Herz. „Aber, offen gestanden, nach mancher andern Seite hin ist mir dieser Moscheles nicht sehr sympathisch. Er faßt seinen Stock so sonderbar an, und schlenkert auch so."
„3a, so was muh man unter Umständen mit in den Kauf nehmen. Und dann heißt es ja auch, der Major von Stechlin habe mehr oder weniger einen philosemitischen Zug."
„Den hat der Major von Stechlin auch wirklich, weil er Unchristlichkeiten nicht leiden kann und Prinzipienreitereien erst recht nicht. Ich gehöre zu denen, die sich immer den Einzelfall ansehn. Aber freilich, mancher Einzelfall gefällt mir nicht. So zum Beispiel der hier mit dem neuen Doktor. Und auch mein alter Baruch Hirschfeld, den der Herr Superintendent mutmaßlich kennen werden, auch der gefällt mir nicht mehr so recht. Ich hielt große Stücke von ihm, aber — vielleicht daß sein Sohn Isidor schuld ist — mit einemmal ist der Pferdefuß rausgekommen."
„Ja", lachte Koseleger, „der kommt immer mal raus. Und nicht bloß bei Baruch. Ich muh aber sagen, das alles hat mit der Rasse viel, viel weniger zu schaffen als mit dem jeweiligen Beruf. Da war ich eben bei der Frau von Gundermann ..."
„Und da war auch so was?"
„In gewissem Sinne, ja. Natürlich ein bißchen anders, weil es sich um etwas Weibliches handelt. ,Stütze der Hausfrau.' Und da bändelt sich denn leicht was an. Eben diese .Stütze der Hausfrau' war bis vor kurzem noch Erzieherin, und mit Erzieherinnen, alten und jungen, hat's immer einen Haken, wie mit den Lehrern überhaupt. Es liegt im Beruf. Und der Seminarist steht obenan."
„Ich kann mich nicht erinnern", sagte Dubslav, „in unserer Gegend irgendwas gröblich Verletzliches erlebt zu haben."
„O, ich bin mißverstanden", beschwichtigte Koseleger und rieb sich mit einem gewissen Behagen seine wohlgepflegten Hände. „Nichts von Vergehungen aus erotischem Gebiet, wiewohl es bei den Gundermanns (die gerade in diesem Punkte viel heimgesucht werden) auch diesmal wieder, ich möchte sagen diese kleine Nebenform angenommen hatte. Nein, der große Seminaristenpferdefuh, an den ich bei meiner ersten Bemerkung dachte, trägt ganz andere Signaturen: Unbotmäßigkeit, Ueberschätzung und infolge davon ein eigentümliches Bestreben, sich von den Heilsgütern loszulösen und die Befriedigung des inneren Menschen in einer falschen Wissenschaftlichkeit zu suchen."
„Ich will das nicht loben; aber auch solche .falsche Wissenschaftlichkeit' zählt, dächt ich, in unserer alten Grafschaft zu den allerseltensten Ausnahmen.
„Nicht so sehr, als Sie vermuten, Herr Major, und aus Ihrer eigenen Stechliner Schule sind mir Klagen kirchlich gerichteter Eltern über solche Dinge zugegangen. Allerdings Altlutheraner aus der Globsower Gegend. Indessen, so lästig diese Leute zuzeiten sind, so haben sie doch andrerseits den Ernst des Glaubens und sinden, wie sie sich in einem Skriptum an mich ausgedrückt haben, in der Krippenstapelschen Lehrmethode diesen Ernst des Glaubens arg vernachlässigt."
Dubslav wiegte den Kops hin und her und hätte trotz allen Respekts vor dem Vertreter einer kirchlichen Behörde wahrscheinlich ziemlich scharf und spitz geantwortet, wenn ihm nicht alles, was er da hörte, gleichzeitig in einem heiteren Licht erschienen wäre. Krippenstapel, sein Krippenstapel, er, der den Alten Fritzen so gut wie den Katechismus, aber den Katechismus auch reichlich so gut wie den Alten Fritzen kannte, — Krippenstapel, sein großartiger Bienenvater, fein korrespondierendes Mitglied märkischhistorischer Vereine, die Seele seiner „Museums", sein guter Freund, dieser Krippenstapel sollte den „Ernst des Glaubens" verkannt haben, bei ihm sollte der Seminaristenhochmut zu gemeingefährlichem Ausbruch gekommen sein. Wohl entsann er sich, in eigenster Person (was ihn in diesem Augenblick ein wenig verstimmte) gelegentlich sehr Aehnliches gesagt zu haben. Aber doch immer nur scherzhaft. Und wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht mehr dasselbe. Traf dieser Satz je zu, so hier. Er erhob sich also mit einiger Anstrengung von seinem Platz, ging auf Koseleger zu, schüttelte ihm die Hand und sagte: „Herr Superintendent, so wie Sie's da sagen, so kann es nicht fein. Von richtigen Altlutheranern gibt es hier überhaupt nichts, und am wenigsten in Globfow; die glauben sozusagen gar nichts^ Ich wittere da was von Intrige. Da stecken andere dahinter. Bei meinem alten Baruch ist der Pferdefuß rausgekommen, aber bei meinem alten Krippenstapel ist er nicht rausgekommen und wird auch nicht rauskommen, weil er überhaupt nicht da ist. Meinen alten Krippenstapel, den kenn ich."
