weder sehnsüchtige Romantiker noch ahnende Seher, sondern Knaben, die in der schönen Gegenwart den vielfältigen Drang ihrer Herzen verwirklicht vor sich sehen wollten.

Von dem Schacht zu den Antipoden und von wilden Kämpfen.

Dort haben mir oft den berühmten Schacht durch die Erde zu den Antipoden zu graben versucht. Da wir die Arbeiten grundsätzlich erst bann einfteUten, wenn die Grubenwände ins Rutschen geraten waren, haben wir manchen von uns erst umständlich wieder herausbuddeln müssen. Erst als Hein unser Freund, Führer und Oberschachtmeister über alle Tief­bauarbeiten wurde, kam technische Vernunft hinzu. Von nun an, da wir die Wände verschalten und mit Balken verstrebten, erreichten wir eine wahrhaft unermeßliche Tiefe, zu der der Verkehr von Personen und Material mit Hilfe eines Aufzuges (ein geklauter Korb an einem ge­flauten Schiffstau), der über den obersten Balken lief, bewirkt wurde. Nach beendigtem Ausbau wurde die Grubenöffnung getarnt, d. h. mit Brettern bedeckt, die durch Sand und Erde der Umgebung angeglichen wurden. Nachher hockten wir tief auf dem Grunde des Schachtes beim blakenden Lichte einer meist zylinderlofen Petroleumlampe oder einer Kerze und lauschten einem von uns, der mit deutlicher StimmeDie Schlacht von Colorado Springs" oder denGeheimnisvollen Mord von Rockaway Beach" vorlas. Und wenn wir später die Verwirklichung dieser Kriegszüge, Derbrecherjagden, Urwaldexpeditionen betrieben, wenn es allenthalben in unserm wüsten Niemandsland sich regte von schleichenden Kundschaftern, plötzlich aufspringenden Indianern, die mit wehendem Federschmuck triumphierend auf dem niebergemorfenen Feinb knieten; wenn Olb Surehanbs Laffofchlinge pfeifenb burch bie Luft sich drehte und von oben herab über den HäuptlingWeißer Bär" sich senkte, um ihn