Neuerungen gegen sich aufgebracht, er hatte den Adel zum Feind weil er gegen seinen Widerstand zum Granden erster Klotze gemacht und über die Granen aus altem Geschlecht erhöht worden war. Das Volk war überzeugt, daß er das Land auf die schamloseste Weise ausgebeutet hatte Seine Politik hatte Spanien im Kampf gegen England bei Tra- falgar die ganze Flotte gekostet. Man sagte ihm nach daß man um etwas von ibm zu erreichen, entweder seine Buhlerin, diese Bestie Josepha Tudo, bestechen oder ihm selbst Frau, Schwester oder Tochter ins Bett bringen müsse. m .. ..,
Beim Anmarsch der Franzosen hatte sich der Haß des Volkes nicht mehr zügeln lassen. Es hatte sich vor seinem Palast zusammengerottet, ein Bauer, der in Wirklichkeit der verkleidete Graf Montijo war, hatte es durch wild« Reden ausgehetzt. Man hatte sein Haus erstürmt,„geplündert, ausgebrannt. Die kostbaren Bilder waren herabgerissen und mit Messern kreuz und quer zersetzt worden. Aus den zerschnittenen Polstern der Stühle und Ruhebetten quollen die Eingeweide von Rotzhaaren und Seegras. Das Sveisegeschirr zerklirrte vor den Fenstern aus dem Pflaster, die nackten Marmorfrauen brachen Arme und Beine zwischen den Trümmern von Glas und Porzellan ein Scheiterhaufen nährte seine Flamme von Godoys Büchern.
Ich verstand den Zorn dieses gedemütigten und ausgesogenen Volkes, aber ich konnte ihm eines nicht verzeihen. Der Brand hatte auch meine Wandgemälde, die ich für Godoys Palast gemalt hatte, zerstört. Vor diesem kostbaren Schatz hätte auch die entfesselte Furie des Do kes zur Besinnung kommen müssen. Manchmal ist mir, als seien die schweren Jahre, die nun über Spanien kommen sollten, die Vergeltung für diese
Godoy selbst hatte sechsunddreihig Stunden der Todesangst hinter einem Stoß Schilfmatten versteckt zugebracht. Das Volk brüllte nach seinem Tod Er war entdeckt und beinahe in Stücke gerissen worden, man hatte ihn verhöhnt, seinen Hut eingetrieben und ihn mit Messern zerstochen. Er war aus einem stinkenden Loch von Gefängnis ins andere geschleppt worden, jede Stunde hätte seine letzte sein können. Bis ihn die Franzosen auf Befehl des Kaisers befreit und nach Bayonne gebracht ^Nun standen französische Posten vor den Ruinen von Godoys Haus. Drei von ihnen hatte man schon, von zünftigen Messerstichen getötet, auf ihrem Platz gefunden. Aus dem Dunkel der Nacht pfiffen oft Kugeln an ihren Köpfen vorüber. Dann schritten Patrouillen die Straßen ab und ergriffen, wen sie fanden.
Ich sah Bajonette gegen meine Brust gerichtet, etn Sergeant machte Miene, mich festzunehmen. Aber der junge Offizier senkte ehrerbietig den Segen vor mir. „Passiert!" sagte er. , „ „ .
Dieser junge Offizier warst du, Melchior Endcslcmt, Neffe meines Freundes, des deutschen Doktors Siebold, Leutnant im bayrischen zweiten Chevaurlegersregirnent Prinz von Thurn und Taxis, mir bekannt und lieb von manchem Besuch in meiner Werkstatt und von Gesprächen über meine Kunst. m < ....
Ich durste nach einigen Worten meinen Weg fortsetzen, wahrend dich . dein Dienst weiterführte.
Plötzlich schritt, wie von meinen Gedanken herbeigerufen, der Doktor Siebold neben mir. Ich hatte ihn nicht kommen gesehen, mein Freund verstand die Kunst, plötzlich da zu sein, er war auf einmal da, wie aus einer unsichtbaren Tür heroorgetreten.
„Die Pastrana hat dich zu dieser Isabel Halberana gebracht? sagte er.
Er wußte es schon. Er war mir vielleicht gefolgt oder er wußte es auf jene unerklärliche Weise, auf die er vieles wußte, was ihm nach dem gewöhnlichen Verlauf der Dinge nicht bekannt fein konnte.
Ich gab ihm zunächst keine Antwort. Wir schritten durch die menschenleeren Straßen, in denen die Anrufe der Posten und Patrouillen verhallten. Dann sagte ich, ich hätte ihm noch dafür zu danken, daß er mich heute vor der Mesferstecherei behütet habe. Ich hätte wirklich einen großen Zorn in mir und alle Lust gehabt, diesem Einfaltspinsel von Marlincho eine Lehre zu geben.
