In meiner Mutier Garten.
Von Hermann Claudius.
In meiner Mutter Garten eine Kastanie steht.
Wenn man darunter geht, breitet sie dunkel die Krone.
Durch die dunkle Krone weht ein heimlicher Wind. Ich fühle mich wieder Kind in meiner Mutter Garten.
In meiner Mutter Garten — ich vergaß seiner lang — singt ein heimlicher Sang aus der dunkelnden Krone.
In meiner Mutter Garten — wie das geschehen mag — ward mein Leben ein Schlag, ein einziger Stundenschlag unter der dunkeln Krone.
Schwetzingen.
Von Wilhelm Hausen st ein.
Die kleine Stadt, die „spargelberühmte", dient dem nicht minder berühmten Schloß, wie ein Vorsaal dem fürstlichen Audienzzimmer dient. So besitzt sie die Prägung der Residenzorte von Erlangen bis Ludwigsburg, von Mannheim bis Potsdam, von Alt-Karlsruhe bis Versailles. In diese Reihe der barocken Fürstenorte eingerückt, ist Schwetzingen wohlgeordnet, übersichtlich und von enthaltsam-bürgerlicher Devotion gegenüber der Hoheit. Schwetzingen ist im Stil des 17. und 18. Jahrhunderts „national" bis zur Nüchternheit. Ja ein wenig bezeugt es den Stil einer kasernierenden Siedlung: den Stil einer prunkios uniformierten Truppe, die vor dem Schloß in Reih und Glied steht als vor ihrem Obersten. Man verspürt auch den mathematischen Sinn des Zeitalters (wie Barock ja das Zeitalter der Kepler, Newton, Leibniz gewesen ist, ein Zeitalter großer Rechner, nicht bloß ein Zeitalter überschwänglich ausschwärmender Einbildungskraft); das Städtchen ist ein Stück barocker Planimetrie und barocker Neigung zum Schach. So steht es da, bescheiden, hellgrau, diszipliniert, und so ist es geeignet, das kurfürstliche Schloß Schwetzingen recht ins Relief zu heben. Das einzige Motiv der Ueppigkeit an diesem oder jenem Hause der kleinen Stadt: das schwere, gleichsam feiste kurfürstliche Wappen in bemaltem Stein über einer Tür. Es sieht aus wie eine vergoldete Epaulette an einem schlichten Waffenrock.
So glorreich wie das Bruchsaler Schloß wendet die Stadtseite des Schwetzinger Schlosses sich nicht her. Auch ist das Unbehagen, das man von der schier blutroten Farbe des Mittelbaues empfängt, erst zu überwinden — und überdies scheint das etwas laute Gelb der seitlichen Bauten dem unmittelbären Raumbild der Schloßgestalt einigermaßen Eintrag zu tun. Gleichwohl steht das Ganze kräftig gehalten in dem burgartig aufgemauerten Kernbau, herrschaftlich da; ist der Anblick nicht eben großartig, so ist er doch stark und gebieterisch.
Den Mittelbau durchschreitend erblickt man mit einemmal die geregelte Weite eines Schlohgartens, von dessen imponierender barocker Lagerung und Bereitung, Spreizung man sagen darf, sie suche in der Welt ihresgleichen! Ich für meine Person kann nicht finden, daß der Garten von Versailles eine dermaßen glückliche Wirkung tue. Einem Lernenden würde ich das Wesen des barocken Gartens nicht ohne Vorliebe gerade aus dem Schwetzinger Garten beweisen wollen: den kolonisierenden Stil barocker Gartenkunst; das in des Wortes kühnstem Sinn „Unternehmende" daran; das erstaunlich Produktive barocken Gartenbaues (der wirklich „Bau" ist); den Sinn des barocken Gartens für die Ebene, die, in geometrischer Figuration des Risses durchgebildet, das eigentliche Element dieses Kunstbereiches ist; und immer, immer wieder das Verlangen des Barockgartens nach „Dimenfionalität", nach einer Ausdehnung, die mit aller Bestimmtheit und Begrenztheit der Ordnung das Unendliche zu streifen scheint.
