Ausgabe 
21.5.1937
 
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Löwenzahn.

Von Josef Weinheber.

Keine Vase will dich. Keine Liebe wird durch dich erhellt. Aber deines Samens reine weiße Kugel träumt wie eine Wolke, wie der Keim der Welt.

Lächle! Fühl dich gut gedeutet! Blüh! So wird aus Schweigen Huld. Bitt re Milch und Flaum, der gleitet: O, nicht Haß den Himmel weitet Weisheit. Stillesein. Geduld.

Wärst du auf der Höh geboren, ferne, selten, früh empor: Teilnahmslosem Gang der Horen blühtest ruhmvoll, unverloren, groß, dein Wunder vor.

Der Schwalbenschwanz.

Von Georg von der Bring.

Jedes Jahr, sobald Rosina zur Tante Kahlbek in die Ferien kam, erblickte sie hinter der Hecke einen Knaben. Sie lief den Kiesweg hinunter, bog die Fliederbüsche auseinander, und schon, als ob er auf sie gewartet hätte, stand er da.

Der Knabe hieß Biktor. Rosina fand ihn wunderschön. Sie hatte ihn ein ganzes Jahr lang nicht vergessen, nicht ihn und vor allem seinen prächtigen Matrosenanzug nicht. Die Jacke war blau und hatte goldene Knöpfe. Auf dem Aermel zeigte sich ein gelb gestickter Anker. Die Mütze schmückte ein schwarzes Seidenband, auf dem über der Stirn eine goldene Schrift zu lesen war, und das hinterm Kopfe auf dem Kragen niederhing.

Viktor seinerseits bewunderte Rosina. Sie war so flink, und sie wußte die schönsten Spiele; außerdem konnte sie schwatzen wie eine Starenmutter. War er bei ihr, so brauchte er nur feine Mützenbänder flattern zu lassen, das andere besorgte diese Rosina schon selbst.

In jenem Sommer waren die Kinder acht Jahre alt. Sie spielten Verstecken oderVater und Mutter". Zuweilen pflückten sie sich Blumen von den Beeten, verteilten sie auf die Gartenstühle, und nun begann das Spiel: Lehrer und Schulinspektor. Alle Blumen hatten Menschen­namen bekommen und waren kleine Schüler geworden. Rosina war Schulinspektor und Viktor der Lehrer.

Aber die hübschen kleinen Schüler wurden, da ihnen der Unterricht zu lange dauerte, schlaff und krank. Und manchmal geschah es, daß Tante Kahlbek in den Garten geschnauft kam und wegen der abgepflückten Blumen schalt. Sie sagte mit ihrer rauhen Stimme:

Elendig ermordet habt ihr sie!"

Alsdann raffte sie die Blumen zusammen und nahm sie mit; sie würde sie drinnen im Haus in eine Vase stellen. Tante Kahlbek war eine Lehrerswitwe und konnte keine Unordnung leiden.

Rosina und Viktor waren dann eine Zeitlang recht betrübt. Sie schlichen sich davon und warteten, bis Tante Kahlbek den Garten wieder verlassen hatte. Dann gingen sie ins Gartenhaus. Sobald man dort Platz genommen hatte, gab es für Rosinas Zunge kein Halten mehr. Viktor hörte ihr gern zu.

Wovon erzählte Rosina? Von den Leuten in ihrem Dorfe, wo sie auf­wuchs. Waren das seltsame Leute dazuland! Da gab es den blinden Geerd, der die Fiedel spielen konnte, und die Schneiderin Lina, die mit dem Revolver in ihren Schrank schoß, um die Geister zu beschwören. Am unheimlichsten aber wurde es, wenn Rosina von Peter Hunzelmann erzählte, der ihres Vaters Okuliermesser gestohlen hatte, und von dem sie grausigerweise behauptete, daß er sicherlich einmal in ein Gefängnis kommen würde. Erwähnte sie bann noch den verrückten Heinrich, der sich einen Besenstiel zwischen die Beine klemmte und sich einbildete, auf einem Baluziped" zu fahren, so wurde es dem Viktor doch zu bunt. Vielleicht rauschte es ihm auch schon in den Trommelfellen vor lauter Gespräch. Jedenfalls, er stand auf und rief:

Alles ist gelogen!"

Und dann lief Rosina davon, ins Haus, zu Tante Kahlbek, und sie weinte vor Erbitterung, weil sie nichts als die lautere Wahrheit ge­sprochen hatte; und sie schwor sich, nie wieder an die Fliederbusche zu gehen und nie mehr den blauen Matrosen zum Spielen herüberzuholen. Am nächsten Morgen aber hatten die Zwei den Streit vergessen.

