Ausgabe 
21.6.1937
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957 Montag, -en 21. Juni Nummer 47

GOYA

UND DAS LÖWENGESICHT

ROMAN VON KAR!. HANS STROBL

2. Fortsetzung.

Während der ganzen Zeit, da Isabel von Spanien und Napoleon sprach, hatte ich mich im Hintergrund meines Bewußtseins mit jener alten Zeichnung beschäftigt. Mit ihr war ein Stück meiner Vergan­genheit lebendig geworden, ein Gespenst war aufgestanden und strich mit kühlem Hauch an mir vorüber. Und nun war es, als hätte diese Frau darum gewußt. Im Ton ihrer scheinbar gleichmütigen Bemer­kung lag etwas, das mich zittern machte. Ich mußte mir Zwang an­tun, um ein Wort zu sagen:Eine Jugendarbeit ... mit vielen Schwä­chen", brachte ich endlich hervor.

Und doch ein echter Goya", lachte Isabel,immer ist in so einem Gaya mehr darin, als dem oberflächlichen Blick scheinen mag. Immer etwas Zweites, Drittes, ein Geheimnis, ein Stück Schicksal."

Das Lächeln, das Isabel jetzt von der Zeichnung wegwandte, um es auf mich zu richten, war bedrohlicher als das Messer eines wü­tenden, gereizten Stierkämpfers. Diese Frau spielte nicht um irgend­eines belanglosen Einsatzes oder einfach um der Lust der Erregung willen, anstatt mit Karten mit politischen Dingen. Ich war mir dar­über klar, daß sie eine gefährliche Feindin sein konnte, ihr Lächeln kündigte Furchtbares an.

Wissen Sie", sagte Isabel,daß ich glaube, hinter das Geheimnis dieser Zeichnung gekommen zu sein? Ist es nicht, wenn Sie den Kopf neigen und sie seitlich betrachten, als ergäben diese Linien hier den Umriß eines Frauenkopfes?"

Ich nahm mich zusammen, um mich nicht durch das Zittern meiner Stimme zu verraten. Aber ich weiß nicht, ob es mir ganz gelungen ist, als ich fragte:Von wem haben Sie dieses Bild?"

Ich sagte es Ihnen schon: es ist ein Geschenk, das Geschenk einer Sterbenden. Ach einer armen beklagenswerten Frau, einer Unglück­lichen, die von ihrem elenden Verführer verlassen worden ist. Sie ist Nonne gewesen in einem römischen Kloster, Braut Christi, zum Schleier gezwungen, aber nun schon ganz mit ihrem Schicksal zufrieden, ergeben und himmelsnahe. Aber da kam ein Mann, einer von jenen Drauf­gängern, die glauben, überall ihre Beute machen zu können. Wie es zugegangen ist, weiß ich nicht, er sah ihre Jugend und Schönheit, machte sie dieser wieder bewußt und gewann sie zu Helfern. Sie willigte darein, sich von ihm entführen zu lassen. Aber wie es die Art solcher Schurken ist, war er ihrer nach kurzer Zeit satt und verließ sie. Sie stand auf der Straße schutzlos, preisgegeben, in Gefahr, gefangen und bestraft zu werden."

Woher wissen Sie das?" forschte ich, unfähig mich zu beherrschen und zu bedenken, was ich durch solche Anteilnahme preisgab.

Von ihr. Von der Sterbenden. Meine Eltern hatten ein kleines Landhaus bei Genua. Eines Morgens lag das sterbende Weib vor der Tür, zerlumpt, fiebernd, mit blutigen Füßen. Sie hatte sich zu Fuß aus­gemacht, um ihrem Geliebten zu folgen. Er soll ein Spanier gewesen sein. Bei uns ist sie gestorben. Ich war ein Kind damals und habe nicht viel von der ganzen Geschichte verstanden, erst später hat mir dann die Mutter alles erzählt."

Und dieses Bild?" fragte ich, in der Hoffnung, daß die beginnende Dämmerung meine Züge unkenntlich machen würde.

Sie hatte es zusammengerollt in einer Blechbüchse und trug es als einzigen kostbaren Besitz in ihrem Bündel bei sich. Mir, dem Kind, hat sie es geschenkt."

Und den Namen ... den Namen dieses Mannes hat sie nicht genannt?"

Ich sah von Isabel gegen das hellere Fenster nur den dunkeln Schattenriß. Sie stand unbewegt und ließ sich Zeit zur Antwort.Nein!" sagte sie dann ruhig. Und wieder nach einem Schweigen, in dem ich mich bemühte, mein heftiges Atmen zu unterdrücken:Sie hat wohl gewußt, daß sie seinen Namen nur zu nennen brauchte, um die Inqui­sition auf seine Fersen zu setzen. Mein Vater war so empört, daß er wohl dazu imstande gewesen wäre. Und die Kirche versteht ja keinen Spaß in solchen Dingen. Ein Raufhandel, eine Messerstecherei oder zwei, bei denen Menschen auf dem Platz bleiben was liegt daran? Nach ein paar Jahren fragt niemand mehr darnach. Aber die Kirche läßt nicht gerne etwas verjähren und ungesühnt. Eine Nonne ist aus dem Kloster entführt worden, und der Verbrecher ist bis heute seiner Strafe

entgangen. Die Inquisition hält solche Fälle in Vormerkung, und der Fall der Schwester Blandina liegt gewiß noch bei den offenen Akten. Sie würde noch heute zugreifen, wenn sie dahinterkäme, wer der Entführer gewesen ist."