Die symmetrische Ordnung des Gartenparterres ist völlig klar und leuchtet ein. Noch die natürliche Freibeit der mächtigen Alleebäume zur Rechten und Linken hat an der barocken Ordnung teil, fast alle diese Bäume nehmen, vom Gärtner gezogen, über den Stämmen eine leierförmige Figur an.
Doch ist der Garten nicht nur auf die Klarheit der Ordnung gerichtet, sondern auf das Gegenteil: auf das Labyrinthische, aus die Ueberraschung. Mitten im großen Garten findet sich ein besonderer, mit Mauern umhegter Baumgarten. Es ist nicht ourchaus einfach, sich in diesem Verhältnis auszukennen; nicht durchaus einfach, aus diesem Sondergarten heraus- und hineinzukommen, wenigstens das erste Mal. In diesem erwärmten Geruch des Holzes und des Laubes, einem trockenen, herb- süßen Geruch, verlieren sich Gedanken, Sinne, Unterscheidungen.
sich mit dem starken, reinen und strengen Aroma des Buchses; die klmgen- )en Wasserstrahlen konzertieren; man fühlt sich in der Einsamkeit dieses Verstecks, in der auch die lebenden Tiere sonderbarer werden, wie in der Sphäre der Verzauberung. , ,
Dort erhebt sich über einer Anhöhe, deren Grund von Tunnels durchbohrt ist, ein antikischer Rundtempel. Die Gewölbe aus rohem Stein, die den Tempel tragen und mit labyrinthischen Gängen unterkellern, bezeugen die Vorliebe des Barocks zur werdenden Neigung des Rauhen, ja, zum Ruinenhaft-Romantischen; die werdende Neigung zum Verlassenen und Unheimlichen, das der mathematischen Uebersichtlichkeit des Gartenparterres als der andere Pol entgegensteht ... Von diesen Grotten fuhrt die Heimlichkeit der Wege mit magnetischem Zwang zum Badehaus des Sur« ürften, dem dieser Schloßgarten die Mitte seines Lebens gewesen ist; Carl Theodors, des Pfälzers. Die Initialen melden den Eigner und Lieb, Haber des Badehauses, C. T. Innen ist eine wahre Kostbarkeit. Fran- zösische Plafondmalereien entzücken, und Wandbilder von der Hand Ferdinand Kobells bewegen mit ihrer schlichten, unscheinbaren Tiefe das Gemüt, wie sie der Schönheit ihrer Malerei das Auge reizen, beschäftigen und erquicken.
Die Luft im weiten Schloßgarten ist heiß und still; noch ist es Sommer, und er liegt auf diesen Gründen, die einmal Sumpf gewesen sind, mit dem ganzen Gewicht seiner dumpfen Glut. Der Himmel droben steht silberblau auch mit Fliedertönen, Veilchentönen zwischen den Baumkronen, die gewaltig starren. Dann und wann kommt aus der Rheinebene ein leichter und lauer Windstoß herüber. Es ist so heiß, daß die Schläfen die Lauheit des Windes als wirkende Kühle empfinden. Die Bassins und die Kanäle sind mit olivbraunem Wasser gefüllt; es steht unbewegt; Schwäne ruhen schwimmend; um ihre unbewegten weißen Wunderleiber schießen ruckweise die funkelnden Libellen. Die Wasser sind mit kleinen Brücken überschlagen, die ein Ufer mit dem andern verbinden — aber sie sind wie Fallen, denn wenn man sie überschritten hat, ist man des Weges, den man sucht, noch ungewisser als vorher. Die kleinen Brucken heißen „chinesisch"; man könnte sie auch venezianisch nennen, denn wie die venezianischen Brücken den Weg, den sie zu erleichtern scheinen, in Wahrheit nur schwieriger machen, so sind die Brücklein im Schwetzinger Garten geeignet, das Labyrinthische noch mehr zu komplizieren, obwohl man meint, die Gartenlandschaft und ihre Ordnung vom Scheitel der Brückchen zu überblicken. So sieht man sie auf die Dauer lieber an, als daß man sie benützt. Aber freilich: sie wollen verwirren; sie sollen es. Auch dies gehört ja zum Wesen des Schwetzinger Gartens. Den Frauen, die an diesen Brücken vor anderthalb Jahrhunderten in reizender Verlegenheit Wege suchten, hat die Galanterie barocker