Ausgabe 
21.5.1937
 
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GiehenerKmnlienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1937 Zreitag, den 21. Mai Nummer 38

Der «Stechlin

Roman von Theodor Fontane

31. Fortsetzung.

Aber trotzdem eine tolle Geschichte, dies Pfäffers. Soweit es nämlich als Bad in Betracht kommt, ist es nichts als ein Felsenloch, ein großer Backofen, in den man hineingeschoben wird. Und da hockt man denn, wie die In­dianer hocken, und die Dämpfe steigen siedeheiß von unten herauf. Wer da nicht wieder zustande kommt, der kann überhaupt einpacken. Uebrigens will ich für meine Person gleich mit hineinkriechen. Denn das darf ich wohl sagen, wer so fünfunddreißig Jahre lang durch Kreis Gransee hin und her kutschiert ist, mitunter bei Ostwind, der hat sich sein Glieder­reißen ehrlich verdient. Sonderbar, daß der Hauptteil davon auf meine Frau gefallen ist."

Ja, Spanholz, in einer christlichen Ehe ..."

Freilich, Herr Major, freilich. Wiewohl das mit .christlicher Ehe' auch immer bloß soso ist. Da hatten wir, als ich noch Militär war, einen Kompaniechirurgus, richtige alte Schule, der sagte, wenn er von so was hörte: ,Ja, christliche Ehe, ganz gut, kenn ich. Js wie Schinken im Burgunder. Das eine is immer da, aber das andere fehlt.'"

Ja", sagte Dubslav,diese richtigen alten Kompaniechirurgusse, die hab ich auch noch gekannt. Blutige Zyniker, jetzt leider ausgestorben ... Und in solchem Pfäfferschen Backofen wollen Sie sechs Wochen zu­bringen?"

Nein, Herr von Stechlin, nicht so lange. Bloß vier, höchstens vier. Denn es strengt sehr an. Aber wenn man nu doch mal da ist, ich meine in der Schweiz und da herum, wo sie stellenweise schon Italienisch sprechen, da will man doch schließlich auch gern in das gelobte Land Italia hineingucken. Und da haben wir denn also, meine Frau und ich, vor, von diesem Psäffers aus erst noch durch die Biatnala zu fahren, den Splügen hinauf oder auf irgendeinen andern Paß. Und wenn wir dann einen Blick in all die Herrlichkeit drüben hineingetan haben, dann kehren wir wieder um, und ich für meine Person ziehe mir wieder meinen grauen Mantel an (denn für die Reise hab ich mir einen grauen Paletot bauen lassen) und kutschiere wieder durch Kreis Gransee."

Na, Spanholz, das freut mich aber wirklich, daß Sie mal raus­kommen. Und bloß wenn Sie durch die Biamala fahren, da müssen Sie sich in acht nehmen."

Waren Sie denn mal da, Herr Major?"

Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen Ausnahmen, lagen immer nur zwischen Berlin und Stechlin. Höchstens mal Dresden und ein bißchen ins Bayerische. Wenn man so gar nicht mehr weiß, wo man hin soll, fährt man natürlich nach Dresden. Also Biamala nie gesehen. Aber ein Bild davon. Im allgemeinen ist Bilderangucken auch nicht gerade mein Fall, und wenn die Museums von mir leben sollten, dann täten sie mir leid. Indessen wie so der Zufall spielt, mal sieht man doch so was, und war da auf dem Biamala-Bilde ne Felsenschlucht mit Figuren von einem sehr berühmten Malermenschen, der, glaub ich, Böcking oder Böckling hieß."

Ah so. Einer, wenn mir recht ist, heißt Böcklin."

Wohl möglich, daß es der gewesen ist. Ja, sogar sehr wahrscheinlich. Nun sehen Sie, Doktor, da war denn also auf diesem Bilde diese Biamala, mit einem kleinen Fluß unten, und über den Fluß weg lief ein Brücken­bogen, und ein Zug von Manschen, (es können aber auch Ritter gewesen sein) kam grade die Straße lang. Und alle wollten über die Brücke."

Sehr interessant."

Und nun denken Sie sich, was geschieht da? Grade neben dem Brückenbogen, dicht an der rechten Seite, tut sich mit einem Male der Felsen auf, etwa wie wenn morgens ein richtiger Spießbürger seine Loden aufmacht und nachsehen will, roies Wetter ist. Der aber, der an dieser Brücke da von ungefähr rausguckte, hören Sie, Spanholz, das war kein Spießbürger, sondern ein richtiger Lindwurm oder so was Aehnliches aus der sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurück, daß selbst der älteste Adel (die Stechlins mit eingeschlossenj nicht dagegen ankann, und dies Pisst, als der herankommende Zug eben den Fluß passieren wollte, war mit seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen und die Brücke heran, und ich kann Ihnen bloß sagen, Spanholz, mir stand, als ich das sah, der Atem still, weil ich deutlich fühlte, nu noch einen Augen­blick, dann schnappt er zu, und die ganze Bescherung is weg."

Ja, Herr von Stechlin, da hat man bloß den Trost, daß die Saurier, soviel ich weiß, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner Frau roiu. ,c*) diese Geschichte doch lieber nicht erzählen: die kriegt nämlich mitunter Ohn­mächten. In Doktorhäusern ist immer was los."

Dubslav nickte.