Eines Tages fanden die Kinder eine braune Schmetterlingspuppe, eine wahre Wundergestalt, zum Fürchten groß und spitzig. Viktor ge­traute sich nicht, sie zu berühren. Aber Rosina, die schon Frösche und Hirschkäfer angefaßt hatte, trug sie auf ihrer Handfläche. Als Tante Kahlbek durch den Garten kam, zeigte sie ihr die Puppe. Die Tante schnaufte begeistert und ließ sich das braune Wesen abliefern. Sie erklärte den Kindern, daraus würde einmal ein Schmetterling.

Rosina und Viktor durften zufchauen, wie die Puppe in ein Ein­macheglas gesperrt und das Glas im Gartenhaus auf die Fensterbank gestellt wurde. Die^ante sagte ihnen voraus, daß die Puppe demnächst in allen Farben schillern würde. Sobald das geschähe, wäre es Zeit, achtzugeben, denn dann käme der Schmetterling zum Vorschein. Damit er nicht davonfliegen konnte, verschloß Tante Kahlbek bie. Deffnung bes Glases mit Papier; alsbann burchlächerte sie bas Papier mit einer Radel zu einem Sieb, denn die Puppe brauchte ja Luft. Den Schmetter­ling, erklärte sie den Kindern weiter, wenn er erst heraus wäre, würde man mit Schwefel töten und dann auffpannen. Kluge Kinder wurden daran zu lernen misten. ,

Rosina und Viktor hatten schon aufgespannte Schmetterlinge gesehen, sie befanden sich in Kasten und leuchteten so bunt, als wären sie noch

am Leben. Viktor glaubte zwar nicht daran, daß in einer fo häßlichen Hulse em Schmetterling stecken sollte. Aber Rosina wußte es besser.

Die Tage gingen. Die Puppe rührte sich nicht. Dann, an einem klaren Morgen, als die Kinder ins Gartenhaus kamen, hatte sie über Nacht eme blaurot!uf)e Färbung angenommen; zum Fürchten sah sie aus; und es schien, als bewegte sie sich ein wenig.

«vJRotyla [e^te s'ch.auf die Bank und schaute zu. Ihr klopfte das Herz. Biktor stand neben ihr. Seine seidenen Mützenbänder hingen unbeachtet nieder. Er wartete, was Rosina sagen würde.

2ll>er sie sprach diesmal nicht, sie schaute nur; so schaute auch er. Unb plötzlich sahen die Kinder, wie an der Puppe eine Deffnung entstand und etwas zum Vorschein kam. Es war ein Köpfchen mit Fühlern.

Er beißt sich durch", sagte Rosina.

Sie beobachteten weiter. Minuten gingen hin, ein Stück Jugend, lang wie eine Ewigkeit, rann vorüber, und der Wind rauschte in den Garten­sträuchern, und die Kinder schwiegen und hielten den Atem an. Unb bann sahen sie, wie sich der Schmetterling, ein langgestrecktes helles Wesen, herausarbeitete. Unb noch einmal eine Ewigkeit und eine lange Stille; bann war er frei von feiner Hülfe, und nun rührte er die zerfalleten fylügel, ganz zaghaft ... Plötzlich fiel Rosina die Tante ein, und sie lief ms Haus, sie zu holen, denn dieses Wunder hätte sie allen Menschen zeigen mögen.

Nach einer Weile kam Tante Kahlbek herausgeschnauft. Sie sah den fertigen Schmetterling, erklärte den Kindern, daß es ein Schwalben­schwanz geworden fei, und daß sie jetzt rasch Schwefel holen würde, um ihn zu ersticken. Damit begab sie sich ins Haus zurück.

Kann man ihn denn mit Schwefel totmachen?" fragte Viktor un­gläubig.

Rosina nickte. Sie sah jetzt, wie der Falter seine Flügel glättete. Die waren gelb wie Schwefel, und lauter schwarze Streifen durch zo gen sie- Auch einen blauen Punkt gab es auf ihnen und sogar einen roten.