Es war Feindschaft zwischen mir und dieser Frau, drohend hing ihr Wissen über mir, so viel war mir unzweifelhaft. Wie hatte die Pastrana gesagt, als sie mich hierherführte: ich würde es bedauern, wenn ich nicht käme!? So war das gemeint gewesen, jetzt verstand ich, wie das gemeint war. Aber ich fürchtete mich nicht vor einem anstürmenden Stier, nicht vor dem Messer eines Raufbolds, ich war auch nicht gesonnen, mich von dieser Frau ins Bockshorn jagen zu lassen.Die Franzosen haben die Inquisition abgeschafft!" sagte ich.

Isabel lachte:Halten Sie damit ihre Macht für gebrochen? Kennen Sie Spanien so schlecht?" Die silberne Kette, die Isabel um den Hals trug, klirrte leise, es war ein Kettenklirren, ganz leise, eine entfernte Mahnung.Noch eines hat uns die Sterbende anvertraut. Ihr Kind"

Ein Kind! Mein Gott, ein Kind war da, Schwester Blandina hatte dem Verführer, der sie ins Elend gebracht hatte, ein Kind geboren! Ich tat mir äußerste Gewalt an:Ein Kind?" fragte ich. ,

Ja ... sie hat einen Sohn geboren und das Kind vor einer Kirchen« tür ausgesetzt, um weiterwandern zu können."

Wo ist dieses Kind?"

Isabel hob die Achseln, ich sah die Gebärde vor dem hellen Fensterl Vielleicht ist es gestorben! ... Vielleicht lebt es noch ... Und sucht seine» Vater ..." fügte sie nach kurzem Schweigen hinzu.

Der ferne Knall eines Schusses schlug in Isabels letzte Worte.

Hören Sie, man schießt", sagte ich, froh darüber, ablenken zu können.

Es sind wohl unsere Leute, die nach den französischen Posten schießen« die vor Godoys Palast stehen. Das heißt vor dem, was von seinem Pa­last übrig geblieben ist, als ihn das Volk erstürmt und ausgeräumt hat- Ach, ich erzähle. Ihnen da alte Geschichten, die uns nichts angehen, und draußen schießen unsere Leute auf die Franzosen, oder die Posten schießen auf Spanier. Das sind die Dinge, die uns jetzt angehen« Ich dachte, Sie würden es begreifen und uns helfen."

Ich überlegte eine Weile, oh, ich wußte jetzt sehr genau, um was es für mich ging.Welche Botschaft soll Ferdinand überbracht werden?" fragte ich.

Haben Sie sich besonnen? Darf Spanien auf Sie rechnen?" sagts Isabel schnell.

Welche Botschaft soll ich Ferdinand bringen?", wiederholte ich.

Isabel tat ein paar Schritte zu dem kleinen Schreibtisch zwischen den Fenstern, zog eine Lade auf und nahm ein versiegeltes Schreiben her­aus.Diesen Brief. Und Sie sollen ihm mündlich noch seinen Inhalt einschärfen: auszuharren, auf keinen Fall sich Napoleon zu fügen und unter keinen Umständen abzudanken."

Gut, ich reife", sagte ich.

Morgen?" I

Morgen!"

Alle Heiligen seien mit Ihnen und die Wünsche des ganzen fpanU schen Volkes."

Im Allgemeinen halte ich Reue für ein unfruchtbares Gefühl und habe mich- ihrer zumeist zu erwehren gewußt. Nur an die Zeit meines römischen Aufenthaltes und die Dinge, die sich damals ereignet hatten« konnte ich nicht ohne ein gewisses Unbehagen denken, das mich unsicher machte und immer eine Verwirrung in mir zurückließ. Ich suchte des­halb Erinnerungen an jene Zeit möglichst zu vermeiden und riegelte fiel in meiner Seele ab wie einen gefährlichen Brandherd. Nun aber hatten die gefangenen Flammen ihre Hast durchbrochen und brannten sich qual­voll durch mein Gewissen.

Bilder haben ihr eigenes Leben wer wüßte das besser als ich und das Leben dieses heute wiedergefundenen Bildes schien darin zu bestehen, hervorzutreten und gegen mich zu zeugen.

Während ich mich noch jo mit meiner Vergangenheit herumschlug« sah ich mich plötzlich einer französischen Patrouille gegenüber. Sie tarn, Gewehr im Arm, in einer Kette über die ganze Straßenbreite von Go­doys halbzerstörtem Palast her.

Ganz Spanien war einmütig in der Verwünschung dieses Empor­kömmlings, der sich den Friedensfürften nennen ließ. Der ehemalige Leutnant des Gardekorps, der später für seine Leistungen als Liebhaber der Königin und angeblich zugleich auch Buhlknabe "des Königs zum Marquis von Alvarez und Herzog von Alcudiq erhoben worden war, und dem die Königin, um ihn dauernd zu fesseln, die Tochter des Jn- fanten Don Luis vermählt hatte, war für die Spanier, was das rote Tuch für die Toros ist. Er hatte die Geistlichkeit durch feine freisinnigen