„So was macht immer nur Unannehmlichkeiten, Francesco , jagte Siebold gleichmütig, „es hätte schief gehen können. Dein Messer ist noch immer sehr rasch und sicher besser als das des Martincho. Aber was bann? Unb ich meine, du könntest von früher her gewarnt fein; cs ist wohl genug an den dreien, denen du es so gründlich gezeigt hast, daß du dir nichts gefallen läßt."
„Ich weiß nicht, was das mit mir war", erwiderte ich nachdenklich, „ich habe wieder wie damals in Zaragoffa und hier nur Rot vor den Augen gesehen. Es war eine dumme Geschichte, wirklich eine Gefahr."
„Ach was Gefahr! Ich sehe eine andere und weit größere, in der du dich befindest."
Wir waren am Ufer des Manzanares angelangt. Dunkel floß der Strom zu unseren Füßen längs der Uferböschung hin, Knarren und Schlag der Ruder eines unsichtbaren Bootes glitt in der Nacht vorbei. Langsam gingen wir der Brücke zu.
„Die Isabel schickt dich aus Madrid fort. Sie führt etwas gegen dich im Schild!"
Siebold wußte es. Auch das wußte er. „Ich sehe nichts besonders Gefährliches darin", sagte ich ruhig.
„Aber ich wittere es. Es ist mir nicht alles klar. Immer weiß dieses Weib Schleier um sich zu legen, die nicht zu durchbringen sinb. Aber das Eine weiß ich, Francesco, du hast keine ärgere Feindin als dieses Weib."
„Ich kenne die Isabel nur von flüchtigem Begegnen", erwog ich, „warum lallte sie meine Feindin [ein?*
„Die Wurzeln ihres Hasses liegen hinter den Schleiern, die ich nicht durchdringe. Ich kann sie nicht genau erkennen, sie trägt Masken, sie Hal nicht bloß ein Gesicht, aber immer, wenn ich an sie denke, steigt der gelbe Nebel auf, gegen den ich machtlos bin."
„Auch ,ch hatte ja dieses Gefühl, an Isabel eine Feindin zu haben. Irgendwie hing das mit jenem Bild zusammen und mit ihrem Wissen
um Schwester Blandina. Aber waren das nun bei Ihr Gewißheiten ober bloß Vermutungen? Vielleicht tastete sie im Dunkeln, unb es war nur mein eigenes Schuldbewußtsein, das mich in diese Verwirrung gestürzt hatte. Wie dem auch sein mochte, irgendetwas verschloß mir den Mund, und nun hatte ich einmal zugesagt, nach Bayonne zu gehen und wollte mich darin nicht beirren lassen. „Ich weiß nicht, was du willst?", sagte ich. „Diese Calderana ist eine Abenteuerin, sie spielt, sie hat Liebschaften, sie betreibt ihre Geschäfte — was weiter?"
Der Doktor hielt mich am Ellenbogen zurück. Wir waren auf der Brücke angelangt, unter uns zog das dunkle Wasser dahin, die Sternbilder glühten in der klaren Sierraluft, aber im Wasser zerflossen sie zu zitterndem gestaltlosem Flimmern. „Was w-jter? Ich will dir sagen, was weiter! Sie ist eine Singdogmo, ein Löwengesicht.
„Ach was nicht gar!" warf ich spöttisch ein. „Etn Löwengesicht?"
Du würdest nicht lächeln, Freund Francesco, wenn du genau wüßtest, was bas heißt. Das Blut würbe dir zu Eis erstarren. Ich kann auch dir nicht alles sagen. Nur so viel, wie du in biefem Augenblick fasten unb ertragen kannst. Du weißt, daß ich Sanitätsoffizier beim meber» limbischen Heer in Jnbien gewesen bin. Dann tarn meine Reise nach Tibet. Die Lamas dort wissen um Geheimnisse, von denen dieses alberne Europa auch nicht eine entfernte Ahnung hat. Hier kann ich darüber sprechen, über fließendem Wafser. Sieben Jahre bin ich Schuler eines Einsiedlers gewesen. Dann hatte ich allerlei erlernt, Kunststücke unb Fertigkeiten, Blenbwerk ber ersten Stufe. Nach abermals sieben Jahren hatte ich bie zweite erklommen: die Erschauung. Und nach wieder sieben Jahren stand ich auf ber dritten: Versenkung und Gestaltung. Genug an bem für bich. Aus meinem Innern konnte ich Mächte rufen unb Gestalt werben lassen: gute unb böse, Götter unb Dämonen. Aus meinem Unbewußten gebar ich einen weiblichen Dämon, ben ich Belisa nannte. Wir lagen im Kampf, mein Geschöpf unb ich, es war das furchtbarste, grimmigste und gierigste Wesen, das je aus Gedanken hervorgegangen ist. Ich hatte meinen Meister übertreffen wollen, der sich nie an weibliche Dämonen gewagt hatte. Unbotmäßig, herrisch und zerstorungswutig wollte er mir nicht gehorchen. Unb eines Tages, in einem Augenblick ber Schwäch« übennanb er mich, er spaltete sich von mir ab unb entwich mir. Belisa verbarg sich hinter bem gelben Nebel, sie begann durch bie Welt zu schweifen, um sich an Unheil zu erfreuen. Es liegt etn Kloster mitten in ber tibetanischen Wüste, vom Sand halb verweht, bas Kloster Samye, bas auch bas Haus des Lebensobems genatpit wirb. Traumwanbelnbe Seelen, bie Ugs, lauern auf bie Seelen ©terbenber, angen sie unb bringen sie nach bem Kloster Sankara, zum Fraß für bie Singbogmos, bie Löwengesichter, die furchtbarsten Dämonen zwischen Himmel unb Hölle. Rings um das Kloster Samye ist die Nacht von Heulen, Schreien, Stöhnen und Klagen erfüllt. Es find die Schreie der gemarterten Seelen, die von den Löwengesichtern mit Stricken zerschnitten, in Mörsern zerstampft, mit glühenden Sägen zersägt, mit rostigen Messern zerfleischt werden."