Immer beweglicher wurde der schöne Schwalbenschwanz. Viktor fragte, ob Schwefel Gift sei. Rosina nickte. Ihre Mutter pflegte ihn beim Einmachen der Gartenfrüchte zu brauchen. Sie dachte nach. Ihr war erst eingefallen, baß er ja außerdem noch auf eine Nadel gespießt werden sollte, der Schwalbenschwanz. Sie kannte diese schönsten Schmetterlinge von den Wiesen ihrer Heimat her. Ihr war, nun sie den Neugeborenen ansah, als sei er ihr schon einmal begegnet. Schwalbenschwanz ... sie wartete jetzt nur noch daraus, daß er seine hübschen kleinen Schwänze an den hinteren Flügeln nach links unb nach rechts ausstrecken würde, sie wartete ... unb jetzt geschah es: er breitete fein gelb und schwarz ge­zeichnetes Flügelpaar aus unb wiegte es samt den beiden Schwänzen, dem blauen Punkt und dem roten Punkt. Seine volle Schönheit ward offenbar.

Kommt sie jetzt mit ihrem Schwefel?" fragte Viktor ungeduldig und spähte zum Hause hinüber.

Noch nicht", erwiderte Rosina zornig. Sie soll überhaupt nicht kommen, du!"

Ihr war, als hätte sie Schwefeldampf im Munde, und als müßte sie husten. Das beste würde sein, wenn Tante Kahlbek inzwischen krank- ge­worden wäre und gar nicht mehr käme, und man dürfte den Falter behalten und ihn lebendig, wie er war, sich wiegen lasten.

Sie hatte Angst vor Tante Kahlbek. ÜBenn sie nun käme und Rosina ausschetten müßte? Das würde arg fein! Warum aber sollte sie schelten? Da Rosina doch nichts Schlimmes getan hatte!

Plötzlich ergriff sie das Glas mit beiden Händen, drückte es gegen die Brust und lief davon, zu den Fliederbüschen hinüber. Viktor folgte ihr. Sie versteckten sich unter den tiefen Zweigen und fetzten sich nieder. Hier war es wie in einer grünen Höhle.

Sie lauschten Nach war nichts von der Kahlbek zu hören. Vielleicht mar ihr der Schwefelfaden ausgegangen, unb sie mußte erst neuen besorgen? Die Zeit ging hin, eine Ewigkeit nach ber anderen Rosina stellte bas Glas auf ben Boden Sie drückte das Gesicht ins vorjährige Laub und sah, daß der Schwalbenschwanz zu Hügeln versuchte.

Wollen wir ihn lieber selbst totmachen?" erkundigte sich Viktor. Wie dumm du bist!" schalt Rosina den prächtigen Matrosen.

Noch schöner als dieser Matrose erschien ihr der Falter, nur kleiner..« fo klein und fo leicht war er wie ein buntbemalter Windhauch.

Wie dumm du bist!" wiederholte sie nach einer Weile.

Jetzt löste sie die Papierdecke vom Glas und legte ihre Hände auf dir Oefsnung. Noch stand die große Tante Kahlbek in einem Winkel ihres Kopfes, noch hatte Rosina ein wenig Angst. Dann schwand auch dieser Rest von Angst dahin. Sie hob die Hände vom Glas und gab die Deffnung frei. Der Schwalbenschwanz hätte fortfliegen können. Aber er tat es nicht. Vielleicht dachte er an die Kahlbek. Und auch Rosina dachte wieder an sie und deckte rafch beide Hände auf die Deffnung und begann zu schluchzen. Sie meinte leise, nur Viktor härte das leise Mückengesumm ihrer Stimme. Er ahnte, roarum sie meinte. Töten mollte sie den Falter mohl nicht. Wenn aber die Tante kam, mürbe sie bestimmt Schelte be­kommen. Dafür fürchtete sich ber Matrose. Er schlich sich, ohne ein Wort zu sagen, durch die Büsche davon, in den elterlichen Garten hinüber.

Rosina mar allein. Die Tränen liefen ihr über die Backen und kitzelten sie. Plötzlich hatte sich der Falter unter ihre Hand gesetzt, und dies kitzelte auch und noch viel mehr als die Tränen. Und roeil es sie so sehr kitzelte, hob sie die Hände, und an ihren Händen hob sie ihn aus dem Glase heraus. Er hing wie ein heller Schmuck. Er ließ sich von Rosinas Hand fallen. Er kreiselte vor ihrem Gesicht wie eine kleine Wind­mühle. Darauf, als traute er seinen Flügeln noch nicht, setzte er sich an eins ihrer Löckchen, Rosina ließ ihre feuchten Augen zur Seite gehen, sie sah ihn nahe vor sich und sah seine kleinen stolzen Schwänze; und sie bewegte sich nicht. Sogleich aber schwebte er mit einem einzigen Flügel­schlag ins Grün der Fliederzweige hinauf, tuschelte ein wenig zwischen den Blättern und war verschwunden.

Einmal aber wird die Tante Kahlbek kommen. Was wirst du ihr bann sagen, kleine Rosina?