Koseleger, Weltmann, wie er war, lenkte rasch ein, sprach von Kon- ventiklerbeschränktheit und gab die Möglichkeit einer Intrige zu.
„Natürlich wird es einem schwer, in diesem Erdenwinkel an derlei Dinge zu glauben, denn .Intrige' zählt ganz eminent zu den höheren Kulturformen. Intrige hat hier in unserer alten Grafschaft, glaub ich, noch keinen Boden. Aber anderseits ist es doch freilich wahr, daß heutzutage die Verwerflichkeiten, ja selbst die Verbrechen und Laster, nicht bloß im Gefolge der Kultur austreten, sondern umgekehrt ihr voran- f(breiten, als beklagenswerte Herolde falscher Gesittung! Bedenken Sie, was wir neuerdings in unfern Aequakorialprovinzen erlebt haben. Die Zivilisation ist noch nicht da, und schon haben wir ihre Greuel. Man erfcbnuert, wenn man davon lieft, und freut sich der kleinen und alltäglichen Verhältnisse, in die der Wille Gottes uns gnädig stellte."
Nach diesen Worten, die was von einem guten Abgang hatten, erhob sich Koseleger, und der Alte, seinerseits feinen Arm in den des Superintendenten einhakend, „um sich", wie er sagte, „auf die Kirche zu stützen", begleitete feinen Besuch bis wieder auf die Rampe hinaus und grüßte noch mit der Hand, als der Wagen fchon über die Bohlenbrücke fuhr. Dann wandte er sich rafch an Engelke, der neben ihm stand, und sagte:
„Engelke, schade, daß ich mit dir nicht wetten kann. Lust hätt ich.
(teilte kommt noch wer, du wirst es sehn. Eine Woche lang läßt sich
keine Katze blicken, aber wenn unser Schicksal erst mal nen Entschluß
aefaßt hat, dann kann es sich auch wieder nicht genug tun. Man ge-
’innt dreimal das große Los, oder man stößt sich dreimal den Kopp.
'"tb immer an derselben Stelle."
Es schlug zwölf, als Dubslav vom Portal her wieder den Flur passierte. Dabei fah er nach dem Hippenmann hinauf und zählte di« Schläge. „Zwölf", jagte er, „und um zwölf ist alles aus, und dann fängt der neue lag. Es gibt freilich zwei Zwölfen, und die Zwölf, die da oben jetzt schlägt, das is die Mittagszwölf. Aber Mittag! ... Wo bist du, Sonne, geblieben!" All dem weiter nachhängend, wie er jetzt öfter tat, kam er an feinen Kaminplatz und nahm eine Zeitung in die Hand. Er sah jedoch kaum drauf hin und beschäftigte sich, während er zu lesen schien, eigentlich nur mit der Frage, „wer wohl heute noch kommen könne", und dabei neben andren Personen aus seiner Umgebung auch an Lorenzen denkend, tarn er zu dem Schluhresultat, daß ihm Lorenzen „mit all seinem neuen Unsinn" doch am Ende lieber sei als Koseleger mit feinen Heilsgütern, von denen er wohl zwei-, dreimal gesprochen hatte. „Ja, die Heilsgüter, die find ganz gut. Versteht sich. Ich werde mich nicht so verfllndigen. Die Kirche kann was, is was, und der alte Luther, nu, der war fchon ganz gewiß was, weil er ehrlich war und für feine Sache sterben wollte. Nahe dran war er. Eigentlich kommt's doch immer bloß darauf an, daß einer sagt: .Dafür sterb ich'. Und es dann aber auch tut. Für was, is beinah gleich. Daß man überhaupt fo was kann, wie sich opfern, das ist das Große. Kirchlich mag es ja falsch sein, was ich da so sage; aber was sie jetzt .sittlich' nennen (und manche sagen auch .schönheitlich', aber das is ein zu dolles Wort), also was sie jetzt sittlich nennen, so bloß auf das hin angefehn, da is das persönliche Sicheinsetzen und Fürwassterbenkönnen und -wollen doch das Höchste. Mehr kann der Mensch nicht. Aber Koseleger. Der will leben."
Und während er noch vor sich hin seinen Faden spann, war sein gutes, altes Faktotum eingetreten, an das er denn auch ohne weiteres und bloß zu feinem Ergötzen die Frage richtete: „Nich wahr, Engelke?"
Der aber hörte gar nichts mehr, fo sehr war er in Verwirrung, und stotterte nur aus sich heraus: „Ach Gott, gnädger Herr, nu is es doch so gekommen."
„Wie? Was?"