Meine eigene Phantasie war ja im Reich der Hexen, Zauberer und Dämonen daheim. Klar lagen mir die Gipfel des Lebens im Licht ber Vernunft, ich konnte über den abgeschmackten Aberglauben ber Mönchs unb alten Weiber lächeln. Gott unb (eine Heiligen waren mir in manchen Stunden ein Uebereintommen ber Herrschenben, um bas Volk nieberzuhalten; ich machte mir nichts baraus, meine Himmel mit gefallsüchtigen unb wollüstigen Engeln zu bevölkern, für bie mir galante Schauspielerinnen als Mobell gebient hatten. Aber unter ben hochgelegenen Pfaden des Geistes, unter den Brücken von Gipfel zu Gipfel lagen, wie hier das schwarze Wasser unter der Manzcmaresbrücke, Abgründe des Grauens, dunkle Gestaltlosigkeiten des Daseins. Rauschen ber Finsternis, das, wenn es emporstieg, in meinen Blättern Leben gewann, Gelächter, Lästerung, Verneigung der Vernunft.
Was für eine verrückte Geschichte erzählte mir ber Doktor da, von Löwengesichtern unb begleichen Unsinn? Aber eben, weil biefe verrückte Geschichte jetzt in der Nacht doch eine unheimliche Macht über mich gewinnen wollte, hielt ich an meiner spöttischen Abwehr fest: „Du meinst also, die Calderana ist eigentlich ein Löwengesicht?"
Siebold zuckte die Achseln: „Nein, da ist nichts zu lachen! Ich möchte schwören, daß es so ist. Der Dämon, der mir entkommen ist, hieß Belisa. Aus Belisa ist Isabel geworden. Sie hat sich vielleicht des Körpers einer Sterbenden bemächtigt ..."
„Einer Sterbenden?" Seltsam traf mich dieses Wort. „Nun, wir sind immer von ihnen umlauert, lebend unb besonders im Tod. Sie warten nur auf einen Augenblick der Schwäche."
„Wie geht bas zu?"
„Ich kann bir nichts weiter fugen." Wir standen nicht mehr auf der Brücke über fließendem Wasser, wir gingen am Ufer stromaufwärts. „Es ist ein gelber Nebel da, den ich nicht durchdringe. Sie könnte sich mir nicht entziehen, wäre sie nicht Kraft von meiner Kraft. Aber hinter bem Nebel spüre ich ben löblichen Haß. Gegen mich, unb weil bu mein Freund bist, auch gegen dich. Ich bin in Sorgen um dich."
Hatte ich nicht ähnliches selbst verspürt? War es nicht klüger, sich darüber klar zu werden?
„Und nun schickt sie bich zu Napoleon nach Bayonne", sagte Siebold. „Ja!" gestund ich.
„Zeig mir ben Brief, den sie dir mitgegeben hat."
Nach kurzem Zögern reichte ich bem Freunb das versiegelte Schreiben, unb ber Doktor wog es in ber Hand.
„Wenn bu mir folgst, fo bleibst bu daheim", sagte er.
„Ich habe versprochen, zu reifen." ,
„Du kannst es bir überlegt haben, bu kannst krank geworden sein.
„Ich muh mein Versprechen halten."
„Du mußt? Du stehst unter einem Zwang, Francesco? Wodurch ba- sie dich dazu gezwungen?" ...
Alles hätte ich bem Freund sagen können. Nur dies, gerade dies nicyy darüber glaubte ich schweigen zu müssen. (Fortsetzung folgt.)