Und nur das eine möcht ich Ihnen noch sagen, Herr von Stechlin, mit der Digitalis immer ruhig so weiter, und wenn der Appetit nicht wiederkommt, lieber nur zweimal täglich. Und nie mehr als zehn Tropfen. Und wenn Sie sich unpaß fühlen, mein Stellvertreter ist von allem unter­richtet. Er wird Ihnen gefallen. Neue Schule, moderner Mensch: aber doch nicht zuviel davon (so wenigstens hoff ich) und jedenfalls sehr gescheit. An seinem Namen er heißt nämlich Moscheles dürfen Sie nicht Anstoß nehmen. Er ist aus Brünn gebürtig, und da heißen die meisten so."

Der Alte drückte mit allem seine Zustimmung aus, auch mit dem Namen, trotzdem dieser ihm quälende Erinnerungen weckte. Schon vor etlichen fünfzig Jahren habe er Musikstücke spielen müssen, die alle auf den Namen Moscheles liefen. Aber das wolle er den Jnsichtftehenden nicht weiter entgelten lassen.

Und nach diesen beruhigenden Versicherungen empfahl sich Spanholz und fuhr zu weiteren Abschiedsbesuchen in die Grafschaft hinein.

Am zweitfolgenden Tage brachen die Sponholzschen Eheleute von Gransee nach Psäffers hin auf; die Frau, sehr leidend, war schweigsam, er aber befand sich in einem hochgradigen Reisefieber, was sich, als sie draußen auf dem Bahnhof angelangt waren, in immer wachsender Ge­sprächigkeit äußerte.

Mehrere Freunde (meist Logenbrüder) hatten ihn bis hinaus begleitet. Spanholz kam hier sofort vom Hundertsten aufs Tausendste.Ja, unser guter Stechlin, mit dem steht es soso ... Baruch hat ihn auch gesehn und ihn einigermaßen verändert gefunden ... Und Sie, Kirstein, Sie schreiben mir natürlich, wenn der junge Burmeister eintritt; ich weiß, er will nicht recht (bloß der Bater will) und soll sogar von .Hokuspokus' gesprochen haben. Aber dergleichen muß man leicht nehmen. Unwissenheit, Ver­kennungen, über so was sind wir weg; viel Feind, viel Ehr ... Nur, es noch einmal zu sagen, der Alte drüben in Stechlin macht mir Sorge. Man muß aber hoffen; bei Gott kein Ding unmöglich ist. Und zu Moscheles hab ich Vertrauen; ihn auskultieren zu sehn ist ein wahres Vergnügen für nen Fachmann."

So klang, was Spanholz noch in letzter Minute vom Coupefenster aus zum Besten gab. Alles, am meisten aber das über den alten Stechlin Gesagte, wurde weitergetragen und drang bis auf die Dörfer hinaus, so namentlich auch bis nach O.uaden-Hennersdorf zu Superintendent Koseleger, der seit kurzem mit Ermyntrud einen lebhaften Verkehr unter­hielt und, angeregt durch die mit jedem Tage kirchlicher werdende Prin­zessin, einen energischen Vorstoß gegen den Unglauben und die in der Grafschaft überhandnehmende Laxheit plante. Kofeleger sowohl wie die Prinzessin wollten zu diesem Zwecke beim alten Dubslav alsnächstem Objekt" einsetzen und hielten fein Asthma für den geeigneten Zeitpunkt. In einem Briefe der Prinzessin an Koseleger hieß es dementsprechend:Ich will die gute Gesinnung des alten Herrn in nichts anzweifeln; außerdem hat er etwas ungemein Affables. Ich bin ihm menschlich durchaus zugetan. Aber fein Prinzip, das nichts Höheres kennt, als .,leben und leben zu kaffen', hat in unsrer Gegend alle möglichen Irrtümer und Sonderbarkeiten ins Kraut schießen lassen. Nehmen Sie beispielsweise diesen Krippenstapel. Und nun den Lorenzen selbst! Katzler, mit dem ich gestern über unfern Plan sprach, hat mich gebeten, mit Rücksicht auf die Krankheit des alten Herrn wenigstens vorläufig von allem Abstand zu nehmen, aber ich hab ihm widersprechen müssen. Krankheit (soviel ist richtig) macht schroff und eigensinnig, aber in bedrängten Momenten auch wiederum ebenso gefügig, und es sind wohl auch hier wieder gerade die Auferlegungen und Bitter­nisse, daraus ein Segen für den Kranken und jedenfalls für die Gesamtheit unseres Kreises entspringen wird. Unter allen Umständen aber muß uns das Bewußtsein trösten, unsre Pflicht erfüllt zu haben."

Es war eine Woche nach Spanholz' Abreise, daß Ermyntrud diese Zeilen schrieb, und schon am anderen Vormittage fuhr Koseleger, der mit der Prinzessin im wesentlichen derselben Meinung war, auf die Stechliner Rampe. Gleich danach trat Engelke bei Dubslav ein und meldete den Herrn Superintendenten.

Superintendent? Koseleger?"

Ja, gnäbger Herr. Superintendent Koseleger. Er sieht sehr wohl aus, und ganz blank."

Was es doch für merkwürdige Tage gibt. Heute (du sollst sehn) ist wieder so einer. Mit Moscheles fing's an. Sage dem Herrn Superinten­denten, ich ließe bitten."

Ich komme hoffentlich zu guter Stunde, Herr von Stechlin."

Zur allerbesten, Herr Superintendent. Eben war der neue Doktor hier. Und eine Viertelstunde, wenn's mit dem .praesente medico' nur ein ganz klein wenig auf sich hat, muß solche Doktorgegenwart doch wohl noch nachwirken."

Sicher, sicher. Und dieser Moscheles soll sehr gescheit sein. Die Wiener und Prager verstehn es; namentlich alles, was nach der Seite hin liegt."

3a", sagte Dubslav,nach der Seite hin", und wies auf Brust und