„Die Frau Gemahlin von unjerm Herrn Oberförster ..."
„Was? Die Prinzessin?"
„Ja, die Frau Katzler, Durchlaucht."
„Alle Wetter, Engelke ... Da haben wir's. Aber ich hab es ja gejagt, ich mußt es. Wie so'n Tag anfangt, fo bleibt er, so geht es weiter ... Und wie das hier durcheinanderliegt, alles wie Kraut und Rüben. Nimm die Zudecke weg, ach was Zudecke, die reine Pferdedecke; wir müssen eine andre haben. Und nimm auch die grünen Tropfen weg, daß es nicht gleich ausfieht wie ne Krankenstube ... Die Prinzessin ... Aber rasch, Engelke, flink ... Ich lasse bitten, ich lasse die Frau Oberförsterin bitten."
Dubslav rückte sich, so gut es ging, zurecht; im übrigen ober hielt er's in feinem desolaten Zustande doch für besser, in seinem Rollstuhl zu bleiben, als der Prinzessin entgegenzugehn oder fie durch ein Sicherheben von seinem Sitz mehr oder weniger feierlich zu begrüßen. Ermyn- ttud paßte sich seinen Intentionen denn auch an und gab durch eine gemessene Handbewegung zu verstehen, daß sie nicht zu stören wünsche. Gleich danach legte fie den rechten Arm auf die Lehne eines nebenstehenden Stuhles und sagte: „Ich komme, Herr von Stechlin, um nach Ihrem Befinden zu fragen; Katzler (fie nannte ihn, unter geflissentlichster Vermeidung des allerdings plebejen „mein Mann", immer nur bei seinem Familiennamen) hat mir von Ihrem Unwohlsein erzählt und mir Empfehlungen aufgetragen. Ich hoffe, es geht besser."
Dubslav dankte für so viel Freundlichkeit und bat, das um ihn her herrschende Uebermaß von Unordnung entschuldigen zu wollen. „Wo die weibliche Hand fehlt, fehlt alles." Er fuhr so noch eine Weile fort, in allerlei Worten und Wendungen, wie fie ihm von alter Zeit her geläufig waren; eigentlich aber war er wenig bei dem, was er sagte, sondern hing ausschließlich an dem halb Nonnen-, halb Heiligenbildartigen ihrer Erscheinung, das durch einen großen, aus mattweißen Kugeln bestehenden Halsschmuck samt Elfenbeinkreuz noch gesteigert wurde. Sie mußte jedem, auch dem Kritischsten, auffallen, und Dubslav, der — so sehr er dagegen ankämpst« — ganz unter der Vorstellung ihrer Prinzessinnenschast stand, vergaß auf Augenblicke Krankheit und Alter und fühlte sich nur noch als Ritter seiner Dame. Daß sie stehenblieb, war ihm im ersten Augenblicke störend, bald aber war es ihm recht, weil ihm einleuchtete, daß ihr „Bild" erst dadurch zu voller Wirkung kam. Ermynttud selbst war sich dessen auch voll bewußt und Frau genug, auf diese Vorzüge nicht ohne Not zu verzichten.
„Ich höre, daß Doktor Spanholz, den ich als Arzt sehr schätzen gelernt habe, seine Kranken, während er in Pfäffers ist, einem jungen Stellvertreter anvertraut hat. Junge Aerzte sind meist klüger als die alten, aber doch weniger Aerzte. Man bringt außerdem dem Alter mehr Vertrauen entgegen. Alte Doktoren sind wie Beichtiger, vor denen man sich gern offenbart. Freilich können sie den geistlichen Zuspruch nicht voll ersetzen, der in jeder ernstlichen Krankheit doch das eigentlich Heilsame bleibt. Aerzte selbst — ich hab einen Teil meiner Jugend in einem Diakonissenhause verbracht — Aerzte selbst, wenn fie ihren Beruf recht verstehn, urteilen in diesem Sinne. Sogenannte Medikamente sind und bleiben ein armer Notbehelf; alle wahre Hilfe fließt aus dem Wort. Aber freilich, das richtige Wort wird nicht überall gesprochen."
Dubslav sah etwas unruhig um sich her. Es war ganz klar, daß die Prinzessin gekommen war, seine Seele zu retten. Aber woher kam ihr die Wissenschaft, daß seine Seele dessen bedürftig sei? Das verlohnte sich doch in Erfahrung zu bringen, und so bezwang er sich denn und sagte: „Gewiß, Durchlaucht, das Wort ist die Hauptsache. Das Wort ist das Wunder; es läßt uns lachen und meinen; es erhebt uns und demütigt uns, es macht uns krank und macht uns gesund. Ja, es gibt uns erst das wahre Leben hier und dort. Und dies letzte höchste Wort, das haben wir in der Bibel. Daher nehm ich's. Und wenn ich manches Wort nicht verstehe, wie wir die Sterne nicht verstehn, so haben wir dafür die Deuter."
(Qortjefcung folgt.)