Herren dann die Auskunft gewiesen, die beide finden wollten ... Helle Standbilder, Mythologien aus der schmückenden Hand des Verschaffelt, stehen wie Bäume in alleeartigen Reihen. Aus den Mündern steinerner Hirsche, die weih sind wie Marmor, springen kühlende Brunnen in starkem Strahl. Am Boden, halb im Baumschatten, halb im Licht, schimmert und funkelt die Lackfarbe des Immergrüns. In den Nutzgärten, die an den herrschaftlichen Lurusbezirk des Schloßgartens anstoßen, Zonen des Fleißes, der mühsamen Arbeit, blinken die Blätter der sorgsam gepflegten Obstbäume und wuchern die erlesenen Gemüse. *
Vielleicht wird uns eines Tages bewiesen werden, daß die Gotik des Mittelalters mit jenen Westgoten zu tun hatte, die an der Baukunst der spanischen Sarazenen die ersten gespitzten Bogen sehen mochten. Vielleicht wird eines Tages einläßlicher gezeigt sein als jetzt, wieviel das Barock der Levante zu danken hat. Es ist sicher, daß die Barocken das Erotische geliebt haben, und aus dieser Liebe der Barocken hebt sich mitten im Schwetzinger Garten — eine Moschee! Da steht sie. von Carl Theodor besohlen, mit zwei Minaretts und den halben Monden, die das Zeichen der Muselmänner sind! Da steht sie mit den Kielbogen der islamischen Baukunst und mit Sprüchen morgenländischer Weisheit. „Wegen der Rose begießt man die Dornen." „Ein Laster der Weisen gilt für tausend." „Erwirb dir Gold, soviel du brauchst, und Weisheit, soviel du vermagst." „Einsamkeit ist besser als böse Gesellschaft." Wir dürfen nicht daran zweifeln, daß die Barocken in ihrer exotischen Wendung einen mitent- fcheidenden Teil ihres Wesens verwirklicht haben. Freilich: nahe der Moschee verwirklicht das Barock, dessen Herrscher golden waren wie das Morgenland und üppig wie Asien, einen anderen, nicht minder entscheidenden Teil seines Wesens in einem kleinen antikischen Minerva- tempel. Aber keiner dieser Bauten, weder der antike noch der islamische, ist in dieser Sphäre des oberrheinischen Sommers unwahrscheinlich.
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Am Rückweg vermißt man von Schritt zu Schritt die Gartenseite des Schlosses. Es ist eine ruhige Schauseite. Die Ockerflächen sind rötlich gerahmt; das Schieferdach, zum Teil barock gewellt, steht darüber mit mattblinkendem Dunkelgrau. Rechts und links greifen Bogen aus: Zirkelviertel, niedrig, eingeschlossen, in Ocker und Steinrot und am barocken Dach mit Schiefer gedeckt. Das Schloß ist auch auf dieser Seite einer zu sich selbst sprechenden, sich selbst fühlenden Repräsentation ziemlich einfach; aber es ist zumal auf dieser Seite schön. Im Innern fast bürgerlich schlicht, atmet es doch heute noch seine — man darf wohl sagen — weltgeschichtliche Bedeutung. Es hat neben Versailles und Aranjuez, neben Saint- Cloud, Sanssouci, Schönbrunn und Nymphenburg seine Rolle gespielt: von dem ehrgeizigen Friedrich V. an bis über den pompösen Earl Tbeodor hinaus, und eine Aufführung in dem angeschlossenen köstlichen Barocktheater möchte man um 1750 wohl erlebt haben.
Aber dies ist noch nicht das ganze Schwetzingen. Die letzten Umwege gelten fc?m Grab des geliebten Johann Peter Hebel, der, badischer Prälat und Gymnasiarch, in dieser Stadt, im Bereich dieses Schlosses am 22. September 1826 auf einer beruflichen Fahrt gestorben ist.
Die Dinge sind im Parkbezirk absichtlich versteckt. So findet man die „Voliere": das Freiluft-Vogelhaus mit dem leichten Kranz wasserspeiender Vogelbilder droben in der Höhe; der dumpfe Brodem der Tiere mischt
Verantwortlich. Dr. Hans Thyriot — Druck und Verlag: Drühl'sche Univerlitäts-Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Giebe«.


